Berlin und Senioren und Profit

Ein weiteres Beispiel für die partielle Asozialität unseres Gemeinwesens:

In Berlin-Mitte, direkt am Hackeschen Markt, muss jetzt ein Altersheim schließen. Grund: laut Tagesspiegel die Renditeinteressen des Grundstückeigentümers:

Besonders mit Büroflächen könne man in guten Lagen höhere Margen erzielen als im Pflegebereich. Dort sind die Mieten gedeckelt.

Das ist nicht mehr bemerkenswert, so funktioniert das Asi-System. Bemerkenswert ist höchstens die Bemerkung des sozialdemokratischen Baustadtrates von Berlin-Mitte, Ephraim Gothe:

Gothe befürchtet eine weitere Verdrängung von Pflegeeinrichtungen aus der Innenstadt. „Das ist ein Phänomen, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.“

Beruhigend, dass sich die Sozialdemokratie nun mit einem Problem auseinandersetzen will, das die Spatzen auf den Dächern schon vor zehn Jahren kannten. Es ist auch klar, dass das sozialdemokratische Sich-Auseinandersetzen mit dem Problem zu exakt dem führen wird, was das Kapital will: weniger Senioren, mehr Profit.

Ein Experte für Seniorenresidenzen, wie man das nennt,

„sieht in Berlin einen ähnlichen Trend wie in München. Dort würden Pflegebedürftige an den Stadtrand gedrängt, in der Innenstadt gebe es bald nur noch kirchliche oder städtische Pflegeheime. „Der Neubau von Pflegeheimen ist faktisch ausgeschlossen und der Bestand von Pflegeheimen hoch gefährdet.“

Es ist nur konsequent. Wer im Altersheim lebt, konsumiert nicht mehr ordentlich, der hat in der Innenstadt nichts zu suchen.

Man könnte hier eine Rubrik zum Thema „Asozialstaat Bundesrepublik Deutschland“ einführen. Das Problem wäre nur: Man hätte nichts mehr anderes zu bloggen. Der Blog wäre wegen Überfüllung geschlossen.

(Foto: genova 2017)

Dieser Beitrag wurde unter Berlin, Gentrifizierung, Gesellschaft, Kapitalismus, Neoliberalismus, Politik abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Berlin und Senioren und Profit

  1. Leo Brux schreibt:

    Aaah, das Foto!

    So steinern-quadratisch und gittergeschützt sieht also das System-Loch aus, in das der Graffiti-Typ hineinfocken (!) will.
    Ich erlaube mir eine konkret-pornografische Interpretation und Vergegenwärtigung dieses dynamischen Vorgangs – und vernehme schadenfroh den Schmerzenschrei, den der geile Typ dabei ausstößt.

    „Asozialstaat Bundesrepublik Deutschland“ – Ich würde eher sagen:“ Asozialplanet Erde“. Wäre der Rest der Welt nur so „asozial“ wie Deutschland, wäre für die Menschheit schon viel gewonnen.

    Diesen Vorbehalt muss ich machen; im übrigen stimme ich zu.

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  2. dame.von.welt schreibt:

    „Asozialstaat Bundesrepublik Deutschland“ – Ich würde eher sagen:“ Asozialplanet Erde“. Wäre der Rest der Welt nur so „asozial“ wie Deutschland, wäre für die Menschheit schon viel gewonnen.

    In ärmeren Gegenden der Welt wird der „Asozialplanet Erde“ meistens durch Familie ersetzt. Stellen Sie sich – Beispiel in Europa – Spanien ohne Familie als Notanker vor, nachdem die eigene Wohnung wegen Arbeitslosigkeit/Nichtmehrbedienung des Kredits geräumt wurde. Asozial im Wortsinn bei uns ist die große Zahl der Einpersonenhaushalte und ganz generell die fortschreitende gesellschaftliche Entsolidarisierung.

    Davon abgesehen: wären besagte ärmere Weltgegenden so asozial, ihren Anteil vom Ressourcenkuchen durchzusetzen, wäre das für die Menschheit eine Katastrophe, denn dann bräuchten wir dreivier Erden mehr.

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  3. genova68 schreibt:

    Dass der Typ in dieses Gitter reinficken wollte, darauf bin ich gar nicht gekommen. Vermutlich gibt es da auch einen Fetisch: Der Ins-Metallgitter-ficken-Fetisch.

    Ansonsten: Der Planet Erde kann nun wirklich nichts für die Vertreibung von Senioren in Deutschland. Du kommst mit dieser Taktik nicht weiter, Leo. Deutschland ist ein staatliches Gebilde, in dem Zustände herrschen, die diese Vertreibung möglich machen. Nun verweist du wieder auf andere Länder. Das hatten wir schon mal: Dem Slumbewohner von Kairo sagst du, dass es im Slum im Sudan noch schlimmer ist.

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  4. Leo Brux schreibt:

    Der Slumbewohner in Kairo hat – so wie ich – nur EIN Leben. Warum sollte er eine Jammer-Gesinnung entwickeln?

    Ich nehme an, dass die starken praktischen Kritiker immer auch diejenigen sind, die nicht klagen und jammern, sondern fähig sind, sich in ungünstigen Verhältnissen lebenstüchtig einzurichten, und die dabei von einem guten Sinn für das Mögliche profitieren. Also die konstruktiven Menschen, die aus dem, was sie vorfinden, das beste zu machen verstehen.

    Dazu gehört auch immer, dass man sich klar ist: Es könnte auch noch schlimmer sein. Wenn wir verbessern wollen, machen wir das bitte nicht so, dass wir am Ende noch schlechter dastehen.

    In der Tat denke ich, dass es klug wäre vom Slumbewohner, sich schlimmere Slums vor Augen zu halten. Und ein Bewusstsein dafür zu behalten, dass kaum etwas in unserem Leben keine guten Seiten hat.

    Es gibt nichts rein Gutes, und es gibt nichts rein Schlechtes. Sagt der Dialektiker … Und sucht das Gute im Schlechten … und das Schlechte im Guten … und regt damit alle Nicht-Dialektiker auf, die sich nach Erlösung im reinen Guten sehnen und darum das Böse für genauso absolut halten müssen und es absolut zu vermeiden streben.

    Gefällt dir meine Begriffsprägung „Asozialplanet Erde“ nicht? – Je länger ich dieses Wort auf der Zunge liegen lasse, desto besser entfaltet es seinen kosmopolitischen Geschmack.

    Möchtest du nicht, dass Afrika zum Beispiel deutsche Sozialstandards erreicht?

    Ich weiß, meine Frage ist eurozentrisch und ethnozentrisch verengt. Afrika kann nicht Deutschland werden. Man müsste überlegen, wie afrikanische Sozialstaaten funktionieren könnten. Am besten ohne die Verluste, die wir dabei im Modell Deutschland verursachen.

    Auch für uns wäre es nicht schlecht, wenn wir dank angemessener Entlohnung bzw. Finanzierung des normal-alltäglichen Lebens FÜR ALLE nur wenig Sozialstaat bräuchten. Sozialstaatskompensation ist eine Notlösung mit problematischen Nebenwirkungen.

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  5. Jakobiner schreibt:

    Schon fast zynisch, die Auffroderung, der Slumbewohner in Kairo möge genügsam sein angesichts der Verhältnisse des Slumbewohners im Sudan. Mir ist bisher keine Bewegung bekannt, die mit dem Bewusstsein angetreten ist, dass es anderen schlechter gehe und man daher Verbesserungen anstreben solle. Bestenfalls fällt mir noch Papst Franziskus ein, der deazu auffordert, dass die Armen ihre Wassersuppe mit den Ärmeren teilen wollen. Damit verhindert man jegliche Bewegung, die die Reichen und Gutsituierten einmal zur Kassen bitten möchte.Vielleicht sollten auch die 650 000 deutschen Obdachlosen sich ein Beispiel am Slumbewohner in Kairo nehmen–das könnte sogar aufgehen, denn ihnen geht´s möglicherweise sogar noch schlechter.

    Offtopic: Die Auschwitzrapper von der Echoverleihung haben auch ein ganz witziges Video gemacht mit den Götzfriedsistern. „Vom Salat schrumpft der Bizeps“–arabo-bayerische Leitkultur at its best–bei denen hat wohl eher der Genuß von zuviel BSE-Rindfleisch das Hirn schrumpfen lassen:

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  6. genova68 schreibt:

    Leo,
    ob der Slum-Bewohner eine Jammer-Gesinnung entwickelt oder nicht, ist erstmal seine Sache. Die Frage war, ob ich oder du, also privilegierte Leute aus einem privilegierten Land, ihm seine Lage versüßen, indem sie ihn auf die schlimmeren Zustände im Sudan hinweisen. Ich empfände das als eine Unverschämtheit und ich denke, es ginge dir genauso.

    Der gute Sinn für das Mögliche des Slumbewohners ist, dass seine Kinder bei einer harmlosen Krankheit sterben, weil sie die Medikamente nicht bezahlen können. Das Beste aus dem zu machen, was man vorfindet, könnte für den Slumbewohner eine Revolution sein. Ich hoffe mal, das du das meinst. Ob der Slumbewohner das macht, entscheide aber nicht ich. Jedenfalls möchte ich auf den riesigen Unterschied zwischen ihm und mir aufmerksam machen, der Schönfärberei verbietet. Ich würde ihm jedenfalls nicht dazu bringen, seine Situation doch bitteschön im „Rahmen des Möglichen“ anzunehmen.

    Der marxistische Dialektiker – und um den sollte es in solch einer Situation gehen – würde die Vorteile der Dialektik in Bezug auf den Slumbewohner darin sehen, dass er seine Verhältnisse ändern kann. Aber nicht einfach das Gute im Schlechten zu sehen. Das wäre, wie gesagt, sein individuelles Ding, auf das ich ihn sicher nicht hinweisen würde. Er soll entscheiden und ich leiste ihm Hilfe.

    Der Asozialplanet ist deshalb der falsche Begriff, weil der Planet nichts dafür kann. Es sind Menschen, die desolate Situationen hervorrufen, also Nationen und was auch immer. Nicht der Planet.

    Afrika soll deutsche Sozialstandards erreichen, ja. Und dann die Bonzen hinwegfegen, was die Deutschen naturgemäß nicht hinkriegen.

    Jakobiner sieht das ganz richtig.

    Das Video von Kollegah kann ich mir gerade nicht anhören, weil hier Joe Henderson läuft. Den schalte ich jetzt nicht zugunsten von Kollegah aus.

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  7. Jakobiner schreibt:

    Asozialplanet–vielleicht sollte dann der Bewohner des Asozialplanet zufrieden sein, denn auf dem Assozialerplanet Mars und Jupiter, wo es kein Leben gibt geht´s noch asozialer zu. Juche, wir leben noch!

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