Sozialismus und Architektur – zum Phänomen der Stalinallee

Aus Stefan Heyms Die Architekten:

„Ich frage dich: War die Sache richtig – die Revolution, der Sozialismus?“

Ihr Schweigen deutete an: Ja.

„Wie konnten ihre architektionischen Formen dann falsch sein?

Es geht um die Stalinallee in Ostberlin und da kann man schon ins Grübeln kommen. Kurze Antwort: Revolution und Sozialismus sind richtig, aber nicht der DDR-Kleinbürgermief. Deshalb waren die architektonischen Formen falsch.

Andererseits: Wer heute die nach dem Tod Stalins 1956 klammheimlich und buchstäblich über Nacht in Karl-Marx-Allee umbenannte Straße entlangläuft, dem widerfährt ein Gefühl der Erhabenheit. Die Straße ist sehr breit, aber gut aufgeteilt in sechs Autospuren, die auf eine Straßenseite versetzt sind und so auf der anderen Seite einen breiten Fußgängerbereich ermöglichen. Einen Bereich mit Rasen und Springbrunnen, die real als Planschbecken nutzbar wären – würde die dazugehörige Stadt nicht Berlin heißen, in der ein Springbrunnen naturgemäß nicht funktioniert. Dazu viele Bänke, eine schöne Sonneneinstrahlung und Bäume, die nicht zu groß sind. Es ist eine wunderbare Freiraumgestaltung, die die Erbauer damals hinbekommen haben, klar an der Moderne orientiert, aber eben doch mit ausreichend massiven Baublöcken, die gegenüber dem Grün dominieren. So, wie es sich für eine Stadt gehört. Es ist ein Bereich mit großer Aufenthaltsqualität. Man ist nicht in einem Hinterhof abgeschirmt, sondern man befindet sich auf der Straße, in der Öffentlichkeit, also dort, wo der Fußgänger, der Flaneur, der Gammler und der Rumhocker hingehören.

Erstaunlich auch: Man hört die Autos fast nicht, man sieht sie nur.

Dazu die Architektur. Warum finden wir diese Gebäude heute schön? Knappe Antwort: Weil sie abwechslungsreich gestaltet sind, und zwar nicht zu absichtlich, nicht krampfhaft, nicht permanent augenzwinkernd, Bildungsüberlegenheit ausspielend. Sondern auf den ersten Blick sogar symmetrisch und monoton. Auf den zweiten Blick bemerkt man unzählige Abweichungen an allen Baukörpern. Keiner gleicht dem andern. Die Abweichungen sind nicht postmodern kindisch, sondern zurückhaltend, und genau deshalb wohltuend. Vielleicht ist es die konventionelle Ernsthaftigkeit, das Einsetzen althergebrachter stilistischer Mittel wie Pilaster.

Ich bewege mich mit dieser Interpretation natürlich auf dünnem Eis. Man kann den Stalin-Palästen vermutlich viel vorwerfen: Ein paar Vorzeigebauten, die viel zu teuer gerieten und bei denen klar war, dass sie für die Masse der Werktätigen unerreichbar bleiben würde. Nicht zuletzt diese realbauliche Sackgasse führte dazu, dass direkt nach Fertigstellung der Stalinallee diese Art von Architektur zu den Akten gelegt wurde. Es folgte die Platte. Die hatte den Vorteil, günstiger realisierbar zu sein, allerdings um den realsozialistischen Preis der totalen Starre, der Spiegelung eines totalitären Welt- und Menschenbildes, der Antiurbanität, der qualitativen Mängel und mehr. Der reale Sozialismus war zu mehr nicht in der Lage und es ist einer der Gründe für seinen berechtigten Untergang.

Man kann und muss den Palästen auch vorwerfen, dass sie keine ernstzunehmende Arbeiteremanzipation in Angriff nahmen. Im Wesentlichen wurden klassizistische, also herrschaftliche Versatzstücke aneinandergereiht, die einerseits strukturelle Mängel aufwiesen. Man schaue sich nur die wenigen Balkone an, die aus rein formalen Gründen angebracht wurden. Der Bewohner zählte nichts, die Fassade alles. Es war eine Machtdemonstration eines rechten Regimes, das den Arbeiter ästhetisch missbrauchte. Die Szenerie ist umso unheilvoller, wenn man sich die architektonischen Versuche der frühen 1920er Jahre auch in der Sowjetunion anschaute. Dort wurde für kurze Zeit nach vorne gedacht, experimentiert, es wurden Widersprüche zugelassen, man suchte. Nichts davon mehr in der Stalinallee.

Vielleicht ist die Stalinallee der schönste Ausdruck eines regressiven, autoritären Regimes. Man zieht die Herrschaftsarchitektur des Klassenfeindes heran und bietet sie scheinbar der Arbeiterklasse zur Verfügung an – nachdem man 30 Jahre vorher emanzipatorischen Bestrebungen ernstzunehmender Sozialisten auf furchtbare Weise den Garaus gemacht hatte. Die ostdeutschen Kleinbürger, die sich Sozialisten nannten, freuten sich. Die Architekten durfte in der DDR übrigens nicht erscheinen. Zu kritisch.

Die problematische ästhetische Anmutung kommt in dieser Passage aus Die Architekten gut zur Geltung:

Dort blieb er sehen, versunken in die Betrachtung der langen Reihe kniehoher Säulchen, welche die mit Dachpappe bedeckte völlig nutzlose Balustrade abstützten. Diese Säulchen, die sich in halber Höhe verdickten, erinnerten ihn an die muskelbepackten Waden eines Superweibs, das er in einem Zirkuszelt auf irgendeinem Dorfjahrmarkt gesehen hatte; Hunderte von solchen Waden nebeneinander, eine Parade von Muskelwuchs, obenauf dieser überflüssige Sims – nein, nicht so ganz überflüssig, man konnte darauf treten und von da in die Tiefe springen.

So muss man das wohl sagen. Heute, aus einer Distanz von 60 Jahren und nach der Abdankung der realsozialistischen Hampelmänner, transformiert sich unser Blick, wie er das auch tut, wenn wir mittelalterliche Kirchen und herrschaftliche Schlösser anschauen. Ihnen wurde der Schrecken und die Macht des Alltagsterrors genommen. Die Gebäude entledigen sich ihrer intendierten Autorität. Und dann gelten andere Regeln. Die Wirkung steht nun in anderen Zusammenhängen. Wir können heute mit der prinzipiell rechten, herrschaftlichen Architektur lässig umgehen, mit den klassizistischen Attitüden spielen, weil sie Patina angesetzt haben. Die Stalinallee ist aus der Realgesellschaft hinauskatapultiert, sie hat etwas Museales.

Überflüssig zu sagen, dass die kapitalistische Immobilienmaschinerie heute das wesentliche Problem ist, nicht Stalin.

„Ich glaube an die Macht der Vernunft. Was vernünftig ist, ist auch schön, und Schönheit ist ein Bestandteil des Sozialismus.“

Sagt der Architekt in Die Architekten. Heym schrieb das Buch Mitte der 1960er Jahre.

War die Platte vernünftig? Das vielleicht interessanteste Gebäude der Stalinallee steht recht unscheinbar hinter Bäumen verborgen:

Es war das erste neu gebaute Haus der Allee, noch bevor sie so hieß. Ein Laubenganghaus, noch im Geist der 1920er Jahre mit einer an sich vernünftigen Erschließung über außen, mit Balkonen für alle, ohne Zierat, vermutlich wesentlich kostengünstiger erstellbar und erbaut – allen Ernstes – von Hans Scharoun. Ulbricht äußerte sich 1950 auf einem Parteitag der SED so:

„Einige unserer Architekten wollten die Hauptstadt Deutschlands verniedlichen durch den Bau von niedrigen Häusern und wollten Gebiete der Innenstadt nach den Richtlinien für Stadtrandsiedlungen bebauen. Der grundsätzliche Fehler dieser Architekten besteht darin, dass sie nicht an die Gliederung und Architektur Berlins anknüpfen, sondern in ihren kosmopolitischen Phantasien glauben, dass man in Berlin Häuser bauen könne, die ebensogut in die südafrikanische Landschaft passen.“

Andere sprachen von „amerikanischen Eierkisten“.

Heute interessieren diese Kisten niemanden mehr. Die Stalinallee dagegen lebt. Das falsche Leben im falschen, das man in guten Momenten für das richtige halten kann.

(Fotos: genova 2018)

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2 Antworten zu Sozialismus und Architektur – zum Phänomen der Stalinallee

  1. genova68 schreibt:

    Das passt wie die Faust aufs Auge, danke. Ich wusste nicht exakt, dass die Wohnungen schon 1993 privatisiert wurden, unter schwarz-rot.

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