Betrachtungen zum Flaschenmaler

Dieser mäßig freundlich dreinblickende Maler heißt Giorgio Morandi. Er lebte von 1890 bis 1964 und an ihm ist zweierlei bemerkenswert. Erstens lebte er durchgängig in seiner Geburtsstadt Bologna, und zwar in einer bescheidenen Wohnung zusammen mit seinen Schwestern bis zu seinem Tod und er reiste fast nie. Zum ersten Mal verließ er Italien im Alter von 66 Jahren: Er fuhr zu einer Ausstellung in die Schweiz. In unseren Easy-Jet-Set-Zeiten ist das geradezu ein Alleinstellungsmerkmal. Morandi, der Antitourist.

Zweitens malte er fast ausschließlich Vasen und Flaschen und Aschenbecher, Stillleben also, und zwar nur solche, die nie gelebt haben. Also keine Tiere und nicht mal Obst. Der Hamburger oder Berliner (das ist eigentlich egal heutzutage) Maler Daniel Richter merkte über den Cézanne Italiens vor ein paar Jahren in einem Interview mit Hanno Rauterberg von der Zeit ganz richtig das hier an:

 

ZEIT: Was bleibt der Kunst? Kritischer werden?

Richter: Wenn sie kritisch ist, freut es mich, es muss aber nicht sein. Ich kann mich auch für Maler wie Giorgio Morandi begeistern…

ZEIT: Diesen Flaschenmaler?

Richter: Genau, diesen Flaschenmaler, manchmal hat er auch Aschenbecher gemalt.

ZEIT: Was gefällt Ihnen an diesen Bildern?

Richter: Vor allem das, was ich nicht beherrsche: die feinen Abstufungen, das Cremig-Pastose, das hohe Maß an malerischer Differenzierung und Präzision.

ZEIT: Sie meinen das Malerische? Ist das nicht auch so ein Begriff, der als reaktionär gilt?

Richter: Mich begeistert schon diese Form von malerischer Rhetorik, der Umgang mit der Farbe, am Ende also der Reiz des Sehens. Eines weiß ich jedenfalls: Das Motiv ist für mich zweitrangig.

Das Motiv ist zweitrangig, so ist es.

Die folgenden Bilder heißen alle natura morta, unterscheiden sich namentlich nur durch ihre Nummerierung, Öl auf Leinwand, und sind zwischen 1939 und 1961 entstanden:

Sie hängen alle im museo morandi, das naturgemäß in Bologna zu finden ist. Ein ganzes Museum voller Flaschen und Vasen und Aschenbecher in Brauntönen. Irgendwie autistisch. Ganz hervorragend.

Giorgio de Chirico sagte schon 1922 über Morandi:

Er betrachtet eine Gruppe von Objekten auf einem Tisch mit dem Gefühl, das einst die Herzen der Reisenden höher schlagen ließ, wenn sie im alten Griechenland die Wälder, die Täler, die Berge bewunderten, welche den erschreckenden, unerreichbar schönen Gottheiten als Wohnstätte gedient haben sollen.

Das könnte sehr gut beobachtet sein. Morandi als jemand, der mit pochendem Herzen sich Vasen und Flaschen und Aschenbecher in seiner Wohnung anschaute, jeden Tag, immer wieder aufs Neue, immer wieder neu, und dann malte. So jemand muss nicht reisen. Überhaupt werden mir Reisende immer verdächtiger: Menschen, die nichts sehen und nichts hören und deshalb immerfort reisen müssen. Touristen als die Ignoranten unserer Zeit.

Zurück zu Morandi. Solche Bilder verlassen schon ein wenig das Figurative, klopfen an der Abstraktion an. Zwei Flaschen mit irgendwas dazwischen, Öl auf Leinwand, von 1959.

Fairerweise muss man sagen, dass er manchmal auch Landschaften malte. Wobei die Bilder dann denen von Vasen und Flaschen und Aschenbechern gleichen: Es sind abstrahierte Gegenstände im nur ansatzweise dreidimensionalen Raum. Die Bilder sind fast allesamt im Format so um die 30 x 40 cm. Kein Wunder, bei der kleinen Wohnung.

Vier Landschaften, Öl auf Leinwand, entstanden zwischen 1961 und 1963:

Es war die Zeit, in der figurative Malerei verpönt war, alles Abstrakte war angesagt, wie man sagt, vom Rechtwinklig-Konstruktiven bis zum Expressionistischen.

Sehr schön ist auch diese Aufnahme von Morandi:

Der Maler beim intensiven Studium seiner Objekte. Vermutlich mit Herzklopfen.

Die Biographie fasziniert. Ein Mann lebt zeitlebens in derselben kleinen Wohnung und malt Flaschen, Vasen und Aschenbecher in Brauntönen. Dann stirbt er. Er erinnert an literarische Figuren der Moderne, mich zumindest allen voran an Fernando Pessoa. Der lebte zeitlebens in einer kleinen Wohnung in Lissabon und schrieb und ging jeden Mittag essen und schrieb dann weiter. Er packte die Manuskripte in eine Kiste. Dann starb er.

Die Welt bräuchte mehr Morandis und Pessoas und weniger eitle Selbstdarsteller, ob sie nun Donald Trump heißen oder Jakob Augstein. Menschen, eigentlich immer Männer, die zu allem eine Meinung haben und dadurch vor allem zeigen, dass sie sich für omnipotent halten und nichts wissen.

Vielleicht haben sie nur einen kleinen Pimpel. Morandi hatte sicher den Größten.

P.S.: Die amerikanische Konzeptkünstlerin Catherine Wagner hat das Werk Morandis interpretiert. Vielleicht demnächst dazu mehr hier.

(Fotos: abfotografiert von genova 2017 sowie wikiart)

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