Die Vision nicht aus den Augen verlierend: Paolo Portoghesi zwischen Gott und Gewalt

Das Foto (von mir aus irgendeiner Zeitschrift abgeknipst) zeigt den italienischen Architekten Paolo Portoghesi vermutlich Anfang der 1970er Jahre in Mailand: Es geht wohl um eine Institutsbesetzung durch aufmüpfige Studenten oder um die Räumung  eines Instituts durch die Polizei. Wie auch immer, ein beeindruckendes Bild; fast zu gut, um nicht gestellt zu sein:

Eine anonyme, ausschließlich von hinten fotografierte Schar behelmter Polizisten, ein paar unkoordiniert wirkende Studenten oder Uni-Angestellte, und als einzig herrschende, fast heldenhafte Figur, jedenfalls die einzige, die den Überblick behält, die Vision dabei nicht aus den Augen verlierend und darüber hinaus noch attraktiv und gut gekleidet und mit straff und zugleich leger nach hinten gekämmtem Haupthaar: Signore Portoghesi. Er hat die Krawatte schon abgelegt, eine für die damalige Zeit in Italien sicher unerhörte Tat. Im Hintergrund ein neu erstellter Wohnungsblock, modern, vielleicht strukturalistisch. Portoghesi hat das Megaphon in der Hand, was in dieser Konstellation zwangsläufig scheint. Wer sonst sollte gleich zur Menge reden?

Auch der Bildaufbau ist famos: Ganz unten, fast schon nicht mehr im Bild, die Polizisten, darüber die heldenhaften Architekten, alle mit individueller Note, und die dritte Schicht ist, ganz oben, die Architektur, zwar im Hintergrund, aber kaum angreifbar. Was kümmert es die Eiche, wenn ein Schwein sich daran kratzt? Die Schweine sind leider die Polizisten, die armen. Der Architektur sind sie egal. Eine Bildschichtung, die die Klassengesellschaft deutlich macht: Das Lumpenproletariat, die Intellektuellen und das Metaphysische in Abgerücktheit, dennoch präsent und unhintergehbar. Die Architektur ist Gott. Oder ist der Gott Portoghesi? Man ist sich nicht sicher. Vielleicht ist die Architektur Gott und Portoghesi ist ihr Sohn, der demnächst auf Himmelfahrt geht, so bedrängt vom Bösen. Vater und Sohn verstehen sich, auch wenn Portoghesi dem Gebäude den Rücken zuwendet. Er muss sich mit der Staatsgewalt auseinandersetzen. Gleich wird er durch sein Megaphon zu ihnen reden und sie umkehren: Lasst uns  gemeinsam den gegenüberliegenden Präsidentenpalast, eine historistische Scheußlichkeit vermutlich, stürmen.

So gesehen sind die Uni-Leute um Jesus herum seine Jünger. Der Typ mit der Krawatte ganz rechts ist Judas, schätze ich.

Es gibt nicht viele gute Bilder von Architekten, eigentlich fallen mir außer diesem nur ein paar von LeCorbusier ein (unerreicht immer noch das hier).

Diese knappe, aber beherzte Bildanalyse ist nur ein unpassender Aufhänger zur Rezension von Portoghesis wichtigstem Buch („Ausklang der modernen Architektur“ von 1980), das ich hier irgendwann vorstellen werde – naturgemäß völlig unsachlich und einseitig.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Architektur abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.