Die Bürokratie, das deutsche Wesen

Verwaltete Welt: Weder Adorno noch Max Weber mögen das exakt so gemeint haben, mir fällt der Begriff jedoch ein, wenn ich solch eine Geschichte lese:

An einer neuralgischen Stelle in Berlin wurde im Januar eine Radfahrerin von einem rechtsabbiegenden LKW getötet. Daraufhin malte die Verwaltung den vorhanden Radstreifen rot an. Es brachte nichts, Autos nutzen ihn weiterhin als Abbiegespur. Eine einfache und nachhaltige Möglichkeit wäre nun, Poller oder Lamellen aufzustellen, damit der Radweg den Radfahrern vorbehalten bleibt. Was in jeder halbwegs vernünftigen Stadt binnen drei Tagen erledigt wäre, gestaltet sich in Berlin laut Tagesspiegel so:

Das „Netzwerk Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg“ forderte in einem Brief an [Verkehrssenatorin Regine] Günther eine bauliche Trennung, zum Beispiel Poller – und das „innerhalb der nächsten Woche“.

Die Antwort der Senatorin kam erst fünf Wochen später, der Inhalt des Briefes enttäuschte das Netzwerk schwer. „Zunächst muss eine umfangreiche Bilanz zur Radverkehrssituation in der Kolonnenstraße gezogen werden, um dann mögliche und notwendige Verbesserungen vorzusehen“, schrieb Günther.

So geht Berlin. Die Verkehrssenatorin dieses Bundeslandes zieht es vor, statt ein paar Poller oder Lamellen dort anbringen zu lassen – dauert vermutlich nicht länger als eine Stunde und der Sinn erschließt sich jedem Kind – erstmal eine „umfangreiche Bilanz“ zu ziehen. Das bedeutet wahrscheinlich, eine Studie in Auftrag zu geben, einen sechsstelligen Betrag zu verpulvern und danach eher nichts zu machen.

Aktivisten, wie man sagt, haben nun eigenmächtig mit zwei Pollern den Radweg in Berlin abgesichert.

Man hat täglich das Gefühl, dass die Verwalter dieser Stadt unglaublich inkompetent und dumm sind. Keinerlei Bereitschaft, überhaupt etwas leisten zu wollen. Radstraßen könnten binnen einer Woche eingerichtet werden. In Berlin ist davon auch nach 20 Jahren praktisch nichts zu sehen. Das eine dabei ist der Einfluss der Autolobby und der vielen dummen deutschen Autofahrer. Das andere ist die Unfähigkeit der Verwaltung.

Einer der Hauptschuldigen an dem Desaster ist Wowereit, der sexy Ex-Bürgermeister. Der freute sich über steigende Mieten und über seinen radikalen Schnitt bei den Verwaltungsausgaben. Der Typ wurde seinerzeit von der Mainstreampresse allen Ernstes als wichtiger Politiker des linken SPD-Flügels gefeiert. Tatsächlich war er schon immer ein neoliberaler Hardliner. Seine Zusammenarbeit mit Sarrazin war ohne Klage.

Wobei es vermutlich nicht nur Berlin so geht. Zwei Poller erfordern vorher „eine umfangreiche Bilanz zur Radverkehrssituation“, danach sieht man weiter. So geht Deutschland. Bevor man hier mit dem Rad bei einer roten Ampel rechts abbiegen darf, werden Studien mit Millionenaufwand betrieben, deren Erstellung sich naturgemäß über Jahre hinzieht. Eine Reise nach Holland reicht, um zu sehen, wie rückständig dieses dämliche Deutschland ist. Bürokraten, Bedenkenträger, Spießer, Untertanen. In Holland hat man beispielsweise eine Chipkarte für den ÖPNV – einsetzbar in allen Städten, einfach die Karte an einen Scanner halten. In Deutschland unvorstellbar.

Und selbst nach jahrelangem Zögern kommen – zumindest in Berlin – reihenweise absurde Lösungen in die Praxis. Neue Radwege als geplante Unfallschwerpunkte sind haufenweise zu besichtigen. Eine Mafia kann nicht am Werk sein, denn an der Blödheit verdient niemand.

Das Primat der Administration, die extreme Auseinandersetzung mit der Justiz, mit Gesetzen, mit Regeln, auf die man sich berufen kann, die Abgabe von Verantwortung, die reine Konzentration auf Juristerei statt auf die Praxis: Ich vermute, dass ein Mensch aus dem Mittelalter dieses Verwaltungsprimat des Spätkapitalismus als einzigartige Diktatur begreifen würde.

Bürokratie ist eine anonymisierte, in Zügen totalitäre Herrschaft, die kein Schlupfloch mehr lässt. Dem deutschen Wesen kommt die totale Bürokratie entegegen, war es doch noch nie etwas anderes. Die Kirschen, die über dem Zaun hängen. Das Subjekt verschwindet hinter und unter bürokratischem Zwang. Kürzlich forderte eine Politikerin der Linken, dass Hausbesetzungen künftig straffei bleiben sollten. Die Erregung typisch Deutscher war vorhersehbar grenzenlos.

Kürzlich gelesen: Palermo sperrt an manchen Tagen mit schlechter Luft weite Teile des Stadtzentrums für Autos. Wer trotzdem reinfährt, wird von fest installierten Kameras geblitzt und bekommt einen Strafzettel. Simpel und effizient. Im Deutschland des Jahres 2018 unvorstellbar. Bananenrepublik.

Gegen die Polleraufsteller in Berlin wurde übrigens Anzeige erstattet. Wegen gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr.

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8 Antworten zu Die Bürokratie, das deutsche Wesen

  1. miesvandenbergh schreibt:

    Wenn sich etwas verselbständigt, ja zum Selbstzweck degeneriert, was eigentlich F Ü R den Bürger da ist…. 😈👹👹👹 lg Olaf

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  2. genova68 schreibt:

    Wenn ich wüsste, wie man diese schönen Smileys produziert, würde ich sie auch einsetzen :-)

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  3. Jakobiner schreibt:

    Zeigt doch eher, dass es nicht an der Verwaltung und der verwalteten Welt an sich liegt, sondern dass die Niederlande eine effektivere, effizientere, modernere und pragmtaischere Verwaltung haben–vielleicht auch ohne die Tradition des deutschen Rechtspositivismus und Paragraphenreiterei. Alles andere erinnert an Reichsbürgerideologie und Liberatarismus. Da weiss man dann nicht, wo die Frankrfurter Schule anfängt und Ayn Rand und Steve Bannon aufhören.

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  4. genova68 schreibt:

    Ich schreibe ja zu Beginn, dass ich mich nicht auf Adorno beziehe, da bin ich nicht drin. Die Niederlande sind effizienter, ja, das ist wohl wahr, die bauen auch schneller und mutiger, selbst Den Haag hat eine Frankfurter Skyline. Bemerkenswert immer wieder, dass kein einziger Holländer einen Fahrradhelm trägt. Die fahren mit Handy am Ohr und Cofee-to-go in der anderen Hand gemütlich durch ihre Städtchen.

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  5. Leo Brux schreibt:

    Warum ist das alles IN BERLIN so? So besonders ausgeprägt? (In München scheint es – trotz ähnlicher Fälle und „deutschen Wesens“ – nicht so schlimm zu sein. Liegt es nur daran, dass München mehr Geld und darum mehr Personal hat?)

    Hat das noch mit der Berlin-Insel-Versorgungs-Kultur 1949-89 zu tun? Wenn ja, inwiefern?

    Wowereit ist wohl nur ein Symptom und nicht die Ursache.

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  6. Jakobiner schreibt:

    Ein aktueller Fall für die „verwaltete Welt“ und für Genovas Kritik ist die neue Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Gut gemeint, aber für die kleinen Nutzer eine Katastrophe.Man muss jetzt vom Verein bis zum Photographieren eine Datenschutzerklärung austeilen. Inzwischen fast schon Realsatire, so dass nun die ersten Parlamentarier, die das abgestimmt und befürwortet haben, nun selbst Zweifel bekommen.

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  7. genova68 schreibt:

    Kein Geld, mehr Bewohner, Insel-Phänomem, da spielt wohl alles rein.Wowereit ist nicht Ursache, das ist wohl wahr.

    DSGVO ist teilweise Realsatire, ja. Bei den Websiten wird einem jetzt angezeigt, dass gespeichert wird. Auch nicht wirklich ein Fortschritt.

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  8. Hugo schreibt:

    „Bemerkenswert immer wieder, dass kein einziger Holländer einen Fahrradhelm trägt. Die fahren mit Handy am Ohr und Cofee-to-go in der anderen Hand gemütlich durch ihre Städtchen.“
    Ich hab meinen Freund hier im Dorf mal draufhingewiesen, daß es pädagogisch suboptimal ist, wenn er mit seiner Tochter rumradelt und selber im Gegensatz zu der Kleinen keinen Helm trägt.
    Was auch Deutschland ist, daß, wenn mensch sich doch mal aufs Rad schwingt und auf der Landstraße von A nach B will, ungefähr 50%+ der Panz.. äh Autofahrer beim Überholen einen Abstand (auch bei Kindern) von Unterarmlänge bis Handbreite nicht überschreitet.

    Ansonsten (leider) guter Artikel@Genova.

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