Ein klares Indiz, dass die Welt untergeht

ist, dass Birgit Priemer, ihres Zeichens, wie man sagt, Chefredakteurin des Fachblatts für Freiheit und Selbstverwirklichung, auto motor und sport, keine automobile Zukunft mehr sieht. Feinstaub, VW-Betrug dominierten das Geschehen und selbst die Fachmesse IAA werde kleiner, schreibt sie im Editorial (12/18), und dann:

Gibt es denn gar nichts mehr, was uns im automobilen Umfeld ein Lächeln auf die Lippen zaubern könnte? Doch. Zum Beispiel den alten Ford Taunus, den ich heute auf dem Weg in die Redaktion gesehen habe. Er wirkte wie ein Relikt aus einer gelasseneren Zeit – unaufgeregt, sozial verträglich, neidfrei.

Und:

Es kann kein Zufall sein, dass Museen wie die von Mercedes, Porsche und die Autostadt die Massen anziehen … Es kann auch kein Zufall sein, das viele Oldtimer-Rallyes ausgebucht sind und dass Passanten, wenn sie auf das Starterfeld treffen, lächeln und winken. Seien wir ehrlich: Bei Neuwagen passiert das mittlerweile nur noch selten.

Dazu bringt Frau Priemer ein Foto mit alten VW Käfer und untertitel: „Helden der Vergangenheit.“ Lächeln können wir nur noch im Blick zurück.

Es ist diese merkwürdige Melange zwischen systemischer Angepasstheit und innerer Abkehr. Man glaubt, den Zwängen der Globalisierung und Moderniesierung folgen zu müssen, sonst sind ist man nicht mehr Exportweltmeister, aber man will diese Entwicklung nicht. Man kann das beim Fahren eines aktuellen Autos ja auch verstehen. Das Highlight einer kürzlich erfolgten Fahrt eines fabrikneuen Wagens: Ich öffnete auf einem Parkplatz die Fahrertür und blieb sitzen. Eine Anzeige im Armaturenbrett mahnte mich:

Die Tür ist geöffnet.

Legt man den Rückwärtsgang ein, geht das Radio aus. Man muss sich ja konzentieren. Man hält uns für blöd. Die Super-Nanny.

Auf der anderen Seite sind wir dem Kapital immer schutzloser ausgeliefert. Ob Wohnungs- oder Schulsuche, Niedriglohn oder Leiharbeit, Rente oder Infrastruktur, Ungleichheit oder Ausbeutung: Das Establishment wütet immer unverholener, anderswo intensiver als hier.

Man hat keinen Bock auf diese Melange aus Rücksichtslosigkeit und durch und durch gefakter Vorsorge und flüchtet. Man flüchtet in den Rechtsradikalismus und die gute alte Zeit. Der Ford Taunus ist ein nettes Relikt aus der Vergangenheit, vielleicht nur aus der eigenen Kindheit. Das Establishment macht das gleiche wesentlich gefährlicher, beispielsweise mit dem Schlossbau in Berlin. Retro, Monarchie und über kurz oder lang Faschismus. Weite Teile der aktuell herrschenden Klasse sind mit ihrer neoliberalen Politik Faschismusförderer, das sollte man immer wieder deutlich sagen und da können sie auch noch so oft behaupten, der Kasten hieße „Humboldt-Forum“.

Deutschland, wie man sagt, ist also autoverdrossen. Und wie kann man das mit „Chemnitz“ zusammenbringen. Fahren die Chemnitzer überdurchschnittlich viele Ford Taunus? Oder doch eher den KdF-Käfer?

Wie auch immer: Das Ende ist nah.

(Foto: genova 2018)

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2 Antworten zu Ein klares Indiz, dass die Welt untergeht

  1. neumondschein schreibt:

    Was ihr alle mit Chemnitz habt: In Chemnitz wird kein Schloß von Kurfürst/König soundso nachgebaut. In Dresden vielleicht. Dort hält man das Angedenken August des Starken, seiner Mätressen und 365 unehelichen Kinder nebst seinem Lakaien Brühl in Ehren. In Dresden bekommt jeder in die Fresse, der sich am Elbsandstein vergreift, aus dem die historische Bausubstanz besteht. Früher gehörte zum lokalen Stolz dazu, daß sich in dieser Stadt Nationalkultur ereignete. Robert Schumann um die Hand Clara Wieks anhielt, Carl Maria von Weber sowie Friedrich Schiller und E.T.A. Hoffmann lebten und wirkten. Man ging ins Theater. Das ist aber alles vorbei. Nur die Verehrung allem Reaktionären ist geblieben. Kein Wunder, daß weltweit eben nur in dieser einen Stadt man derart erfolgreich PEGIDA veranstalten kann.

    In Chemnitz gibt es zwar ein Schloß. Das ist aber unwichtig. Hier ist man stolz auf Industrie- und Technikgeschichte. Auf Malimo zum Beispiel. Hier kann man Expressionisten und russische Avantgarde ausstellen, zeitgenössische Musik aufführen, ohne auf irgendwelche Elbsandstein-Konservative Rücksicht nehmen zu müssen. In Chemnitz gibt es viel von dem, was genova sonst so gern photographiert.

    Und Leipzig erst! Das ist angeblich links. Wäre ich Ausländer und würde so aussehen, wie einer, ich würde von da schleunigst wegziehen. Ich würde nach Chemnitz ziehen. Das ist sowieso schon häßlich, es leben von den Ausländern schon mehr davon in dieser Stadt. Zumindest nach meiner überschlägigen Einschätzung. Und die Autos? Muß ich mir anschauen. Auf alle Fälle praktisch keine BMW, Benze, Porsche. Eher unauffällig wie Nissan und Toyota.

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  2. Jakobiner schreibt:

    Tetroregression bei Fahrradfahrern dann? Das Geh- oder das Bonanzarad?

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