Die Mesut Özils der Architektur

Ein Interview der österreichischen Tageszeitung Standard mit dem Jazz-Vibrafonisten Christopher Dell, der interessanterweise gleichzeitig Professor für Urbanistik ist. „Was Architektur vom Jazz lernen kann“, ist das Thema und Dell bringt hier ganz überlegenswerte Überlegungen zu den Stichworten Improvisation, Flexibilität, Mesut Özil und der traurigen deutschen Ingenieurswirklichkeit, höhö.

STANDARD: Wenn in der Architektur von Improvisation gesprochen wird, meint man meistens: Jemand hat etwas falsch gemacht.

Dell: Das eine ist das planerische Mindset aus Zeiten der Industrialisierung, mit dem man versucht, der Unordnung beizukommen. Gleichzeitig sind im Neoliberalismus die Menschen in eine Zwangsimprovisation entlassen worden. Je mehr den Menschen die Sicherheit entzogen wird, desto mehr verlangen sie danach und denken „Stadt“ nur über „Sicherheit“. Dann ist man schon auf dem ganz falschen Weg, weil man sich selbst ein Gefängnis baut. Und das wird vom Populismus ausgenutzt.

STANDARD: Was kann man dagegen tun?

Dell: Jeder Musiker weiß, dass Improvisation geschützte Übungsräume braucht. Das Überleben der modernen Demokratie hängt davon ab, dass wir solche Improvisationsräume schaffen, in denen wir lernen, die Differenz, das Fremde in der Stadt einfach zu genießen.

STANDARD: Eines Ihrer Bücher trägt den Namen „Stadt als offene Partitur“. Die Seestadt Aspern in Wien hat im Masterplan den Begriff der „Partitur des öffentlichen Raums“ eingeführt. Trifft das für Sie den richtigen Ton?

Dell: Das erinnert mich an den Entwurf einer Idealstadt von GMP Architekten, den Meistern der traurigen deutschen Ingenieurswirklichkeit. Dort haben sie die Fenster nach einer Bach-Partitur über die Fassade verteilt. Das ist Quatsch! Ich würde nie sagen, man kann Stadt machen wie Musik. Die Musik, die ich mache, hat aber immer mit räumlichen Konfigurationen zu tun. Ich will, dass es swingt, und es interessiert mich, wie genau es swingt.

STANDARD: Improvisation funktioniert also nur ohne Dirigenten?

Dell: Was nicht heißt, dass alles formlos ist wie beim Free Jazz. Im Gegenteil. Die Form entsteht aus der Aktivität. Und diese Form muss ich lesen und verstehen, während sie läuft. Das ist wie moderner Fußball. Mesut Özil wird immer angekreidet, dass er so lasch herumhängt. Aber nur, weil man ihn nicht lesen kann. Weil er nicht virtuos ist, sondern prozessual denkt und permanent Räume generiert.

STANDARD: Wer sind die Mesut Özils der Architektur?

Dell: Die Architekten Robert Venturi und Denise Scott-Brown haben den Begriff „pattern of activities“ geprägt, genau darum geht es. Die Architekten Lacaton & Vassal haben das beispielhaft bei der Renovierung des Tour Bois-le-Prêtre in Paris durchexerziert. Sie haben im Vorfeld mit allen Bewohnern geredet und einen Katalog erstellt. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich diese Improvisation als Technologie durchsetzen wird gegen die dumme Flexibilität, die keiner braucht.

STANDARD: Was ist dumm an der Flexibilität?

Dell: Flexibilität ist Neoliberalismus, der Zwang zur permanenten Anpassung. Man fragt nie, worum es geht, sondern sagt nur: Ja, das kann ich. Das wird aufgeblasen mit so einem lächerlichen Macho-Western-Groove.

STANDARD: Und einem Schuss Selbstverwirklichungsesoterik.

Dell: Ja, alles ist „magic“! Wie die Smart City. Smart City ist wirklich das Letzte. Sie wird aber verkauft wie ein Zauberelixier. Man gewährt Firmen den Eintritt in den letzten Handlungsraum, den wir noch haben, um dort das Geld abzuschöpfen. Hände weg von der Smart City! Hin zur reflexiven Urteilskraft aller!

Man wüsste nicht, wo man dem guten Mann konkret widersprechen soll. Ob nun Lacaton und Vasall die Özils der Architektur sind, egal. Es geht Herrn Dell hier offensichtlich um Partizipation, die im Fußball mit dem prozessualen Denken verglichen wird. Das Prozessuale ist die Improvisation, die Räume generiert und dafür nicht den Begriff der Flexibilität braucht, der neoliberal verseucht ist.

Dell legt ganz gut den Finger in Wunden. Smart City ist vom Kapital übernommen und deshalb keine mehr, sondern eine weitere Profitmaximierungsstrategie auf Kosten der Allgemeinheit, ökokorrekt verkleidet. Große Konzerne bekommen hier einen neuen Markt zur Beherrschung und Ausbeutung, natürlich immer schön ökologisch und gar sozial verkleidet.

Die Zwangsimprovisation des Neoliberalismus gegen die Ordnung der Moderne: So kann man das wohl ausdrücken. Arbeitsteilung, Fließband, minimierte Toleranzen und Spaltmaße, Präzision der Maschine: Gegenbilder wurden schon oft entworfen und die sind vielfältig, aber es überleben nur jene, die sich kapitalistisch verwerten lassen. Die Befreiung von der überkommenen Struktur ist nur über neoliberale Improvisationskonzepte zu haben, von denen die Ich AG wohl die bekannteste ist. Auch eine partizipative Architektur wird vom liberalen System nur in den Grenzen erlaubt, die Ausbeutung weiterhin garantieren. Eine ernstzunehmende partizipative Architektur würde erst einmal der Forderung nach Bodenreform – d.h. Abschaffung des Eigentums am und damit des Preises von Boden – nachkommen. Aber da hört die Partizipation im Kapitalismus naturgemäß auf.

Andererseits könnte man die Kritik von Dell als wohlfeil bezeichnen. Wünschenswert wären konkrete Forderungen nach Enteignung, nach Aufhebung jeglicher Bodenspekulation durch Vergesellschaftung. Boden gehört nicht in private Hände. Das würde auch zeigen, dass runde 99 Prozent unserer tollen Politiker die Aufgabe haben, das reichste Prozent reicher zu machen. Anders ausgedrückt: Dass Politiker die Aufgabe haben, genau dieses Verhältnis zu verschleiern. Und um diese klaren Positionierungen sollte es gehen.

Jede Forderung unter diesem Level ist allzuschnell als postmoderne Spielerei entlarvt. Eben auch ein wenig aufgeblasen.

Interessant vielleicht noch die Erwähnung von Venturi und Scott Brown und ihren pattern of activities. Dass Dell die nun umstandslos in partizipative Architektur einbaut, nun ja.

Fade out.

(Foto: genova 2018)

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Eine Antwort zu Die Mesut Özils der Architektur

  1. neumondschein schreibt:

    Dell: Das erinnert mich an den Entwurf einer Idealstadt von GMP Architekten, den Meistern der traurigen deutschen Ingenieurswirklichkeit. Dort haben sie die Fenster nach einer Bach-Partitur über die Fassade verteilt.

    Weil gerade von Bach die Rede war, erinnert mich das daran, daß heute in genau fünf Monaten wieder Weihnachten ist:

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