Attraktiv, dynamisch, Berlin

Der Tagesspiegel berichtet unter der bezeichnenden Überschrift „Goldgräberstimmung“ über die Immobiliensparte des weltgrößten Vermögensverwalters, wie man das nennt, Blackstone:

120 Milliarden Dollar hat der US-Konzern weltweit in Immobilien investiert. Seit kurzem gehören auch rund 2500 Wohnungen in Berlin dazu, die meisten mitten in der City. Die Hauptstadt, meint Seppala [Chef der Immobiliensparte], sei eine von „Europas dynamischsten Städten“. Mit dieser Einschätzung steht Blackstone nicht allein da. Die Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers kürte Berlin sogar zur attraktivsten europäischen Stadt des Jahres 2018 – für Immobilieninvestoren. Wohnungen, Häuser, ganze Blöcke wechseln den Eigentümer, manchmal auch ganze Unternehmen. Die GSW etwa, 1924 als städtische „Wohnungsfürsorgegesellschaft Berlin mbH“ gegründet, gehört seit fünf Jahren der Deutschen Wohnen. Die Geschäfte des börsennotierten Immobilienkonzerns laufen gut.

Schön, dass Berlin jetzt in der Champions League mitspielt. Die attraktivste und mit die dynamischste europäische Stadt, wer kann da schon nein sagen.

Es ist eine erneut erzählte Geschichte des Versagens dessen, was man Sozialstaat – das bedeutet: ein Staat, der sich sozial verhält – nennen könnte. Blackstone hat eine Geschäftsidee, und die können die umsetzen, weil die Politik ihre Verbündete ist, mithin asozial. Blackstone will einer vermutlich überschaubaren Gruppe von Menschen, ermöglichen, aus viel Geld noch mehr zu machen und saugt dafür Berliner Mieter aus. Für die Herrschenden, ob SPD oder CDU, ist das kein Problem bzw. ein Naturverhältnis.

Die Geschichte ist bekannt und faszinierend ist nach wie vor, dass man den kapitalistisch schon länger und seit 20 Jahren neoliberal verschärft deformierten Menschen all das offen erzählen kann, ohne dass es zu ernstzunehmendem Widerstand kommt. Die einzigen, die hin und wieder ein wenig Gewalt anwenden, sind die vom Establishment so genannten Linksextremen. Kaum vorstellbar, aber wahr: Wir lassen die da oben machen.

Weiter im Tagesspiegel:

Berlin ist begehrt. Das hat Folgen: Seit Jahren meldet der Gutachterausschuss einen Rekord nach dem nächsten bei den Bodenpreisen. Sowohl der Umsatz der gehandelten Immobilien insgesamt als auch die Quadratmeterpreise kennen nur eine Richtung – aufwärts. Höhepunkt vor kurzem: Die Vervierfachung der Bodenpreise im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg – innerhalb nur eines Jahres. Das Nachsehen haben die Mieter, vor allem Neumieter. Seit 2008 sind die Angebotspreise um 104 Prozent gestiegen. „Berlin ist heute doppelt so teuer wie vor zehn Jahren“, meldete das Internetportal Immowelt.de in dieser Woche. In keiner anderen deutschen Stadt sind die Preise so explodiert wie an der Spree.

Vervierfachung in einem Jahr: Man denkt da an einen OTC-Wert an der Börse, ein Pennystock, ein bisschen spekulieren als Hobby, realwirtschaftlich unerheblich. Hier aber geht es um Lebensnotwendiges, es geht um das Dach überm Kopf, um die Behausung, ums Wohnen. Heidegger sagte das in Bauen Wohnen Denken deutlich:

Die Art, wie du bist und ich bin, die Weise, nach der wir Menschen auf der Erde sind, ist das Buan, das Wohnen.

Wobei ich nicht weiß, inwieweit Heidegger sich mit dem ökonomischen Aspekt des Wohnens auseinandersetzte. Vermutlich eher weniger. Systemisch betrachtet jedenfalls sind solche Überlegungen wurst. Auch Tote sind nur eine Frage der Verrechnung: Steigt dadurch das BIP? Und kann ich daran verdienen?

Es ist das immer gleiche Spiel: Der kapitalistische Staat hat exakt eine Aufgabe: Die Renditebedingungen auf der Staatsfläche immer weiter zu optimieren. Deshalb lässt er die Ausbeuter systemisch gewähren. Eine bessere Renditeerzeugungsmaschine, ein besseres Ausbeutungssystem als der Wohnungsmarkt lässt sich kaum denken.

Die Linkspartei hat jetzt das Problem erkannt:

„Der Wohnungsmarkt ist in die Hände von Konzernen und Hedgefonds gelangt“, kritisiert auch Caren Lay, Fraktionsvize der Linken.

Sehr gut. Passieren wird naturgemäß nichts.

Lustig dann das hier:

Nun will die Politik wenigstens ein Steuerschlupfloch schließen.

Nach zehn Jahren Gentrifizierung fällt der Politik etwas ein. Allerdings will der rot-rot-grüne Senat lediglich ein bisschen mehr mitkassieren. Es wird sich also nichts ändern.

Ein Staat, der bei der Möglichkeit umfassend preisgünstigen Bauens das zentrale Feld des Wohnens dem Kapital überlässt, zuschaut, sich vermutlich in vielen Fällen selbst bereichert, will – das ist das perfide – weiterhin ernst genommen werden.

Die Gentrifzierung ist sowohl ökonomisch als auch psychologisch das Ergebnis der neoliberalen Gehirnwäsche der vergangenen 30 Jahre. Wir glauben ja auch jeden Blödsinn: An der Börse die Rente erwirtschaften, ans BIP als Wohlstandsbarometer oder eben an den Wohnungsmarkt, der ein Naturgesetz ist. Historiker sollten einmal untersuchen, ob es schon jemals in der Geschichte eine breit angelegte herrschende Klasse gab, die ihre Manipulationsobjekte, Bürger genannt, so perfide und dauerhaft hinters Licht geführt haben. Vermutlich glaubt selbst ein ordentlicher Teil dieser herrschenden Klasse an das, was sie erzählt.

Wir haben uns von den offensichtlichen Märchen der Religionen distanziert, um um so affektiver den Märchen des Kapitalismus zu verfallen. Beides sind Naturgesetze, göttliches Wissen oder kapitalistisches, es ist egal. Wir glauben an eine Autorität.

Stadt als Beute, der kapitalistische Staat als natürlicher Feind. Wobei: Der erwähnte deformierte Bürger fügt sich brav in seine Beuterolle. Eingeschüchtert und umfänglich kapitalistisch zugerichtet kann er nicht anders. Was Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung als Kulturindustrie beschrieben haben, ist heute noch umfassender. Wir können uns ausgiebig mit persönlichen Geschmäckern befassen, uns in unserem Jazzverständnis vermeintlich unkapitalistisch perfektionieren, uns distinguieren, was das Zeug hält. Wir sind aufgeklärt, extrem aufgeklärt. Allerdings um den Preis der totalen Deformation. In den üblichen Kulturbetrieben in Berlin-Mitte, wo kein Mensch mehr eine bezahlbare Wohnung bekommt, sind linksextreme Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen, Schwärmereien, nach wie vor beliebt. Die findet sogar das Kapital gut. Extremismus als Renditemittel, eben weil es cool ist. Linksextremismus als gesellschaftliches Rollback, dargestellt als Avantgarde.

Man könnte an dieser Stelle Oswald Spengler positiv wenden, indem man seinen Satz aus dem Untergang des Abendlandes

„Eine moderne Republik ist nichts als die Ruine einer Monarchie, die sich selbst aufgegeben hat.“

wandelt in

„Eine neoliberal-kapitalistische Republik ist nichts anderes als die Ruine einer Demokratie, die sich selbst aufgegeben hat.“

Es scheint klar: Die parlamentarische Demokratie ist nicht geeignet, das Kapital dauerhaft zu bändigen. Wir leben in der totalen und alles umfassenden Katastrophe und wir alle versagen total und umfassend. Und der Begriff der Attraktivität einer Stadt ist ein ins Negative gewendeter. Attraktivität bedeutet im Kapitalismus lediglich: ausbeutbar.

Lassen wir die Ausbeuter also weitermachen und beschäftigen uns stattdessen mit Kunst. Dieses Werk ist von Matteo Peterlini, einem italienischen Fotoartisten, der mittlerweile in Berlin lebt, wo sonst.

„Backscape“ heißt es (Teil einer Reihe, 2006) und Peterlini beschreibt die verwendete Technik so:

The project is a database of landscape’s pictures. The application selects casually an image from the record of 9 photos and, sets a pixels of it on the stage. The result is an image created by arrays of pixels drawing or tending to configurate in a casual way a landscape.

Offenbar so eine Art Foto. Es ist faszinierend, dass man auch beim Betrachten des Originals über die Art der Herstellung, des Materials, der Oberfläche im Unklaren bleibt.

Ich habe in dem Bild eher eine Stadt gesehen, ein diffuses Wirrwarr aus Linien und Flächen, die keiner angelegten Ordnung folgen. Es entsteht eine Atmosphäre der Anonymität, der seichten, indifferenten Gefahr. Es ist kein wohnlicher Ort.

Man könnte dieses Projekt also durchaus als kritisches sehen. Man kann es in unserer seligen Zeit aber auch bleiben lassen. Es ist egal.

(Foto: abfotografiert in der Galleria Civica Trento in der Ausstellung Vicino. Non qui, 2018)

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