Vom Unschönen in der Architekturgeschichte

Sondrio … ist von einem Kranz zum Teil sehr unschöner Hochbauten umgeben, doch im Zentrum um die Piazza Garibaldi entdeckt man noch viel Schönes und Altes.

Schreibt Lydia Dewiel in dem von ihr verfassten „Kunstreiseführer Lombardei“ von DuMont.

Hier eine Auswahl dieser „unschönen Hochbauten im imaginierten Kranz um die Altstadt von Sondrio, der Hauptstadt des Valtellina oder Veltlin in der Region Lombardei, Italien:

Wir sehen eine Menge feingliedrigen Neorationalismus, wir sehen faschistische Architektur, wir sehen typische moderne Ecklösungen der 1920er Jahre, wir sehen quasi-brutalistische Formen der 1970er, wir sehen skurrile Fassadenmontagen aus derselben Zeit, wir sehen Postmoderne, wir sehen, wir sehen, wir sehen.

Wir sehen allerdings nur, wenn wir sehen wollen. Und wir wollen sehen, wenn wir ein Interesse für die Dinge und für den Untersuchungsgegenstand entwickeln. Man sollte meinen, dass bei einer Architekturhistorikerin genau dieses Interesse sozusagen professionell entwickelt ist. Nicht so bei Frau Dewiel. Bei ihr hört das Interesse irgendwo im 19. Jahrhundert auf. Danach kam die Moderne, da wurde es unschön.

Analog wäre das so, als würde ein Historiker 1871 mit seiner Forschung aufhören. Danach wurde es nämlich unschön.

Noch absurder ist diese Vorgehensweise von Frau Dewiel im lombardischen Brescia. Dort rissen die Faschisten Anfang der 1930er Jahre mittten im Zentrum einen ganzen Altstadtblock, fast ein ganzes Viertel, ab, um ihre eigenen Bauten zu errichten und nannten diesen Platz Piazza della Victoria. Die befindet sich einen Steinwurf, wie man sagt, von dem zentralen Altstadtplatz entfernt. Der Besucher stolpert fast darüber. Von Frau Dewiel im „Kunstreiseführer Lombardei“ dazu kein Wort. Interesse für Architektur ist gut, aber nur, wen sie alt ist. Es erinnert an die DDR, die in ihren Stadtplänen von Berlin den Westteil einfach grau markierte. Er existierte nicht.

Schönheit ist ein individueller und damit recht unbrauchbarer Begriff. Vitruv, Alberti, Palladio, Corbusier, alle versuchten sich an dessen Definition und scheiterten. Schönheit ist in erster Linie zeitgeschmäcklerisch und klasistisch aufgeladen, das war´s. Eine Architekturhistorikerin hätte gerade die Aufgabe, jenseits des Schönen den Beobachtungsgegenstand zu beschreiben, Bezüge herzustellen, Soziologisches hineinzubringen, zu erklären. Dann ergibt sich der Wert, die Schönheit, das Schätzen von selbst.

Vielleicht ist Frau Dewiel aber auch ganz in Ordnung und passt das Niveau ihres Buches nur dem Niveau der Leser an. Wir wissen ja: Der Tourist ist ein degeneriertes Wesen, das versucht, der kapitalistischen Alltagsbarbarei zu entkommen. Interesse an Stadt, die heute naturgemäß eine kapitalistische ist, kann von ihm nicht verlangt werden. Die Flucht in die scheinbar heile Vergangenheit ist das einzig Denkbare.

(Fotos: genova 2018)

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