Manfred Prasser und das Grunzen eines Architekturkritikers

I.

Der seit gefühlt mehreren Dekaden aktive Architekturkritiker der Welt, Dankwart Guratzsch (in Fachkreisen Tankwart Grunzarsch genannt), lobt in einem Nachruf den DDR-Architekten Manfred Prasser.

Guratzsch geht üblich regressiv geht an die Phänomene heran. Er bezeichnet den Gendarmenarkt – der von Prasser inklusive Schinkels Schauspielhaus rekonstruiert wurde – einfach als „zu den schönsten in Europa zählend“. Es ist dieses banale Schönheitsverhältnis wie auch der Zwang zu Wettkampf und Vergleich in einem Bereich, in dem das Vergleichende und Listende generell problematisch ist.

Prasser hat Schinkel außen möglichst originalgetrau wiederaufgebaut, innen irgendwie frei klassizistisch erneuert. Kann man machen, kann man problematisieren, kann man aus der Zeit heraus sehen, wie auch immer. Für Guratzsch ist das gelungen, weil sich Prasser vermeintlich nur am Alten orientierte. David Chipperfields kritischer Umbau des Neuen Museums ein paar Meter weiter dagegen hat nach Meinung des Welt-Geschmacks-Gurus allen Ernstes einen „dogmatisch-erzieherischen Vorsatz“. Chipperfield hat die Wunden des kriegsgestörten Gebäudes in seine Umbauten integriert, ein wunderbarer, lesbarer Kasten, der das Alte bestehen lässt, aber Schäden nicht einfach kaschiert, sondern sie thematisiert. Wegweisend und an die Alte Pinakothek in München erinnernd, die von Hans Döllgast in den 1950ern kritisch wiederaufgebaut wurde. Dieser kritische Umgang mit Geschichte, er nicht leugnet und nicht beschönigt, wird von der Reaktion in diesem Land abgelehnt. Ein „Wiederaufbau“ kann demnach nur heißten: Zurück in die Monarchie, zurück zum Untertan, vielleicht auch zurück zu Hitler light, wer weiß.

Guratzsch könnte der offizielle Architekturkritiker der AfD werden. Ein regressives Geschichtsbild, ein gestörtes Verhältnis zu Ästhetik, zu Entwicklungen, zu Neuem allgemein ist beiden gemeinsam. Alles, was nach 1914 gebaut wurde, taugt nichts. Die raffinierte, die heutige Zeit in die Pflicht nehmende Gesundung des Neuen Museums ist dann einfach dogmatisch, natürlich ohne jede Begründung, vermutlich, weil es dafür keine gibt. Überflüssig zu sagen, dass bei Guratzschs Architekturbetrachtungen politische, soziale, ökonomische, individuelle Implikationen keine Rolle spielen.

Bezeichnenderweise trägt der Welt-Nachruf zu Prasser die Überschrift „Friede den Palästen“. Krieg denen da unten, könnte man ergänzen.

Besonders perfide: Prasser war auch der Architekt eines vielfach gelobten großen Saales im Berliner Palast der Republik. Guratzsch ist Verfechter des Wiederaufbaus des Stadtschlosses, was den Abriss des Palastes zur Bedingung hatte. Tote wehren sich nicht.

Architektur ist immer auch Gesellschaft, ist Entwicklung, ist Bruch, Spaltung, Differenz, Irritation. Wer Puppenstädte will, will keine Architektur, sondern Walt Disney. Wer mit der Differenz nicht klarkommt, sondern als höchstes der Gefühle sich einen rechteckigen Platz mit Repräsentativarchitektur aus klassizistischer Zeit vorstellen kann, auf dem vermeintliches Bürgertum flaniert (und demnächst dann Rechte marschieren), sollte in einen Disney-Themenpark ziehen.

Das kenntnisfreie Ablehnen des Aktuellen, des Neuen, das nur dann zugelassen wird, wenn es „alt“ aussieht: Dass die Welt sich diesen „Kritiker“ leistet – seit den 1970er Jahren, tatsächlich, lese ich gerade -, nun ja. Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

II.

Beschäftigt man sich mit Manfred Prasser etwas näher, wird das vermeintliche Lob Guratzschs zur üblen Instrumentalisierung eines interessanten Architekten.

In einem Interview mit der Zeit 1995 sagte er zum Abriss des Palastes der Republik:

„Der Abriss war dasselbe wie die Sprengung des Stadtschlosses durch Walter Ulbricht. Das neue Deutschland hat hier genauso politisch aggressiv auf die Vergangenheit reagiert wie der DDR-Machthaber damals … Es gab absolut keinen einzigen fachlichen Grund für den Abriss. Asbest ist nur gefährlich, wenn er frei liegt. Man hätte das alles ummanteln können. Zu einem Bruchteil der heutigen Kosten.“

Auf die Frage, woher der Impuls für den Abriss des Palastes kam, antwortete Prasser:

„Das war knallharter Kommunistenhass. Was die DDR gebaut hatte, musste weg. Wie bei Ulbricht – der ließ das Schloss abreißen, weil er den Kaiser hasste. Die Deutschen lassen ihren Hass immer an Steinen aus. Sie beseitigen nicht den Geist, sondern die Bauwerke, die Symbole … Wir Deutschen sind so.“

Über Bodien:

„Boddien ist ein Übel für Berlin. Er hat mit Architektur nichts am Hut, verdient aber gut an diesem Schloss. Und alle unterstützen ihn. Ich bewundere ihn heute für seine Überzeugungsfähigkeit.“

Tja, da hat uns Guratzsch in seinem Nachruf wohl einiges verschwiegen, und zwar exakt das, was seinem Plan, Prasser zu einem reaktionären Vorzeigearchitekten der DDR zu machen, nicht entsprach. Den „knallharten Kommunistenhass“ kann man der Welt und Springer generell vorwerfen und sämtliche Ausführungen Prassers zum Schloss sind eine verbale Vernichtung des neuen Architektur-Deutschland: Verlogen, klitternd, reaktionär.

Wir Deutschen sind so. Im 17. Jahrhundert baute man in Berlin rund 20 Stadttore. Im 19. Jahrhundert schleifte man sie, aber nicht nur ein bisschen, sondern mit deutschem Hass: gründlich, perfekt und ohne Gnade. Man investierte viel Zeit, Geld und Mühe in die Vernichtung jeder Spur.

So sah Berlin um 1855 aus:

Ich kenne keine Stadt, in der man mit solch extremer – also deutscher – Gründlichkeit ausradierte, und zwar jenseits von Kriegszerstörungen. So gesehen könnnte man es als bezeichnend bezeichnen, dass die Deutschen im Zweiten Weltkrieg nicht kapitulierten, bevor nicht alles kaputt war. Wenn schon verlieren, dann mit Vollgas. Wir machen keine halben Sachen.

Ähnliches passiert heute mit moderner Architektur, mit Brutalismus im Besonderen. Frankfurt am Main ist momentan trauriger Vorreiter einer neuen Regression, einer neuen Aggression, eines neuen Hasses auf Steine, auf Bauwerke, auf Symbole, in diesem Fall auf Emanzipatorisches. Das muss nun getilgt werden, bis zur letzten Betonschalung.

Die Guratzschs dieses Landes freuen sich. Deren Grunzen passt in die Zeit.

In einem allerdings irrte Prasser:

„Ich bin traurig über Deutschland. Über die Unfähigkeit, eine Kulturpolitik der neuen Zeit sichtbar zu machen durch ein Bauprojekt. Stattdessen bekommen wir jetzt für viele Millionen dieses erbärmlich verwirklichte Schloss.“

Zur Kulturpolitik der neuen Zeit passt der Wiederaufbau des Berliner Schlosses bündig. Wenigstens einmal ehrlich.

(Fotos: wikipedia und genova 2018)

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