Les coins du Liège

Das ist eine typische Ecke in der ostbelgischen Stadt Lüttich, die wir, wie man sagt, im Folgenden Liège nennen, weil es einfach besser klingt. Lüttich klingt nach Kartoffelackerdorf in der Schneeeifel.

Was einem in Liège sofort angenehm auffällt: Trotz der Nähe zur deutschen Grenze gibt es keine deutsche Architektur, überhaupt keine deutsch anmutende Ästhetik. Es ist alles Richtung Frankreich abgestimmt, man spricht französisch und man baut so. Im Besonderen fällt auf, dass viele Eckhäuser, die nach dem Krieg gebaut wurden, deutlich höher als der Kontext sind:

Es scheint kein Traufhöhengesetz zu geben; man baut so hoch, wie man will. Es ist eine – im Gegensatz zur Angst vor Stadt in der Stadt Berlin – praxisbezogene Herangehensweise ans Vertikale und es belebt das Stadtbild.

Es gibt daneben ungemein viel angenehme 50er-, 60er- und 70er Jahre-Architektur. Moderne im Mies-van-der-Rohe-Stil, so, wie man das auch in vielen anderen Ländern findet, andererseits auch das erwähnte französisch-belgische.

Eine typische Szene am Maasufer:

Ein hohes Haus als markanter Bezugspunkt, dahinter unterschiedlich hoch gestaffelte moderne Wohnhäuser, dazwischen immer wieder mal ältere und jüngere Ziegelfassaden. Wobei auch die so unendlich angenehmer sind als das, was vor allem in Norddeutschland mit Ziegel gemacht wird – Macht repräsentierend, dunkel, einschüchternd, heimatkitschig, depressiv. Hier sind es Ziegelfassaden, in die sich Fensterbänder einfügen, ohne Widerspruch, kaum stehende Fensterformate. Es haben hier viele Menschen einen ungehinderten Blick auf die Maas, gottlob auch nicht von wolkenkratzerhohen Bäumen verstellt. Man könnte nun noch die autobahnähnliche Uferstraße rückbauen und eine Promenade und Radwege einrichten, um den Anschluss an progressive Stadtideen nicht zu verpassen.

Liège hat den Vorteil, dass es in den 1980er Jahren zu einer massiven Strukturkrise kam: Die Kohleförderung in der Umgebung ging zurück, die Stahlproduktion ebenso. Es wurde also wenig postmoderner Schrott gebaut, dafür vorher umso mehr moderne Architektur und an einigen Ecken hat man deshalb den Eindruck, in einem Freilichtmuseum der Moderne gelandet zu sein.

Man sollte Gott für diese Strukturkrise danken. Zumal man den Eindruck hat, dass die Stadt dennoch quicklebendig ist. Bei früheren Besuchen, die schon mehr als 15 Jahre zurückliegen, hatte ich eher den Eindruck des Abgewrackten. Aber vielleicht war ich damals auch nur in anderen Vierteln unterwegs, ich weiß es nicht mehr.

Ein Platz in Innenstadtnähe:

Ganz links ein Haus aus den 1920er mit aufgesetzten reduzierten Gesimsen und geschwungener Ecke, daneben einfach Wohnhäuser mit bemerkenswert großen Fenstern und schließlich ein neunstöckiger Wohnklotz, der nicht erschlägt, sondern ganz selbstbewusst seinen Platz einnimmt und vielen Menschen eine Wohnung gibt. Ein ganz praktisches Haus mit umlaufenden Balkonen, also mit der maximal möglichen Quadratmehterzahl an Balkonen, und mit Fensterbändern. Wer möchte dort nicht einziehen?

Vermutlich diskutierte in Belgien kein Mensch über die korrekte Traufhöhe und es bildete sich auch keine besorgte Bürgerinitiative, um das Haus zu verhindern.

Dazu ein paar Bäume auf dem Platz, aber nicht zu viele. Es wird einem warm ums Herz.

Beim Spaziergang durch die Stadt fällt immer wieder äußerst angenehme, stilsichere, und menschenfreundliche Architektur mit diesem Aspekt des Unaufgeräumten, des Lotterigen auf:

Ein simples Betonraster, mit Fenstern unterschiedlicher Formate komplett gefüllt, drei Stockwerke mit optimaler Lichtausbeute, keine verordnete Dunkelheit, kein Muff, dazu ein Laden im EG. Alleine die Vorhänge in den Obergeschossen sind eine Anmutung von etwas, dem man nachgehen könnte.

Im direkten Vergleich mit dem linken Nachbarhaus fällt dessen Unbeholfenheit im Umgang mit Zierat auf: merkwürdige Segmentgiebel im oberen Stockwerk, in Ziegel und unverkleidet, und zwischen beiden Giebel eine rechtwinklige Vertiefung. Es ist dem Architekten offenbar nichts Vernünftiges eingefallen. Aber irgendwie muss man halt verzieren. Beim rechten Nachbarhaus könnte man den Blendgiebel wohlwollend noch als konstruktiv ehrlich betrachten.

Kontextbezogenes Bauen, das sieht man in Liège sehr schön, ist meist Mist. Die Rücksicht auf das Nachbargebäude ist meist rein oberflächlich und dient nur dazu, den Fortschritt zu verhindern. Eine typisch deutsche Argumentation gegen dieses Betonrasterhaus wäre eben der fehlende Kontextbezug.

Dieser unselige Vorwurf käme auch hier:

In Wahrheit ist diese Ecke natürlich zu loben. Das Eckgebäude und dessen beide alte Nachbarn ließ man glücklicherweise stehen und baute das Zeitgenössische einfach daneben: selbstbewusst modern und so hoch, wie es nötig war, um den Menschen eine Wohnung zu bieten, die eine haben wollten. Ich wage die These: Wem sowas missfällt, argumentiert in anderen Kontexten auch rassistisch. Links schließt sich ein langgestrecktes und relativ flaches Gebäude aus den 1950er an. Es ist alles gut, weil jedes Haus für sich gut ist. Alles weitere ergibt sich in der Praxis.

Bemerkenswert auch das hier:

Im Abstraktionsgrad weit fortgeschritten und schon deshalb ein Augenschmaus. Dass es mittlerweile leicht vergammelt ist, macht es nicht unattraktiver und widerspricht dem gemeinen Vorurteil, dass moderne Architektur nicht in Würde altern könne. Auch hier ist der Mix der verschiedenen Stile zusammen mit den Nachbarhäusern anregend.

Eine weitere interessante Stelle, eine Art wandbreiter Erker in schlichtem Look aus Alurahmen und mild getönten Fenstern:

Dass Liège durch die erwähnte Strukturkrise in den 80er und 90er Jahren einen baupraktischen Stillstand erlebte, führte zu solchen Szenen:

Eine Freifläche, die man als Park, als einen von Menschen nutzbaren Bereich gestalten könnte. Stattdessen Parkplätze. Dennoch merke ich, dass ich so eine Situation eben auch als Freilichmuseum der autonaiven 1960er ansehe und mich wohlfühle. Man kommt halt aus seiner Sozialisation nicht raus. Aber auch hier wieder dieser ungemein angenehm zurückhaltende, sachliche, stilistisch sichere, vornehme, nichtprotzige, nichtkitschige moderne Stil mit Fensterbändern, teilweise mit daruntergesetzten Granitplatten, teilweise als Bänder bis zum Etagenboden reichend. Man schämte sich noch nicht moderner Gestaltungsprinzipien, man zeigte sie. Die notwendige Kritik an moderner Architektur führte zur Regression, und davon ist Liège eben verschont. Soweit man das nach zwei Tagen Umherlaufen sagen kann.

Expemplare aus der kurzen Phase von Gebäuden mit braungetönten Scheiben kann man im Freilichtmuseum auch besichtigen:

Liége bestätigt meine Vermutung, dass es schädlich ist, über noch zu bauende Häuser zuviel zu diskutieren, bevor sie gebaut sind. Partizipation der Betroffenen unter Ausschluss des Kapitals und dann: machen, klotzen, betonieren. Nachher kann man ja sehen, wie man damit umgeht, Nutzung, Umnutzung. Ein Haus ist auch nur ein Mensch. Wichtig sind vor allem die sozialen Parameter, die im Vorfeld geklärt sein müssen, also Renditeerwartungen und ungefähre Nutzung.

Nebenbei: Liège hat auch Gründerzeitviertel und eine Altstadt, in der viel, aber noch nicht alles restauriert wurde; ein schöner Anschauungsunterricht über Fachwerk und andere Bautechniken.

 

(Fotos: genova 2018)

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19 Antworten zu Les coins du Liège

  1. hANNES wURST schreibt:

    Vielen Dank für diesen vorzüglichen architektonischen Bericht aus einer schönen Stadt. Ich frage mich, welchen Einfluss dieses fröhliche Durcheinander auf den Kleidungsstil der Bewohner hat und werde bei meinem nächsten Besuch darauf achten.

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  2. schlingsite schreibt:

    Schön, dass es einen antirassistischen Baustil gibt.

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  3. neumondschein schreibt:

    Ich frage mich, welchen Einfluss dieses fröhliche Durcheinander auf den Kleidungsstil der Bewohner hat und werde bei meinem nächsten Besuch darauf achten.

    Vermutlich hat die Strukturkrise einen Einflu&szlig: auf den Kleidungsstil. Angemessen w&auml:ren abgerissene, abgetragene, von den Großeltern geerbte, mehrere Generationen lang getragene Kleidung. Also ärmlicher als C&amp:A. Das paßt ganz gut zur modernen Architektur. Denn Armut ist modern.

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  4. genova68 schreibt:

    neumondschein, bitte überwinde deinen Modernehass. Am besten stimmst du meinen Urteilen immer zu, dann machst du nichts falsch.

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  5. stadtauge schreibt:

    Sehr sehr interessanter Stadtspaziergang mit sehr intelligenten Gedanken. Bin kein Architekt, aber finde deine Beobachtungen und Beschreibungen höchst lehrreich! LG Daniel

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  6. Leo Brux schreibt:

    Ich werd als Fußgänger nicht gern von Großbauten erschlagen. Einige der Fälle, die du abbildest, erlebe ich als aggressiv, menschenfeindlich.

    Aber in vielen deiner Beispiele folge ich dir gern. Auch das schlanke Maasufer-Hochhaus ist gelungen. (Da mache ich mal eine Ausnahme. Hochhäuser sind nicht mein Geschmack. Auch endlos rechteckig zerfensterte Fassaden stellen bei mir die Nackenhaar auf. Da zeigt die Idiotie des Kapitals ihr Gesicht.)

    Besonders angenehm auch für mich: das mit dem „simplen Betonraster“ und das, bei dem du von einem „leicht vergammelten Augenschmaus“ sprichst.

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  7. genova68 schreibt:

    Daniel,
    danke, freut mich. Es sind ja immer sehr subjektive und teilweise hingerotzte Meinungen, spontan, ohne Anspruch auf rationale Fundiertheit.

    Auch dir, Leo, danke.
    Aber warum sind „rechteckig zerfensterte Fassaden“ (ein wunderbarer Begriff) eine Idiotie des Kapitals? Man konnte irgendwann in der Moderne Fensterbänder bauen, weil man die Wand als tragendes Element nicht mehr brauchte. Es war also naheliegend, die Wand komplett durch Fenster zu ersetzen. Eine Wand war erstmal immer nur ein statisches Produkt: Das Haus bestand aus Wand und Öffnungen. Das domino-System, also Pfeiler, die die ganze Etage tragen, kam hinzu. Die Griechen waren an der Auflösung der Wand mit ihren Säulen schon nahe dran, aber eben nur nahe.

    Die Auflösung der Grenze zwischen Innen und Außen war schon immer ein Traum von Architekten. Keine Grenzen mehr. Kein Wunder, dass sie die Errungenschaften des Stahlbetons und seiner Stützfähigkeit mittels eines Pfeilers ausgiebig Gebrauch gemacht haben. Das alleine ist meines Erachtens kein Zeichen für die Idiotie des Kapitals. Vielleicht meinst du die serielle Fertigung im Bauwirtschaftsfunktionalismus.

    Aber Kritik beim modernen Bauen ist immer vonnöten. Vieles von dem, was Corbusier schrieb oder auch Mies van der Rohe, ist so extrem, dass es dringend der Korrektur von Konservativen bedurfte. Und mein liebster Konservativer, Wolf Jobst Siedler, hat in der Kritik moderner Architektur und modernenen Städtebaus Vorbildliches geleistet.

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  8. Leo Brux schreibt:

    Die übliche Fenster-Architektur öffnet ja leider nicht, strebt nicht nach einer „Auflösung der Grenze zwischen Innen und Außen“.

    Schaufenster machen das. Auch diejenigen Fenster, die uns ein bisschen reinschauen lassen, die uns den Leuten ein bisschen beim Arbeiten zuschauen lassen. Etwa auch nachts, wenn die Räume noch beleuchtet sind.

    Aber sonst – die monotonen und blickabweisenden Rasterfassaden überwiegen bei der „modernen“ Bauweise. Ich denke, das ist (unbewusste) Absicht. Der zivilen Alltagswelt dreht man den Arsch zu, sie interessiert nicht. Die Innenwelt allein ist wichtig, und diese Innenwelt heißt: Geld verdienen! Diese Gebäude signalisieren uns Gleichgültigkeit gegenüber dem öffentlichen Raum, gegenüber der bürgerlichen Außenwelt. Haben diese Bauten nicht oft etwas Autistisches? Sie üben keine Gemeinsamkeit mit den Nachbarbauten, mit dem Stadtviertel, mit den anderen Bauten im Straßenzug.

    Nix gegen das Glas, nix gegen Fassaden-Fenster-Spiele. Aber reinschauen möchte ich können! Und unten soll Haus für Haus meinen aufmerksamen Seitenblick willkommen heißen. Ich möchte nicht 50 öde Meter toten Fassadenbeton oder blindes Fassadenglas entlanggehen müssen.

    Es fällt auf, wie monoton fenstergerastert die Fassaden üblicherweise sind. Kaum mal was Rundes oder Schiefes, kaum mal hüpfende Größen, schräge Linien, blühende Farben, muntere Ecken, überraschende Nischen, freche Erker …

    Ich komme grade aus Heidelberg. 4 Tage lang bin ich dort spazieren gegangen. Nehmen wir nur mal die Schlossruine. Sowohl als Ruine als auch in ihrer ursprünglichen (letzten) Gestalt ein Bau, an dem man sich kaum sattsehen kann. Warum? Jedes Teil, jeder Abschnitt anders – und doch passt alles zusammen. Auch in vielen der Altstadtstraßen – kein Haus wie das andere – und doch sowas wie Stimmigkeit. Bei menschlichen Größenverhältnissen.

    Kennst du den Universitätsplatz dort? Da findet sich auch die Neue Universität, ein Bau der Moderne vor den Nazis. Es gibt schon immer wieder mal ein gelungenes Beispiel. (Gefallen hat mir auch, dass ein Polizist die etwa 10 Autos, die den Platz gerade zum Parken missbraucht haben, mit einem Strafzettel versehen hat. 30 Euro.)

    Spaziert man die lange lange Hauptstraße vom Bismarck-Platz bis zum Karlstor, so stört zwar das gelegentliche Touristengedränge etwas, aber was man links und rechts sieht, ist angenehm abwechslungsreich. Man kann diese Straße immer wieder entlang gehen. Sie wird nicht langweilig.

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  9. Anarchrist schreibt:

    „Das Eckgebäude und dessen beide alte Nachbarn ließ man glücklicherweise stehen und baute das Zeitgenössische einfach daneben“ erinnert mich stark an die ehem. Margarinefabrik in Hamburg. Da ist das alte Eingangsgebaeude geblieben und dahinter wurde ein hochmoderner Quaderbau-‚Glaskasten‘ angeflanscht.

    Tolle Bilder von dir. Wie immer.

    Gruezi und Tschaudele

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  10. genova68 schreibt:

    Generell hat moderne Architektur viel mit der Auflösung der Fassade zu tun, wie gesagt. Und da ist zwangsläufig eine Öffnung da. Natürlich kann man Fenster verspiegeln, dann wird der gegenteilige Effekt erzielt. Und man kann Jalousien anbringen, aber das ist ja auch das Recht des Bewohners, der nicht möchte, dass alle reingucken. Es gibt die Möglichkeit der Transparenz.

    Wenn du die Bilder oben anschaust: Drehen die modernen Gebäude der zivilen Welt den Arsch zu? Und die älteren Nachbarn nicht? Es sind durch die Bank große Fensterflächen, größer als beim Altbau. Und Fachwerkhäuser verstecken ihr Inneres ja geradezu, notwendigerweise, weil man damals noch keine solch großen Wandöffnungen hinbekam.

    Man sollte halt große Fensterflächen nicht mit Transparenz verwechseln, auch wenn das in der frühen Moderne oft gemacht wurde. Man hat die Möglichkeit, Licht reinzulassen, muss es aber nicht tun, im Gegensatz zu Häusern mit kleinen Fenstern. Da ist es immer dunkel.

    Monotonie: Ja, sicher, das ist für viele ein Kritikpunkt. Aber es war einerseits eine Reaktion auf den Historismus, der nur noch sinnentleert irgendwas an die Fassade klatschte. Und es ist damit auch die Schwierigkeit beschrieben: reduziert zu bauen, ohne dass es monoton wird. Eine Corbusier-Villa beispielsweise würde ich niemals als monoton bezeichnen. Es sind Kuben, die miteinander kommunizieren, es sind Öffnungen, Details, ein Zusammenspiel, das man lesen muss und das Freude bereitet. Genauso wie manche Musik. Vieles ist auch eine Frage der Zeit: Klassizistische Architektur ist eigentlich auch monoton, der Pantheon ist ein Höchstmaß an Monotonie, aber alle finden es toll. Vielleicht einfach, weil es alt ist. Architektur wird sehr oft erst viele Jahre später geschätzt. Der Mensch ist da konservativ, im Gegensatz zu Autos, da will man gerne das neueste Design.

    Man muss ja auch nicht ausschließen. In Liége ist das nette, das vieles nebeneinander existiert. Und heute baut man auch nicht mehr so wie an der Maas damals, die Häuser stehen da und sie sind eine Erinnerung, so wie in jeder guten Stadt vieles nebeneinander existiert. In Deutschland gibt es das spezielle Problem der weggebombten Städte. Da sollte man auf Rekonstruktion weitestgehend verzichten, das funktioniert nur als Lüge. Ein wunderbares Gegenbeispiel ist übrigens die Alte Pinakothek in München: Im Krieg teilbeschädigt, hat Dollgast das in den 50ern rekonstruiert, aber ohne die Brüche zu verkleistern.

    Die Frage nach der Ökonomie des Bauens, nach Profit und Rendite ist übrigens noch eine andere, die man behandeln müsste. Natürich sind viele schöne moderne Wolkenkratzer in Amerika reine Renditeobjekte, die man nur noch als Kunstobjekte sehen kann, will man ihren Wert nicht schmälern.

    “ Kaum mal was Rundes oder Schiefes, kaum mal hüpfende Größen, schräge Linien, blühende Farben, muntere Ecken, überraschende Nischen, freche Erker „

    Tja, wie gesagt, im Historismus wurde damit Schindluder getrieben, diese Entwicklung musste zuende gehen. Heute sehen wir vieles anders, und eine Gegenbewegung zur Nachkriegsmoderne, zum International Stile gibt es ja schon seit den 1960ern. Die Postmoderne hat sich als obsolet erwiesen, als Lüge, da kann der Erker noch so frech daherkommen.

    Architektur war geschichtlich betrachtet meist monoton, ohne Frechheiten, man baute immer zweckmäßig, gerade die anonyme Architektur. Dass es nicht perfekt wirkt, lag meist an den fehlenden Möglichkeiten zur Perfektion. Heute haben wir die Möglichkeit der Perfektion, und etwas Schiefes einzubauen, nur damit es schief ist, ist nicht einfach, wenn es nicht lächerlich wirken soll. Dafür gibt es den Dekonstruktivismus, der aber auch schnell angeberisch wirkt, wenn dekonstruktiviert wird ohne erkennbaren Sinn. Ein schmaler Grat.

    Mir hat in Liége eben gefallen, dass man dort aus jeder Epoche etwas findet und man immer hingeklotzt hat. Brüsseliesierung nennt man das, das kontextlose Bauen, gegen den Maßstab der Umgebung. Es drückt ein Selbstbewusstsein aus, ein Versuch, seine Zeit auszudrücken. Man sollte dafür nicht allzuviel Altes zerstören, das ist richtig. In Brüssel gibt es da haufenweise Negativbeispiele. Aber das Umdenken hat in der gesamten westlichen Welt schon in den 1970er Jahren eingesetzt.

    Heute haben wir eher das Problem, dass man Altes weiter munter zerstört, eben moderne Architektur. Siehe Frankfurt, Berlin und anderswo. Es ist nicht besser als die Zerstörung nach dem Krieg und durch die Raserei der Moderne, tabula-rasa-mäßig. Man glaubt immer, der aktuelle Zeitgeist sei dauerhaft. Welch ein Unsinn.

    Brüsselisierung gab es übrigens schon immer. Kirchen im Mittelalter in Italien waren fast immer Brüsselisierung, der Dom in Bologna beispielsweise. Heute finden das alle toll, damals sprengte er komplett den Maßstab der Umgebung. Der Eiffelturm ist ein ähnliches Phänomen.

    Das Heidelberger Schloss wurde vermutlich über mehrere Jahrhunderte weitergebaut und verändert, deshalb wirkt es abwechslungsreich. Und es gibt dort eine hochinteressante Rekonstruktionsgeschichte,den Heidelberger Schlossstreit: Totale Rekonstruktion oder Beibehaltung der Schäden mit behutsamer Erneuerung. Man entschied sich für letzteres, das war die Grundlage der deutschen Denkmalpflege. Leider ist man in der heutigen regressiven Zeit nicht willens, diese Haltung auf dlesolate moderne Architkektur zu übertragen: Da macht man es lieber wieder brachial: Totalabriss, wie beim Palast der Republik oder beim Ahornblatt.

    Die Stimmigkeit und Menschlichkeit der Altstadtarchitektur in Heidelberg: Ja, schön, aber wir haben halt das Kreuz mit uns herumzutragen, dass wir viel perfekter geworden sind und uns die Menschlichkeit sozusagen per Technik leicht abhanden kommt. Auch eine Art Dialektik der Aufklärung. Der Weg zurück ins Irrationale ist jedoch Walt Disney.

    Anarchrist,
    danke. Dein Link funktioniert übrigens, auch wenn das Bildchen futsch ist.

    Ein nettes Gebäude, kannte ich nicht. Der Turm schon sehr sachlich und streng, das Vorgebäude ist wohl das, was man expressionistische Architektur nennt. Chilehaus und so.

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  11. Leo Brux schreibt:

    Historismus im Kaiserreich:

    Einerseits: Klar, dass wir heute das nicht einfach nachäffen können.

    Andererseits: Ich geh gern spazieren in den Straßen mit historistischen (kaiserzeitlichen) Wohnbauten. Und meide die Straßen, die man in den 50er Jahren und danach hingelangweilt hat.

    WARUM? Weil ich einen Spießergeschmack habe? – Glaub ich nicht, angesichts meines Vergnügens am architektonischen Tanz.

    Der Historismus hat seine Schönheit; die Moderne – hat sie eher nicht. Nicht weil sie modern ist. Nicht aus den Gründen, die du mir jetzt vielleicht unterstellst.

    Ich will, dass die Häuser ein menschliches Gesicht haben. Dass sie den Blick einladen und unterhalten. Die Häuser sollen mit uns sprechen. Dann macht es mir Freude, dort spazieren zu gehen und dort zu wohnen. Dank der Ästhetik entstehen dann bei denen, die dort wohnen und arbeiten, mehr Lebensfreude und mehr konstruktives Zusammenleben. Eine schöne Umwelt macht die Menschen schöner.

    Schönheit auch in der Architektur und im Städtebau kann auf sehr unterschiedliche Weise erreicht werden. Ich bin da nicht festgelegt. Was ich sehe und erlebe an Architektur nach dem 2. Weltkrieg, ist für mich ästhetisch enttäuschend. (Meistens, nicht immer.)

    Der Historismus liefert überwiegend ästhetisch gelungene Architektur. Die frühe Moderne tut das auch.

    Meine allgemeine Erklärung für den Absturz der Ästhetik danach: Der Bürger reduziert sich auf den Konsumenten. Geld und Konsum treiben dem Bürger die Ästhetik aus. Der Bürger verliert seine Bürgerlichkeit, wird zum Sklaven des Geldes. (Das gab es natürlich auch im 19. Jahrhundert, wurde aber noch in Grenzen gehalten vom Vorbild altbürgerlicher und aristokratischer Kulturformen.) Wir sind heute Geld-Fundamentalisten. Konsumfetischisten, kommerzialisierte Egozentriker. Wir sind Konsum-Taliban. Schöne alte Straßen in den Stadtzentren überleben, soweit wir sie in Malls verwandeln können, in den Wohnvierteln, soweit sie sich gentrifizieren lassen.

    Immerhin, gelegentlich entstehen dann doch noch schöne moderne Bauten. Als angenehme (und teure) Überraschung. So selten, dass jedes Beispiel Aufsehen erregt.

    Typisch ist eher das, was du am Münchner Marienplatz in der Südwestecke sehen kannst: den aggressiven Kaufhofbunker.

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  12. genova68 schreibt:

    Leo,
    das,was vor mehr als hundert Jahren gebaut wurde, ist aus heutiger Sicht meistens, fast immer gelungene Architektur. Das ist durch den milden Blick unserer modernen Zeit auf frühere Ästhetiken geprägt. Es ist Melancholie. Das ist ok, aber als Urteil nicht besonders wichtig. Es ist alt, es ist Freiluftmuseum und insofern ok. Wenn es um die Frage geht, wie wir heute bauen, kommen wir damit kaum weiter. Du kannst dir Fachwerkhäuser anschauen, die radikal die Konstruktion offenlegten. Tut das ein Architekt heute, wird er verurteilt. Der Dom von Siena sollte riesig werden, mitten in ältere Gebäude reingehauen und diese zerstörend. Das wäre heute nicht durchsetzbar, das Scheitern des Projekts würde Hohn und Spott nach sich ziehen. Heute finden diese Ruine, Ausdruck eigentlich eines Größenwahns, alle toll. Wir sind sehr mild, was Urteile über alte Architektur angeht. Kann man sein, völlig in Ordnung, aber es hilft für heutige Fragestellungen nicht.

    Nachkriegsarchitektur: Es war kein Geld da, es brauchte dringend massenhaft Wohnraum. Es entstanden viele gute, preisgünstige Wohnungen, und weitere Vergleiche sollten nicht zu Lasten der damaligen Architektur gehen, die zeitlichen Umstände erlauben das nicht.

    Es gab ab den 60ern viele gute Sachen, gerade wurde in der neuen arch+, Ausgabe 231, die Stadt Ivry-sur-Seine bei Paris besprochen: Ein kommunistischer Bürgermeister, der Architekten beauftragte, massenhaft Wohnungen zu bauen, HLM, Sozialwohnungen. Die Architektin René Gailhoustet hat da Hervorragendes geleistet und wohnt selbst, heute ist sie 80, immer noch da:

    https://www.google.de/search?q=renee+gailhoustet&dcr=0&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjn8ePfte_aAhUCOJoKHd5KCKYQ_AUICigB&biw=1338&bih=965

    Überhaupt sollte man sich mehr mit strukturalistischer Architektur beschäftigen, die der Schönheit einen Sinn gab, nicht einfach drangeklatscht. Das Drangeklatschte finden wir heute zusammenhangslos schön, ich übrigens auch. Klar sind die Gründerzeitviertel schön. Aber ein Ferrari ist auch schön, nur: was soll ich mit diesem Urteil anfangen, außer dass es ein privates ist?

    Man kann heute auch schön in den Berliner Mietskasernenvierteln rumlaufen. Vorne hui, hinten pfui. Schöne Fassaden vorne, alles Fake, die Mehrheit wohnte beengt und dunkel und mies in den Hinterhöfen. Das sollte man bedenken, wenn man vorne entlangläuft. Geld brauchte es für den Fassadentamtam übrigens eine Menge, Ornament ist nicht billig. Arbeiter wurden dafür ausgebeutet.

    Es gibt heute auch schöne Shopping-Centren und Wohnhäuser. Wobei mir der Begriff des Schönen ziemlich egal ist. Das ist eine soziologische Kategorie und sehr wandelbar. Man sollte Respekt vor Häusern haben, auch wenn sie nicht schön sind, besser: wenn man sie gerade nicht als schön empfindet. Ein 50er Jahre Wohnhaus kann man als schön empfinden, wenn man dort, ausgebombt, einziehen durfte. Vielleicht gerade, weil es schlicht und funktional war, es also zeigt, dass man schnell und günstig den Leuten wieder ein Dach über dem Kopf geben konnte.

    Warum ist eigentlich ein weißes Hemd, gut geschnitten, aus guter Baumwolle, schön? Es ist ziemlich schlicht. Warum würden wir da Ornament ablehnen? Und beim Haus ist es bei so vielen umgekehrt? Es ist vielleich die unwirtliche Zeit, die uns fürs Ornament so anfällig macht. Sehnsucht nach dem Spiel, das es nicht mehr gibt.

    Die CIAM-Logik der Funktionstrennung war ein Irrweg, das ist wohl klar, aber aus der Zeit heraus verständlich. Das Märkische Viertel in Berlin, Schlafstadt, war so eine Art Zeitenwende, aus der Rebellion heraus kritisiert und dann hörte in Berlin auch die Innenstadtzerstörung auf und der Bau solcher Viertel, zumindest im Westen. Heute dockt man leider gerne wieder an diese Funktionstrennung an, siehe das Europaviertel in Frankfurt, vor allem, was die Autofreundlichkeit angeht. Und die wichtigste Frage, die Bodenfrage, wird komplett zugunsten des Kapitals entschieden. Da ist es dann auch egal, ob man die Fassaden als schön empfindet, siehe Frankfurter neue Altstadt. Ich kann da oberflächerflächlich beim Spaziergang alles „schön“ finden, und dann muss ich mich dieses Gefühls schämen angesichts der manipulativen Ausbeutung des Begriffs der Stadt.

    Die Sünden aktueller Architektur sehen wohl nur wir so. Frühere Archtekturstreits legen das nahe. Die Romanik wurde irgendwann genauso kritisiert, danach die Gotik, dann mal dies, dann mal das. Ohne diese Kritik wäre es nie zu neuen Stilen gekommen.

    Aber sicher: Die Anhimmelung des oberflächlichen Ornaments des Historismus heute ist ein Hilferuf der heutigen Zeit. Es ist Teil unserer regressiven Gesellschaft, die sich zurücksehnt, weil aktuell etwas schiefläuft.

    Ob das alles mit Konsumtalibanismus zu tun hat: vielleicht. Der führt zumindest dazu, dass man das Detail, auch das moderne, nicht mehr würdigt.

    Jedenfalls danke für deinen Beitrag. Ich müsste so eine Antwort vielleicht strukturierter schreiben, bin da aber massiv auf der Suche.

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  13. radobast schreibt:

    Kurz zum Bild von Turm am Maasufer: Welch ein abenteuerliches Gebilde. Das reicht es schon, wenn Godzilla hustet und das Ding fällt um.

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  14. genova68 schreibt:

    Hoffen wir mal, dass Godzilla nicht vorbeikommt.

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  15. Leo Brux schreibt:

    Ich versteh dein Argument schon – es gibt mir einiges zu denken.

    Aber in einem wichtigen Punkt bleibe ich bei meiner Moderne-Kritik: Ich glaube zu merken, was TOT ist. Immer wieder erlebe ich in München mal 50m, mal 100m oder noch mehr, die einfach tot sind. Für den Fußgänger oder Radfahrer tot. Leer. Öde.

    Das sind keine Einzelfälle. Das ist der halbe Normalfall.

    Könnte es nicht sein, dass man früher eher „menschlich“ gebaut hat als heute? Dass man früher mehr Wert gelegt hat darauf, dass sich die Bauten eingefügt haben in eine gemeinschaftlich geteilte Welt?

    Ich will mein Argument nicht übertreiben. Die Spaltungen, Ausgrenzungen, Diskriminierungen der Gesellschaften früherer Zeiten haben ihre jeweils eigenen Bau-Perversionen hervorgebracht.

    Aber dass in München HEUTE eine Häuserzeile mit kaiserzeitlichen und weimarzeitlichen Bauten angenehmer ist für den Spaziergänger und für den Bewohner als eine Häuserzeile der 50er und 60er Jahre, das erlebe ich in meinem Stadtviertel Sendling JEDEN TAG. Bei manchen Bauten der letzten zwei Jahrzehnte wird es dann wieder besser. (Aber auch nur bei manchen.)

    Ich bin auch wohl keine Ausnahme, wenn ich das so erlebe.

    Ich meine auch, die Leute haben nicht ganz unrecht, wenn sie zum Beispiel nach Rothenburg ob der Tauber oder nach Bamberg oder Heidelberg fahren und das Ambiente dort urlauberisch genießen. Und sich wünschen, dort eine Wohnung zu haben. – Es ist nicht nur, weil das dort „alt“ ist. Sondern weil die Bauten und die Straßen – relativ – menschlich sind.

    Davon könnte sich die moderne Architektur und Stadtplanung mehr abschauen, als sie es tut.

    Wie viele Neubaugebiete gibt es in Deutschland, in den Städten wie in den Dörfern, die einfach nur grausam zersiedelt sind?

    Da fehlt der Gemeinschaftsgeist der Bürger, die sich sagen: Hier ist unsere gemeinsame Wohnwelt, die wollen wir gemeinsam „schön“ gestalten.

    Man kann sich dann durchaus streiten, was als „schön“ zu gelten hat. Ich bin da nicht dogmatisch und freue mich darüber, dass es sehr verschiedene Auffassungen darüber gibt.

    Ich stelle mir das so vor:
    In einer Kleinstadt oder in einem Dorf wird ein neues Siedlungsgebiet ausgewiesen, für sagen wir ca. 100 Häuser. Die Gemeinde beschließt, dass dort eine „Gemeinschaftsstraße“ entsteht: ca. 500 m mit geschlossener Häuserzeile links und rechts, eventuell Arkaden, einem kleinen Ortsplatz, viel Platz auf der Straße, Bänke zum Rumsitzen, Autoverkehr nur für Zulieferer, Parkplatz für Supermarkt außerhalb, weitere Geschäfte, Kinderspielplatz, Kindergarten und andere Einrichtungen, etwa die Arztpraxis und die Fahrschule etc.. Die Fassaden werden so gestaltet, dass jedes Haus etwas Besonderes ist, auch dass hier und da etwas Überraschendes passiert, dass es aber ein Ensemble ergibt, mit dem man sich identifizieren kann. Dann hat man ca. 40-50 Häuser in dieser Straße; die restlichen sind wie üblich Eigenheimbauten oder Mietshäuser links und rechts von der zentralen Straße.

    Ich denke, eine Gemeinde hätte die administrativen Mittel, um solche Pläne zu schmieden und umzusetzen. Das neue Viertel wäre damit weitaus attraktiver (und damit auch unter Kapitalgesichtspunkten wertvoller), als wenn man es in der üblichen Zersiedelungsweise anlegen würde.

    Warum wurde nach 1949 so etwas kaum mehr in Erwägung gezogen? Bis heute nicht!

    Könnte eine mögliche Erklärung darin liegen, dass der Faschismus gemeinsam mit dem Kapitalismus das kollektive Denken, die bürgerliche und die proletarische Kooperation zerstört haben? Ersetzt haben durch einen rabiaten blinden Individualismus?

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  16. genova68 schreibt:

    100 Meter tot, ja, das ist so. Aber wie gesagt, das ist eher ein Problem der Stadtplanung denn moderner Architektur. Real läuft es so, dass Einkaufsstraßen wegen Internet und Ketten veröden, egal, wie die Architektur aussieht. Im Historismus gab es keine Ketten und kein Internet, sondern massenhaft kleine inhabergeführte Läden. Da hatte die Architektur und der Städtebau leichtes Spiel.

    Heute wird nach wie vor jedes Neubaugebiet ohne Läden und ohne jede Mischung angelegt. Man fährt in die Supermärkte im Gewerbegebiet. Das wollen die Leute offenbar so, es ist praktischer.

    Historismus: Wir finden die Ornamente an der Fassade heute schön, weil sie vom ideologischen Ballast befreit sind. Wir verbinden damit keinen Machtgestus mehr, der gegen uns gerichtet ist. Damals war das aber so. Es war ein autoritäres Machtgehabe, der Arbeiter hatte das noch nie, es war für ihn nicht erreichbar. Wir können heute selbst NS-Architektur etwas abgewinnen, weil wir davon nicht mehr betroffen sind. Und wir könnten auch aus einem Gestapo-Gebäude heute ein Kunstmuseum machen und uns dort wohlfühlen. Die Gestapo würde dadurch nicht besser. Die ideelle Umfunktionierung von Architektur ist ok, aber man sollte daraus nicht den Schluss ziehen, dass sie früher menschlicher war.

    Und, wie oben schon erwähnt: Es gibt eine Menge guter moderner Architektur mit guter Stadtplanung. Beispielsweise den Mehringplatz in Berlin. Fällt mir gerade ein.

    Statt bloßer Verzierung geht es in der Moderne eher darum, etwas zum Ausdruck zu bringen. Wie gesagt, man sollte sich nicht immer auf den schöden Bauwirtschaftsfunktionialismus beziehen und auf die in Not hochgezogenen Wohnbauten der 50er. In Athen sieht man massenweise den Corbusierschen Modulino-Typ: simple sechsstöckige Wohnhäuser mit rundumlaufenden Balkonen. Viel mehr braucht es eigentlich nicht. Die Balkone werden begrünt, die Fassade gewinnt dadurch ungemein, die Leute stellen einen Tisch raus und zwei Stühle, vielleicht noch ein bisschen Farbe und fertig ist der Ausdruck. Und bitte keine Loggia.

    Alte Architektur: Die Grundrisse sind oft eine Katastrophe, Belüftung und Besonnung ebenfalls. Wohnungen komplett nach Norden raus, beengte Verhältnisse, Schächte statt Sonne usw. Wir sehen das nicht, wenn wir an der netten Fassade in Heidelberg vorbeilaufen, aber so kann man nicht mehr bauen, so will niemand mehr wohnen. Wohnen ist nicht Fassadegucken, siehe Berliner Mietskasernen. Wohnen im Fachwerkhaus: Niedrige Decken, superkleine Fenster und ständig eine Innenwand, damit das Haus nicht zusammenbricht.

    Deine Idee von einem Neubaugebiet ist gut, aber die Realität sieht, glaube ich, anders aus. Meine Mutter hat eine Eigentumswohnung in so einen Neubaugebiet: Es gibt einen zentralen Platz dort, da sitzt niemand, weil der Deutsche sich da nicht hinsetzt. Manchmal ein paar versprengte Jugendliche. Es gibt tatsächlich einen Bäcker, da geht niemand rein, weil die Leute alle ins Gewerbegebiet einen Kilometer weiter fahren und weil dort Lidl, Aldi und Kaufland billigere Brötchen backen. Und das Café, das dort geplant wurde, ist schon aufgegeben. Es hat etwas mit mangelnder deutscher Kultur zu tun. Italiener sitzen draußen und trinken einen Café, Deutsche machen irgendwas Undefiniertes. Die Kita gibt es, die Kinder machen Lärm, das sind die einzigen. Eine Arztpraxis aus, aber das bringt nicht viel. Ansonsten gibt es dort nichts, weil es nicht mehr gebraucht wird. Die Stadtmitte verödet, die Geschäfte gehen fast alle kaputt. Das ist übrigens nicht weit weg von Heidelberg. HD ist ein Tourismusanker, außenrum sieht es düster aus.

    Die Häuser in dem besagten Viertel meiner Mutter werden alle von privaten Investoren gebaut, Kleingeister, Kleinbürger ohne jedes architektonische Verständnis. Es ist alles total konservativ, weil man davon ausgeht, dass man das am besten verkaufen kann. Experimente verkaufen sich nicht. Und die vielen kleinen Reihenhäuser dazwischen: Denen sieht man an, dass die Erbauer wenig Geld haben und mit Kitsch protzen wollen. Gemeinschaftssinn gibt es nicht, jeder für sich. In einer konservativen Gegend ist Abschottung das Ziel. Es hat meines Erachtens viel mit der Politik, mit der Spaltung der Gesellschaft, mit deutscher Angst, mit fehlendem Anspruch und fehlender Erwartung an Politik zu tun. Die Reihenhäuser isolieren sich freiwillig zum Nachbarn: mannshohe Gabionen oder Dickicht. Außerdem hat man TV und Internet.

    Vor 1949: In den 20ern gab es einen Aufbruchsgeist, Revolution, SPD, Gewerkschaften, ein kollektives Bewusstsein, in Berlin gab es einen Stadtbaurat namens Martin Wagner, der Legendäres auf die Beine gestellt hat, unter anderem die Siedlungen von Bruno Taut. Heutzutage fehlen die Politiker von Format, der Geist, die Ideen, alles. Wir werden von Leuten regiert, für die eine Bezeichnung zwischen Trottel und Vollidiot angesagt ist. Von denen kannst du nichts erwarten. Zumindest ist das in Berlin so. Und geknebelt vom Kapital.

    Gebaut wird fürs internationale Kapital, nicht für Menschen.

    Dein letzter Absatz: Ich weiß nicht, ob es nicht in den 50ern und 60ern noch Kollektivgeist gab. 68 hat da zumindest in den Großstädten einiges Positives bewirkt. In Kreuzberg siehst du diese kollektiven Wohnverhältnisse immer noch auf Schritt und Tritt: vor dem Abriss geschützte Altbauten, umgebaut, erweitert, Dachterrasse, Mietervereinigungen, Platzgestaltungen, Spielplätze, Verkehrsberuhigung, da ist viel passiert, und da setzen sich heute die Bonzen rein und profitieren mit ihrem Geld davon.

    Ich würde den Schnitt also eher irgendwann in den 1980ern ansetzen, da veränderte sich viel, mit er Wiedervereinigung sowieso.

    Und die Renditelogik musst du heute überall beobachten. Soweit ich weiß, gibt es in München eine Menge netter Viertel, in Schwabing oder Haidhausen oder das Glockenbachviertel (korrigiere mich, wenn das nicht stimmt, ich kenne München kaum): Aber wer kann da noch hinziehen? Und wenn das nur noch eine kleine reiche Schicht ist, dann brauchen wir über Architektur und Stadtplanung und Wohnqualität nicht zu reden. Es gibt in München irgendwo eine kleine neue Siedlung, eigentlich nur ein erweiterter Hof, der vergangenes Jahr ein paar Preise bekam und über den viel berichtet wurde. Preise kenne ich nciht, aber da lief das mit dem Gemeinschaftsgedanken. Baugruppen sind wohl ok, aber auch das setzt Geld voraus. Genossenschaftsbauten, die preiswert wären und diesen Gemeinschaftsgedenken mit sich brächten, werden neu praktisch nicht mehr gebaut.

    Es ist heute auch zuviel reguliert, ließe man die Leute mehr drauflos bauen, wäre das vermutlich oft ziemlich peinlich, aber ehrlich, es würde sich mit der Zeit alles hinarrangieren. Verwaltete Welt.

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  17. Leo Brux schreibt:

    Danke für die ausführliche Antwort. Ich hab mal wieder etwas gelernt.

    Meine Idee von der zentralen Straße im Neubaugebiet möchte ich nicht so schnell aufgeben. Vielleicht muss man es nur „richtig“ machen – aber die Einwände, die du vorbringst, sind stichhaltig.

    Was du über Schwabing und Haidhausen und Glockenbach schreibst, stimmt so.

    Nebenbei:

    Ich selber wohne in einer Genossenschaftswohnung – ideal. Ich gehöre zu den Glücklichen, die zwar eher wenig Geld haben – aber eine gut gelegene relativ große billige sichere Altbau-Wohnung Jahrgang 1928. So kann ich mir meine Reisen leisten, viele Bücher kaufen und mit einer Halbtagsarbeit über die Runden kommen, die für mich außerdem eher ein Hobby ist.

    Der Ausländeranteil in meinem Viertel (Stadtbezirk 6 Sendling, ca. 35.000 Einwohner) dürfte bei etwa 30% oder noch höher liegen. (So hoch wie in Berlin-Neukölln?) Es gab und gibt damit NULL Probleme. NULL! (Buschkowski kann kommen!)

    Alles perfekt hier: öffentlicher Nahverkehr (U-Bahn, Bus), kleine und mittelgroße Geschäfte, Gaststätten, Ärzte, Schulen, Kindergärten, Spielplätze, Moschee, 4 Kirchen, Buchhandlung, Stadtviertelbibliothek, Schwimmbad, Sportplätze, Wochenendmarkt, Parkanlagen, Oktoberfest gleich nördlich, Flaucher-Anlagen an der Isar, etc..

    Der jährliche Polizeibericht bei der Bürgerversammlung ist Jahr für Jahr langweilig: NICHTS passiert hier. Kein Überfall, kein Mord, keine blutige Schlägerei, allenfalls mal ein schwerer Verkehrsunfall. Vor 15 Jahren gab’s hier mal einen Banküberfall, und ein paar Jahre davor ist einem Supermarktbesitzer nach Geschäftsschluss (wegen der Tageskasse) ins Bein geschossen worden.

    Die Gentrifizierung läuft natürlich auch hier, obwohl wir nicht so „berühmt“ sind wie Glockenbach, Schwabing und Haidhausen. Als Bewohner einer Genossenschaftswohnung (seit 1975) bin ich davor sicher,

    Warum haben die Genossenschaften nach 1949 nicht so gebaut wie vor 1933? Geschlossene Häuserzeilen! Warum gibt es solche Wohnungen nur für knapp 100.000 Münchner und nicht für eine halbe oder ganze Million?

    Die kleinen Geschäfte sind natürlich zum großen Teil weg. In einem alten Adressbuch hab ich mal nachgesehen, was es in den 50er Jahren und davor in den 30er Jahren alles gab. Unglaublich, diese Veränderung. Aber die alten Häuser, auch die nicht-genossenschaftlichen, die stehen alle noch schön eins neben dem andern und geben allen hier ein angenehm urbanes Stadtgefühl. (Nur einige der später gebauten Blöcke fallen stadtästhetisch etwas ab. Sendling hat im WK II aber Glück gehabt und nur relativ wenige Altbauten verloren.)

    Ich schreibe das, weil man auch mal das Positive hervorheben sollte. Es gibt auch Stadtviertel in Deutschland, denen es gut geht, und es gibt Menschen darin, denen es gut geht. (Äääh, das wird man doch noch sagen dürfen? Ich geb zu, Positives ist keine Meldung wert. Irgendwie uninteressant.)

    Keine Sorge, in meinen nächsten Beiträgen kehre ich wieder zurück zu den Sensationen, Katastrophen, Skandalen, die uns das Leben so unerträglich machen, dass wir uns gern abwenden von der Wirklichkeit und uns zurückziehen möchten in die mediengesteuerten Traum- und Albtraumwelten unserer frei flottierenden Vorstellungen.

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  18. genova68 schreibt:

    Glückwunsch zu deiner Genossenschaftswohnung. Jemand in deiner Einkommensklasse hat mittlerweile vermutlich keine Chance mehr, nach München zu ziehen. Und dein Beispiel zeigt, dass man günstig wohnen kann. Deine Situation kannst du ruhig positiv hervorheben, es hat jedoch keinee Allgemeingültigkeit. Du bist die Ausnahme.

    Aus den 20er Jahren in Wien:

    Auf Anregung des Internationalen Wohnungs- und Städtebaukongresses in Wien entstanden in den späten 1920er Jahren auch etwas größere Wohnungen mit bis zu 57 Quadratmetern. Die Mieten jedenfalls waren unschlagbar günstig: 1926 betrug die Miete für eine durchschnittliche Gemeindebauwohnung nur etwa 5-10% eines Arbeiterlohnes.

    Stilistisch entstand zwar kein eigener „proletarischer Architekturkanon“, es gab allerdings eine klare Absage an die „Verlogenheit“ der Scheinfassaden an den Zinshäusern der Jahrhundertwende.

    http://www.dasrotewien.at/seite/kommunaler-wohnbau

    Diese Verlogenheit empfinden wir heute nicht mehr so, kein Problem. Mit dem Hintergrundwissen sieht man den Ornamentklatsch vielleicht doch etwas problematischer. Die Miethöhe ist bezeichnend. Nur, weil immer noch so viele Leute behaupten, man könne nicht günstig bauen.

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  19. Leo Brux schreibt:

    Man könnte so viel billiger (und menschlicher) bauen …

    Ich mach den Vorwurf weniger den Politikern als den Bürgern. Wie kann man so blöd sein, nicht zu erkennen, dass die meisten von uns nur Nachteile haben, wenn nicht „genossenschaftlich“ gebaut wird, wie es uns die Proletarier in den 20er Jahren vorgemacht haben?

    ICH gehöre zu den (wenigen) Glücklichen, die noch von der früheren proletarischen Solidarität und Klugheit profitieren.

    Die Frage, wie man so blöd sein kann, die Möglichkeit und die Vorteile des „genossenschaftlichen Baumodells“ zu übersehen, führt meines Erachtens weiter, regt an zum Nachdenken. Was stimmt nicht in den Köpfen der Menschen hierzulande und in unserer Zeit? Was macht sie blind für ihre eigenen überaus naheliegenden Interessen (wie dem an billigem und zugleich qualitätvollem Wohnraum)?

    Der Prozess in Richtung Kommerzialisierung, Konsumismus und Egozentrismus – wäre er nicht leicht als nachteilig erkennbar gewesen in den 50er bis 70er Jahren? Die Bürger haben sich von den Kapitalisten aufs Kreuz legen lassen. Jetzt ist es vermutlich zu spät. Mit der Fähigkeit zu nachhaltig kollektivem Denken und Handeln ist es nicht mehr weit her.

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