Vom Transparenzversprechen in der Architektur

Das neue Polizeihauptquartier in Tiflis (leider unscharf im Vorübergehen geknipst):

Die georgische Polizei hatte sich in der Nachwendeära mit Korruptionsverdächtigungen auseinanderzusetzen. Vor ein paar Jahren wurde da angeblich durchgegriffen. Wie auch immer: Man machte dort etwas, was anderswo schon längst der Vergangenheit angehört, aber vielleicht immer noch Eindruck schinden kann: Um den Verdacht der Korruption abzuschütteln, baute man transparent.

Die Gebäudehülle ist so durchsichtig, bis zum Boden verglast, dass man bei jedem diensthabenden Polizisten unschwer erkennen kann, ob er seinen Hosenschlitz geschlossen hat oder nicht. Allerdings ist das auch egal, denn die Realität ist das Digitale. Und da ist es eben egal, ob der diensthabende Polizist mit offenem oder geschlossenem Hosenschlitz vorm Computer sitzt.

Das Transparenzversprechen in der Architektur hatte in der frühen Bundesrepublik eine Hochzeit und war vielleicht Teil eines Versprechens. Und es ist naturgemäß angenehmer, das Baumaterial Glas großzügig zu verwenden anstatt eine dicke Hülle aus Granit als Verkleidung mit kleinen Wandöffnungen zu errichten, schlicht deshalb, weil man gerne rausschaut und es gerne hell hat. Große Wandöffnungen sind das Gegenteil von Kerker und eingemauert sein.

Allerdings geriet das Transparenzversprechen der Architektur nicht erst seit der Existenz des Virtuellen, des Digitalen zum Hohn. Die Deutsche Bahn sitzt am Potsdamer Platz in Berlin in einem komplett verglasten Hochhaus. Man kann die Mitarbeiter, wie man sagt, von außen beobachten wie die Polizisten in Tiflis. Das hindert diese Mitarbeiter allerdings nicht an ihrer durch und durch ausbeuterischen und kapitalistischen und transport- und also menschenfeindlichen  Unternehmenspolitik, gewährt von einer durch und durch ausbeuterischen und kapitalistischen und transport- und also menschenfeindlichen Politik allgemein.

Glasfassaden als Fassaden.

Es gab in den ersten bunderepublikanischen Jahren bekanntlich noch eine starke Hinwendung zu konservativer Architektur. Viele alte Nazi-Architekten wollten sich im neuen Staat gemütlich einrichten und arbeiteten – natürlich ohne kolossale Machtgesten – an neuer konservativer Eleganz. In den frühen 1950ern setzte man allerdings auf den International Stile, auf schicke, regional oder national nicht mehr zu lokalisierende Architektur. Dagegen mag man ästhetisch nichts einwenden, aber es war keine Überzeugungsleistung, sondern eine der ökonomischen Anpassung. Demokratie und Transparenz wurde nachträglich der ästhetischen Ideologie hinzugefügt. Die Machthaber freuten sich.

Ähnlich verhält es sich mit dekonstruktivistischer Architektur, die ja die Dekonstruktion der Konstruktion versprach, also die an Struktur orientierte zielgerichtete Auflösung von Strukturen. Das Museum von Bilbao hat es zwar geschafft, die Stadt neu zu vermarkten. Der Inhalt des Museums ist allerdings egal, kein Besucher interessiert sich dafür. Aus Zaha Hadids Büro wurde eine neoliberale Architekturmaschine, die Menschenverachtung predigt und baut.

Das Visuelle als Provokation, als Möglichkeit des Neuen: Das ist vorbei. Die smarteste Architektur dient heute als Platform für Eliten, die sich reproduzieren. Architektur kann nur noch als Maschine beurteilt werden, deren Funktionen zu prüfen sind. Die Fassade erzeugt schon lange keine Provokation mehr und ist damit für Architekturkritik eine zu vernachlässigende Größe geworden. Containerarchitektur scheint mir derzeit die vielversprechendste Option zu sein, aber das ist ein anderes Thema.

(Foto: genova 2017)

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11 Antworten zu Vom Transparenzversprechen in der Architektur

  1. radobast schreibt:

    Diese Form der Architektur setzt sich mittlerweile auch in einer Metropole wie São Paulo durch. Zumindest, wenn es um Wohngebäude mit kleineren oder mittelgroßen apartamentos geht. Also eher was für Singles und Paare. Natürlich nicht zur Miete, sondern zum Verkauf. Also für „Bessergestellte“, will sagen, deren Sprösslinge. Gewissermaßen ein privates Äquivalent zu diesen verspiegelten Riesenbauten, in denen die Borgs Geschäfte machen.

    Wie dem auch sei, ein letztes „Aufflackern“ jenes Baubooms der vergangenen Jahre.

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  2. radobast schreibt:

    P. S. Mit „durchsetzen“ ist natürlich nicht gemeint, dass solche Gebäude das Stadtbild zunehmend prägen, sondern nur, dass sie so einige noch verbliebene Gründstücke mit Beschlag belegen. Und zwar nicht in der Peripherie, sondern im erweiterten Zentrum. Und da stehen sie nun, frisch errichtet und ragen innovativ in den Himmel.

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  3. genova68 schreibt:

    Solche Transparenz ist in Sao Paolo gerade in? Interessant. Wobei das bei google oder facebook ja so ähnlich ist, wenn auch als vermeintlich organische Architektur, also rein formal mit mehr Rundungen, weichen Ecken und so. Da macht die Transparenz in Umkehrung Sinn: Google ist komplett intransparent, dafür die Kunden um so mehr. Vermutlich ist google die schlimmste Firma der Welt. In 30 oder 50 Jahren wird sie die Weltregierung sein.

    Was hältst du eigentlich von der aktuellen Entwicklung in Sachen Lula da Silva? Ist der Haftbefehl gerechtfertigt? Ich blicke da überhaupt nicht durch. Würde mich interessieren.

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  4. neumondschein schreibt:

    Google wird total überschätzt. Die sind von einem strategischen Monopol noch ein Stück entfernt. Fürchte Dich mal mehr vor Microsoft und Facebook!

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  5. radobast schreibt:

    @neumondschein, also ich denke, es handelt sich da um ein „Triumvirat“. Will sagen: alle drei bestellen den selben Acker, aber mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Trotzdem teile ich genovas Meinung. Google ist „transzendenter“. Es sickert überall durch.

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  6. radobast schreibt:

    P. S. „Die Weltregierung stellen“. Was für ein Ausdruck. Richtig „old-fashioned“. ;-)

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  7. radobast schreibt:

    @genova

    Man blickt da nicht unbedingt leicht durch, weil es eine Vorgeschichte hat und weil solche Kontexte von den meisten Medien verschwiegen oder verzerrt werden. Ich hänge weder irgendwelchen Verschwörungstheorien an, noch halte ich Lula für einen Heiligen aber was in den letzten Jahren abgelaufen ist, kann man ruhig einen Putsch nennen. Und zwar einen ohne Panzer auf den Straßen. Die sind nicht mehr notwendig, also so wie 1964. Das lässt sich heute viel smarter regeln. Mit Hilfe tonangebender Medien in den Händen einiger weniger, sehr reicher Familien und mit Hilfe einer politischen Justiz. Von den Filterblasen in den sozialen Medien ganz zu schweigen …

    Bevor’s jetzt noch undurchsichtiger wird, erst einen, so zum Einstieg:

    https://amerika21.de/analyse/149295/the-intercept-brasilien

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  8. radobast schreibt:

    P. S. eine LINK natürlich …

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  9. Leo Brux schreibt:

    Das sehe ich wie Radobast. Eine Art Putsch.

    Die Oberkorruptis bringen Lula (vermutlich ein bisschen korrupt?) wegen Korruption ins Gefängnis, um die Brasilianer daran zu hindern, ihn erneut zum Präsidenten zu wählen.

    Der Putsch läuft. Der evangelikale Faschist Bolsonaro wird wohl Präsident werden. „Gewählt“ werden.

    Brasilien reiht sich dann ein:
    Russland – Putin.
    Türkei – Erdogan.
    Philippinen – Duterte.
    USA – Trump.

    Das Volk wählt Verbrecher.

    Europas Beiträge sind vorerst noch eine Stufe oder zwei weniger autoritär bzw. grotesk, aber aber der Trend geht auch bei uns hin zum Autoritären: Kaczynski, Orban, Fico, Dragnea, Muscat (Malta – der mutmaßliche Auftraggeber für den Mord an Caruana Galicia). Salvini in Rom ante portas. In Österreich Strache-Hofer-Gudenus in der Regierung Österreichs. Zeman in Tschechien passt auch dazu.

    Ich sehe kein Ende für diesen Trend zum Autoritären, in manchen Aspekten Faschistischen.

    Bemerkenswert, wie unsere bayerische CSU den Orban hofiert:
    der sein Konzept selbst „illiberale Demokratie“ nennt;
    der die Gewaltenteilung in Ungarn kastriert hat;
    der populistisch-korrupt herrscht, und das auch noch offen antisemitisch (Soros-Kampagne).

    Man merkt, dass die CSU das Ungarnmodell gern kopieren würde.

    Es zeigt sich auch in der offenen Verächtlichmachung des Parlaments:

    http://www.sueddeutsche.de/bayern/bayern-soeder-und-die-csu-liefern-ein-unwuerdiges-schauspiel-ab-1.3951548

    „… wenn der Ministerpräsident nach seiner eigenen Rede nicht die Manieren hat, den Erwiderungen der Opposition zu lauschen, sondern stattdessen am Handy rumtippt. Gut, immerhin saß er die meiste Zeit auf seinem Platz, das ist wohl schon ein Fortschritt. Bevor er Staatsmann wurde, lümmelte Söder bei Oppositionsreden meistens in den hinteren CSU-Bänken rum oder war gar nicht im Plenarsaal.“

    … Oppositionsführerin Natascha Kohnen (SPD), „die zu überwiegend leeren Stühlen sprach. Das ist nicht nur unhöflich, sondern absolut respektlos, nicht nur der Opposition, sondern dem gesamten Parlamentarismus gegenüber.“

    Die CSU meint, nur sie dürfe im Parlament etwas zu sagen haben; alle andern haben demütig zu kuschen. Opposition sei lästig und brauche es nicht, wenn man eine so kompetente und christliche Regierung habe.

    Ungarn als Ideal. In Deutschland. In Bayern. Bei der CSU. – Und es kommt nicht so schlecht an bei unseren Wählern.

    Demokratie? – Was wollt ihr denn, es wird doch noch gewählt, oder? Volkes Wille will die Gewaltenteilung nicht mehr so … sieht sie eher als Hindernis … Man muss den starken Männern freie Hand geben!

    Das Anbandeln der Konservativen bei den Demokratiefeinden, bei Gelegenheit auch bei den Faschisten, dieses Bündnis, das wir von der Weimarer Republik her kennen, scheint wieder aktuell zu werden.

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  10. genova68 schreibt:

    Danke!

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  11. radobast schreibt:

    @LeoBrux, obwohl das Thema in Bezug auf das Post eigentlich „off-topic“ ist, erlaube ich mir, noch zwei Bemerkungen hinzuzufügen:

    Bolsonaro ist zwar eindeutig rechts aber das Bündnis mit den Evangelikalen geht er aus wahltaktischen Gründen ein. (Obwohl es mittelfristig auf das Gleiche hinausläuft, diese religiösen „Bewegungen“ gewinnen ständig Zulauf und vertreten ganz klar rechte Positionen. Ich wage sogar zu behaupten, dass sie die eigentliche Gefahr darstellen).

    Was Lula angeht, wenn man sich überlegt, dass er laut Umfragen ganz klar vorne liegt, so stellt sich die Frage, wie seine Wählerschaft mit dem „Frust“ umgeht, dass er aus dem Rennen ist. Und da steht, wie ich finde, keineswegs fest, dass die alle linksgerichtete oder moderate Kandidaten wählen. Ich fürchte, da könnten wir es wirklich mit einem „Trump-Effekt“ zu tun bekommen. Also nach dem Motto: „Wenn schon nicht Lula, dann eben einen Außenseiter“. Und da bietet sich Bolsonaro leider (noch?) an.

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