Adidas: „Drei Streifen Ausbeutung“

Der Kapitalismus ist permanent bemüht, sein asoziales Verhalten zu verschleiern. Das ist nicht neu, aber immer wieder erwähnenswert. Eine Vorreiterrolle spielen die weltweit operierenden Marken, beispielsweise adidas. Die haben eigene Läden, vor denen Hipster bei Neuveröffentlichungen von Schuhen stundenlang schlangestehen, und ein cooles, frisches Image. Adidas gilt nach wie vor als das nette mittelständische Unternehmen, auch noch aus dem Fränkischen, wo die Welt sowieso in Ordnung ist. Wer diesen Dialekt spricht, kann nichts Böses im Schilde führen.

Passend zur WM berichtet die taz („Drei Streifen Ausbeutung“, 10.7., S. 19) über die Fakten, die in ihrer Tendenz seit Ewigkeiten bekannt sind, aber niemanden stören. Kurzer Auszug und eigene Ergänzungen:

  • Adidas hat ein perfektes Outsourcing-System entwickelt: Sie haben in 55 Ländern rund 800 Lieferantenbetriebe unter Vertrag.
  • Der Umsatz stieg von runden sechs Milliarden Euro 2004 auf über 21 Milliarden Euro 2017.
  • Der Gewinn lag im letzten Jahr bei über zwei Milliarden Euro. (Ich glaube, vor Steuern)

Über die Kehrseite lernt man etwas, wenn man sich die Zahlen eines Zulieferbetriebs in Honduras anschaut. Ein Arbeiter bekommt dort runde 280 Euro im Monat. Eine Einzimmerwohnung kostet in Honduras laut 250 Euro Miete, ein Brot einen Euro.

Am bemerkenswertesten – oder auch nur: am konsequentesten – ist die Entwicklung beim Arbeitskostenanteil, also bei dem Teil der Produktkosten, die für Arbeitslöhne ausgegeben werden müssen. Bei Adidas – und auch bei Nike – ist dieser Anteil seit 1995 um knapp ein Drittel gesunken. Konkret: Der Lohnanteil liegt bei sagenhaften 2,5 Prozent. Für Markenwerbung gehen 25 Prozent drauf.

Man kann nun den Adidas-Verantwortlichen Vorwürfe machen oder auch nicht. Es ist die Logik des Systems. Man nennt es euphemistisch Globalisierung und Freihandel und sorgt erstens dafür, dass die Schuhe spottbillig hergestellt werden. Und man sorgt zweitens via Marketing – vielleicht sollte man das besser brainwashing nennen – dafür, dass die Konsumenten freudig erregt hohe Preise für die Billigschuhe bezahlen, weil man ihnen unterjubelt, sie seien es Wert, sowohl materiell als auch ideell. Von Adidas-Affinen wird gerne behautpet, man stecke ja soviel Geld in die „Forschung“.

Dieses Asi-Verhalten nötigt dann doch Respekt ab. So wie man die Konstrukteure einer Atombombe bewundern kann. Die Bewunderung ist hier eine spezielle Form der Arbeitsteilung, wie im ganzen System. Der Einzelaspekt ist ein zielgericheter, erfolgreicher Vorgang, das Gesamtergebnis ein desolates. Menschliche Intelligenz wird effektiv eingesetzt, auch wenn dabei asoziale Zustände herauskommen. BWL schlägt VWL.

Die eigene Aufwertung, indem man ein Markenprodukt trägt, korrespondiert mit der Ausbeutung derer, die das Produkt herstellen. Die Meldungen von permanent steigendem Gewinn und Umsatz bei Adidas werden von deren Apologeten stolz verbreitet. Man schämt sich dessen nicht, sondern betrachtet gesellschaftliche Ausbeutungsverhältnisse als Kennzeichen erfolgreichen wirtschaftlichen Verhaltens. Die Öffentlichkeit macht bis auf wenige Ausnahmen mit.

Ein Marketinganteil, der den Arbeitskostenanteil um das zehnfache übertrifft: Das ist die notwendige Bedingung für wirtschaftlichen Erfolg, scheint es. Für den sogenannten Konsumenten wird die Perversion der Verhältnisse übertüncht. Und zwar geschickt, ästhetisch auf dem aktuellen Stand und ohne jede Ideologie. Die Produkte sollen auch Linksradikale tragen und Vertreter des einfachen, bewussten Lebens: Yoga, Meditation, egal.

2018 sollen der Umsatz bei Adidas übrigens um zehn Prozent und die Gewinne um 15 Prozent steigen. Keine Sorge.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Kapitalismus, Neoliberalismus abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Adidas: „Drei Streifen Ausbeutung“

  1. miesvandenbergh schreibt:

    Geht es am Ende nur noch darum, welchen Konzern (Kraft, Nestlé, P&G, Johnson & Johnson, Unilever, Mars, Kellogg’s, Pepsico und CocaCola im Lebensmittelsektor) man als Kunde bereichert, wer wo noch Arbeitsplätze bietet, wer was sponsort, wer welche Verbrechen begeht…. 😢

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.