Von inneren Notwendigkeiten im Kapitalismus

Maja Hoffmann finanziert die Neuerfindung der französischen Industriestadt Arles als kleine Kunstmetropole mit 150 Millionen Euro aus ihrer Privatstiftung. Darum kann man sich unter anderem von Frank Gehry einen Glitzerturm bauen lassen.

Hoffmann, geboren 1956, ist in Arles aufgewachsen und verbringt auch jetzt noch einen Teil des Jahres dort. Die Mäzenin sieht sich selbst nicht so sehr als Kunstsammlerin, als die sie oft rezipiert wird, sondern eher als „Ermöglicherin“, wie sie gegenüber dem US-Modemagazin „W“ sagt. Das Ermöglichen ermöglicht ihr die Familie: Sie ist eine der Erbinnen und Erben des Hoffmann-LaRoche-Clans, dessen Pharmaunternehmen an der Börse 180 Milliarden Euro wert ist.

In den beiden Absätzen steckt vieles von dem, was gesellschaftlichen Ekel erregt. Eine Frau, deren finanzeller Status auf ihrem Tochterdasein beruht, wird naturgemäß „Kunstmäzenin“ und „Kunstsammlerin“. Und 150 Millionen Euro hat sie in ihrer „Privatstiftung“, wie niedlich. So wie andere einen Fünfziger im Portemonnaie haben. Stiftungen gründet man gemeinhin, wenn man Steuern sparen will. Im Klartext: Sie hat die Verfügungsgewalt über Milliarden Euro (man würde es unter besseren gesellschaftlichen und juristischen Umständen als Ergebnis eines Diebstahls bezeichnen) und tut nun feingeistig. Und zu allem Übel: Sie beauftragt im Jahr 2018 allen Ernstes den Langweiler Frank Gehry, was zeigt, dass sie zu Kunst keinen Bezug hat, eher zu PR und Rendite.

Was ist eine Ermöglicherin? Sowas wie Gott?

Auch sehr geil:

Aber das ganze Areal soll viel mehr sein als ein reines Ausstellungszentrum. Geforscht werden soll hier zu Zukunftsthemen wie Nachhaltigkeit.

Klar, zu Nachhaltigkeit, was sonst. Zu Transparenz vermutlich auch noch. Wenn dort ernstzunehmend zu Nachhaltigkeit geforscht wird, dann sollte das erste Ergebnis sein, dass man Hoffmann die Milliarden wegnimmt. Das wird, fürchte ich, nicht passieren.

Es ist immer wieder bemerkenswert, wie schnell die bürgerliche Gesellschaft auf die Knie geht, wenn ein reicher Ausbeuter seine Brieftasche öffnet. Ich erinnere mich an einen Tagesspiegel-Artikel vor einiger Zeit, der behandelte, wie toll sich eine andere Frau, die hauptberuflich Erbin ist, um soziale Projekte in Neukölln kümmert. Ein ähnlich gelagerter Fall ist die werte Julia Stoschek mit ihren Kunstsammlungen in Düsseldorf und Berlin. Sie hat mittlerweile einen Sohn mit Mathias Döpfner, lese ich gerade. Man bleibt unter sich. All das sind Herrschaften, die jedem Ansatz einer aufgeklärten Gesellschaft massiv schaden. Aber sie agieren unter dem Radar der Kritik.

Milliarden Euro, von denen jeder erarbeitet wurde, aber eben nicht von diesen Gestalten. Und mit diesem Geld wird Kunst korrumpiert und sich selbst aufgewertet und damit werden die gesellschaftlichen Verhältnisse gefestigt. Stoschek hat ganz ordinär BWL studiert.

In welch absurden Herrschaftsverhältnissen wir leben, wird an solchen Beispielen deutlich. Eigentlich. Aber unsere untertänigen und nur ganz vordergründig emanzipierten, kritischen oder gar reflektierten Gesellschaften finden die Engagements dieser Leute toll. Sie klauen Milliarden und geben ein paar Euro zurück in den Hut des Bettlers.

Nicht nur der Tagesspiegel reagiert herrschaftsaffin. Über Stoschek schrieb die Süddeutsche Zeitung 2007 allen Ernstes:

Als Gesellschafterin der Coburger Brose-Unternehmensgruppe kann sich die 31-Jährige ganz dem Sammeln von Kunst widmen. Für sie kommt Sammeln von innen heraus – und wird am liebsten in Galerien oder direkt in Ateliers ausgelebt

Die zarte Betriebswirtin Stoschek sagt in dem Artikel:

„Zeit meines Lebens empfand ich die Auseinandersetzung mit Kunst als innere Notwendigkeit und empfinde sie heute als großes Glück.“

Ihr Arbeitspensum in der Firma beschreibt die Gesellschafterin so:

„Ich nehme auch jetzt schon regelmäßig an Gesellschaftertreffen und Telefonkonferenzen teil.“

Ein lustiges Zitat nach dem anderen.

Von innen heraus, innere Notwendigkeit: Man wartet jetzt auf den Begriff der Berufung. Und dann nochmal Gott.

Man könnte in Museen gehen und überhaupt und überall die Augen offen halten. Reicht solchen Leuten aber nicht. Gesellschafterin, ein schönes Wort: Man hat Unternehmensanteile geerbt und zieht daraus eine Menge Geld. Da kann man sich so manchem widmen. Natürlich von innen heraus. Man muss sich schon fragen, welche Vorteile die Süddeutsche aus einer solchen Berichterstattung zieht. Oder andersherum: Es wäre dumm, für solch ein Geplapper kein Geld zu nehmen.

Die über alle Maßen katastrophalen geistigen und herrschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben, lassen sich an solchen Kleinigkeiten ganz gut festmachen. Die als Schein aufgeklärte Gesellschaft. Verachtung ist der Begriff, der mir hier einfällt. Ganz nachhaltig.

(Foto: genova 2018)

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Eine Antwort zu Von inneren Notwendigkeiten im Kapitalismus

  1. Jakobiner schreibt:

    Aus Sicht dieser Leute ist Genova ein ganz unmöglicher „Verunmöglicher“. Vielleicht sollte man neben Nachhaltigkeit und Transparenz auch noch ein Forschungszentrum für Authenzität gründen–steuerfrei freilich, dann ist das Ganze noch authentischer. Ohnehin bezeichnend, wie untertänig das Bildungsbürgertum gegenüber Mäzenen ist, wenn es sich um Kunst und Kultur handelt. Da ist es auch völlig egal, was da gefördert wird und mit welchen Mitteln, Hauptsache: Kultur und damit is alles gut!

    Gefällt 1 Person

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