Das Architektonische und die Rechten

Deutscher Rechtsradikalismus und deutsche Architektur – ein Thema, das derzeit vor allem durch das Erstarken der AfD und ähnlicher Kameraden Auftrieb erhält. Stephan Trüby hat das vergangenes Jahr in der arch+ (Heft 228) in Bezug auf Höckes Wohnhaus und Co. beschrieben: Die Burg und die Scholle als Kulmination des Deutschen.
Einen schönen Einblick in das so banale wie geschichtsklitternde Denken rechter Architekten jenseits von Scholle und Burg gab schon vor elf Jahren ein Artikel des Berliner Stararchitekten Hans Kollhoff, den seinerzeit die Welt abdruckte. Anlass war der 80. Geburtstag des Quadrate-Dogmatikers Matthias Ungers.

Ungers baute solche Sachen:

(Torhaus der Messe Frankfurt, 1983)

Zusammengefasst: Für Kollhoff („Stadt ist die Gesellschaft der Häuser.“) besteht Architektur nur aus dem „Architektonischen“, aus der „Unschuld der architektonischen Form“, der Typologie, also Quadrat, Pyramide, Kubus, Zylinder. Wobei: vor allem aus dem Quadrat. Leider eroberten

„Randgebiete des Faches (Funktion, Technik, Soziologie, Ökologie, Philosophie usw.)“ die Debatten über Architektur, was aber nur bedeute, dass man „um das Architektonische wie um den heißen Brei herumschleicht.“

Was ist der heiße Brei? Natürlich: Hitler. Der habe die architektonische Form okkupiert und deshalb trauten sich die heutigen Architekten nicht mehr, davon zu reden und wichen auf die „Randgebiete“ aus:

„Sagen wir es gerade heraus: Die internationale Bedeutungslosigkeit der zeitgenössischen deutschen Architektur hat ursächlich mit diesem Syndrom der Vergangenheitsbewältigung zu tun, das eine intellektuelle Blockade auslöst, sobald es um das Architektonische selbst geht.“

Ungers nun ist laut Kollhoff ein Leidtragender dieser bösen zeitgenössischen Architekten. Er habe sich wieder auf die architektonische Form einlassen wollen, eben um Hitler zu überwinden, musste aber vor der – vermutlich linken – Übermacht kapitulieren:

„Er hat sich für einen Weg gegen den Zeitgeist entschieden, der ihn schließlich zwang, ins Ausland zu gehen.“

Er sei so „genötigt“ worden, „nach Amerika auszuwandern“. Nötigung, Zwang: der deutsche Architekt, das Opfer einer Willkürherrschaft, so scheint es.

Das ist tragisch, denn wegen Kollhoffs Vertreibung

„dümpelt die Architektur bis heute unter aufgeblähten Segeln im seichten Wasser sekundärer Tugenden.“

Der Artikel ist, wie gesagt, von 2007, nicht aus den 1950ern. Damals war die deutsche Architekturdebatte in der Tat gelähmt, was nicht wundert angesichts der Vergangenheit und der Migration vieler deutscher Architekten. Es gab eine historische Belastung und eine intellektuelle Auszehrung.

Ansonsten ist die Kollhoffsche Ungersbemitleidung Legendenbildung. Ungers war ein bekannter und sehr erfolgreicher Architekt, der nicht nur das Torhaus der Messe Frankfurt baute, sondern viele andere staatliche, repräsentative, an prominenten Stellen gelegene öffentliche Bauten: das Wallraf-Richartz-Museum in Köln, die deutsche Botschaft in Washington, die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die Badische Landesbibliothek in der gleichen Stadt, die Hamburger Kunsthalle und mehr. Alle diese Gebäude zeigen eindeutig die Ungerssche Handschrift und sein Markenzeichen, das unaufhörlich wiederholte Quadrat. Ungers konnte sich mit seiner Typologie, mit seinem „Architektonischen“, ausbreiten.

Was auch immer man von dieser Typologie hält: Ungers als Opfer zu präsentieren, das aus Deutschland von einem übermächtigen Gegner namens Zeigeist vertrieben wurde, ist grotesk und erinnert an die Vorgehensweise der Neuen Rechten, die die Deutschen insgesamt als Opfer sehen, als solche der Lügenpresse, des Establishments, der Roten und Grünen, der „Fremden“, der Amis, der Juden, der EU und wer einem sonst noch so einfällt. Rechte brauchen immer Feindbilder, deren Opfer sie werden. Eigentlich sind sie Waschlappen.

Beharren die aktuellen Rechten auf einer völkischen Architektur, die das Fundament betont, die Verbindung zur Scholle und irgendwelchen angeblichen deutschen Traditionen, nimmt sich Kollhoff in seiner Laudatio auf Ungers diesbezüglich zurück. Es ist das Quadrat, das die ultima ratio darstellt:

Hat man zunächst geglaubt, Ungers‘ Insistieren auf dem Quadrat hätte pragmatische Gründe, weil ein komplexes formales Repertoire an den Verhältnissen des Baugeschehens zum Scheitern verurteilt sei, so sah man sich bald eines Besseren belehrt.

An die Geometrie band ihn nicht das Unvermögen, das abstrakte Raster der Großform zu vergegenständlichen auf dem Weg zum Detail. Es war die Tatsache, daß ihm kein Argument hinreichend plausibel erschien, die objektiven Gesetze der Geometrie aufs Spiel zu setzen.

Ungers Festhalten am Quadrat hatte keine pragmatischen, sondern dogmatische Gründe. Ungers war ein Prinzipienreiter, vermutlich aus Mangel an Kreativität. Schlimmer aber ist Kollhoffs Insistieren darauf, dass Architektur nichts anderes sei als Typologie, was er das Architektonische nennt. Das Quadrat als die Mutter aller Architektur. Es ist eine Kritik an 68, an jeglicher Soziologie, eine Kritik an der Tatsache, dass Architektur keine Kunst im luftleeren Raum ist, sondern eingebettet in eine Gesellschaft mit all ihren Facetten. Mehr noch, sie gestaltet diese Gesellschaft aktiv.

Es gibt auch kein objektives Gesetz der Geometrie, das das Quadrat für die nächsten 1.000 Jahre legitimieren würde, und das auch noch für jede Bauaufgabe.

Ungers ähnelt damit dem unseligen Italiener Aldo Rossi, den die Bewohner seiner Gebäude auch nicht interessiert haben. Hauptsache, die Typologie ist eine irgendwie reine.

Noch einmal Kollhoff:

Das alltägliche Gegenständliche hat ihn nicht interessiert. Bei aller Geistesverwandtschaft zu Aldo Rossi konnte Ungers wohl kaum verstehen, warum der Italiener Kaffeekannen, Gauloises-Schachteln und Walkmen in seine Stadt- und Architekturentwürfe zeichnete. Er würde darin vielleicht ein surreales, Magritte’sches Phänomen wahrnehmen wollen, nicht aber die Sehnsucht nach Vergegenständlichung des Architektonischen.

Rossi hat sich erlaubt, eine Kaffeekanne in einen Entwurf zu zeichnen. Der Böse! Das hätte Ungers nie gemacht, der Purist. Die Kaffeekanne ist hier schon so eine Art Realitätseinwurf, der den Entwurf nur stört. Man stelle sich vor, Rossi hätte Menschen eingezeichnet. Ein Skandal! Seit wann interessieren in einer Stadt Menschen? Ungers, Rossi und Kollhoff erinnern an Kinder, die gern mit Bauklötzen spielen und auf diesem Stand zeitlebens stehenblieben. Wobei: Gibt man Kindern Bauklötze, kommt dabei Interessantes heraus.

Architektur ist nur zu einem nur geringen Teil Typologie. Architektur ist in erster Linie die Beschäftigung mit dem, was gebaut werden soll. Bauaufgabe, Funktion, Nutzung, Bewohner, Baugesetze, Kosten, Klima, Verkehr, Deutung, Politik, Kontext, Atmosphäre und mehr. All das aufs Typologische zu minimieren, zeugt von einem merkwürdigen Herrschaftsanspruch: Der Architekt als unumschränkter Gestalter, der seine Häufchen in die Stadt setzt. Immer ist dabei auch eine Portion Größenwahn im Spiel. Die Zeichnungen von Rossi zeigten das: Stadt als Ansammlung von Kuben, Pyramiden und Zylindern, die lediglich das Bedürfnis nach Geltung des Architekten erfüllen. Die, die dort leben sollen, sind unvermeidliche Statisten. Besser, sie zögen weg.

Nachsatz: Ich will hier den Ungers nicht in die rechte Ecke stellen. Der war vielmehr eine schillernde Figur, der gerade in seiner Frühzeit gute Sachen baute und mit seiner Lehrtätigkeit in Berlin offenbar einen Nerv traf. Später wurde er dogmatisch.

(Foto: wikipedia und genova 2017)

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2 Antworten zu Das Architektonische und die Rechten

  1. Hans K. schreibt:

    Kolhoffs, Rossis und Ungers Architekturverständnis derart reduziert darzustellen zeugt von grandiosem Unvermögen die Dynamik architektonischer Formen und ihrer Wirkung auf Raum und Mensch empfinden zu können. Ich wünschte mir, der Autor des Artikels würde nicht mehr versuchen seine seltsamen Ansichten mit Architektur zu verknüpfen.

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  2. genova68 schreibt:

    Oh, Hans Kollhoff persönlich.

    Dann erzählen Sie uns doch mal etwas von der Kohllhoffschen Wirkung auf Raum und Mensch. Ich höre gerne zu.

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