Kurze Bemerkung zu meiner Postmodernerezeption

Die Wiederlektüre mancher Texte postmoderner Architekturtheorie zeigt, dass diese (nicht nur) deutsche Architekturdebatte ab Beginn der 1980er Jahre im Wesentlichen künstlich, auf alle Fälle einseitig war. Das, wogegen sich die Apologeten postmoderner Architektur angeblich wandten, nämlich die CIAM-Moderne, war architektonisch – und städtebaulich auch, wenngleich nicht so deutlich – schon passé. All die interessanten Gebäude, die nach 68, um ein grobes Datum zu nennen, gebaut wurden, haben die völlig berechtigte Kritik am CIAM mannigfaltig umgesetzt. Beispiele dafür findet der aufmerksame Spaziergänger an jeder zweiten Ecke, so zum Beispiel im Mannheimer Stadtteil Vogelstang: das evangelische Gemeindezentrum, 1968 von dem ungemein angenehmen und im Mannheimer Raum bedeutenden Architekten Carlfried Mutschler gebaut:

Postmodern könnte man hier schon die Materialverwendung nennen: Ziegel werden großzügig als Blendmaterial eingesetzt, gleichzeitig markiert Sichtbeton die stützenden Teile. Der Kubus kommt genauso zur Anwendung wie der Zylinder. Es gibt eine Höhenstaffelung genauso wie einen großzügigen, freien Eingangsbereich. Auf dem Modelbild links sieht man die organische Anordnung der vielen Baukörper, die allesamt in Bezug zueinander stehen. Eine geschwungene Betonbank mildert die Grenze zwischen Gebäude und Straße und schafft so einen halböffentlichen Bereich, der so organisch rüberkommt wie die ganze Anlage.

Was ich nicht beurteilen kann, in der Fachliteratur aber behauptet wird, ist die durchdachte inhaltliche Anordnung. Und genau das ignoriert postmoderne Architekturtheorie in weiten Teilen. Es ging eigentlich immer nur um Fassade, um Repliken, um ein Säulchen hier und ein Gesims da, um Zitate ohne inhaltlichen Sinn.

Einflussreich war seinerzeit „Unsere postmoderne Moderne“ von Wolfgang Welsch. Der Philosoph betrachtete die Entwicklung der Postmoderne explizit auch auf dem Gebiet der Architektur und versuchte, ihr mit philosophischen Begriffen Inhalt einzuflößen. Es ging da um Vielheit, Doppelkodierung, Gleichzeitigkeit, Mehrsprachigkeit. Das klingt alles gut, ist aber noch kein inhaltliches Konzept. All diese Begriffe wurden fast ausnahmslos auf die Fassade – bestenfalls auf die Baukörper – angewendet. Wie sich das inhaltlich zum Zweck des Gebäudes verhielt, war egal. „Architektur ist eine betont öffentliche Kunst“, schrieb Welsch und verkannte damit die andere Hälfte: Architektur ist eine Sache des Gebrauchs. Davon abgesehen hätte die Diskussion um Verfehlungen moderner Architektur auch unter dem ökonomischen Aspekt behandelt werden müsssen. Da war nur: Fehlanzeige.

Das Mannheimer Gemeindezentrum ist ebenso dem Strukturalismus zuzurechnen wie die benachbarte Geschwister-Scholl-Schule, ebenfalls von Mutschler rund zwei Jahre später erbaut; heute würde man den Kasten vermutlich mit dem Trendbegriff „Brutalismus“ versehen, egal. Ich werde diesen Kasten allen Leserinnen und Lesern, die es naturgemäß kaum noch erwarten können, demnächst an dieser Stelle vorstellen.

Schaut man sich das Gemeindezentrum an, fragt man sich, gegen welche Moderne ein Wolfgang Welsch 1987 in Unsere postmoderne Moderne sich wandte. Auf der Liste seiner Meinung nach wegweisenden zeitgenössischen – also postmodernen – Architektur finden sich allen voran Hans Hollein und James Sterling. Ersterer wurde durch mehrere kleine Läden in Wien bekannt, vor allem durch deren Fassaden. Das ist nett, aber architektonisch eher ein Detail. Sterlings Stuttgarter Staatsgalerie kann sich als ein gelungenes Beispiel postmoderner Architektur gelten. Schließlich nennt Welsch als typischen Postmodernisten noch Oswald Matthias Ungers mit seinem Frankfurter Architekturmuseum, dem Haus im Haus. Nun ja, Ungers selbst hatte kein Interesse an der Etikettierung postmodern.

Dabei wäre es in den 1980ern bei der Kritik er CIAM-Moderne unbedingt nötig gewesen, auf die strukturalistische Architektur seit den 1960er Jahren hinzuweisen, auf Herman Hertzberger, Aldo van Eyck, auf Moshe Safdie, die Smithsons oder eben regional wirkende Leute wie Mutschler. Ganz zu schweigen von den Bemühungen um partizipative Architektur, beispielsweise Lucien Kroll und seine Universitätsgebäude im belgischen Leuven. Sie ignorierte Welsch, vermutlich, weil die sich inhaltlich mit Gebäuden auseinandersetzten, Architektur gerade nicht mehr als Fassadenkunst betrachteten. Das passst mit der in weiten Teilen regressiven Auffassung von Architektur, der die meisten Postmodernisten anhingen, nicht zusammen. Architektur als Fassadenkunst, hinter der der Inhalt zurückzustehen hatte. Ricardo Bofills Sozialpaläste bei Paris sind da wohl das beste Beispiel.

Architektur als Fassadenkunst und dort sind dann bitteschön Rückgriffe ins geschichtliche Repertoire auszuführen. Hier ein Säulchen, dort ein Gesims, stehende Fenster und nette Applikationen. So gesehen ist die Postmoderne der Vorreiter des Neokonservatismus, der Rekonstruktion, des vermeintlich Identitären, des regressiven Heimatbegriffs. „Die Postmoderne lebt als Neotraditionalismus und Wille zur Rekonstruktion weiter“, schrieb 2010 der hervorragende Architekturtheoretiker Werner Sewing und das bedeutet eben, dass die Postmoderne im Wesentlichen keine Erneuerung und Korrektur moderner Architektur war, sondern der Versuch, rechte Architektur zu etablieren.

Man sollte sich intensiver damit auseinandersetzen und gleichzeitig die paar Postmoderneapologetiker retten, die in der Tat wegweisend waren und mit rechter Apologetik nichts am Hut hatten; Heinrich Klotz, zum Beispiel.

Mutschler plante übrigens, zusammen mit Frei Otto (Münchner Olympiastadium), die ebenfalls in Mannheim entstandene Multihalle im Herzogenried-Park. Auch dazu vielleicht demnächst etwas in diesem Theater.

(Fotos: genova 2018)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Architektur abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.