Borderline und Demokratie in der Uckermark

In der Uckermark kämpfen zwei Nicht-Uckermärker – eine Architektin und ein Zimmermann aus dem Westen, wie man sagt – gegen den Abriss alter Häuser, die langsam verfallen. Die FAZ berichete kürzlich darüber und zitierte einen anderen Architekten mit den bemerkenswerten Sätzen:

„Das, was wir hier beobachten, ist eine gesellschaftliche Borderline-Störung. Die Gesellschaft fügt ihrem kulturellen Erbe und damit sich selbst Verletzungen zu“, sagt Andreas Rieger, Vizepräsident der brandenburgischen Architektenkammer, der zusammen mit Brandenburger Grünen das Engagement der Häuserretter unterstützt.

Und weiter:

Der Widerstand kritisierter Haus- und Hofbesitzer und mancher Politiker gegen das Engagement ist groß; sie empfinden das Duo als Störenfriede. Landräte sagen zu ihrem Anliegen, sie müssten sich erst einmal um eine Feuerwehr und einen Kindergarten kümmern, nicht um verlassene Höfe und Schlösser. Viele, die seit DDR-Zeiten in den Orten wohnen, sind auf Denkmalschutz nicht gut zu sprechen. Sie fühlen sich durch die Vorschriften gegängelt, etwa wenn keine Kunststofffenster eingebaut werden sollen. Zwar bewundern manche das handwerkliche Können des Zimmermanns, doch die versponnenen Ideen der zugereisten „grünen“ Häuserschützer stoßen nicht auf Gegenliebe.

Die Vernachlässigung alter Häuser als gesellschaftliche Borderline-Störung zu bezeichnen: zumindest interessant. Interessant ist aber die Rolle der Grünen. Die versuchen im vorliegenden Fall, Altes zu erhalten, was im Sinne einer konservativen Landbevölkerung sein müsste. Altes erhalten als Fundament. Die Landbevölkerung sieht die Grünen dagegen als Gegner. Wie kommt das? Vielleicht ist die Kritik der Landeier, dass die Grünen sich um Häuser kümmern und nicht um die Menschen.

In das Thema spielt die aktuelle Debatte im rechtsradikalen Mileu hinein: Die Heimatschützer sind AfD und Konsorten, die Grünen gelten da als Teil des internationalen Jet Sets, der Heimat im allgemeinen und deutsche Heimat im besonderen abschaffen will. Zur rechtsradikalen Heimat gehört offenbar die Zerstörung, auch die alter Häuser. Aber das ist nichts Neues. Schon Hitler bombardierte in der Schlussphase mit Vorliebe deutsche Städte.

Mir kommt das Phänomen aus Gesprächen mit Ostdeutschen bekannt vor.

„Die schlimmsten Institutionen in Deutschland sind der Naturschutz, der Denkmalschutz und der Datenschutz“

erzählte mir kürzlich ein älterer Ossi, gut situiert, gut verentet. Es ging dann gegen die Biber und gegen die Drangsalierung des örtlichen Handwerkers durch die DGSVO und für den Hausbesitzer, der die Kunststofffenster nicht einbauen darf. Es geht hier vermutlich darum, dass der Wessi, der nach wie vor als dominant und bestimmend betrachtet wird, sich lieber um Biber und Daten und alte Häuser kümmert als um die armen Ossis selbst. Ostdeutschland interessiert demnach nur als Verbreitungsgebiet für Wölfe und zu renovierende Landschlösser, wo doch nebenan der Arzt und die Kita zugemacht hat.

Andererseits steckt in solchen regressiven Aussagen vielleicht doch ein emanzipatorischer Ansatz. Baugesetze in Deutschland sind in weiten Teilen lächerlich, es ist die total verwaltete Welt, Deutschland ist insgesamt in weiten Teilen eine lächerliche und total verwaltete Welt und einen Biber zu erschlagen, wenn er mir das Feld verwüstet, war jahrtausendelang usus, ohne dass sich eine Behörde einmischte. Die verwaltete Welt, die totale Bürokratie, sorgt oftmals nur für behördliche Ordnung, was unten als diktatorische Maßnahme ankommt. Die DDR war in der Tat in einigen Aspekten demokratischer als die Bundesrepublik. Manche Gesetze wurden eher ignoriert, und wer an Baumaterial kam, baute, und wen der Biber nervte, erschlug.

Es ist sowieso eine unangnehme Situation, wenn man bei Kritik an der DDR das aktuelle Deutschland verteidigen soll. Eine ungewohnte Rolle. Gesamtdeutschland hat Dachschaden, um den seligen Rainald Goetz zu zitieren.

Man könnte nun noch darüber nachdenken, wie es um den Heimatbegriff der Ostdeutschen bestellt ist: rein eogistisch ausgelegt, vergiss die Biber? Sind es vielleicht die Biber, die die Heimat bedrohen? Vermutlich handelt es sich um einen komplett regressiven Heimatbegriff: Dort verweilen die Übriggebliebenen, die Starren, die keinen guten Job im Westen haben, die Dörfler, die Konservativen, die Zurückgebliebenen, die das genau spüren. Heimat als Regression. Heimat als eigentlich heimatlose Nichtgegend. Kein Sinn von Heimat und auch keine Zugehörigkeit, außer der formalen. Naturgemäß fällt solch Entwurzelten nur das Nazitum als Verbindung zur Scholle ein. Es gibt meiner Beobachtung nach diese extreme Diskrepanz zwischen dem ostdeutschen Heimatbegriff und dem, der in Kulturregionen Südeuropas gepflegt wird.

Andererseits und man soll ja auch mal loben: Borderline und Demokratiekritik – vielleicht geht das bei Ostdeutschen zusammen.

(Foto: genova 2011)

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8 Antworten zu Borderline und Demokratie in der Uckermark

  1. neumondschein schreibt:

    Borderline! Was ist das?

    Vergleich mit Borderline paßt irgendwie nicht.

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  2. neumondschein schreibt:

    Besser paßt: Messy-Syndrom. Mit dem kann man sich nicht von alten nicht mehr benötigten und nachweislich nicht mehr benötigten Sachen trennen. Der Kultur-Messy kann sich nicht von Dreiseitenhöfen, Herrensitzen und alten Feuerwachen trennen. So ein Abriß ist keine Selbstschädigung, denn kaputt war es ja schon vorher, verfallen und verlassen. Jetzt geht es ja darum, alte, kaputte Dinge wegzuwerfen.

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  3. neumondschein schreibt:

    In das Thema spielt die aktuelle Debatte im rechtsradikalen Mileu hinein: Die Heimatschützer sind AfD und Konsorten, die Grünen gelten da als Teil des internationalen Jet Sets, der Heimat im allgemeinen und deutsche Heimat im besonderen abschaffen will. Zur rechtsradikalen Heimat gehört offenbar die Zerstörung, auch die alter Häuser. Aber das ist nichts Neues. Schon Hitler bombardierte in der Schlussphase mit Vorliebe deutsche Städte.

    Wenn Ossis meckern, dann sind die rechtsradikal. Wenn eine bescheuerte europäische Datenschutzgrundverordnung dafür sorgt, daß nun eine ganze Nation verzweifelt versucht, sich vor Abmahnanwälten in Sicherheit zu bringen. Während bekannte Datenkraken wie FANG (Facebook/Amazon/Netflix/Google) in exorbitantem Ausmaß Daten an den Meistbietenden verhökern, staatliche Stellen immer mehr Überwachung einführen, verursacht man bei rechtschaffene Leute, die nie im Sinn hatten, Daten mißbrauchen zu wollen, massenhaft Scherereien. Wenn Ossis darüber meckern, dann wären sie also rechtsextrem? Weil die Ossis AfD wählen? Denkmalschutz und Naturschutz sind in unserem Land ebenso organisiert, daß Hinz und Kunz Kosten tragen und staatliche Pflichten erfüllen muß. Wenn die intensive Landwirtschaft und die Flußschiffahrt Lebensräme für Biber zerstört, dann müssen Hinz und Kunz damit behelligt werden. Und wenn die sich beschweren, dann nennt man die Nazis.

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  4. genova68 schreibt:

    Meine Fresse, neumondschein.

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  5. Leo Brux schreibt:

    Welchen Sinn kann es für eine Kommune in Ostdeutschland machen, sich gegen das Eindringen des Anderen und Fremden – gegen das Eindringen des Westens und der Globalisierung zu wehren?

    Man könnte sagen, es sei doch menschlich, sich gegen das eindringende Fremde zu wehren. Es sei doch menschlich und vernünftig, sich nicht überwältigen zu lassen.

    Aber grade indem sie sich provinziell und reaktionär abzuschotten versuchen, WERDEN SIE ÜBERWÄLTIGT.

    Entwurzelt werden die Leute auch dann, wenn die Welt um sie herum (die Welt, gegen die sie sich abzuschotten versuchen) sich radikal ändert.

    Zugegeben, was da eindringt in die unheile Welt des Ostens, ist ambivalent und nicht gerade heilend. Also, was tun?

    Option 1: Abwandern.
    Option 2: Beleidigt resignieren und jammern.
    Option 3: Aktive Xenophobie! Alles Andere und Fremde ist Feind und muss bekämpft werden!
    Option 4: Sich vorbehaltlos an das überlegene Modell assimilieren! .
    Option 5: Wir revolutionieren uns selbst! Wir studieren und integrieren das Andere, Fremde und Neue, Moderne, Globale und versuchen dabei, nach Möglichkeit auch zu prüfen und zu wählen und – wenn nötig und möglich.- Schädliches zurückzuweisen.

    Mir scheint, man kann im Osten alle fünf Optionen beobachten.

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  6. genova68 schreibt:

    Die wollen, dass man sich um sie kümmert und nicht um die alten Häuser. Die bringen offenbar die Häuser nicht mit sich in Verbindung. Abspaltung.

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  7. stadtauge schreibt:

    Wieder völlige Zustimmung. Ich arbeite für das Land Brandenburg, komme da doch recht viel rum, und kann die von dir geschilderten Stimmungen spüren.
    LG Daniel

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  8. genova68 schreibt:

    Danke für die Zustimmung aus der Praxis. Wobei ich bei der Relektüre des Artikels das Erschlagen der Biber relativieren möchte. Man sollte Biber nicht erschlagen. Wenn ich es mir recht überlege, sollte man nur Tiere erschlagen, die maximal so groß sind wie eine Stubenfliege.

    Ich schreibe immer schnell dahin, Schnellschreiben als Blogging-Prinzip.

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