Fachwerk und Faschismus (2): Die Reaktionen

Die Reaktionen auf Trübys Artikel über die Hintergründe der neuen Frankfurter Altstadt – ich habe hier darüber berichtet – ließen nicht lange auf sich warten. Wolfgang Hübner selbst meldete sich bei pi-news zu Wort. Interessant ist in diesem Artikel die typisch neurechte Verdrehung von Realitäten:

Die kurz vor der Fertigstellung stehende Neue Altstadt in Frankfurt am Main war und bleibt ein Hassobjekt jener mächtigen elitären Schicht von modernistischen Architekten und Planern, die großen Anteil an der „Unwirtlichkeit unserer Städte“ in Deutschland zu verantworten haben.

Diese mächtige und „elitäre“ (offenbar ein Schimpfwort) Schicht hasst, was auch sonst. Allerdings ist sie offenbar nicht mächtig genug gewesen, die Altstadt zu verhindern. In selbe Horn stößt Hübners Versuch, den rechten Journalisten Wolfschlag als aufrechten Underdog zu platzieren:

Im Gegensatz zu seinem als Professor wohlbestallten Denunzianten Trüby hat sich Dr. Wolfschlag für den schweren Weg des aufrechten Gangs in diesem weit nach links gerutschten Land entschieden.

Wolfschlag als Vertreter des Volkes, des Pegidavolkes vermutlich, als Gegenspieler des von der mächten Elite rundumversorgten Professors. So geht Legendenbildung, die wichtig ist fürs rechte Selbstverständnis: Wir sind das bedrohte Volk, bedroht von den eigenen Eliten. Trüby ist im weiteren ein „Denunziant“, der weiterhin dem „Schuldkult“ fröhnen will, die sich in einer „Sühnearchitektur“ ausdrückt. Eine nette Verschwörungstheorie: Moderne Architektur ist für den aufrechten Deutschen allerorten ein Zeichen, dass die bösen Besatzer uns immer noch unterdrücken. Die Altstadt dagegen ist vermutlich deutsch.

Andererseits nicht nur eine Verschwörungstheorie, sondern gelebter und mittlerweile üblicher Rechstradikalismus. Der Schuldkult hat architektonisch die Form von Sühnearchitektur angenommen. Kamerad Hübner denkt vermutlich sehnsüchtig an die Ordensburgen.

arch+, wo Trüby auch publiziert, schreibt zum Thema:

Es geht also mitnichten lediglich um eine Architekturdebatte, wie es die Protagonisten dieser Szene weismachen wollen. Es geht eindeutig um Politik. Um eine Politik, die die Entfesselung eines wütenden Mobs bewusst miteinkalkuliert, wie zahllose Drohbotschaften an unseren Autor bezeugen.

Davon abgesehen zeigt schon die Pi-news-Überschrift die intellektuelle Katastrophe Hübners:

Sind schönere Städte „rechtsradikal“?

Der Schönheitsbegriff ist hier einer, auf den das „Volk“ exklusiven Zugriff hat. Das Volk hat die Vorstellung von Schönheit gewissermaßen im Bauch. Die Elite wiederum will uns Abscheulichkeiten aufzwingen. Der Schönheitsbegriff in Korrelation mit Geschichte, Zeitgeist, ökonomischen Zuständen, Hierarchien, Entfremdung, Entwicklung, mit Dynamik, spielt hier keine Rolle. Schön ist das, was uns momentan gefällt und was in dieser Ideologie 1000 Jahre lang gültig ist. Deutsche Schönheit also in der Altstadt,

auf [deren] offizielle Eröffnung Ende September sich bis auf Jutta Ditfurth und die linksextreme Szene ganz Frankfurt freut.

Ein doch recht plumper Versuch der Umkehr. Wer sich kritisch zur rekonstruierten Altstadt äußert, ist linksextrem. Trüby ist laut Hübner übrigens „Luxusantifaschist“. Das ist in diesen Kreisen ein Schimpfwort.

Als schlicht dumpf kann man den Beitrag von Roland Tichy im Internetblog Tichys Einblick einstufen. Im angeblich „liberal-konservativen Meinungsmagazin“ berichtet der ehemalige Chefredakteur der Wirtschaftswoche über den Trüby-Artikel unter Heiterkeit erzeugenden Überschrift „Jagd auf Rechte: Jetzt sind die Fachwerkhäuser dran!“:

Diesmal trifft es … die Altstadt von Frankfurt und deren Liebhaber, die eine rechtsradikale Verschwörung bilden.

Entkontextualisierte Information nennte man sowas wohl. Zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Kritik reicht es bei Tichy im Folgenden nicht, dafür schwadronieren seine Leser unter dem Artikel über „Kulturbolschewismus“ und „nach Nordkorea abschieben“. Interessant, dass auch Architektur, nicht nur Ausländer, die Kameraden entzürnen kann. Hübner, Tichy und ähnlich Gelagerte agieren in bekannter Art: Wir sind das Volk, die schweigende Mehrheit, und werden von einer kleinen vaterlandsfremden, antideutschen Elite unterdrückt.

Mehr Gewicht hingegen hatte die Entgegnung auf Trüby von Dankwart Guratzsch, dem Architekturkritiker der Welt. Unter der sinnfreien Überschrift „Faschistisches Fachwerk“ (in der Druckausgabe gelesen)  versucht Guratsch vor allem, Trüby lächerlich zu machen. „Was für ein himmelschreiender Skandal!“ und „Eine Ungeheuerlichkeit!“ sind seine Kommentare zur rechtsradikalen Grundsteinlegung. Im Weiteren versucht Guratzsch, mit Aussagen Hitlers zur Fachwerkbauweise nachzuweisen, dass der Führer ein Moderner war, die heutigen Altstadtapologeten also quasi antifaschistisch aufträten. Guratzsch verkennt, dass Trüby nie von „faschistischem Fachwerk“ gesprochen hat, sondern in der Altstadt eine Geschichtsklitterung sieht, die Neoliberale wie Faschisten – aus gleichen und unterschiedlichen Gründen – praktizieren.

Guratzsch verschweigt auch, dass Hitler und die Nazis erklärte Gegner moderner Architektur waren. Beispielweise bekämpften sie die Weißenhofsiedlung mit Häusern von Corbusier, Mart Stam und anderen, mit großer Aggressivität, wie sie auch, zusammen mit Nationalkonservativen, die Waldsiedlung von Bruno Taut im großbürgerlichen Zehlendorf verhindern wollten. Den Nazis schwebte bekanntlich eine regressive Heimatstilarchitektur vor, irgendwie völkisch im blutigen Boden verankert. Im Weiteren argumentiert Guratzsch, dass die Zustimmung der Bevölkerung zu dem Bauvorhaben groß ist und die dann laut Trüby alles Nazis seien.

Es ist immer wieder interessant, welch Hirnakrobatik in einer vermeintlich seriösen Zeitung erscheinen kann. Letztlich ähnelt der Guratzsche Versuch dem von Tichy: Eine kleine mächtige Elite verhöhnt und beleidigt das Volk mit der Nazi-Keule. Die AfD ist hier nicht weit weg.

Guratzschens Chef bei der Welt, Ulf Poschardt schließlich legte nach:

Moderne Architekten lieben die Kälte des Funktionalen und sind auf rührende Art fast ideologisch mit einem Begriff des Zeitgenössischen vertäut, der Vororte wie Stadtzentren, Industriebauten wie Museen zu Glaubensbekenntnissen hat werden lassen. Es gibt wenig selbstverliebtere Professionen, und wer es wagt, den modernistischen Dogmatismus infrage zu stellen, wird diffamiert.

Aktuell im Fadenkreuz: unser hervorragender, denkmalschutzsensibler Architekturkritiker Dankwart Guratzsch, der es wagte, den mauen Essay eines Prof. Dr. Trüby über die Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt zu dekonstruieren.

Auch hier die Opferrolle: Wer es „wagt“, zu „kritisieren“, ist „im Fadenkreuz“.

Die Trüby-Kritiker eint, dass sie die architektonischen und städtebaulichen Entwicklungen der vergangenen 100 Jahre rundheraus ablehnen. Die Moderne ist das Böse schlechthin, gemeinhin konnotiert mit dem Westen, der Degeneriertheit, dem Nichtdeutschen, dem Abgehobenen, Nichtbodenständigen.

Schlimmer: Sie haben einen rein formalen und restaurativen Architekturbegriff. Was Architektur heute leisten soll, wird nicht ernsthaft verhandelt. Die Altstadt zeitigt ein pseudoheiles, regressives Architekturbild, ohne eine einzige inhaltliche Frage zu beantworten, die nach Wohnraum schon gleich garnicht. Es reicht offenbar, am Sonntag ein wenig zu schlendern.

Es ist offensichtlich, dass es den genannten Kameraden um die Reaktivierung eines restaurativen Geschichtsbildes geht, eine Art Walt-Disney von rechts.

Im dritten Teil kommen sinnvolle Alternativen zur Sprache.

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