Jazz und Kopf und Bauch

Der immer lesenswerte Helmut Mauró in der Süddeutschen Zeitung (9.3., S. 11) anlässlich einer aktuellen Einspielung von Stücken Johann Sebastian Bachs durch den Jazzpianisten Brad Mehldau:

Geht es im Jazz also gar nicht um ein intellektuelles Vergnügen, Komplexes zu entschlüsseln und mit sich selber neu zu verknüpfen? Sind die existenzialistischen Jazz-Fans der 1950er Jahre, als ihnen der Pop die Rebellenrolle klaute, eigentlich Romantiker, die von der Musik eher unbewusst durchdrungen werden wollen? Oder geht es um eine kindliche Unbekümmertheit, um Reinheit und Unschuld? Dieses Paradoxon ist doch der höchste Glaubenssatz des Jazz: musikalisch ausgefuchst und abgebrüht zu sein, ohne sich schuldig gemacht zu haben an der Erbsünde des Komponierens, des Sich-Festlegens, der Fremdbestimmung?

My thoughts exactly, zumindest, was den ersten Teil angeht. Ich würde ich das Komponieren nicht als Erbsünde betrachten (Wer hat das jemals behauptet? Auch im Jazz wird komponiert.), aber dieses angedichtete Intellektualität des Jazz habe ich noch nie nachvollziehen können. Es geht um groove, es geht darum, was ich als Gesamtkonzept erfasse, wie ich mich in Soli oder in Krach verlieren kann. Das Sichverlierenkönnen passt nicht zum angeblich intellektuellen Anspruch. Es geht darum, auf der Bühne, während der Einspielung, aufeinander einzugehen, das Momentane zuzulassen, seinen Part spontan zu füllen, immer mit der Möglichkeit des Scheiterns. Das Thema, die Variationen, die Soli erfasse ich rational, aber das ist in der Regel nicht besonders schwierig, die Erfassung geht sozusagen automatisch und unterscheidet sich kaum von dem, was man bei einem Schlager macht: Man erfasst rational, dass Strophen vorgetragen werden, unterbrochen vom Refrain. Der Unterschied zum Jazz ist, dass beim Schlager nach vier Takten der Fall klar ist und die Monotonie vorgegeben. Jazz ist einfach das Mehr, das Andere, das Differente, das Auslotende, das Unfertige, ja, das musikalisch Ausgefuchste, aber nicht kalkuliert. Es geht auch um Freude. Adornos Problem mit dem Jazz war genau das. Der Jazz demaskierte seinen Kunstbegriff oder die fehlende Stelle darin. Vermutlich hat er das gespürt.

Ich habe den Eindruck, als sei dieses Vorurteil des ach so intellektuellen Jazz nur Beobachtern lanciert worden. Die haben die schwarzen Rollkragenpullis gesehen und davon auf Kopfarbeit geschlossen.  Und die Intellektuellen freuen sich ja, wenn sie etwas usurpieren und zurechtbiegen können. Jazz ist ein Aufbrechen eines Käfigs, aber mit wenig Kopf und viel Bauch. Vielleicht auch Trauerarbeit, ungeschminkte. Und es ist im Wesentlichen schwarze Musik. Kindliche Unbekümmertheit ist es wohl eher nicht.

Die schwarzen Jazzer der 1950er und 1960er Jahre in New York und anderswo in den USA waren keine intellektuellen Vordenker, sondern (zum Teil) geniale Musiker. Um so einer zu sein, ist ein intellektuelles Vermögen nicht hinderlich, aber auch nicht nötig. Ich kann Blue Notes und andere Jazzharmonien wissenschaftlich erklären, aber ich lerne sie als Musiker anders. Es ist nach wie vor eine Offenbarung, im Film Blue Note zu hören, wie Musiker wie ihre Musik beschreiben:

Es scheinen alle glückliche und zufriedene Musiker zu sein. Jazz ist lebenslanges Lernen im besseren Sinn. Oder to turn the animal in the human to the light, wie es Carlos Santana in diesem Film sagt.

Naturgemäß ist auch der Jazz schon längst unter die Fuchtel von Marketing und Kommerz geraten. Einerseits haufenweise seichte Aufnahmen, die im Fahrstuhl zu hören sind. Andererseits akademisch ausgebildete, virtuose Jungjazzer, die ihre Instrumente beherrschen, aber sonst nichts. Kein groove, kein Ausdruck, der Maßstab der Verkaufbarkeit ist Trumpf. Selbst Jazz wird als Renditeobjekt ausgebeutet. Wohlfühlen ohne Kopf und ohne Bauch. Auch das geht offenbar.

Aber alles Gelaber ist überflüssig. Einfach hören.

(Foto: genova 2015)

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11 Antworten zu Jazz und Kopf und Bauch

  1. Jakobiner schreibt:

    Ich habe mich mit Jazz, Blues und Funk nie anfreunden können–zum einen, weil das solch ein oberflächliches und seichtes Gedudel wie Funk und Jazz oder aber eher schwermütig wie der Blues ist.Zumal auch beim Jazz noch viel mit Trompete und Saxophon gearbeitet wird, speziell letzteres finde ich ein fürchterliches Instrument, nicht etwa weil es auch Bill Clinton spielte. Die mehr existenziellen Filme der 80er hatten dann auch immer einen Hochhaushinterhof, bei dem dann einer mit dem Saxophon melancholisch von der Feuertreppe spielte.So schlimm wie auch die Big Bands.Einfach schrecklich, trifft überhaupt nicht meine Gefühlswelt und sind für mich keine „good vibrations“.Diese Musikrichtungen leben zudem noch vom Mythos früheren Protestes, aber beim Jazz der heutigen Sorte handelt es sich bei der Hörerschaft zumeist um Juristen, Ärzte, Intellektuelle, mehr um Advokatenjazz, wie dies einmal der Besitzer unseres Cafehauses so süssifant bezeichnete.

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  2. genova68 schreibt:

    Wenn du dich mit Interesse Jazz näherst, wirst du ihn nicht als oberflächlich und seicht bezeichnen. Als Anfang würde ich den verlinkten Film empfehlen. Aber man muss auch nicht.

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  3. dame.von.welt schreibt:

    Jakobiner, „süssifant“ ist der allerwundervollste Verschreiber – ganz groß, danke!

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  4. Jakobiner schreibt:

    Trifft einfach nicht meine Gefühlswelt. Ich stehe mehr auf greogorianische Choräle, Orgel ala Bach, gewisse Kirchenmusik, die 70er Jahremusik (Deep Purple, Led Zepelin, Pink Floyd, Genesis unter Peter Gabriel, Emerson Lake and Palmer, Peter Frampton, Ted Nugent, Golden Earing, Amon Düll,etc.), die mehr psychodelische Musik bis hin zur mehr esoterischen Musik von Mike Oldfield später.Zumal viele davon noch sehr oppulent, verschnörkelt und indisch angehaucht waren vom Sitaplay des Ravi Shankar oder solche Ausnahmesongs wie Norwegian Wood von den Beatles oder Sweet Lady Jane von den Stones (Spinet-ein tolles Instrument). Klassische Musik begrenzt, denn da gibt es überwiegend Schrott und mit melanocholischem Klaviergeklimper bei Regenlaune habe ich es auch nicht so. Grunge begrenzt. Umgekehrt aber auch kämpferische und harte Musik wie Iron Maiden, Punk, Hip Hop und Rap (Body Count, NWA, Public Enemy), wenngleich ich bei den Texten da mal lieber weghöre–rein der Rythmus.Desweiteren auch noch die spätereren Kinks–auch wegen ihrer guten Texte, die man mal verstehen kann (Round the Dial, Village Green Presevation Sopciety, Shepherd of the Nation,etc.)Techno und Elektro geht mit Ausnahme einiger Trance- und Flowlieder gar nicht und Scooter ist für mich die Absage an jeglichen Musikgeschmack.Und wie schon gesagt: Bei Jazz, Blues und Funk werde ich „dazzed and confused“:

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  5. genova68 schreibt:

    Jazz ist ja der Oberbegriff für alles mögliche. Wobei sowas hier doch einfach ein guter groove ist, eher konservativ, eher Fusion, ein engagiertes, aber gefühlvolles Schlagzeug, das immer noch den konkreten Rhythmus bestimmt:

    Donald Byrd, Ethiopian Knights, 1972, mit Bobby Hutcherson an den Vibes

    Aber es soll ja jeder hören, was er will und vieles von dem, was du aufgezählt hast, höre ich auch manchmal.

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  6. Jakobiner schreibt:

    Nee, nee, wie gesagt: trotz Schlagzeug und Fusion mal wieder Blechinstrumente und Geduddel–nix was mir gefallen würde.Eher langweilig und schleppt sich vor sich hin oder fliesst so dünnflüssig.Dann lieber Bloodhound Gang, Wall of Vodoo, Talking Heads, Nirvana, etc.

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  7. Jakobiner schreibt:

    Harfe finde ich auch ein tolles Instrument. Geige weniger, nur wenn sie von Anna Katharina Kränzlein von Schandmaul gespielt wird, die da sehr vielfältig ist und sich eben nicht nur auf Klassik festlegen lässt:

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  8. philgeland schreibt:

    Glückwunsch, das Post ist eine echte Kopfnuss, zumindest für mich. Vielleicht fällt mir später ja noch was „Gescheites“ dazu ein.

    Man könnte nun hergehen zu sagen, Jazz sei die klassische Musik des Zwanzigsten Jahrhunderts – und würde eigentlich gar nicht so falsch damit liegen … Mir selbst ist der Begriff „Jazz“ jedenfalls zu weit gefasst. Ob lexikalische Definitionen da weiter helfen?

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  9. genova68 schreibt:

    Der Begriff Jazz ist zu weit gefasst, finde ich auch:

    https://exportabel.wordpress.com/2011/12/14/kurze-anmerkung-zu-jazz-freiheit-gott/

    Ich meine eher alles nach Swing, wobei ich Swing nicht diskredittieren möchte, ich kenne den nur nicht, er ist mir, aus heutiger Sicht, zu sehr im reinen Wohlfühlbereich. Der komplette Fahrstuhljazz hat mit dem eigentlichen Begriff auch nicht mehr viel zu tun, Brönner und solche Leute. Aber solche Abgrenzungen führen auch wieder zu willkürliichen Ausschlüssen und wer bin ich, dass ich Brönner ausschließe. Cool Jazz, Bebop, Free Jazz, Fusion, alle möglichen Fusiontypen mit Funk, Latin, was auch immer. Jazz sollte Neugierde beinhalten, also Mischungen ausprobieren, ohne das geht es nicht. Jazz und Rap und Hiphop und Noise und so weiter. Ich bin da leider auch nicht mehr auf dem Laufenden, nehme aber dankbar sachdienliche Hinweise entgegen.

    Jazz braucht das Neue, das Ungewöhnliche, den Versuch. Das ist meines Erachtens wesentlich. Dazu gehört dann eben auch das Verlassen der üblichen Melodik.

    Wenn dir noch etwas Gescheites einfällt, lass es uns wissen :-)

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  10. Jakobiner schreibt:

    Noch als Lesetip für Genova, aber leider kostenpflichtig: SZ-Interview mit einem Jazzer:
    http://www.sueddeutsche.de/kultur/jazz-weisse-wale-1.3926476?reduced=true

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  11. genova68 schreibt:

    Danke, leider habe ich die Ausgabe nicht. Hätte mich interessiert.

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