Bauen im Kontext als Beruhigung des schlechten Gewissens

Bauen im Kontext als Begriff soll suggerieren, dass man auf seine Umgebung, auf seine Umwelt Rücksicht nimmt. Hört sich gut an und deshalb wird der Begriff gerne angeführt, wenn es Bedenkenträgern darum geht, ein Gebäude zu verhindern. Mir scheint allerdings, dass Bauen im Kontext jahrtausende niemanden interessierte und es ausgerechnet in unserer Zeit, wo man jeden Tag mehr Fläche versiegelt und ein Autobahnausbau von vier auf fünf Spuren objektiv notwendig scheint, argumentativ vorgebracht wird.

Dabei entsteht aus dem Bauen ohne Rücksicht auf das Umfeld meist interessantes, es entstehen Hingucker. Jede Kirche in Italien ist eingequetscht von den Nachbarn und es ist gut so, weil dadurch Spannungsfelder entstehen, weil es unvermittelt daherkommt, weil man sieht, dass sich hier keine Baubehöhrden jahrelang mit dem Fall beschäftigt haben. Bauen ohne Kontextbeachtung ist nicht unsozial, sondern praxisbezogen.

Die Berliner Karl-Marx-Allee beispielsweise – unter Stalin ein vielbeachtetes architektonisches Vorzeigeprojekt – schließt an vielen Stellen so ab:

Der Neubau wurde an den Altbau drangeklatscht und es ist gut so. Man kann die Baugeschichte ablesen und die beiden völlig unterschiedlichen Wandphilosophien behaupten ihre Art, ihre Aussage, ihre Öffentlichkeit.

In Warschau gibt es auch eine Stalinallee, die ähnlich angenehm abschließt:

Bauen ohne Kontext bedeutet gerade nicht, dass man das Alte abreißt. Man lässt es stehen, arrangiert sich damit, akzeptiert Widersprüche und Brüche und schaut mal, wie das das entwickelt, welche Perspektiven eingenommen werden. In Warschau hätte man als gründlicher Architekt den Altbau abreißen müssen und die Stalinarchitektur weiterführen. Hat man aber nicht, vermutlich, weil man den Wohnraum brauchte. Man hat sich auch nicht darum gekümmert, den Stalinkomplex stufenweise auf die Höhe des Altbaus zu führen und es entstand ein harter Bruch, der eben auch Brüche in der Stadtgeschichte visualisiert. Man könnte bei Wohnungsnot nun noch den linken Teil des Stalinkomplexes aufstocken, und zwar bitte ohne Kontextbeachtung, und schon hätte man ein weiteres Kapitel in der anschaulichen Architekturgeschichte geschrieben.

Ganz bunt trieb man es in Parma:

Ein Gebäude, das wie eine romanische Kirche aussieht, die seit tatsächlich 1.000 Jahren dort steht, wird in den 1960ern überbaut. Oberflächliche Gemüter rümpfen hier die Nase oder sind gar – des Deutschen Lieblinsgssport – empört ob der Unachtsamkeit. In Wahrheit hat man sich einfach Platz genommen, den man für Wohnungen brauchte, ohne das Alte zu zerstören. Das Alte gibt es nun in neuer Perspektive, es lebt weiterhin und alle sind integriert. Neue Perspektiven, neue Raumverhältnisse, neue Nutzungen, hohe Dichte, alles wunderbar.

Auch das hier könnte man als Bauen ohne Kontext betrachten:

Auf einen Altbau stellte man ein kleines Häusschen, so eine Art improvisierte organische Architektur.

Gerade in Italien sind durch das konsequente Ignorieren des Nachbargebäudes die interessantesten Lösungen entstanden.

Man könnnte und sollte diese Argumentation auf die Gentrifzierung ausweiten. Gerade in der Zeit, in der massenhaft Wohnraum zu Spekulationsraum umfunktioniert wird und reale Vertreibung stattfindet, holt man das Feigenblatt des Bauens im Kontext aus der Mottenkiste. Sozusagen als Entschuldigung für unsere asoziale Zeit tut man so, als sei man behutsam, vorsichtig, aufmerksam und betreibe awareness, wie man sagt.

Auch das hier ist eine Art kontextunabhängige Architektur:

Bauen und die Kontextfrage: Es sind Diskussionen, die man im heutigen Deutschland nicht mehr führen kann. Die von Anbeginng an und von Grund auf lächerliche Debatte um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses (das wächst und gedeiht), zeigt die Misere. Man war sich einig, dass „die Kubatur des Schlosses“ wieder genau so entstehen musste. Alles andere (Palast der Republik, Außenministerium der DDR, Hotel gegenüber) musste man zerstören; restlos, sauber, deutsch, dämlich. Unsere durch und durch katastrophalen geistigen Verhältnisse kann man schon an so etwas ablesen.

Bauen im Kontext scheint mir eine doppelte Entschuldigungsfunktion haben. Zum einen die schon erwähnte: Wir tun so als seien wir behutsam, obwohl wir nach wie vor gerne ganze Viertel abreißen, nachdem wir sie als lebensunwert eingestuft haben. Zum anderen is es eine Kaschierung der dialektisch umgeschlagenen Moderne: Die totale Kontrolle jedes Bauvorgangs, die unbedingte Abnahme bzw. die Verhinderung eines Bauschrittes wird als Awareness gegenüber der Nachbarschaft verkauft.

Bauen im Kontext ist in Deutschland in weiten Teilen der Sieg des Kleinbürgers über das Leben.

Pfeifen wir also auf diese Scheinbehutsamkeit. Vertreiben wir die Kapitalisten aus den Städten und bauen, wie uns der Schnabel gewachsen ist.

(Fotos: genova 2010 bis 2018)

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2 Antworten zu Bauen im Kontext als Beruhigung des schlechten Gewissens

  1. dame.von.welt schreibt:

    Nur bedingt zum Blog-Thema, aber vielleicht interessiert Sie der Artikel von Owen Hatherley im adamag: Die sozialistische Stadt

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  2. genova68 schreibt:

    Vielen DAnk für den Text, sehr freundlich. Von Hatherley habe ich noch ein Buch über Brutalismus, das der Lektüre harrt, wie man sagt. Beim Überfliegen des aktuellen Textes aus dem adamag, meine ich, die Frage am Ende beantworten zu können, nämlich wie sozialistische Architektur aussehen könnte: renditefrei, flexibel, was Wohnformen angeht, ökologisch, gemeinschaftsorientiert. Es ist an Ideen alles da, ganz viel derzeit aus Japan. Es harrt hier ebenfalls, nämlich der Umsetzung.

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