Von den Chancen im Kapitalismus

Jeder kennt solche Situationen: Man erfährt von einem unerhörten Geschehen, das einen sofortigen Aufstand, eine Rebellion auslösen müsste. Aber zugleich hat man von diesem Geschehen schon hundertfach gehört und bislang ist nichts passiert.

Man könnte nun eine Menge Geschehnisse vortragen. Die Situation der schwarzen Erntehelfer in Spanien und Italien, beispielsweise. Oder erzählen, dass man für das Nähen von Hemden für den deutschen Mann in Bangladesh einen Monatslohn von 9,50 Euro bekommt.

Aber das ist weit weg und der Mensch ist nun mal so angelegt, dass ihn das, was ein paar tausend Kilometer entfernt ist, nicht nachhaltig interessiert.

Anders könnte es sich mit der Gentrifizierung in deutschen Städten verhalten. Der Spiegel berichtete in der letzten Woche in seiner Printausgabe mal wieder über steigende Mieten inklusive herzzerreißender stories wohnungssuchender Familien und Alleinerziehender.

In Berlin ist die durchschnittliche Miete bei Neuvermietungen in den letzten zehn Jahren um 83 Prozent gestiegen. Die erste Stadt, in der der Preisanstieg lediglich der Inflation entsprach, ist mit 20 Prozent Essen. Man könnte sagen, dass in allen deutschen Städten zwischen Berlin und Essen die kapitalistische Bestie sich ungehemmt austoben darf. Aber wir sind ja human und liberal.

Die Fallbeispiele sind die üblichen. Allerdings sticht der Fall einer alleinerziehenden Mutter zweier Kinder heraus. Sie bewarb sich für eine 60-Quadratmeter-Wohnung in Frankfurt:

Die Vermieterin, die die Wohnung ihres verstorbenen Vaters zum ersten Mal auf den Markt gebracht hatte, wollte ihr eine Chance geben.

Das Wording ist beachtenswert. Ein schönes Land, das einer alleinerziehenden Mutter eine Chance aufs Wohnen gibt. Das nennt man im Kapitalismus Sozialstaat. Die „Chance“ kam übrigens nur durch die rein freiwillige Herablassung der Vermieterin zutage.

Ein schönes Land, in dem man sich für eine völlige Selbstverständlichkeit, nämlich eine Wohnung, „bewerben“ muss. Und das mit dem angeblichen „Markt“, auf den man eine Wohnung „bringt“, sollte eine Journalisten (in diesem Fall ist es eine Journalistin, Anne Seith, vormals taz) auch stutzig machen.

Das schöne Land wird noch schöner, wenn man sich den weiteren Gang der Dinge in der neuen Frankfurter Wohnung der Alleinerziehenden Frau Sommer durchliest:

Sommer muss in der Zweizimmerwohnung nun zwar im Wohnzimmer nächtigen und die Miete frisst die Hälfte ihres Einkommens auf. Aber ihre Kinder schlafen wieder besser.

Aber so soll nicht meckern, sie hat ja eine Chance bekommen. Es kommen einem der  Engelsche Text Die Wohnungsfrage von 1872 in den Sinn. Wir entwickeln uns dank fortgeschrittenem Kapitalismus prächtig.

Neoliberalismus bedeutet hier einerseits den Wohnungsmarkt kapitalisieren, damit auch hier Rendite erzielt werden kann, und andererseits die gesellschaftlich hergestellten Verhältnisse als Naturverhältnisse anzusehen. Die Mutter hat der bösen Natur immerhin noch den besseren Schlaf für ihre Kinder abgerungen. Sie hat also ihre Chance zumindest teilweise genutzt.

Billige Wohnungen für alle sind heute produktivitätstechnisch einfach zu machen. Fünf Euro für den Quadratmeter sollten die Höchtsgrenze sein. Oder vielleicht zehn Prozent des Einkommens. Alles andere ist gesellschaftlich bedingt. Jeder Euro und jedes Prozent drüber sind Ausdruck eines menschenverachtenden Wirtschaftssystems, dessen wesentliches Ziel die Ausbeutung des einen durch den anderen ist.

Der Faschismus funktionierte mit anderen gesellschaftlichen Begriffen als der heutige Neoliberalismus. Der Sozialdarwinismus als Grundlage ist beiden gemein: Überleben soll nur der Stärkere. Und der Stärkere ist der, der entweder konsumieren kann oder aber Rendite erzielt. Tertium non datur. Immerhin: Im Neoliberalismus bekommen alleinerziehende Mütter eine „Chance“, wenn das Kapital gerade mal – und eigentlich in unverantwortlicher Weise, da unter dem Wert der maximal erzielbaren Rendite bleibend – gnädig ist.

Man könnte hier eine Verbindung zum allgemeinen Rechtsruck in der Gesellschaft herstellen. Über die aktuelle Diskussion, ob man Schiffbrüchige nicht absaufen lassen sollte. Oder über Spiegel-Titelbilder, die suggerieren, dass „wir“ mittlerweile so schwach sind, dass „wir“ untergehen. Auf dem Boot namens Deutschland sozusagen. Statt Ausbeutungsverhältnisse zu benennen, sind nun „die Deutschen“, wer auch immer das sein soll, Opfer. Täter sind dann also Leute, die gerade mal ein nasses Hemd auf dem Leib tragen.

Die oben erwähnten 83 Prozent in zehn Jahren: Man könnte die konkrete Ausbeutung ausrechnen. Wie viel Geld jeden Monat auf die andere Seite gescheffelt wird, in dieser demokratischen, freien, liberalen und sozialen Gesellschaft. Die verantwortlichen Politiker auf Landes- und auf Bundesebene zeigen mit diesen 83 Prozent ihre Gesinnung.

Fuck the system, wie man sagt.

Im gleichen Spiegel-Heft, nur ein paar Seiten weiter, diskutiert Christoph Hickmann (vormals Süddeutsche Zeitung) über die Chancen einer rot-rot-grünen Koalition auf Bundesebene. Ergebnis: Könnte schon irgendwann kommen.

Könnte aber auch sein, dass es egal ist.

(Foto: genova 2018)

Dieser Beitrag wurde unter Berlin, Deutschland, Gentrifizierung, Kapitalismus abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Von den Chancen im Kapitalismus

  1. Jakobiner schreibt:

    Ja. diese Verinnerlichung und Internalisierung neoliberaler Kapitalismuslogik ist an unserem Stammtisch am Beispiel des alten Fritz, eines ehemaligen Sprachlehrers zu beobachten. Ein jkahrzehntelanges SPD-Mitglied, der in der Schröderära anfing sich mit Anleihegeschäften und Ökonomie zu befassen , die Agenda 2010 lobt, mehr Aktienkultur fordert, ökonomische Bücher wie etwa Krugman, Stiglitz und den Ayn Rand- Schüler Alan Greenspan wälzt (Das Kapital hat er nie gelesen, kritisiert es aber desto heftiger vom Hörengesagten), um dann seine Rente in Argentinienanleihen zu investieren, die dann wertlos wurden angesichts des Staatsbankrotts. Was den guten Fritz nicht davon abhält, der neoliberalen Ideologie weiter zu fröhnen. Bezüglich Wohnungsnot und Obdachlosigkeit ist er der Ansicht, dass die Mneschen früher auch bestenfalls in Höhlen gewohnt haben und Obdachlose Freigeister eeien, die ein romantisches ungebundenes Leben in der freien Natur etwa zu schätzen wüssten im Gegensatz zu dern domestzierten, verweichlichten und denaturierten Großstädtern. Abreitslosigkeit–liegt an jedem selbst, die Leute sind zu faul, wollen sich nicht weiterbilden und Harzt 4 verleite ohnehin zum Gammeltum und der Fernsehcouch. Altersarmut–mehrAktienkultur und der Dax hat sich über die Jahrzehnte verzehnfacht und werde tendenziell immer weiter steigen. Selbst schuld, wer da keine Aktienkultur pflege. Der deutsche sei halt nicht flexibel genug und risikobereit wie der Amerikaner. Die eigenen Verluste ala Argentinienanleihen und Manfred Krugscher Telekom-Volksaktie lässt er nicht gelten. Dass seien Anomalien und Ausreisser, die an der Richtigkeit der Tendenz nichts änderten. Privatisierung? Schaffe doch neue Anleihemöglichkeiten und wer dann da einsteige, brauche sich um Mindestlohn und Altersarmut dann keine Gedanken mehr zu machen.Schöne neue Welt!

    Liken

  2. genova68 schreibt:

    Aktienkultur ist ein lustiges Wort. Man sollte dem Fritz mal sagen, dass seine Aktiennummer eine Nullnummer ist, unterm Strich. Für den Einzelnen kann das funktionieren, aber nie für alle.

    Bei Fritz verstehe ich nicht, warum er in der SPD ist. Ich will die nicht verteidigen, aber da könnte man doch etwas originelleres nehmen, FDP oder AfD.

    Liken

  3. Jakobiner schreibt:

    Fritz würde auf Fragen nach seinem Selbstverständnis und der Aktienkultur sagen: „Ich bin eine Ich AG-ich bin der Staat“.

    Liken

  4. genova68 schreibt:

    Dieser Fritz scheint mir hochgradig verwirrt.

    Liken

  5. Jakobiner schreibt:

    „Bei Fritz verstehe ich nicht, warum er in der SPD ist.“

    Die SPD erneuert sich gerade personell. Zum einen werden mit Finanzminister und Vizekanzler Scholz sowie dem neuen SPD- Generalsekretär Lars Klingbeil zwei eingefleischte Vertreter des neoliberalen und konservativen Seeheimer Kreises Toprepräsentanten der SPD. Und nun ist auch folgendes zu lesen:

    „Finanzminister Olaf Scholz (SPD) hat seine Führungsmannschaft zusammen. Dabei sind zwei handfeste Überraschungen: Zum einen sichert er sich die Dienste eines der beiden Deutschlandchefs der Investmentbank Goldman Sachs, Jörg Kukies. Zum andern kehrt Werner Gatzer von der Bahn ins Bundesfinanzministerium zurück.(…)

    Kukies wird sich unter Scholz um die Europapolitik und Finanzmarktregulierung kümmern. Der 50 Jahre alte Ökonom hat ein wahrhaft schillernden Weg zurückgelegt. Er war vor Andrea Nahles Vorsitzender der Jungsozialisten in Rheinland-Pfalz. Der Sozialdemokrat studierte in Harvard und promovierte an der renommierten Universität von Chicago. Anschließend startete er seine Karriere bei Goldman Sachs, für die er London und Frankfurt arbeitete.In Amerika ist es üblich, dass Manager Verantwortung für das Land übernehmen – und möglicherweise hinterher wieder in die Wirtschaft wechseln. In Deutschland ist das eher die Ausnahme.

    Der frühere und künftige Haushalt-Staatssekretär Gatzer dürfte ebenfalls wieder mit weniger Geld auskommen müssen. (…) Die Initiative, ihn zurückzuholen, soll von Scholz ausgegangen sein. Dieser kann den Erfahrungsschatz Gatzers gut gebrauchen. Viel Zeit hat der SPD Politiker nicht, um den Haushaltsentwurf für das laufende Jahr vor zu legen. Gatzer wurde unter dem Sozialdemokraten Peer Steinbrück Haushalts-Staatssekretär. Zu allgemeiner Überraschung blieb das SPD-Mitglied auf der Position, als Wolfgang Schäuble (CDU) das Haus übernahm. Zudem wird Gatzer für die Abteilungen Zentrales und Privatisierungen/Beteiligungen verantwortlich sein.“

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/goldman-sachs-chef-joerg-kukies-wechselt-ins-finanzministerium-15501552.html

    Während also der zwergenaufständische Kevin Kühnert samt Parteilinken etwas von einem Linksruck und einer Erneuerung der SPD hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit schwadronieren, schaffen Scholz und der Seeheimer Kreis schon Fakten. Altbewährte Austeritätspolitiker mit einer Kontinuität von Steinbrück zu Schäuble bis hin zu einem Ex-JuSovorsitzenden, der nun die Sozialdemokratie im Namen von Goldmann Sachs und umgekehrt vertritt.Solche JuSos lobt sich der Seeheimer Kreis und so sieht wohl auch der Prototyp des JuSos aus Sicht der Genosse der Bosse aus:

    Ich bin gerade im Internet über einen alten Bekannten gestolpert. Christoph Moosbauer, der damals Münchner JuSO-Chef in den 90ern war.Er hat sich zum eifrigen Lobbyisten entwickelt und arbeitet jetzt als Türöffner für die Wirtschaft bei der Consilius AG. Wohl ganz eine Karriere, die Sozialdemokraten des Seeheimer Kreises als neuer Prototyp eines JuSos so vorschwebt. Keine Klassenkämpfer mehr, sondern wirtschaftlich kompetente Macher, die den Unternehmen ihre Wünsche von den Lippen ablesen und diese exekutieren.

    SO muss der JuSo der Zukunft aussehen.Unten als Kostprobe das Mission-Statement von Consilius–wie verscherbelt man Staatsunternehmen und privatisiert sie–das Ganze garniert mit einem Sinnspruch von John F. Kennedy–freilich nicht das berühmte“ Frag´nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern, was du für dein Land tun kannst“. Mit solch idealistischem Quatsch gibt sich kein Ex-JuSo mehr ab
    http://www.concilius.com/index.php/de/vorstand-geschaeftsleitung/christoph-moosbauer

    Ein Genosse der Bosse wohl ganz wie er Ex-JuSo-/Gazprom-/Rosneft-Gerhard Schröder, RWE-/Citibank-Clement, ING-DIBA-Bank-Steinbrück, Oppermann, Gabriel, Klingbeil und Scholz als Seeheimer JusO-Modell vorschwebt.Wenn das noch der alte Stamokap-Flügel der JuSos miterleben hätte dürfen.Da muss sich JuSo-Chef Kevin Kühnert noch richtig anstrengen.

    Was also ist bei einer SPD-Mitgliedschaft vom Fritze nicht zu verstehen?

    Liken

  6. genova68 schreibt:

    Eine SPD-Mitgliedschaft würde sich aus dieser Perspektive nur lohnen, wenn man selbst Karriere macht. Warum sonst sollte ich in so einem Verein Mitglied sein und Beiträge zahlen? Die Frage bei der SPD heute ist ja: Lohnt es sich für mich persönlich? Wo lohnt es für Fritz?

    Liken

  7. Jakobiner schreibt:

    Naja, die Deregulierung der Finanzmärkte wurde unter rot-grün ja vorangetrieben und da war die SPD Vorreiter. Das unterstützte auch der Fritz, da er sich da lohnende Finanzprodukte, die ihn reich machen erwartete. Aber du hast schon recht–mit der Einstellung könnte man noch besser bei der FDP oder der Partei der Vernunft und den Liberatären sein.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.