Über die gefährliche Lebensphase von Häusern

Der Architekturtheoretiker Stephan Trüby in einem taz-Interview:

Schönheit oder Hässlichkeit sind Begriffe, die wissenschaftlich nicht haltbar sind. Sobald etwas hundert Jahre alt ist, finden wir es schön. Da setzt dann automatisch ein Romantisierungsprozess ein.

My thoughts exactly. Der gemeine Bürger findet wirklich jedes Haus schön, das mindestens 100 Jahre alt ist. Alles, was jünger ist, hat es schwer, um nicht zu sagen, hat keine Chance. Es sei denn, es sieht so aus, als sei es mindestens 100 Jahre alt. Und gerade deshalb leben Häuser, die jünger als 100 Jahre sind, so gefährlich.

In diesem Zusammenhang ist mir kürzlich dieses Gebäude in Berlin aufgefallen:

Ein höchst bemerkenswertes Haus. Zum einen sind stehende Fenster eingebaut, was auf einen Altbau – vor 1918 – schließen lässt. Andererseits passt die Fassadenstruktur nicht in diese Zeit: drei gedrungene Stockwerke, kein optisch betontes Fundament, und als Abschluss – eine kleine Sensation – ein Mezzaningeschoß mit Waschbetonverblendung. Vielleicht ist es so ein merkwürdiger Zwitter aus der Nachkriegszeit, wo mangels Materialien wild gebaut wurde, ohne die üblichen architektonischen Regeln. Und schon entstand etwas Bemerkenswertes.

Ich fordere eine sofortige Aufnahme in die Liste denkmalgeschützter Bauten.

Leider finden wir hier auch das typische, katastrophale, menschen- und somit letztlich naturverachtende Berlin-Phänomen vor: Das Denkmal ist auf drei Seiten von Bäumen verstellt, was den Kunstgenuss erheblich schmälert. Es fehlt hier – im Antikulturland Nordelbien – schlichtweg der Respekt fürs Gebaute.

Man sollte den zahlreichen Architekturführern über Berlin einen dazugesellen, der sich ausschließlich mit solchen architektonischen Phänomenen beschäftigt: Häuser, die aus der Reihe fallen, bei denen es aber niemand bemerkt.

Es sind naturgemäß die interessantesten.

(Foto: genova 2018)

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7 Antworten zu Über die gefährliche Lebensphase von Häusern

  1. schlingsite schreibt:

    Nur noch fünfzig Jahre und der Steglitzer Kreisel wird als überragende Schönheit empfunden werden. Nicht einmal hinter Bäumen kann sie sich schamvoll verstecken.

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  2. genova68 schreibt:

    So ist es, schlingsite, und wir beide, als Vertreter der Avantgarde, empfinden ihn heute schon als überragend schön.

    Wobei der Kreisel gerade dem Kapital zum Opfer fällt. Er wurde an einen Investor verkauft, der dort gut 300 Eigentumswohnungen reinbaut zum Quadratmeterpreis zwischen 4.000 und 10.000 Euro.

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  3. stadtauge schreibt:

    In der Tat ein cooles, aber eben schwer bemerkbares Gebäude im Stralauer Niemandsland…

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  4. genova68 schreibt:

    Toll, dass du die Standorte erkennst. Das heißt, das Haus ist dir auch schon aufgefallen. Um das zu fotografieren, habe ich sogar meinen Zug ab Ostkreuz verpasst :-)

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  5. stadtauge schreibt:

    :-) :-) :-)

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  6. stadtauge schreibt:

    Allerliebsten blauen Dank

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  7. Jakobiner schreibt:

    Interessanter SZ-Artikel über die Mieterdemos: #WerkstattDemokratie: Wohnen Mieter aller Städte, vereinigt euch!
    Das Thema Wohnen wird zur sozialen Frage unserer Zeit. Kann daraus eine soziale Bewegung erwachsen, die tatsächlich etwas verändert?
    https://www.sueddeutsche.de/politik/werkstatt-demokratie-wohnen-mieter-aller-staedte-vereinigt-euch-1.4125614

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