Italia moderna – uno

Was man an einem Tag gemütlichen Umherfahrens in der Po-Ebene nebenbei an moderner Architektur aus der zweiten Reihe geboten bekommt:

Ein aus mehreren Kuben zusammengesetztes Gebäude mit einem modernen, verglasten Kubus in der Mitte. Jede einzelne Box hat eine offen verglaste Seite und eine, die mit Ziegeln geschlossen ist. Es ist die typische Mischung, die die Bauhaus-Moderne verarbeitet, ohne sie absolut zu setzen. Das Interessante ist, dass alle vier Boxen mit horizontalen Fensteröffnungen versehen sind, es gibt keine Sockel, kein Ornament, dafür gibt es Flachdächer. Die Grundausrichtung ist eindeutig modern. Auch der weitläufige Eingangsbereich und die Freiflächengestaltung sind nicht beengt oder burgartig, sondern großzügig angelegt.

Der Komplex ist ein schönes Beispiel für eine Architektur, die das (damals) Zeitgenössische aufnimmt und verarbeitet – also die Kritik an moderner Architektur und die heraufziehende Postmoderne – ohne sich geschmäcklerisch, nihilistisch oder regressiv zu gebärden.

Radikale Architektur: Ein streng gerastertes zweistöckiges Gebäude, das massiv in die Breite gezogen ist. Die vertikalen Fenster geben dem Ganzen einen konservativen Touch. Es ist sozusagen ein Vorläufer der aktuellen Schießschartenarchitektur, ohne den klassizistischen Bezug. Die vertikale Struktur, eine Art Pilaster, ordnet die komplette Fassade. Sie ist streng, aber modern. Streng vertikal in der Struktur, streng horizontal im Verhältnis von Höhe und Breite. Trotz der Strenge herrscht eine gewisse Leichtigkeit vor, die sich aus mehreren Tatbeständen ergibt: Die vertikalen Fenster sind nicht gleichmäßig angeordnet, außerdem stehen sie in Gegensatz zu den kleingerasterten Fenstern und schließlich zu Flächen ohne Öffnungen. Außerdem korrespondieren die roten Fenster mit dem roten Zaun.

Das Gebäude besticht, wie man sagt, durch seine radikale Grundhaltung und durch seine Konsequenz. Der Architekt konnte seine ästhetische Idee offenbar durchziehen, ohne dass ein kleinkarierter Bauherr für Verwässerung gesorgt hätte. Schön auch der Firmenname auf dem Dach, der höhenmäßig in die Fassade integriert wurde.

Ein langgestrecktes Gebäude eines Heimwerkermarktes mit einer burgähnlichen Eingangssituation und einem langgestreckten Volumen mit kleinteiligen quadratischen Sprossenfenstern, die an das typologiebetonte Bauen von Aldo Rossi und Oswald Matthias Ungers erinnern. Der Sockel ist lediglich farblich abgesetzt und diese Absetzung wiederholt sich im zweidimensionalen Gesimsansatz oben.

Das erfrischende an den gezeigten Sachen ist schlicht die Konsequenz der Umsetzung. Man erkennt die Zeichen der Zeit und man erkennt die Abneigung des Kompromisses. Geschmäcklerische Kritik daran ist überflüssig wie geschmäcklerische Kritik generell überflüssig ist.

Der dümmste Satz überhaupt lautet: Das gefällt mir nicht.

Fortsetzung folgt.

(Fotos: genova 2018)

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