Kurze Notiz zu einem außergewöhnlich unangenehmem Land

In welch überaus und außergewöhnlich katastrophalem Zustand sich unser, wie man sagt, Land befindet, berichtete kürzlich die Süddeutsche Zeitung (20.10., S. 45) in einem Satz:

85 Prozent der Deutschen brauchen zum Aufstehen einen Wecker.

Der Mensch hat eine praktische und vom Werk eingebaute High-Tech-Funktion: Er wacht auf, wenn er ausgeschlafen ist. Wenn nicht, schläft er weiter. Ein Humanwecker sozusagen, und alles ist in Ordnung. Könnte in Ordnung sein. Stattdessen quälen sich offenbar jeden Morgen runde 68 Millionen Deutsche erst aus dem Schlaf und dann aus dem Bett, statt das Selbstverständliche zu machen: liegenzubleiben und weiterzuschlafen. Die restlichen zwölf Millionen sind vermutlich Rentner, die sowieso wachliegen. Es gibt demnach in diesem Land praktisch niemanden, der das Natürlichste überhaupt macht: ausschlafen.

Eine der Folgen: Die Verkehrsberichte einschlägiger Radiosender berichten morgens um sieben minutenlang über kilometerlange Staus. Morgen für Morgen. Die Deutschen sind um sieben nicht nur schon aufgewacht, sie sind nicht nur schon aufgestanden, sie haben nicht nur schon das Haus verlassen, nein, sie stehen auch schon alle im Stau.

Es ist eine unaufhörliche und immer wieder täglich und also jeden Tag aufs Neue sich verwirklichende Kultur – und also Menschenkatastrophe.

In Georgien, las ich kürzlich, beginnt das Leben morgens erst gegen neun.

Die Süddeutsche berichtet in diesem luziden Artikel dankenswerter Weise auch über das, was die Deutschen nach dem Aufgewecktwerden machen:

Früh zur Arbeit, spät nach Hause, fünfzehn Minuten Mittag, alles mit der gebotenen Verbissenheit.

Bei soviel Weckerfixiertheit wundert es nicht, dass die Deutschen europaweit die einzigen sind, die ein Ende der Zeitumstellung fordern. Ihr Argument: Die Kühe geben deshalb nicht mehr so viel Milch.

So ist das in diesem außergewöhnlich unangenehmen Land.

Gute Nacht.

(Foto: genova 2018)

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5 Antworten zu Kurze Notiz zu einem außergewöhnlich unangenehmem Land

  1. neumondschein schreibt:

    Der Mensch hat eine praktische und vom Werk eingebaute High-Tech-Funktion: Er wacht auf, wenn er ausgeschlafen ist. Wenn nicht, schläft er weiter. Ein Humanwecker sozusagen, und alles ist in Ordnung. Könnte in Ordnung sein.

    Doch früh am Morgen kräht der Hahn. Danach strecken alle Tiere alle viere von sich und fangen an, Lärm zu machen, weil sie etwas zu fressen haben wollen. „Frau! Steh mal auf, und schau mal, was da drau&szligl;en los ist! Diesen Lärm halt man ja im Leben nicht aus!“ — „Geh Du doch! Na, mach schon! Mach Deinen Viechern was zu fressen. damit die endlich Ruhe geben!“. So war das ganz ganz früher, als die Menschen zwar Landwirtschaft trieben und noch keinen Wecker hatten. Eines Tages aber haben sie beschlossen, beim ersten Hahnenschrei aus dem Bett zu klettern, in Eiseskäte noch vor dem Frühstück sich in die Futterküche zu schleppen, und den Schweinen, was zu fressen zu machen. So entstand die Gewohnheit der Deutschen, früh aufzustehen.

    Die Georgier sind früh am Morgen noch nicht ganz nüchtern von der letzten Nacht. Oder die Rinder und Schweine kriegen auch Schnaps, damit sie schön schlafen.

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  2. genova68 schreibt:

    Danke für diese wertvollen Hinweise. Was wäre ein Blog ohne seine mit- und vorausdenkenden Leser.

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  3. Jakobiner schreibt:

    „Eines Tages aber haben sie beschlossen, beim ersten Hahnenschrei aus dem Bett zu klettern, in Eiseskäte noch vor dem Frühstück sich in die Futterküche zu schleppen, und den Schweinen, was zu fressen zu machen. So entstand die Gewohnheit der Deutschen, früh aufzustehen.“

    Ja, der Hahn auf dem Misthaufen war der frühere Wecker/Weckruf. Wir haben noch einem im Dorf, der aber entfernt werden musste, weil eine norddeutsche Zugereiste sich wegen morgentlicher Ruhestörung belästigt fühlte. Wecker geht, Hahn nicht mehr–paradox. Selbiges mit Kirchglockengeläut. Hähne dürfte es aber auch in anderen Ländern als biologischen Wecker geben–da müssen die Tiere bei anderen Agrargesellschaften auch gefüttert werden. Ich habe mal das Buch von Berndt Engelmann „Krupp“gelesen. Als die ersten Bauern in die Industriebetriebe einrückten, waren sie noch ihren biologischen Rhytmus gewohnt und verliesen oft die Fabrik, um sich am Fluß zu räkeln, auszuruhen und zu fischen. Krupp liess darauifhin seine neuen bäuerlich geprägten Arbeiter immer wieder einsammeln und spendierte ihnen Uhren, damit sie in Takt mit den Produktionszeiten zu leben lernten. Momentan diskutiert man auch, ob man die Schule und die Arbeit später beginnen lässt, damit die Leute ausgeschlafen sind und wegen des Biorythmus.Arbeitswütige Menschen und Traditionalisten sprechen sich aber dagegen aus.

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  4. neumondschein schreibt:

    Als „Manisch-bekloppte Frühaufsteher“ hat Bloggerkollege Erdmann meine Landsleute beleidigt.

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  5. genova68 schreibt:

    Immerin gibt es mittlerweile oft die Gleitzeit. Ich erinnere mich an Geschichten kurz nach der Wende. Die Ostdeutschen sollten unterm neuen Westchef um sieben die Arbeit beginnen. Es war ihnen zu spät. Sie wollten weiterhin um sechs anfangen. Irgendwer schrieb einmal, der deutsche Arbeiter sei schlau, denn er wolle dem Chef nicht seinen ganzen Tag schenken. Deshalb fange er früh an und höre früh auf.

    Vor acht Uhr sollte man das Haus nur verlassen, wenn der Flieger geht, wie man sagt.

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