Noch einmal: Danke, Hans Stimmann!

Nachtrag zum ehemaligen Berliner Senatsbaudirektor, genauer: zu seinem intellektuellen Niveau. Die Welt interviewte Stimmann im Jahr 2000, es ging unter anderem um die Berechtigung von Denkmalschutz für moderne Gebäude.

Zuerst sagt Stimmann ganz richtig:

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man erst mit einigem Abstand bestimmte Qualitäten erkennt und schätzen lernt. Das gilt etwa für viele der hocheleganten 50-er-Jahre-Gebäude.

Um dann nahtlos das Gegenteil zu behaupten:

„Aber vergleichen Sie die mal mit den plumpen, brutalistischen Gebäuden der späten 60-er und frühen 70-er Jahre: Großsiedlungen, Gesamtschulen, plumpe Bürogebäude an Schnellstraßen statt Alleen – das war der Tiefpunkt. Denken Sie an Teile der Bundesallee, Kurfürstenstraße oder Lietzenburger Straße. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man dies in 20 Jahren ganz anders sehen wird.“

Ohne einigem Abstand also kein Schätzen bestimmer Qualtitäten. Dann aber die Verurteilung eines Baustils ohne einigem Abstand. Und schließlich das verräterische Urteil, dass er sich etwas „nicht vorstellen kann“.

So geht die Hybris alter weißer Männer. Was ich mir nicht vorstellen kann, gibt es nicht. In Stimmanns Fall kommt wohl noch das hinzu, was man landläufig Dummheit nennt, also das fehlende Vermögen, offensichtliche argumentative Widersprüche zu erkennen.

Dieser Mann war, man reibt sich verwundert die Augen, mit einer kurzen Unterbrechung zwischen 1991 und 2006 Senatsbaudirektor in Berlin. Im knorken Berlin ist alles möglich.

Auch nicht schlecht:

„… bürgerschaftliches Engagement für hässliche Gebäude kann im Ernst niemand einfordern.“

Ein angeblicher Fachmann argumentiert mit dem Begriff der Hässlichkeit, also mit etwas rein Subjektivem, das vor allem der eigenen Sozialisation und des Zeitgeistes entspringt. Die Bürgerschaft ist offenbar im Besitz einer naturgegebenen Definition von Schönheit, das steinerne Preußenberlin vermutlich, und anderes ist hässlich, krank.

Der Brutalismus hat mittlerweile bekanntlich einige Fürsprecher. Es gab kürzlich eine einflussreiche Ausstellung zum Thema im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, die jetzt nach Wien weitergewandert ist. Was ist das eigentlich laut Stimmann für Leute, die sich – unvorstellbar – für eine plumpe Architektur einsetzen?

Aufschlussreich ein weiterer Auszug aus dem Zeitungsinterview: Es sei in den 1990er Jahren ein besonderer Denkmalschutz entstanden, und zwar…

„… als Bürgerbewegung. Der Staat ist mit dieser Rolle inzwischen überfordert – materiell, geistig, politisch, kulturell.“

Ein indirektes Eingeständnis seiner geistigen Überforderung, würde ich sagen.

Danke dafür.

Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Berlin, Gentrifizierung, Politik, Rechtsaußen abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Noch einmal: Danke, Hans Stimmann!

  1. genova68 schreibt:

    Hört sich gut an, zumindest beim schnellen Lesen. Auf den zweiten Blick ist es schon ernüchternder. Es ist so ein Text, der eher unpolitisch ist, aber ein nettes wording hat. Man will mehr Geld in die Hand nehmen, Baukindergeld, sozialer Wohnungsbau, was aber alles dazu führt, das weiterhin Kapitalinteressen bedient werden, und zwar nicht direkt von den Bewohnern, sondern aus dem Steuertopf. Das ist falsch, denn Wohnen ist billig, wenn Kapitalinteressen ausgeschaltet werden, und genau das wäre der richtige Weg. Macht die SPD aber nicht, naturgemäß, kann man mittlerweile sagen.
    Dann schreiben sie noch, dass das DIW – ausgerechnet – festgestellt habe, dass die Mietpreisbremse schon wirke. Das ist das erste, was ich höre. Ansonsten hört man, dass die Bremse überhaupt nicht funktioniert, und das wurde auch schon von Maas zugegeben. Es ist ja auch erklärbar: Das DIW ist kapitalfreundlich, und die erzählen gerne, dass die Bremse funktioniert, dass also kein Bedarf für weitere Maßnahmen besteht. Und die Entwicklung in Berlin und anderswo sieht doch offensichtlich anders aus. Die SPD will da offenbar einen Misserfolg als Erfolg verkaufen.
    Die Bodenfrage kommt in diesem Wohlfühltext überhaupt nicht vor, er ist ein weiteres Zeichen für den Niedergang dieser Partei.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.