Kreuzfahrer und Wohnmobilisten

Meine Vermutung:

Kreuzfahrtteilnehmer sind die gleichen desinteressierten Sattbürger wie die, die mit einem Wohnmobil in Urlaub fahren. Beide interessieren sich für nichts und sind vor allem damit beschäftigt, die Zeit totzuschlagen, wie man sagt.

Ein Wohnmobil bedeutet, dass man ununterbrochen sein ganzes Haus mit sich herumfährt. Während man einen Wohnwagen abkoppeln kann und mit dem dann wendigen Auto sich die Gegend anschauen, ist das im Wohnmobil unmöglich. Man bleibt also auf dem Campingplatz oder der Parkbucht mit Aussicht hocken. Oder man fährt tatsächlich mit dem Riesenauto durch kleine Dörfer und kommt sich dabei mutig vor. Außerdem freut den Wohnmobilfahrer, dass er immer etwas zu tun hat: Außenzelt aufbauen, Wasser- und Stromversorgung organisieren, Kunstrasen ausrollen und so weiter.

Der Wohnmobilfahrer ist der moderne Egozentriker.

Für den typischen Wohnmobilfahrer ist es ein Abenteuer, die Straße entlangzufahren. Das Urlaubsland ist lediglich Kulisse für seine Ambition, die eigenen Fahrkünste zu demonstrieren. Er befährt Passstraßen wie andere Leute die Jungfrau besteigen: Man vergewissert sich seiner persönlichen Leistung.

Man könnte für ihn auch den Nürburgring absperren und künstliche Hindernisse aufbauen. Er würde es kaum merken. Diese Leute fahren nach Südspanien und Süditalien, ohne irgendtwas vom Land mitzubekommen. Bei einem mehr als zwei Meter breiten Auto kein Wunder, man muss sich auf die Straße konzentrieren und findet keinen Parkplatz.

Der Kreuzfahrtteilnehmer freut sich, wenn der Kapitän grüßt, ansonsten hängt er mit seinem Schwabbelbauch auf Deck herum. Das könnte er natürlich auch auf Mallorca, aber er will sich mit dem Pöbel nicht gemein machen. Kreuzfahrt bedeutet rein formale Aufwerung des Selbst, so wie der Gastarbeitersohn einen 3er BMW fährt. Man legt hin und wieder in einem Hafen an und besucht mit ein paar tausend anderen Kreuzfahrtgestalten eine Stadt. Eigentlich fällt man in sie ein, kauft Souvenirs und kehrt dann zurück aufs Schiff, weil man sich noch über die Abendgarderobe Gedanken machen muss. Dabei blässt man an einem Tag mehr Dreck aus dem Schornstein als Nichtkreuzfahrer im ganzen Jahr.

Zwei Tage später weiß der Kreuzfahrer nicht mehr, wo man eigentlich anlegte und wie der Ort hieß. War es eine griechische Insel? Oder doch schon die Türkei? Egal. Abends grüßt der Kapitän mit seinem weißen Jackett.

Wohnmobile kaufen sich gerne Familien aus der Mittelschicht, die der Katastrophe des Familienlebens entkommen möchten und nur noch tiefer reinschlittern. Wochenlang mit den Geliebten auf vier Quadratmetern. Der Vater vertreibt sich die Zeit mit dem Ausrollen des Kunstrasens. Gutgestellte Rentner sind auch gerne mit dem Wohnmobil unterwegs, oft monatelang in Andalusien. Dort hocken sie isoliert auf einem Zeltplatz und sind immobiler als kurz nach dem Krieg. Mit dem Wohnmobil kann man auch immer so tun, als sein man unabhängig, als gehöre man nicht zum System, als sei man quasi Aussteiger, total unerschrocken und das Leben meisternd. Falls etwas kaputtgeht, hat man ja noch den ADAC-Euroschutzbrief.

Zu viel Geld und keinerlei Interesse: Das sind die beiden wichtigen Voraussetzungen für Kreuz- und Wohnmobilfahrer. Kein Wunder, dass es davon in Deutschland so viele gibt.

(Foto: genova 2018)

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29 Antworten zu Kreuzfahrer und Wohnmobilisten

  1. tikerscherk schreibt:

    Wohnmobil ist nicht gleich Wohnmobil u Du schreibst hier offensichtlich ohne Wissen doch dafür mit umso mehr Mutmaßungen die Du sodann zur Wahrheit erklärst. Die Wohnmobilisten die ich kenne sind das genaue Gegenteil von dem was Du behauptest. Nicht jeder findet Spaß daran den Urlaub in Ferienanlagen zu verbringen. Und nicht jeder hat das Geld dafür. Ich bin jahrelang mit einem alten Mercedes 7 Tonner gereist u behaupte, dass deine Beschreibung v Wohnmobilisten genau Null auf mich zutrifft.

    Gefällt 2 Personen

  2. hANNES wURST schreibt:

    Der SUV wird am Freitag geliefert, jetzt muss ich auch noch ein Wohnmobil kaufen und eine Kreuzfahrt unternehmen um diesem Blog zu trotzen. Bitte schreib nicht auch noch über Kleingärten, Großwildjagd und Sexurlaub. Obwohl – über Sexurlaub von mir aus schon.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Trefflich, trefflich, die passenden Serien dazu sind „Das Traumschiff“und „Die Camper“–spießiger geht´s nicht mehr. Und des Kreuzschifffahrers höchstes Begehr ist es mit dem Kapitän persönlich am Abendtisch zu dinieren und ein paar Worte zu wechseln- Tischgespräche mit dem Führer…

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  4. genova68 schreibt:

    Liebe tikerscherk,
    da kommen zwei Gruppen zusammen. Die frühen Wohnmobilfahrer, alternativ, im Zuge des neuen Individualismus, nach 68, Abenteuerurlauber und so weiter. Und die jetzigen, die die Nachhut bilden.

    Wenn ich es mir so recht überlege, glaube ich aber schon, dass auch die erste Generation Wohnmobilfahrer keinerlei Interesse am Reiseland hatte, sondern nur an sich selbst. Vielleicht sind diese frühen Mercedes 7 Tonner-Fahrer noch schlimmer als die aktuellen Spießer, weil sie sich für etwas besseres hielten, für die Avantgarde des Fortschritts, wo sie doch nur die Avantgarde der Zerstörung waren. Es hat psychologisch vermutlich auch einiges von Panzer, Angriff, Krieg führen, Feindesland. Selbst das Duschwasser bringen diese Leute mit.

    Bitte sei etwas selbstkritischer! Zwischen den Zeilen bist du das ja auch, denn du hast von dieser Sünde mittlerweile offenbar abgelassen. Freu dich also über deine Besserung!

    Aber du bist in guter Gesellschaft. Es gibt eine Menge Leute, die mit so einer Riesenkiste durch die Gegend fahren und das für emanzipiert, aufgeschlossen und authentisch halten.

    Ferienanlagen? Gibt es nichts anders als die Wahl zwischen Wohnmobil und Ferienanlagen?

    Und nicht jeder hat das Geld dafür.

    Man hat kein Geld für eine Ferienanlage, aber für ein Wohnmobil? Das erinnert mich an das Argument, Hartz-IV-Bezieher könnten sich aus finanziellen Grünnden nicht gesund ernähren. hätten.

    Ich plädiere für ein sofortiges und umfassendes Verbot aller Kreuzfahrtschiffe und Wohnmobile und SUVs, die freitags ausgeliefert werden.

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  5. derdilettant schreibt:

    Ziemlich atemberaubend, wie du dich zum Richter über Menschen aufspielst, über die du kaum etwas weißt.

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  6. neumondschein schreibt:

    Kreuzfahrer: Das sind terroristisch veranlagte fanatische Christen, die in die Levante aufbrechen, um große heilige Taten zu vollbringen, die man nur dort in der Levante vollbringen kann, und nicht da, woher sie stammen. Weshalb sie in die Levante aufbrechen müssen. Das erste mal mußten sie das Heilige Grab für das Christentum vor den Kopftüchern in Sicherheit bringen, um die Christen zu retten. Ein anderes mal mußten sie aufbrechen, um den Antisemitismus zu bekämpfen, den Antisemitismus der Kopftücher, um die Juden zu retten. Jedenfalls gehören die Kopftücher unterjocht, um einer großen heiligen Sache willen.

    Aber schmerbäuchige Rentner auf dem Deck sind gewiß genauso widerlich.

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  7. schlingsite schreibt:

    Auch die beiden Uwes bevorzugten Wohnmobile um ihre durch Bankraube finanzierten Taten zu begehen ohne sich an ihren Opfern geldlich zu bereichern.

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  8. Jakobiner schreibt:

    Und was ist mit dem guten alten VW-Bus auf dem Hippie Trail–auch ein Vorläufer und Prototyp des Wohnmobils? Wo machst du da den Unterschied, Genova? Oder ist Bltzkriegtourismus der Wehrmachtsopas im VW-Kübelwagen sympathischer?

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  9. genova68 schreibt:

    Sehr gut, schlingsite, endlich mal ein Kommentar mit Nivau hier.

    Einigen wir uns also auf folgenden Minimalkonsens, dem sicher alle Diskussionsbeteiligten zustimmen können:

    Wohnmobilfarer sind Rechtsterroristen, die erschossen werden müssen.

    Hippies im VW-Bus: Tja, ein interessantes Thema, dazu sollte man sich mal Gedanken machen. Ich tendiere eben zur Ansicht, dass das im Wesentlichen Egozentriker waren, die sich einen Scheiß für das bereiste Land interessiert haben. Die Indienfahrer ebensowenig, die haben sich unter indischer Kultur irgendwas vorgestellt, das ihnen genehm war. Ich habe das Ende der 80er in Portugal erlebt: Deutsche Aussteiger, die nach und nach erlebten, dass die portugiesische Landbevölkerung ganz anders drauf war, als sie das angenommen hatten. Man suchte dort das Ursprüngliche und die Bauern verkauften ihr Land ohne Umstände an Konzerne, die dann alles abholzten und Eukalyptusbäume plfanzten.

    Wer sich fürs Land interessiert, sucht sich kleine Pensionen zum übernachten und lernt die Sprache. Wer das Land als Kulisse sieht, fährt Wohnmobil. Aber wir leben ja in Freiheit, es darf jeder tun, was er will. Lächerlich ist nur moralische Empörung.

    dilettant,
    vielen Dank fürs Lob, freut mich.

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  10. Jakobiner schreibt:

    „Wer sich fürs Land interessiert, sucht sich kleine Pensionen zum übernachten und lernt die Sprache.“ Auch ein Magerquarkprogramm. Man sollte zuerst einmal über Geschichte, Politik, Wirtschat und Kultur eines Landes lesen, bevor man sich dort überhaupt hinbegibt, denn sonst kommt nicht mehr raus, dass man mit ein paar Eingeborenen feiert und danach auch nicht mehr zu berichten weiß wie gastfreundlich die doch alle waren und fantasiert sich irgendwelche Volksmentalitäten zusammen. Reisen bildet? In einem Großteil der Fälle wollen die Leute doch eher in diese Länder reinprojezieren, was sie daheim vermissen oder aber ihre Vorurteile bestätigt sehen. Mir sind auch diese Bildungsbürger suspekt, die 20 Tempel in 2 Stunden besuchen, um sich vom Ballermannprol abgrenzen zu wollen. Ich selbst bin 18 Jahre nicht mehr ins Ausland gereist und mir hat es daheim auch ganz gut gefallen, Zumal wenn man nette soziale Kontakte hat, auch Ferien nicht vermisst. Und oft kann ich anderen Leuten mehr über die Länder erzählen als sie selbst, die diese bereist haben, da ich gerne und viel lese.

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  11. genova68 schreibt:

    Sich über Geschichte und so weiter im Vorfeld informieren, kann man machen, kann es aber auch bleiben lassen. Es geht um authentische Erfahrung, da muss ich nichts über Wirtschaft wissen. Am besten weiß ich nichts, man weiß eh zuviel. Ich empfehle immer noch Boris Sieverts:

    https://www.archplus.net/home/archiv/artikel/46,2701,1,0.html

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  12. Jakobiner schreibt:

    Authentisch ist so das Modewort seit den 2000ern geworden. Alles, jeder und jede will authentisch sein, soll autehentisch sein. Keine Ahnung, was diese Phrase überhaupt noch bedeuten soll. Man selbst, real oder was auch immer. Inziwschen ist dieses Wort so inflationär benutzt, dass es jedliche Bedeutung verloren hat. Auch eine Klopapierrolle könnte authentisch sein!

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  13. genova68 schreibt:

    Ja, authentisch ist ein Modewort. Es kann dennoch sinnvoll benutzt werden, nämlich im authentischen Sinn von authentisch. Authentisch als Modewort bedingt ja, dass das Bezeichnete gerade nicht authentisch ist, sondern nur authentisch scheint. Dieser Schein des Authentischen ist wichtig, damit das Bezeichnete einen Mehrwert erzeugen kann. Ehrliche Inneneinrichtungen mit Holz, beispielsweise, oder irgendwas mit Umweltschutz. Hipster haben authentische Bärte.

    Im eigentlichen Sinn des Authentischen kann man ganz gut reisen.

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  14. hANNES wURST schreibt:

    Mit „authentisch“ bezeichnen heute eigentlich nur noch Kriminalbeamte Sachverhalte um diese von Täuschungen und Fälschungen abzuheben. Erfahrungen und kulturelle Leistungen werden in der Postmoderne nicht mehr „authentisch“ genannt. Das gilt als eine von den Eliten postulierte Qualifikation im Sinne ihrer eigenen Verwertungslogik. So entstand zum Beispiel die Kultur des Samplings. Ein ähnlich kontroverses Wort, das auch einer Dekonstruktion bedarf, ist „Identität“.

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  15. genova68 schreibt:

    Tja, da habe ich wohl den falschen Begriff gewählt. Ich meinte in diesem Zusammenhang eine Dorf- oder Stadtstruktur ohne Massentourismus. Wenn ich dahin fahre, wo ich nicht erwartet werde. Wenn es fü mich keine Infrastruktur gibt. Authentisch nicht im individuellen Sinn, dass jeder einzelne dort echt sei.

    Identität ist so eine Modewort, eigentlich von rechts besetzt. Identität und Authentizität sind vermutlich Begriffe, die man in die Runde werfen kann, wenn man Lust auf Diskussion und Auseinandersetzung hat. So wie Israel.

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  16. Jakobiner schreibt:

    Identität sucht plötzlich ein jeder und eine jede, vermeintliche Wurzeln und eine Heimat. Die Regionalkrimiseuche ist so ein Ausfluß dieses neuen Zeitgeistes, wie auch der Hype um den deutschen Schlager, Andreas Gahballier, Freiwild und Helene Fischer. Habeck und Baerbroeck pilgern inzwischen auch schon zum Hermannsdenkmal, und nach Hambach um den Heimatbegriff von grüner Seite zu „besetzen“.Vielleicht gibt es dann in Zukunft auch noch einen grünen Heimatminister oder Heimatministerin.Soll der Entwurzelung und der Orientierungslosigkeit inflge der Globalisierung entgegenwirken und bodenständig die Leute erden. Man müsse wissen, woher man komme, um sagen zu können, wohin man wolle.Hinterfragt werden diese Allgemeinplätze schon lange nicht mehr.

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  17. Jakobiner schreibt:

    Häuser besetzen ist nicht mehr–heute besetzt man den Heimatsbegriff!

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  18. genova68 schreibt:

    So ist das wohl. Heimat finde ich schon einen interessanten Begriff, vor allem für die, die nicht mehr da leben, wo sie sozialisiert wurden. Man sollte den nicht tabuisieren, nur nicht so zwangsläufig mit der Scholle verbinden. Ich habe keine Heimat und finde das sehr gut so.

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  19. Jakobiner schreibt:

    „Ich habe keine Heimat und finde das sehr gut so.“ Genova als Heimatminister–wäre mal interessant, wie sein Programm und die ersten Maßnahmen aussehen würden.Wahrscheinlich: Heimat= bezahlbarer Wohnraum! Tabuisieren ist der falsche Begriff–ich bin nur wahnsinnig genervt von diesem ganzen Heimathype, dem man scheinbar nicht mal an dem entlegensten Ort entgehen kann.Vielleicht ist Heimat für mich der Ort, wo ich nichts von Heimat höre.

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  20. genova68 schreibt:

    Was macht eigentlich ein Heimatminister? Wozu ist das gut? Wird Heimat verordnet? Welch Humbug.

    Bezahlbarer Wohnraum wäre doch schon mal nicht schlecht als Fundament für Heimat. Ohne geht es nicht. Heimat ist der Ort, wo man nichts von Heimat hört. Keine schlechte Definition, finde ich. Wenn man drüber redet, ist sie weg.

    Gefällt 1 Person

  21. Jakobiner schreibt:

    Jetzt gibt es auch neue Vorschläge zum bezahlbaren Wohnraum seitens eines Expertengremiums: Streichung des sozialen Wohnungsbaus und der Mietpreisbremse–die FDP findet das gut, der Rest geht auf Distanz:

    Steigende Immobilienpreise : Regierungsberater wollen sozialen Wohnungsbau stoppen

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/regierungsberater-wollen-sozialen-wohnungsbau-stoppen-15752375.html
    Mal sehen, was Inbnen-, Heimats- und Wohnungsbauminister Seehofer dazu sagt.

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  22. Jakobiner schreibt:

    Für mich als Bayern schwer zu beurteilen: Bericht von einem biodeutschen heimatsverlustigen“Frontschwein“im Berliner Wedding und wie der sich verändert habe, nicht nur architektonisch:

    „Kontinuität und Beständigkeit vergegenständlichen sich gewöhnlich auch zu einem guten Teil in gemauertem Stein. Flächenbombardements und Bodenkämpfe ruinierten die Topografie des Quartiers durchschlagend. Wenn Straßen und Plätze von Trümmern und Ruinen gesäumt sind, begreift selbst ein Kind, auf einem Schlachtfeld zu Hause zu sein. Meiner Entwicklung waren jene surrealen Verhältnisse eher förderlich, weckten sie doch schon früh mein Interesse für Vergangenheit. Vom Zeitgeist getragene radikale Stadterneuerungsprogramme der siebziger und achtziger Jahre haben dem noch verbliebenen baulichen Ensemble den Rest gegeben, es nahezu ausgelöscht. Das Eigentümliche und Kuriose meiner Heimat, das mobile und immobile, darf durch Kriegsfolgen, stadtplanerische Fehlleistungen, globalwirtschaftliche Sachzwänge in Verbund mit inkompetenter Asyl- und Zuwanderungspolitik als unwiederbringlich aufgerieben gelten.“

    https://www.achgut.com/artikel/mein_leben_im_weddinger_brunnenviertel

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  23. genova68 schreibt:

    Den sozialen Wohnungsbau stoppen wäre keine grundsätzlich schlechte Sache. Ich predige hier ja seit Jahren, dass man das Augenmerk darauf legen sollte, dass man heutzutage sehr preiswert bauen kann, so wie man heute alles preiswerter herstellen kann als früher. Leider hat die Baulobby offenbar einen so großen Einfluss, dass dieser Gedanke nicht zum Tragen kommt und man stattdessen nur verhandelt, wer die hohen Preise bezahlt: der private Bewohner oder der Staat bei Finanzschwachen. Sozialer Wohnungsbau ist so ähnlich wie Wohngeld: Es ist eine Umverteilung von unten nach oben unter dem perfiden Deckmantel des Sozialen.

    Es gibt eine große Zahl von Versuchen, preiswert zu bauen, aber es findet keine staatlichUnterstützung statt. Bewegung gibt es nur seit einiger Zeit bei der Frage des Bodenpreises, weil Architekten und Bauunternehmer auch darunter leiden. Aber auch hier zeichnet sich keine Lösung ab, weil wir verlernt haben, großmaßstäblicher zu denken und Begriffe wie Enteignung und die soziale Verpflichtung des Eigentums in die Diskussion zu bringen. Es ist auch nett, wenn die neue Justizministerin Barley ihre Sympathien mit Hausbesetzern zeigt, aber ihre Politik vermutlich nicht einmal zum Stopp der Gentrifzierung beitragen wird. Die Partei- und Gesellschaftsstrukturen sind im Moment einfach nicht so, dass man da vorankäme.

    Es gibt in Berlin gerade einen neuen Anlauf zur Bebauung des Tempelhofer Flughafenfeldes. Das wurde ja vor einigen Jahren per Volksentscheid abgelehnt. Nun kommen neue Vorschläge. Aber da ist der Durchschnittsberliner kritisch, rein gefühlig ist er gegen neue Häuser. Und die Architekten bekleckern sich mit ihren Vorschlägen auch nicht mit Ruhm. Der Architekturbereich ist komplett im Arsch, nach 20 Jahren Stararchitektur ohne Inhalt und ansonsten der Konzentration auf Neubausiedlungen mit Reihenhäuschen. Es herrscht durch den Rechstruck in der Gesellschaft auch eine stadtfeindliche Stimmung vor. Hauptsache die Scholle auf dem Land ist mein, die Stadt ist eh ein Sündenpfuhl.

    Zu dem Artikel des Weddingers:
    Vom Zeitgeist getragene radikale Stadterneuerungsprogramme der siebziger und achtziger Jahre haben dem noch verbliebenen baulichen Ensemble den Rest gegeben, es nahezu ausgelöscht.

    Wundert mich ein bisschen, denn gerade im Wedding wurde nicht großmaßstäblich neu gebaut, sondern es wurden im Zuge der Stadterneuerung eher behutsam Lücken geschlossen. Kleihues hat da Interessantes gemacht, auch einiges zu IBA-Zeiten wurde gebaut. Er sollte konkreter werden.

    Ansonsten ist das Brunnenviertel sicher nicht unproblematisch, und die neuen Herrenmenschen in Form von Asi-Arabern und Asi-Türken sind da sicher auch vorhanden. Aber der Verfasser ist mir zu sehr ein Apologet des Untergangs des Abendlandes, das wird gegen Ende allzu deutlich. Vermutlich denkt er vor allem an sein eigenes Leben, da sollte er dann Persönliches und Gesellschaftliches trennen. Der Wedding ist ein Gentrifzierungsgebiet, mit allen Nachteilen, das hat dieser tolle Weddinger offenbar noch nicht mitbekommen.

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  24. Jakobiner schreibt:

    Noch ein Schmankerl in der SZ von Nikolas Piper:

    Der Neoliberalismus ist nicht an allem schuld

    Zum gebräuchlichen Schimpfwort wurde „neoliberal“ paradoxerweise erst nach dem Fall der Berliner Mauer, als der Sozialismus, wie man meinte, für alle Zeiten diskreditiert war. Tatsächlich entstand jedoch ein neues Narrativ, das ungefähr so ging: Nun, da es keine Systemkonkurrenz mehr gibt, hat es „der“ Kapitalismus nicht mehr nötig, sozial zu sein und zeigt sein wahres Gesicht. Das Argument entbehrt insofern nicht einer gewissen Komik, als es unterstellt, dass im Kalten Krieg die Arbeitermassen des Westens nur durch soziale Wohltaten davon abgehalten werden konnten, in die DDR oder die Sowjetunion zu fliehen. Aus der Rückschau ist klar, was nach der Zeitenwende von 1989 ökonomisch geschah: Über eine Milliarde Menschen in China und im früheren Ostblock bekamen die Chance, am globalen Wettbewerb um ein besseres Leben teilzunehmen, was im Westen viele als bedrohliche „Entgrenzung“ empfanden, der sie dann das Adjektiv „neoliberal“ anpappten.

    https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/oekonomie-der-neoliberalismus-ist-nicht-an-allem-schuld-1.4103613

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  25. genova68 schreibt:

    Piper weist auf die Begriffsgeschichte hin, das kann man machen. Interessant ist aber die aktuelle Verwendung und dass Sprache lebt und Begriffe sich in ihrer Bedeutung ändern, ist eine Binse. Piper war vor 15 Jahren übelster Neoliberaler, der bei Menschenverachtung und Menschenvernichtung vorne dabei ist, natürlich immer freundlich lächelnd. Man kann nicht einerseits Höcke angreifen und andererseits Piper schonen. Das sind zwei Seiten einer Medaille, und diese Erkenntnis ist noch lange nicht bei allen durchgedrungen.

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  26. Jakobiner schreibt:

    Jetzt gibt es einen Kinofilm über Kreuzfahrttourisus ganz nach deinem Gusto: „All inclusive“. Desweiteren: Breaking News: Daniel Küblböck soll von Bord des Kreuzfahrschiffes AIDA gesprungen sein. Ein Suizid wird vermutet, Vielleicht hat er aber nicht mehr an Bord ausgehalten.

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  27. Jakobiner schreibt:

    Heute in den Medien: Jedes Jahr gehen etwa 350 Leute auf Kreuzfahrtschiffen über Bord oder werden vermisst. Als Gründe werden Suizid, zu exzessiver Alkoholgenuss oder aber Mord genannt. Kreuzfahrtschiffe als Tatort für Morde seien geeignet, da keiner auf den anderen aufpasse und die Videoüberwachung nicht das ganze Schiff abdecke. Wäre einmal ein geiler Tatort statt der zahlreichen Island-, Kroatien- oder Istanbul Sokos. SoKo AIDA.

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  28. genova68 schreibt:

    Ich werde dein Begehr an die Tatort-Redaktion weiterleiten.

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  29. Jakobiner schreibt:

    Während es beim Syrien- und Jemenkrieg gerade in die genoizidale Schlußphase mit Hunderttausenden von Toten geht, erregt der Fall Küblböck und die Frage, ob Dieter Bohlens „One in the Ocean“-Sweatshirt ein PR-Gag oder Pietätlosigkeit war, doch allemal mehr die deutschen Gemüter. Zumal werden jetzt auch grundsätzliche Menschheitsfragen wie die Sicherheit auf Kreuzfahrtschiffen gewälzt. Dazu für dich noch einInterview mit einem Professor für maritime Sicherheit und Kreuzfahrtschiffexperten:

    http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/ungluecke/experte-im-interview-viele-kreuzfahrt-unfaelle-sind-mysterioes-15782901.html

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