Architekturbiennale und deutscher Pavillion: Geplapper und viel Gipskarton

Die Berliner Zeitung unterhält sich mit den drei Kuratoren des deutschen Pavillions der demnächst öffnenden Architekturbiennale in Venedig. Mit dabei ist Marianne Birthler, grüne Politikerin, Ex-Stasi-Bundesbeauftragte und jetzt Mitkuratorin in Venedig. Birthler ist vermutlich eine, die über ein schönes Netzwerk verfügt, mit dessen Hilfe sie immer an interessante Jobs kommt. Was sie für diesen Architektur-Posten auszeichnet, bleibt im Dunkeln.

Wie auch immer, die drei Architekten sind vom derzeit sehr populären Büro Graft, das interessante, aber vor allem teure Sachen baut, in Berlin und anderswo. Es hat etwas von Blob-Architektur, es erregt Aufsehen. Die Fachzeitschrift Detail schreibt zu dem Büro:

Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit gründeten 1998 das Architekturbüro GRAFT, das in der breiten Öffentlichkeit vor allem durch die Zusammenarbeit mit dem Hollywood-Star Brad Pitt bekannt wurde.

Na, immerhin. Graft hatte vor sechs Jahren eine Solo-Ausstellung im Berliner Museum „Haus am Waldsee“. Schon damals fiel auf, dass es um keine herkömmliche Ausstellung ging, sondern um eine gelungene PR-Schau, die einen faden Beigeschmack, wie man sagt, hinterließ. Die Jungs verstehen ihr Geschäft, Aufmerksamkeit zu generieren.

Im deutschen Pavillion soll es um das Thema Unbuilding Walls gehen. Detail schreibt:

In Bezug auf das diesjährige Thema der Biennale »Freespace« schenken die Kuratoren … jenen architektonischen und städtebaulichen Projekten besondere Beachtung, die den Prozess der räumlichen Heilung vorantreiben. Anhand von 28 Projekten, die den frei gewordenen Raum des ehemaligen Grenzstreifens zwischen Ost- und Westdeutschland bespielen, werden beispielhafte räumliche Transformationen nach 28 Jahren ohne Mauer deutlich gemacht.

28 Jahre stand die Mauer, seit 28 Jahren ist sie weg, und nun präsentieren die vier also, ja, genau, 28 Projekte auf dem Mauerstreifen. Man hat schon jetzt die ungefähre Vermutung, der diesjährige deutsche Beitrag zur Architekturbiennale erschöpfe sich im Formalen.

Um es direkt zu sagen: Das lange Interview offenbart die totale Belanglosigkeit – oder besser: die Kapitalaffinität – dieses Vorhabens. Interessant am Blick auf den Mauerstreifen 28 Jahre nach dem Mauerfall wäre vor allem die ökonomische Verwertung dieses Areals. Beispielsweise könnte man sich anschauen, wie viele leerstehende Wohnungsneubauten dort mittlerweile existieren: reine Spekulationsobjekte, mit deren Hilfe ihre Eigner aus der ganzen Welt ihr Kapital parken. Vielleicht studiert die Tochter mal in Berlin. Überhaupt wäre das Preisniveau auf diesem Streifen eine Untersuchung wert. Dabei käme vermutlich heraus, dass der westliche Kapitalismus direkt auf diesem vormaligen Todesterrain hervorragende Geschäfte tätigt. Dort ist schätzungsweise keine einzige bezahlbare Wohnung entstanden.

Statt sich mit interessanten Aspekten zum Thema Freespace zu beschäftigen, kommt Frau Birthler zu Wort mit Sätzen, die die Vermutung, sie habe zum Thema nichts zu sagen, bestätigen:

Für mich gehört das zu den spannenden Punkten dieser Zusammenarbeit [mit den Architekten, g.]: die wechselseitigen Erfahrungswelten wahrzunehmen.

Was man halt so sagt, wenn man nichts zu sagen hat.

Der Mauerstreifen ist fast komplett kapitalisiert worden, und die Gegend in unmittelbarer Nähe noch mehr. Keine einzige günstige Wohnung, dafür viele Shopping Malls, die sich gegenseitig das Wasser abgraben, viel banale Kommerzarchitektur, der BND mit einem der größten Gebäude der Welt, mitten in Berlin, das Wohnungen braucht, die neue Mercedes-Benz-Stadt mit Shopping Mall und Büros, und so weiter.

All das wird nicht ernsthaft thematisiert, sondern es werden banale Geschichten erzählt, beispielsweise die, dass man mit dem Rad den Mauerstreifen entlang fahren und Informationstafeln lesen kann. Ist bekannt, seit zehn Jahren schon. Nebenbei wird noch der Wiederaufbau des Berliner Schlosses legitimiert. Man will es sich mit den Machthabern nicht verderben.

Was soll man von der Ausstellung mit nach Hause nehmen?

Wir würden uns wünschen, dass man aus dieser Ausstellung rausgeht und unter dem Strich bleibt: Wow. Mauern können fallen!

Wow.

Die Mauern nach dem Mauerfall sind kapitalistische: Wer darf überhaupt noch länger in der Stadt bleiben als einen Tag, also die Maßgabe des Tagestouristen? Von diesen Mauern, die in Berlin täglich mehr und massiver werden, lohnte zu erzählen. Davon naturgemäß kein Wort.

Zum Thema Gentrifzierung, von der Berliner Zeitung in Bezug aufs Clubsterben zaghaft angesprochen, kommt das hier:

Was an Intensität gesucht wird in dieser Stadt, was auf sie projiziert wird, findet auch seine Orte. Das wandert dann einfach den Spreelauf ein bisschen weiter rauf oder setzt sich an anderen Orten fest.

Verdoppelung der Miete? Wandern wir halt ein bisschen die Spree entlang!

Immerhin, eine kritische Bemerkung der vier über Berlin lässt aufhorchen:

Wir bedauern, dass nicht mehr Mut, nicht mehr Internationalität in diesem Land Berlin herrschen.

Wenn solche Leute von Mut und Internationalität reden, ist zu befürchten, dass man, ganz im Sinn von Patrik Schumacher, dem neuenn Zaha-Hadid-Chef, Marktkräfte, wie man sagt, entfesselt werden sollen. Die typische und immer noch preußengetriebene Berliner Banalität zu kritisieren kann heute nur noch mit einer Absage an Investorenarchitektur und also Investoren geschehen. Erst dann hätte man den Freespace zu freier Entwicklung. In der zeitgenössischen Ideologie wird Freespace einzig zum kapitalistisch verwertbaren space, wofür man Mut und Internationalität braucht.

Es zeigt sich hier auch ein Zusammenhang zwischen derben Neoliberalismus und vermeintlich linkem Sprachgebrauch. Mut und Internationalität konnte einmal als Drohung ans Kapital aufgefasst werden. Lange her.

Freespace als Motto heute müsste notwendig kapitalistische Verwertungslogik thematisieren. Freier Raum nicht als Floskel, die sofort nach Renditeansprüchen zugerichtet wird, sondern als ernstzunehmender Begriff im Sinne des Menschen. Es gäbe dann viel zu sagen, viel zu verhandeln und noch mehr an aktivem Widerstand zu organisieren. Dafür könnte der deutsche Pavillion zur Verfügung stehen. Und auch auf den totalen Ausverkauf Berlins ans Kapital aufmerksam machen. Vielleicht erst einmal eine Chronik des humanen Totalversagens aufstellen, Verkauf kommunalen und staatlichen Bodens en masse, beispielsweise, oder sich die Eigentumsverhältnisse des Mauerstreifens anschauen.

Stattdessen: herbeigefaselte Erfahrungswelten und die Erkenntnis, dass Mauern fallen können. Wow.

Der deutsche Pavillion der Architekturbiennale hat schon bessere Zeiten gesehen. Er scheint vom kapitalaffinen Architekturnachwuchs eingenommen – banalisiert um angeblich authentische Erfahrungen (mit dem Rad auf dem Streifen rumfahren) und toller Wortgebilde wie dem unvermeidlichen „Spannungsraum“, der irgendwo entstanden ist.

Man wünscht sich diesen Leuten einmal ernstzunehmende Spannungsräume. Erzeugt von den Opfern kapitalistischer Logik. Marianne Birthler könnte dann dafür Bundesbeauftragte werden.

Detail übrigens ahnte schon im Februar, dass der Pavillion zum Desaster wird:

Es bleibt zu hoffen, dass das hochbrisante Thema nicht unter einer unterkomplexen Behandlung leidet und sich nicht, wie in einem bösen Kommentar zur entsprechenden Baunetzmeldung –, in »drei wohlfeile(n) Reizbegriffe(n) und sehr viel Gipskarton« erschöpfen wird.

 

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