Vom indirekten Zitieren und fehlendem Handwerkszeug

Es ist zunehmend anstrengend, wenn Journalisten, die auf deutsch schreiben, der deutschen Sprache in Teilen nicht mehr mächtig sind. Ein gutes Beispiel dafür ist der Konjunktiv 1. Den benutzt man bekanntlich bei der indirekten Rede. Aber: Ob FAZ oder taz, die wenigsten Journalisten kriegen das noch hin.

Beispiel: „Ich habe alles im Griff“, sagt Angela Merkel. Das heißt indirekt zitiert: Merkel sagte, sie habe alles im Griff. Immer öfter liest man leider: Merkel sagte, sie hätte alles im Griff. Und wenn Merkel sagt: „Ich gehe in den Plenarsaal“, dann heißt das im indirekten Zitat nun mal, sie gehe in den Plenarsaal; nicht, sie ginge dorthin. „Hätte“ und „ginge“ ist der Konjunktiv 2, der vor allem in Bedingungssätzen gebraucht wird.

Ganz lustig wird es, wenn diese Experten sich in verschiedenen Zeiten der indirekten Rede versuchen. So schrieb kürzlich der Historiker und angebliche Journalist Michael Sonthofer in der taz folgendes:

Die Sozialdemokratin hatte erklärt, es gäbe keine Wohnungsprobleme und es würde auch keine geben.

Sontheimer benutzt zweimal den Konjunktiv 2 Präsens, und zwar zuerst in der offiziellen Form, abgeleitet vom Präteritum („gäbe“) und dann in der Ersatzform mit „würde“ und Infinitiv. Er glaubt wohl tatsächlich, damit einmal Gegenwärtiges und einmal Zukünftiges ausgedrückt zu haben. Stattdessen hat er der Sozialdemokratin nur einen halben Bedingungssatz untergeschoben, dem der zweite Teil fehlt. Es fehlt dann im Anschluss „,wenn…“

Was Sontheimer geschrieben hätte, wenn er Bescheid wüsste:

Die Sozialdemokratin hatte erklärt, es gebe keine Wohnungsprobleme und es werde keine geben.

Einmal Konjunktiv 1 Präsens und einmal Konjunktiv 1 Futur 1.

Es ist eine kleine Kulturkatastrophe. Demnächst kommt ein Heizungsexperte in meiner Wohnung vorbei, schaut auf meine Gastherme und erzählt mir, das sei ein Kachelofen. Macht ja beides warm.

Man kann natürlich einfach den Indikativ benutzen, wie man das umgangssprachlich sowieso macht; wohlwissend, dass den Lesern klar ist, beim Zitat einer Sozialdemokratin größte Vorsicht walten zu lassen:

Die Sozialdemokratin hatte erklärt, es gibt keine Wohnungsprobleme und es wird keine geben.

Und überhaupt: Die Sprache ändert sich, der Konjunktiv 2 wird den ersten früher oder später ablösen.

Dass eine Sozialdemokratin diesen Satz tatsächlich gesagt hat, ist angesichts des durch und durch zerstörten Zustands der Sozialdemokratie nicht verwunderlich und somit keiner weiteren Erwähnung wert.

Andererseits: Wenn man den Konjunktiv 1 aufgeben will, müsste man sich vorher auf einen adäquaten Ersatz einigen. Und es wäre schade, eine Differenzierungsmöglichkeit der Sprache auf sozusagen höchster Ebene abzuschaffen.

(Foto: genova 2018)

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