Vom Figürlichen zur Abstraktion

Cornelius Völker, Schwimmer, 1996, Öl auf Leinwand, 150 x 221

Im Detail:

Dieses Bild hing kürzlich im sehr angenehmen Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen, der sympathischen Rheinmetropole im Südwesten unseres Vaterlandes. Wie überhaupt eine Stadt wie Ludwigshafen ein ganz hervorragendes Reiseziel für jeden an Städten interessierten Menschen – also naturgemäß nur für ein paar Prozent der Bevölkerung – darstellt. Es geht dort den Bach runter, aber daraus entstehen nette Initivativen und Neues, authentisch, wie man sagt, und es gibt viel interessante Nachkriegsarchitektur, die nicht dem Druck der Weiterverwertung unterliegt. Eine Fußgängerzone mit vielen leerstehenden Geschäften ist einerseits in der Tat eine Fußgängerzone mit vielen leerstehenden Geschäften, andererseits in kapitalistischer Umgebung auch ein Refugium, ein Hort für den Menschen an sich. Die Zeit bleibt ein wenig stehen. Aus Trendzonen Berlins kommend wirkt sowas sehr positiv. Dazu fließt durch Ludwigshafen der Rhein, ohne Zweifel der sympathischste Fluss Mitteleuropas.

Cornelius Völker, den ich vor meinen Ludwigshafenbesuch nicht kannte, scheint einer von denen zu sein, die sich nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen darüber, ob man nun figurativ oder abstrakt zu malen habe, für beides entschieden haben. Der Schwimmer paddelt in einer giftig-grünen Brühe, vielleicht der Rhein in BASF-Nähe.

Vielleicht ist das Bild nicht sonderlich originell, vielleicht ist es eine Weiterentwicklung der Expressionisten, ich weiß es nicht. Es gefällt in Verbindung des Unsicheren, Kranken, Giftigen, Wabernden, Bedrohenden mit dieser flüchtigen Maltechnik, die all das unterstreicht, fördert.

Faszinierend bei solchen Bildern zwischen Figurativ und Abstrakt ist das Phänomen der Auflösung, wenn man näher kommt. Der Schwimmer zerlegt sich zuerst in seine Einzelteile und ist beim noch näher drangehen gar nicht mehr vorhanden. Das einzige, was bleibt, ist seine Bademütze.

Ein Bild über das Phänomen der Auflösung hängt in einer Stadt der Auflösung: Beides kann man als Neuordnung interpretieren und so ist alles gut.

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(Darf man so ein Bild aus dem Museum eigentlich fotografieren und in einen Blog stellen? Die verwaltete Welt hat auch darauf sicher eine Antwort. Vermutlich eine regressive.)

(abfotografiert von genova 2017)

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2 Antworten zu Vom Figürlichen zur Abstraktion

  1. dame.von.welt schreibt:

    Erstaunlich. Bevor ich Ihren Text gelesen habe, hatte ich den Schwimmer nicht in einer giftig-grünen Brühe paddeln sehen, sondern auf Bäume am Ufer, Schatten und Farbreflektion geschlossen. Und ich habe Teile meiner Kindheit sozusagen im Schatten der Bayerwerke verbracht, kenne den Rhein also noch in übel verseucht.

    Wahrnehmung (und dazu gehört auch die Distanz vom Bild) ist schon eine interessante, weil extrem individuelle Angelegenheit.

    (Wenn im Museum das Fotografieren nicht ausdrücklich verboten wird, ist es erlaubt. Sie könnten die Meinung vertreten, mit Ihrem Foto ein neues Werk geschaffen zu haben, das Sie selbstredend in Ihren Blog einstellen können. Außerdem haben Sie den Namen des Malers genannt.)

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  2. genova68 schreibt:

    Die Rezension des Hackmuseums und auch eine andere sah das so wie Sie: Das Grün als Ausdruck intakter Natur. Mir fiel spontan die giftige Brühe ein oder auch so eine Algen-Frösche-Brühe. Wahrnehmung ist individuell, selbst wenn es um sogenannte Fakten geht. Zwei plus zwei ist vier, aber wenn man die Zahlen mit Invidivuellem füllt, sieht das schon anders aus.

    (Gut möglich, dass das Fotografieren dort verboten war und ich es nur nicht gelesen habe. Es kommt offenbar demnächst auch ein neues Urheberrecht, das uns allen beim Zitieren Probleme bereiten könnte. Wir sind gespannt.)

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