Adorno und das Berliner Schloss

Adorno ist nicht tot. Erst jüngst schrieb er zum aktuellen Wiederaufbau des barocken Berliner Stadtschlosses das hier (aus: Der missbrauchte Barock, 2018):

Dem kritischen Bewusstsein nicht weniger als der Entzauberung der Welt fiel das Ornament zum Opfer. Das ohnehin geschwächte Bewusstsein der Menschen möchte mit jener Welt sich abfinden: sie blieb als entzauberte die dinghafte, eine von Waren. Der Barock steht ihnen ein fürs verdrängte und ersehnte Ornament, und macht ihnen dabei als Stil, der das Ornament gestatte und erheische, das gute Gewissen. Aber das vermeintlich unbeschädigte Ornament, zu dem sie flüchten, ist Ausdruck des gleichen Prinzips, vor dem sie die Flucht ergreifen. Die Einheit des Bürgerlichen und Absolutistischen, die sie zum Barock zieht, steht ihnen als Gleichnis jener tödlichen Ordnung vor Augen, in der die Verflechtung der bürgerlichen Gesellschaft umschlägt in totale Unterdrückung.

Meine Rede seit Jahren, nur weniger formal gefeilt. Schön, dass Adorno das jetzt auch sagt.

Das Schloss als mieser Ersatz, das falsche Leben im falschen. Die dinghafte Warenwelt verschwindet nicht, indem ich mich mit dem angepappten Ornament eines im 21. Jahrhunderts durch und durch verlogenen Schlosskonzeptes zufrieden gebe. Ganz im Gegenteil. Die Etablierung des vermeintlich Kuscheligen unter kapitalistisch-imperialistischen Bedingungen kann nur der Verschleierung dienen und in die Katastrophe führen. Eine ernstzunehmende geschichtliche Entwicklung wäre die umstandslose Sprengung dieser im Bau befindlichen regressiven Ansammlung von steingeworedenem ideologischen Müll. Oder der sofortige Baustopp und die Ausrufung eines Mahnmals: der architektonische Ausdruck der umfassenden Regression.

Gerade in Berlin-Mitte, wo der Kasten hochgezogen wird, schlägt das Kapital seit Jahren erbarmungslos zu: keine bezahlbaren Wohnungen, Vertreibung, Kunst in Galerien als reines Verwertungsangebot fürs weltweit flottierende Kapital, Banalo-Tourismus; es ist die totale Warenwelt, in die nun konsequenterweise das Schloss hineingesetzt wird. Die PR-Agenten des Kapitals positionieren den Kasten als Sinnbild menschenfreundlicher Neugier: Humboldt in Aktion. Kapitalismus gibt es demnach nicht. Je umfassender er wütet, desto aufwändiger wird er geleugnet.

Das Ornament am Bau war zur Entstehungszeit vielleicht noch vermittelbar, heute übernimmt es die Funktion des Ballermanns und der Themenparks in Tourismusgegenden, nur schlimmer, eben politisch.

Es ist rührend, die rhetorischen Bemühungen der zeitgenössischen Reaktion zu verfolgen: Wie toll die Handwerker die Details rekonstruieren, ihr Interesse ohne Zeitnot, sie interessieren sich für etwas, weil es interessant ist. Heute ist dieses aufs Objekt fixierte Bemühen kaum vorstellbar, und genau deshalb wird das von der bürgerlichen Presse so in Szene gesetzt. Wird heute ein Bau ein halbes Jahr später fertig als das irgendwer planen musste, empören sich der aufgeklärte Journalist und sein Leser. Man hat den Vewertungsdruck verinnerlicht. Damals angeblich: Die Bauhütte, das Manuelle, die Sorgfalt: nichts, was an heutigen Verwertungsdruck erinnern könnte. Auf der Schlossbaustelle ist der Ornamenthandwerker noch der Künstler, nur seinem eigenen Anspruch an Perfektion und Idealismus verpflichtet.

Es ist die umfassende Verblendung.

Was das politisch bedeutet, hat Adorno im letzten Satz unverblümt ausgedrückt: Das Bürgertum, das sich der Schlossatrappe rühmt, geht einen Pakt mit den Feudalen ein wie bei Bedarf auch mit Faschisten. Es folgt die totale Unterdrückung. Dass das  Bürgertum im Eimer ist, sieht man am Schloss in Reinkultur.

Das Bürgertum findet es mittlerweile so zeitgemäß wie imagefördernd, sich zu Symbolen absolutistischer Herrschaft zu bekennen, ja, deren Errichtung überhaupt erst in die Wege zu leiten. Es zeigt damit deutlich, dass man von ihm keine positiven Impulse in der geschichtlichen Entwicklung mehr erwarten kann. Der Fortschritt der Geschichte kann ihm zufolge nur in einer Forcierung des Verwertungsdrucks liegen. Da das eigentlich niemand mehr will, muss das Subjekt ruhiggestellt werden. Ein Schloss ist ein probates Hilfmittel. Weite Teile der sogenannten Intelligenz machen freudig mit. Ein Horst Bredekamp, Kunstkritiker, hat sich vom Kritiker des Schlosses in den Schlossvorstand entwickelt.

Da helfen auch lächerlich-empathische Reden rechter Sozialdemokraten gegen rechtsradikale Parlamentskollegen wie die jüngste von Johannes Kars im Bundestag nicht. Sie verschleiern nur das Problem: Die deutsche Sozialdemokratie als eigentliche Vertreterin gemäßigt fortschrittlicher Positionen hat diese vollständig aufgegeben und ist – nur ein Aspekt – als weitgehende Schlossbefürworterin schon längst in das Lager jener abgedriftet, die Ansprüche ans Künftige der Masse verhöhnen und damit den Faschismus nicht willentlich, aber dafür um so effektiver fördern. Agendapolitik und Schlossbau sind zwei Seiten einer Medaille.

Die aktuellen Rechtsradikalen sind naturgemäß die überzeugtesten Anhänger der architektonischen Retrowelle. Ob Berliner Schloss oder Frankfurter Altstadt: Alles Moderne, alles nach der Abdankung des Kaisers entstandene, muss vernichtet werden, so wird es einigermaßen unverblümt gefordert. In Deutschland bedeutet diese Vernichtung naturgemäß eine mit Stumpf und Stil. Vielleicht macht man beim Reichsparteitagsgelände eine Ausnahme. Das aktuelle Stadtmarketing hängt sich an die Retrowelle gerne dran; Stadt ist derzeit als Themenpark vormoderner Zeiten am besten verwertbar.

Zeitgemäße Faschisten brauchen – das wäre das Neue am Alten – keine neuen großen Aufmarschplätze mehr, sie brauchen keine Uniformierung; es ist einfacher, auf die Teile deutscher Geschichte zu rekurrieren, die entpolitisiert ins Hier und Jetzt transportiert werden können. Barocke Architektur, Altstädte, alles natürlich formalisiert und jeder erstnzunehmenden historischen Analyse enthoben. Die Frankfurter Altstadt wird als Rückblick in die gute alte Zeit verkauft. Dort wohnten früher Arme, heute niemand mehr, die Wohnungen werden von Reichen als Kapitalanlage erworben, die Stadt ist Kulisse. Dass die Armen eine gewisse Verbesserung ihrer Verhältnisse erfuhren durch den modernen Wohnungsbau, wird ignoriert. Es ist die reine Form, hinter die ein falscher Inhalt konstruiert wird.

Das vermeintlich unbeschädigte Ornament, zu dem sie flüchten, ist Ausdruck des gleichen Prinzips, vor dem sie die Flucht ergreifen.

Das wäre wohl der Ansatz, den aufgeklärte Argumentation einnehmen müsste. Nicht in den Fassaden absolutistischer Systeme findet man Erlösung, sondern in deren inhaltlicher Überwindung, mit der eine formale einhergehen müsste. Stand des Materials und so.

Darüber wäre zu diskutieren.

(Fotos: genova 2018)

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