Antisemitismus zwischen Logik und Gefühl

Logik und Gefühl: In einem taz-Artikel (10.7., S. 8) über Antisemitismus in der Labourpartei geht es um die Auseinandersetzung in England darüber, dass Labour irgendeine Antisemitismusdefinition nicht übernimmt, sondern eine eigene formuliert hat. Wie auch immer, es fällt dann der Satz:

Durch Labours Definition ist man kein Antisemit, wenn man sich nicht bewusst ist, dass eine Aussage antisemitisch war. Das sei „unmöglich zu verstehen“ reagieren in einer gemeinsamen Erklärung…

zwei jüdische Verbände.

Doch, das ist ganz einfach zu verstehen. Diesen Disput könnte man vermutlich mit mathematischer Logik darstellen, wenn man es denn könnte. Wenn ich eine Aussage tätige, von deren semantischer Aufladung ich nichts weiß, bin ich nicht zwangsläufig Anhänger dieser semantischen Aufladung. Das wiederum berührt nicht die Tatsache, dass die Aussage tatsächlich semantisch aufgeladen ist.

Wenn ich also Juden der Brunnenvergiftung beschuldige, ohne diesen antisemitischen Topos zu kennen, bin ich kein Antisemit. Dennoch habe ich eine antisemitische Ausage getätigt. Und naturgemäß kann ich diese Aussage auch nur einmal tätigen, ohne Antisemit zu sein, was auch der Fall ist, wenn ich kein Antisemit bin.

Eigentlich ganz einfach. Nur für die beiden jüdischen Verbände nicht. Es geht allerdings vermutlich eher um die Frage, ob der Aussagetätigende im Nachhinein einfach behauptet, er habe von der antisemitischen Kodierung nichts gewusst. Logik und Gefühl eben.

(Foto: genova 2017)

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12 Antworten zu Antisemitismus zwischen Logik und Gefühl

  1. Jakobiner schreibt:

    Wie will man denn die Bewusstheit nachweisen? Und wenn diese Aussage nicht nur einmal gemacht, sondern immer wieder, könnte der Emitter immer noch behaupten, ihm sei nichts bewusst? Denn auch wenn man ihn den Antisemitismus erklären würde, könnte er daran immer noch nicht glauben, davon immer noch nicht bewusstsein, die Argumente beseite wischen und sich damit immer noch nicht bewusst sein.Wie glaubwürdig ist es, dass die Stereotypen Brunnenvergifter, Kindermörder,etc. nicht als antisemitisch begriffen werden können, stellen sie doch eine recht offensichtliche Denunziation dar, die zumal sich sehr aggressiv gegen Juden wendet.Kann man da nicht zumindestens intuitiv fühlen, dass man da jemanden recht polemisch und aggrressiv angreift? Kann einem dies nicht bewusst sein? Intuitiv vielleicht auf jeden Fall.Aber wäre Intuition schon Bewusstsein/Bewusstheit? Jedenfalls freuen sich die Farid Bangs und andere Kollegahs der Auschwitzrapperszene sicherlich über die Definition der britischen Labour Party!

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  2. genova68 schreibt:

    Na, so kompliziert ist das nicht. Wenn ich die Tatsache des antisemitischen Gehalts einer Aussage wegwische, bin ich nicht mehr nichtwissend, sondern wissend, wenn auch ignorant. Brunnenvergifter und Kindermörder sind vermutlich durch die Bank als antisemitisch Stereotype bekannt, dann sind das für diesen Fall falsch gewählte Beispiele.

    Kollegah weiß, was er tut, auch dieses Beispiel ist hier falsch gewählt.

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  3. hANNES wURST schreibt:

    Unwissenheit schützt nicht vor Strafe. Im Zweifelsfall würde ein Richter bei einer Klage wegen Beleidigung etc. den Hintergrund des Beschuldigten in sein Urteil aber mit einbeziehen. Insofern ist die Aussage der Labourpartei unnötig. Deshalb kann ich die Einwände von Seiten der jüdischen Verbände verstehen. Es wird eine Einschränkung gemacht, die prinzipiell unnötig ist, die jedoch scheinbar gerade bei antisemitischen Beleidigungen in den Vordergrund gestellt werden muss – als wären dies weniger schlimme oder speziellere Beleidigungen.

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  4. Jakobiner schreibt:

    Vielleicht sollte man den LÖabourgrundsatz auch mal bei Polizisten- ud Beamtenbeleidigungen einführen.Ich schätze nur, dass der Staat da keine Ausnahmen zulässt.-

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  5. genova68 schreibt:

    Hm, offenbar habe ich den Satz anders gelesen. Wenn ich, um ein deutlicheres Beispiel zu wählen, irgendwo auf der Welt, mit einem Hakenkreuz auf dem T-Shirt umherlaufe und ich kundtue, dass mir dieses Motiv gefällt, ohne zu wissen, dass das für NS steht, bin ich kein Nazi. Es geht ja nicht um den Beweis, sondern um die Tatsache als ein logisches Verhältnis.

    Wenn ich einem Juden sage: „Hey Jude, Arbeit macht frei“, und ich weiß nichts von der historischen Implikation dieses Satzes, bin ich auch kein Antisemit. Da sind wir uns wohl alle einig, oder?

    Natürlich wird es in der Praxis um das gehen, was ich im Artikel im vorletzten Satz geschrieben habe.

    Unwissenheit würde schon vor Strafe schützen, wenn ich das Hakenkreuz auf dem T-Shirt vielleicht in Indien trage, wo die Swastika eine andere Geschichte hat. In Deutschland wäre das wohl anders, da man dieses Wissen einfach voraussetzen würde. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht bezieht sich ja eher darauf, dass man beispielsweise beim Autofahren sagt, man habe das Schild nicht gesehen. Hier käme zum Zug, dass man sich bei der Teilnahme am Straßenverkehr auf Schilder zu konzentrieren hat und das Übersehen eines solchen schon ein Fehlverhalten ist.

    Beleidigungen sind allgemein bekannt. Wenn ich jemanden als Arschloch tituliere, dann weiß ich zwangsläufig, was ich da tue, sonst käme ich gar nicht auf den Begriff. Wobei: In Bayern soll Arschloch ja als nette Titulierung eines Kumpels durchgehen, habe ich gehört.

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  6. Jakobiner schreibt:

    Ja, in Bayern ist Arschloch so wie „A Sauhund bist“ und selbst das „Saupreiß“ist oft nett gemeint. Ich kenne auch viele ältere Bayern, die immer noch Neger sagen, aber nichts gegen Schwarzue haben und keine Rassisten sind. Die sind das gewohnt, so wie wir früher eben die mehr kolonialistischen Tim-und Struppi-Hefte gelesen haben. Als ich in einem Leserbrief jedoch Andreas Hofer als „Alpentaliban“bezeichnete, gab es wütende Reaktionen bis nach Südtirol.

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  7. genova68 schreibt:

    Lol.

    In Bezug auf den Antisemitismus der Labourpartei: Den scheint es zu geben.

    So könnten Labour-Mitglieder Israels Politik mit der von Nazi-Deutschland vergleichen – nach den jetzigen Standards der Partei fiele das nicht in die Kategorie Antisemitismus.

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/jeremy-corbyn-juedische-zeitungen-in-grossbritannien-warnen-vor-labour-chef-a-1220609.html

    Wenn man davon ausgeht, dass hier mit „Vergleich“ „Gleichsetzung“ gemeint ist (diese Verwechslung ist ein beliebter Fehler im Deutschen), dann kann man schon fragen, warum man nicht einfach solche Gleichsetzungen als dummes Zeug bezeichnet, anstatt die noch zu verteidigen. NS und Israel gleichzusetzen, das ist wohl das, was man sekundären Antisemitismus nennt. Und meint zeigt damit entweder seine völlige Unbildung oder eben seinen Antisemitismus.

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  8. kalo schreibt:

    Der Autor dieses Artikels spricht von „compare to“, was nach Merriam-Webster durchaus gleichsetzen heißen kann, aber eben nicht nur. Auf dict.cc sehe ich, daß – vermutlich in aktuellem amerikanischen Englisch – „compare with“ für „gleichsetzen“ steht, „compare to“ wohl eher nicht.

    Es läßt sich sicher auch mit Beratung durch englische Muttersprachler hier Haar um Haar spalten, aber ich habe den Verdacht, daß eigentlich eine ganz andere Schlacht geschlagen werden soll, eine, bei der die Diagnose des „Antisemitismus der Linken“ Mittel zu einem ganz anderen Zweck zu sein scheint. Auffällig ist das schon im zitierten Artikel, in dem Absatz 5 und 6 glaubwürdig skizzieren, welche Vorbehalte der Partei problematisch sein sollen, der aber im Absatz 7 jedes Maß verliert.

    Wer z. B. diese Rabbis sind und wer sie mit welchen Mitteln zusammengebracht hat, weiß ich schon einmal nicht und merke mir ihre Wortmeldung als Argument, aber kaufe sie nicht unbesehen als Beweis. Auf Twitter meldete ein Journalist einer israelischen Tageszeitung strahlend, daß an ein und demselben Tag drei, ‚eigentlich‘ konkurrierende Zeitungen dieselbe Headline zum Fall hatten – und das macht mich erst recht eher skeptisch als überzeugt.

    Daß die Partei gerade unter Jeremy Corbyn offensiv mit diesem Vorwurf bedrängt wird, kann ganz andere Ziele als eine ehrliche Auseinandersetzung um die Bewußtseinslage ‚der Linken‘ – schöner Sammelcontainer, übrigens – haben. Der englische Wikipedia-Artikel zu „Anisemitism in the UK Labour Party“ spricht gleich in der ersten Zeile aus, daß es diese Vorwüfe seit dem Amtsantritt Corbyns gibt. Soll das heißen, daß ein verborgener Antisemitismus der Partei mit Corbyns Amtsantritt endlich offen ausbrach? Daß Corbyn ihn ermutigt hat? Daß er ihn gar implantiert hat? Na, ich weiß ja nicht. Das riecht mir ein bißchen zu sehr nach ‚Novichok‘.

    Dieser Artikel erklärt mir, als erster seit langem, endlich einmal auf verständliche Weise, wie man sich die seltsam erscheinende britische Politik um den BREXIT plausibel erklären kann. Da, wenn das Szenario stimmig ist, Corbyn ein gesuchtes Ziel für Attacken wäre, verfolge ich das Fingerzeigen gegen die ‚Antisemiten der Labour Party unter Corbyn‘ erst einmal wach, aber sehr reserviert.

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  9. Jakobiner schreibt:

    Die Bewegungen gehen sicherlich in beide Richtungen. So sind die ewigen Nazivergleiche bezüglich der Israelis dazu gedacht, sie als die neuen Nazis darzustellen. Umgekehrt glaube ich auch, dass es auf Seiten der Konservativen um May, den Blairisten in Labour, den prozionistischen Teilen der Medien und dem allseits engagierten Murdoch, sowie dem Lkud, Israaels Rechter, der US-Rechten sowie ihren Heiligen Krieg-Evangelikalen, Broders Achse des Guten die LInke mittels Antisemitismusvergleichen- und unterstellungen ebenso als neue Nazis darzustellen, um Corbyn und israelkritische und nicht neoliberale Linke, nicht nur Israelhasser abzusetzen.Es gilt meiner Ansicht nach da genau zu differenzieren.

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  10. genova68 schreibt:

    Gleichsetzen müsste im Englischen eigentlich irgendwas mit equalize sein. Den Unterschied zwischen compare to und compare with, sehe ich nicht so richtig, wobei ich das nicht wirklich weiß. Aber abgesehen davon, herrscht dort vielleicht das gleiche Problem wie hier: Man behauptet, man vergleiche nur, setzt aber in Wirklichkeit gleich. Der Vergleich von NS und Israel ist vermutlich fast immer eine Gleichsetzung, also antisemitisch. Ein Vergleich wäre auch eher etwas für vergleichende Geschichtswissenschaft, wo es darum geht, Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszufinden. Bei Antisemiten geht es nur um vermeintliche Gemeinsamkeiten.

    Brexit hat nichts mit Antisemitismusdebatten zu tun. Wenn man also suggeriert, Corbyn würde als antisemitisch bezeichnet, weil er sich doch nur zum Brexit äußere, schrammt knapp an einer Verschwörungstheorie vorbei. An einer antisemitischen, wohlgemerkt.

    Der oben erwähnte Spiegel-Artikel hat sprachlich schlampig gearbeitet. Nichts neues bei deutschen Journalisten.

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  11. kalo schreibt:

    Es ging nicht um BREXIT+Antisemitismusdebatten, sondern um die Wirkung der Politik von Corbyn-Labour, die in obigem Artikel *bei einer Darstellung der BREXIT-Debatte erläutert wird.

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  12. Linksman schreibt:

    Zionistenkummer?
    Opfernummer!

    Durchsichtige Anti-Corbyn-Kampagne der Blairisten.
    Wird Zeit, dass Jez in Partei und erst recht in der Unterhausfraktion kräftig ausmistet.

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