Kurze Anmerkung zum Beschissenheitsstatus Deutschlands

Eine Foto-Ausstellung im betulichen Berliner Bröhan-Museum über den 1942 geborenen Maler und Fotosammler Dieter Hacker, der in den 1970er Jahren in Berlin aktiv war.

Hacker verhielt sich zu dieser Zeit so, wie man es erwartet: Kritisch gegenüber Konsum und Kapital, Entfremdung thematisierend und deftig. Der Besuch der Ausstellung ist ein angenehmer Ausflug in eine Zeit, in der man noch selbstverständlich die Beschissenheit des Landes feststellte, anstatt mit Deutschlandflaggen herumzulaufen oder gar patriotische Bekenntnisse abzugeben.

Eine Frage Hackers lautete:

Plastikgärten, Streichholzwälder, Deutsche und Erbrochenes. Wunderbar.

Überhaupt der seinerzeit übliche kritische Duktus: Hacker strebte eine „Volkskunst“ an, eine ästhetische Erziehung des Amateurfotografen. Volkskunst ist nach Hacker

„die Kunst, die eigenen Interessen zu artikulieren, möglichst wirksam und deshalb möglichst unkonventionell, möglichst fantasievoll, möglichst intelligent.“

Dem galt sein Schutz, denn der Amateurfotograf und Volkskünstler konnte seine Fotos damals noch nicht publizieren, sie blieben im Dunkeln. Tonangebend war der Profifotograf, der publizieren konnte. Die Welt vor Facebook und Instagram also. Es ist eine uns mittlerweile unbekannte Welt.

Hacker präsentiert in der Ausstellung hunderte Privatfotos:

Darunter auch solche, die von der Entwicklung wegen angeblicher Minderqualität ungefragt aussortiert wurden:

So war das tatsächlich. Der Entwickler entschied, welche Bilder der Kunde zu sehen bekam und welche nicht.

Dem Amateurfotografen gab Hacker gleich mit auf den Weg, „die Fotografie als Instrument gegen kapitalistische Verwertungsmechanismen“ einzusetzen.

Auch das erzeugt nur noch ein Seufzen. Die Amateurfotografie heute ist gekennzeichnet von vermeintlicher Perfektion (automatische Sättigung, Fehlerreparatur), dem Versuch, konventionelle Werbefotografie nachzuahmen und einem PR-Status der Selbstaufwertung. Der Klassiker: Instagram-Bilder vom Urlaub im gehobenen Mittelklassehotel mit kleinen Kindern. Man hat es geschafft.

Der Amateurfotograf hat sich emanzipiert, er macht, was er vermeintlich will bzw. wozu ihn das Kapital entfremdet hat, und er freut sich  drüber. Hacker müsste es gruseln. Andererseits ging Hacker in den Siebzigern paternalistisch vor, wenn er dem armen Hobbyfotografen sogleich vorgab, doch bitte kapitalismuskritisch zu knipsen.

Das Hauptproblem der Ausstellung nimmt man beiläufig wahr: „Ermöglicht“ wurde sie, wie eine Tafel informiert, durch Deutsche Wohnen. Das ist eine börsennotierte deutsche Wohnungsgesellschaft, renditeorientiert, wie man verschämt sagt. Sie verfügt in Berlin über 110.000 Wohnungen. Es ist eine Zerstörerin von Stadt.

So geht das heute: Eine kapitalistische Stadtzerstörerin sponsort einen (einstmals) kapitalismuskritischen Künstler. Es dürfte weder der Zerstörerin noch dem Künstler schaden. Die kritischen Siebziger sind längst ins Museum befördert und die totale Affirmation entsorgt. Das neoliberale Kapital wäre nicht das neoliberale Kapital, wenn es nicht noch im widerständigen Zweite-Reihe-Künstler die Möglichkeit der Verwertung sähe. Es ist schick, am Morgen sich die Rendite überweisen zu lassen und am Abend zur Hacker-Vernissage zu gehen.

Möglichst wirksam, möglichst intelligent. Das Kapital hat gelernt und es erinnert vieles an den Faschismus der 1920er Jahre. Faschismus wie Neoliberalismus geht es um die Totalität, um die völlige Vereinleibung von allem. Es gibt kein Jenseits mehr, außer in den Resten der Kirche.

Vielleicht war dieser Hacker aber auch immer schon nur ein Wellenreiter. Damals war man kapitalismuskritisch, das gab die Aussicht auf Erfolg. Heute lässt man den Rückblick auf sein Werk „ermöglichen“, mit dem gleichen Ergebnis.

Unkonventionell, fantasievoll, intelligent.

(Fotos: abfotografiert in der erwähnten Ausstellung)

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Eine Antwort zu Kurze Anmerkung zum Beschissenheitsstatus Deutschlands

  1. Siewurdengelesen schreibt:

    „So geht das heute: Eine kapitalistische Stadtzerstörerin sponsort einen (einstmals) kapitalismuskritischen Künstler. Es dürfte weder der Zerstörerin noch dem Künstler schaden. Die kritischen Siebziger sind längst ins Museum befördert und die totale Affirmation entsorgt. Das neoliberale Kapital wäre nicht das neoliberale Kapital, wenn es nicht noch im widerständigen Zweite-Reihe-Künstler die Möglichkeit der Verwertung sähe. Es ist schick, am Morgen sich die Rendite überweisen zu lassen und am Abend zur Hacker-Vernissage zu gehen.“

    ACK – und bei Amazon gibt es Bücher über Union Busting. Wenn´s dem Umsatz dient…

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