Vom Frieden in Parma

Eine Freifläche im Zentrum der oberitalienischen Stadt Parma:

Dort, wo sich heute im Sommer das bräunliche Gras erstreckt, stand bis 1944 ein Theater. Es wurde durch einen Bombenangriff (USA oder England) zerstört. Man sieht gut die Reste des Theaters an der Außenwand des seinerzeit benachbarten Gebäudes. Man beließ bis heute alles so, wie es zerstört wurde. Man räumte den Schutt weg, das war´s.

Es ist ein angenehmer Umgang mit Zerstörung. Italienische Städte wurde im Krieg stärker zerstört als man hierzulande denkt. Und man sieht das auch, wenn man genau hinschaut. Aber, so wie hier auf dem Foto, denkt man bei urbanen Unstimmigkeiten in italienischen Städten nicht direkt an Kriegszerstörungen, sondern an Um- und Anbauten, an Weiterbauten, an organisch gewachsenes. Jeder italienische Stadt hat diese skurrilen Ecken, wo schon immer wild drauflosgebaut wurde, ohne Rücksicht auf den Kontext. Hier wurde ohne Rücksicht auf den Kontext ein Gebäude weggebombt und es ist nicht tragisch, zumindest aus urbanistischer Sicht. Man nutzt die Freifläche, verweilt dort, setzt sich hin (wenn die Temperatur nicht gerade 37 Grad beträgt) usw.

Es ist ein schönes und relativ angenehmes Beispiel für den verantwortungsvollen Umgang der Italiener mit Stadt. So wie man in Rom haufenweise alten Krempel stehen ließ, ohne sich Gedanken zu machen, wozu man den noch brauchen könne, man es aber nicht notwendig empfand, den alten Krempel zu zerstören, erträgt man es in Parma bis heute, dass der Platz frei bleibt und die Wand die Spuren der Zerstörung zeigt. Diese verantwortungsvolle, nachsichtige Lockerheit ist in Deutschland undenkbar. Wenn man sich so locker und verantwortungsvoll geben will, teilt man das brüllend der ganzen Welt mit. Heraus kommt die Gedächtniskirche in Berlin oder – bis vorm Wiederaufbau – die Frauenkirche in Dresden. Gute Ideen, keine Frage, aber eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Ansonsten herrscht der nervöse, egomanische, unreife, hektische, unsichere, verachtende, dümmliche, mit einem Wort: deutsche Zwang zur zerstörerischen Perfektion vor.

In Italien begann ein paar Jahre früher als in Deutschland eine kritische Auseinandersetzung mit den urbanen Prinzipien des CIAM. Der Neorazionalismo war hier prägend, der Einfluss von Gropius, der sich in den frühen 50ern in Italien abzeichnete, stoß auf vielfache Widerstände.

Vielleicht sind die paar Jahre der früheren kritischen Auseinandersetzung ganz entscheidend. Gott sei Dank, denn die autogerechte Stadt wurde so vielfach vermieden. Was nicht heißen soll, dass in Italien nach dem Krieg sich nicht auch übelste Bodenspekulation gezeigt hätte.

Der Platz in Parma heißt übrigens Piazza della Pace.

(Foto: genova 2017)

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