Futurismus und Faschismus

Der italienische Kunsthistoriker Cermano Celant bemerkt in einer Abhandlung über italienische Kunst zwischen 1943 und 1968 in Bezug auf das Verhalten der amerikanischen und englischen Alliierten in Italien:

Verdachtsmomente und Ablehnung schlagen sich auch in ihrer Bewertung der italienischen Kunst nieder. Futurismus und Pittura metafisica, die künstlerischen Strömungen vor dem Ersten und vor dem Zweiten Weltkrieg, haben ihrer Auffassung nach den Faschismus gestützt oder waren zumindest zu dieser Zeit existent und sind daher ideologisch kontaminiert.

Tja, ein schwieriges Thema. Bezieht man die Architektur mit ein, wird es vollends unübersichtlich. Der Rationalismus, eine genuin moderne Architekturströmung, wurde erfunden, als Mussolini schon an der Macht war. Und der war moderner Architektur und Kunst gegenüber wesentlich liberaler, wenn man das so sagen kann, als Hitler. Der Rationalismus ging mit dem Faschismus eine intensive Verbindung ein, die erst in den späten 1930ern sich abschwächte, als Mussolini unter seinem Chefarchitekten Marcello Piacentini – dem italienischen Albert Speer sozusagen – sich für monumentalen Klassizismus entschied. Bis dahin gab es wohl keine Widerstände.

Chiorgio de Chirico, Manlio Rho, Mario Sironi, Giorgio Morandi als Wegbereiter des Faschismus?

Eine skurrile Geschichte dazu, die kürzlich die Süddeutsche (12.10., S. 11) brachte: Hitler besuchte 1934 die Biennale in Venedig und kaufte dort ein Bild des metaphysischen Malers Cagnaccio di San Pietro (so eine Art Vertreter des italienischen Zweigs der Neuen Sachlichkeit – obwohl die Biennale eigentlich gar keine Bilder verkauft. In Deutschland galten die Neuen Sachlichen als entartet. Was Hitler mit dem Bild machte, entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich nehme an, er hängte es nicht in die Münchner Ausstellung. Steht Herr die San Pietro nun unter Naziverdacht?

Di San Pietro malte solche Sachen (Famiglia sulla spiaggia, 1934, und La partenza, 1936):

Fast volumenlose Personen, entrückt, metaphysisch, stilisiert, dennoch in ihrer Körperlichkeit spürbar, aber das Gesamte wirkt nicht real.

Könnte das Hitlers pervertiertem Kunstgeschmack entsprochen haben? Oder nicht? Oder sollte das egal sein?

Interessant auch, dass sich italienische Architekten nach dem Krieg der ländlichen, kleinteiligen, bäuerlichen Architekturgeschichte zuwandten. Sie war vom Faschismus nicht korrumpiert worden. Vielleicht auch deshalb wandte man sich früher kritisch gegen die Theorien moderner Stadtplanung und autogerechter Stadt als anderswo.

Vielleicht machten die Alliierten einen Fehler, der sich mit diesem Bild hier (abgebildet in der Architekturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts von Leonardo Benevolo) ausdrücken lässt:

Es zeigt die Front des um 1933 gebauten Hauptbahnhofs in Florenz. Rationalistische, moderne Architektur, einzelne Kuben zusammengesetzt, ein extrem langgezogenes Vordach als Wetterschutz und Ersatz für die Arkadengänge der Gegend, aber eigentlich eine sterile Skulptur. Was das Bild so befremdlich oder auch faszinierend macht, ist die unheimliche Leere. Menschen sind zwar zu sehen, aber alle vereinzelt, alle ohne jede Beziehung zueinander, alle von hinten, alle gesichtslos. Außerdem gibt es weder Bäume noch Autos noch Reklame noch Fahrbahnmarkierungen noch das, was heute als Stadtverhübschung durchgeht.

Es gibt sicher eine Menge Zitate von Künstlern der damaligen Zeit, die sich mit Mussolini solidarisierten, wenn man diesen Begriff hier verwenden kann. Die Kunst spricht eine andere Sprache.

Signore die Pietro, dessen Bild Hitler kaufte, war übrigens laut Süddeutscher kein Faschist:

„Vielmehr bot er Antifaschisten und Partisanen Unterschlupf.“

(Fotos: abfotografiert aus Benevolo, Architekturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, und aus dem MART, Rovereto, 2017)

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2 Antworten zu Futurismus und Faschismus

  1. dame.von.welt schreibt:

    Die unheimliche Leere ist ein Kniff, der Fotograf muß quasi im Portal der Kirche Santa Maria Novella gestanden haben.

    Ein Bahnhof, der mir ewig in Erinnerung bleiben wird, denn dort versuchte mein durchgeknallter Dozent für Kunstgeschichte sein Zugticket auf Latein zu kaufen, er war anhaltend empört, als ihn niemand verstand.

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  2. genova68 schreibt:

    Oha, Sie erweisen sich einmal mehr als Expertin. Es ist sozusagen der De-Chirco-Kniff.

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