Unerhörtes aus Japan

Zeitgenössische japanische Architektur: Man hört und sieht einiges und dabei ziemlich viel angenehm Erstaunliches. Ohne die Situation dort umfassend bewerten zu können: Es gibt dort aus den letzten Jahren viele interessante Projekte, die in die richtige Richtung weisen.

Beispielsweise Ryue Nishizawa, 1966 geboren. Nishizawa ist hierzulande bekannt, weil er einerseits Teil des Büros Sanaa ist, die mit der Uni in Lausanne eine neue Interpretation von Raum geschaffen haben, und andererseits, weil er in Essen der Zeche Zollverein diesen dynamischen Kubus hingestellt hat.

Noch interessanter aber sind seine Wohngebäude. In einem Vorort von Tokyo baute Nishizawa vor zehn Jahren das Moriyama-Haus:

Es ist, um es direkt zu sagen, die einzig aktuelle und sehr zeitgemäße Weiterentwicklung des Strukturalismus der 1960er Jahre, ohne die Effektheischereien der poststrukturalistischen Architektur, die sich schnell zur Star-Architektur entwickelte.

Es geht hier zum einen um die moderne Auflösung von innen und außen, und zwar nicht nur optisch, sondern als praktische Nutzungsmöglichkeit. Man ist mit einem Schritt im geschützten Innenhof, der aber die räumliche Brutalität Berliner Mietskasernen vermeidet, weil mit einzelnen Strukturelementen gearbeitet wurde, nicht mit Wänden, die sich 20 Meter, unüberwindlich und bedrohlich, nach oben ziehen.

Es sind gestapelte Kisten, durch Treppen verbunden, es gibt Plateaus, die ansteigen, und wir haben statt der üblichen vier Etagen 20 Ebenen, teilweise fragil, unerwartet abbrechend, für individuelle Bedürfnisse geeignet. Diese Bedürfnisse muss weder der Architekt noch der Bewohner im Vornherein für immer festlegen, sie sind entwickelbar. Es ist ein Formdenken jenseits traditioneller Raumbegriffe, zumindest jenseits des traditionellen europäischen Raumbegriffs. In Japan war man hier schon vor 500 Jahren weiter, wenn man an die Villa Katsura denkt. Man brauchte im stämmigen Europa tatsächlich noch 400 Jahre, um das architektonische Niveau Japans zu erreichen. Man könnte sagen, dass die japanische Moderne in der Architektur 500 Jahre – oder vielleicht nocch viel mehr – früher begann.

Vermutlich hat auch damit zu tun, dass so etwas wie das Moriyama-Haus möglich ist. Es geht nicht um Robustheit, um Abwehr, um starre Definitionen, um Protzigkeit, sondern um Sinneswahrnehmungen, die fließend sind und sich täglich ändern können. Schiebetüren und -wände – in Japan ein Standard in der Architektur ermöglichen das Fließende genau so wie nicht exakt defnierte Schlafzimmer. Das Haus ist offen und labyrinthisch zugleich, es ermöglicht Kommunikation wie auch Rückzug, es ist so porös wie verflochten. Es ist eine Art abstrahierte Wohnlandschaft, die auf Besiedelung wartet, die vermutlich temporär ist, so wie das Leben eben.

Keine schweren Fundamente und Sockel, sondern leicht wirkende, filigrane, aber nicht instabile Kisten, die alleine durch ihre achtsame Anordnung wunderbare Innenräume mit Licht und Schatten bieten. Der Platz pro Person ist kleiner als hierzulande, was bei einer intelligenten Planung kein Nachteil sein muss.

Die insgesamt zehn Kuben beherbergen in japanischer Tradition mehrere Minimalwohnungen. Ich kann mich hier nicht zu Baupreisen und überhaupt zum ökonomischen Faktor äußern. Der Ansatz, auf wenig Raum optimale Wohnverhältnisse zu schaffen, ist jedoch ein reizvoller und mit diesem strukturalistischen Ansatz machbar. Der Einzelne steht im Mittelpunkt der architektonischen Bemühungen.

Der Architekt Souhei Imamura schreibt zum Werk seines Kollegen:

Die riesigen Fenster jedes Raumes geben das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner preis. Da würde man wohl dicke Vorhänge oder Jalousien vermuten. Mitnichten. Die Häuser stehen einander nämlich so gegenüber, dass die Fenster sorgfältig gegeneinander versetzt sind. Egal ob man gegenüber nun die Fenster weit geöffnet hat, die Blicke kreuzen sich nicht. Deshalb nimmt hier das Leben auch mit unverhangenen Fenstern seinen Lauf. Mit dem Resultat, dass die Gärten und der Blick auf die Umgebung einen fixen Bestandteil des eigenen Lebensraumes bilden.

Auch konstruktiv liest man Interessantes: Die tragenden Wände sind sechs Zentimeter dünn und mit Stahlplatten bewehrt.

Überflüssig zu sagen, dass eine so angenehme Architektur in Deutschland naturgemäß nicht vorstellbar ist. Eine Ahnung dessen erlebten wir, wie gesagt, in den 1960er Jahren, wo der Strukturalismus eine Aldo van Eyck und eines Herman Herzberger ähnliche Wohnsituationen entstehen ließ, damals schon verkehrsberuhigt, vor allem in den Niederlanden, aber auch einiges in Deutschland. Danach kam die Reaktion und plapperte von der Postmoderne.

Niklas Maak, meist lesenswerter Architekturkritiker der FAZ, schrieb in seinem meist lesenswerten Buch Wohnkomplex von 2014 zum Thema Japan einiges, was auch auf das Morijama-Haus zutrifft:

Die Vorstellung, die wir in Westeuropa und Amerika vom Privatsein haben, ist geprägt von einem aggressiven Begriff: privare heißt im Lateinischen „berauben“. „In privato“ zu sein, bedeutet demnach, sich in einem Raum zu befinden, den man vorher einem kollektiven Ganzen entrissen hat und den man fortan gegen die Zudringlichkeiten der Anderen verteidigen muss…

In der westlichen Philosophie herrscht die Vorstellung, die Konstitution des Eigenen, des Selbst, sei ein Akt der Abgrenzung gegen die Welt. Das Private wird demnach als letztendlich aggressiver Akt der Inbesitznahme eines Teils von etwas gedeutet, der ursprünglich allen gehörte, so wie man ein freies Stück Land parzelliert und dabei versucht, die größte oder beste Parzelle zu ergattern und in der Folge zu verteidigen…

Japan: Das Private, die Kapsel, in die man sich zurückzieht, ist hier nichts, das aus dem gemeinschaftlichen Raum abgetrennt wird, so, wie man im mittelalterlichen Dorfgemeingschaften vom Dorfanger mit Zäunen ein Stück abtrennte und für privat erklärte. Hier ist es umgekehrt: Individuelle Zellen werden zu einem Kollektivraum verdichtet, der nicht ur Auflösung dieser Zellen führt. Der öffentliche Raum entsteht zwischen diesen Zelllen.

Neue japanische Wohngemeinschaften werden aus bereits als privat definierten Zellen, aus Clustern, zusammengesetzt. Maak schreibt weiter:

Für die Architektur bedeutet es die Zusammensetzung von Kollektivwohnprojekten aus autonomen Zellen, die auch im engen Verbund genügend Freiraum brauchen, um als autonome Zellen zu bestehen. Konkret zeißt das: Eine solche wie aus Mosaiksteinen zusammengesetzte Kompositarchitektur bräuchte für jede Zelle einen wie auch immer kleinen Garten, in dem man ungestört i nder Hängematte liegen kann; einen Ort, an dem man ungesehen kochen kann, während für größere Feste eine kollektive Küche und kollektive Gärten zur Verfügung stehen. Unverzichtbar ist außerdem die Möglichkeit, ungesehen von anderen Mitgliedern des Kollektivs, die Wohnzelle zu verlassen.

Sou Fujimoto, ein weiterer ganz hervorragender japanischer Architekt, baut gerade dieses Unigebäude in St. Gallen:

Auch das ist ein schönes Beispiel für das Weiterleben strukturalistischer Architektur, die in der immer wieder unterschiedlichen Anordnung von Kuben eine Art Endgültigkeit gefunden hat. Man kann ganz im Sinne des partizipativen Bauens die Kuben exakt so verschieben, wie man das individuell braucht, erhält so viele individuelle Räume im Kollektiven und nebenbei eine Menge brauchbarer Dachflächen. Es ist eine prinzipiell günstige, vorfabrizier- und universell einsetzbare Architektur. Somit scheint Foujimoto hier sich vor allem auf die 1960er Jahre zu konzentrieren. Und das ist eben nicht das Schlechteste.

Überhaupt Strukturalismus und Japan: Niklas Maak, der Architekturkritiker der FAZ, schreibt in seinem Buch Wohnkomplex dazu ganz richtig, man müsse die japanische Architektur und Moshe Safdie zusammenbringen. Wenn man daran anknüpfe,

„könnte eine Architektur entstehen, in der man ganz anders wohnt: Weil sie günstiger zu bauen ist, sinkt der Druck, Geld zu verdienen. Es muss weniger gearbeitet, es kann mehr, entspannter, leichter und besser gewohnt werden. Weil sie das biete, was auf dem Land gesucht wurde – Gärten, Rückzugsräume, das Idyll des Dorfs – fällt der Stress des täglichen Pendelns zur Arbeit fort. Weil sie zwischen den Wohneinheiten freiere, offenere Räume hat, die mal ein kollektiver wilder Garten, mal ein Terrasse , mal ein Platz sein können, kann eine andere Form von Zusammensein entstehen.“ (S. 306)

Man müsste dafür freilich das Problem, das Kapitalismus heißt, in Angriff nehmen. Zum Revolutionsaufruf reicht es bei Maak nur implizit. Immerhin.

(Fotos: © Mr. Moriyama, 2008 / MVD Austria 7; baunetz)

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2 Antworten zu Unerhörtes aus Japan

  1. RuePoe schreibt:

    Vielen Dank für diesen, mit stöbernswerten Links angereicherten, Artikel. Ich habe von Architektur leider keine Ahnung. Trotzdem, oder vielleicht deshalb, lese ich Ihren Blog sehr gern.
    Aber auch auf anderen Seiten im Internet. So sah ich vor drei Tagen auf Telepolis einen interessanten Artikel zum Thema ‚Heimatschutzarchitektur‘. Heimat hat Konjuktur. Wenn Sie Interesse haben: https://tinyurl.com/yd457xzc .

    Gefällt 2 Personen

  2. genova68 schreibt:

    Danke für das Lob, ich habe deinen Kommentar leider erst jetzt bemerkt.

    Der Artikel auf Telepolis ist interessant ja. Diese ideologischen Auseinandersetzungen um Architektur wurden früher viel pointierter geführt, heute ist das verdeckt, aber letztlich nicht weniger frontal.

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