Zeit und Deutschsein

Ein syrischer Flüchtling über seine Erfahrungen in Deutschland:

Ihr Deutschen macht für alles einen Termin aus – egal, ob in der Arbeit, mit Kollegen oder in der Freizeit. Wenn ich mich in Syrien mit einem Freund treffen wollte, dann habe ich ihn angerufen und gefragt: „Hey, was machst du gerade?“ So spontan kann ich viel mehr Leute treffen. Hier in Deutschland klappt das alles nicht. Warum macht ihr das so?

Ich habe aus vielen Gesprächen mit Syrern den Eindruck, dass sie genau das – neben der fehlenden Gelassenheit – als das Merkwkürdigste hierzulande empfinden.

Weiter im Artikel:

Wir haben UN-Dolmetscherin und Autorin Susanne Kilian gefragt: Warum sind wir so fixiert auf unseren Kalender?

Über viele Jahrhunderte haben sich Effizienz und Pünktlichkeit als Überlebensstrategien und damit als echte Werte der deutschen Gesellschaft etabliert. Es war und ist uns wichtig, nichts „zu verschwenden“, Ressourcen zielgerichtet einzusetzen und Aufgaben in der abgesprochenen Zeit erledigen. Nicht nur Materielles, auch Zeit verstehen wir als kostbare, vergängliche Ressource, die wir möglichst sinnvoll nutzen möchten.

Wohl war. Effizienz und Pünktlichkeit als echte Werte. Und Exportweltmeister als Überlebensstrategie. Genau so wurde diesem komischen Volk um die Jahrtausendwende die Notwendigkeit der Agenda-Politik erklärt. Es hat selbstredend alles geschluckt. Heute wird es, via AfD verdaut, ausgewürgt.

Eine Engländerin meinte kürzlich zu mir, sie empfinde es als typisch deutsch, dass man auf die Festellung, man friere, von Deutschen den Tip bekomme: „Zieh dir doch einen Pulli an!“ und keine Empathie. Wir sind so praktisch. Vermutlich sind das Spätfolgen von Wilhelminismus, Protestantismus und Hitler.

Deutschland als Weltkatastrophe. Mögen die Syrer uns beistehen.

(Foto: genova 2015)

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11 Antworten zu Zeit und Deutschsein

  1. Mathias schreibt:

    „Wenn wir Zeit schon als Ressource begreifen, warum ist es die einzige, die wir behandeln, als wäre sie begrenzt?“ (Mathias Bluemlein)

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  2. schlingsite schreibt:

    Genau. Wenn der Engländer Hunger verspürt, lässt er sich mit humorvollen Worten trösten; Deutsche bilden nach Feststellung der Bedürftigkeit Warteschlangen und Syrer leben mehr im Hier und Jetzt.

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  3. neumondschein schreibt:

    Deutschland als Weltkatastrophe. Mögen die Syrer uns beistehen.

    Derzeit stellt eher Syrien die Weltkatastrophe dar.

    Man muss es so sehen: Das deutsche Volk ist einfach hoeflich. Es laesst niemanden warten. Und es stoert nicht Meetings, Unterrichtsstunden und Zusammenkuenfte dadurch, dass man zu spaet kommt. Und man ueberzeugt sich, ob man nicht ungelegen kommt. Jemanden warten zu lassen, kann ja als Beleidigung aufgefasst werden. Sich jemandem aufzudraengen, wenn er beschaeftigt ist, oder allein sein moechte, ist unhoeflich. Das wollen die Germanen vermeiden. Deswegen sind sie puenktlich.

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  4. neumondschein schreibt:

    Und bezueglich der die Empathie betreffenden Anmerkungen muss ich leider etwas antisemitisch werden: In diesem komischen Land leben ein Haufen Leute, die fuer syrische Fluechtlinge eine Suppe uebrig haben. Doch kommt es auch zu Konflikten, wenn so viele Fluechtlinge in Deutschland eintreffen, wo es doch vorher schon so viele arme Schweine in Deutschland gibt, die eine Suppe ebenso noetig haben. Abgesehen davon verursachen die Neuankoemmlinge soziale, wirtschaftliche Probleme, die in erster Linie arme Schweine ausbaden muessen. Damit brauen manche politische Kraefte Missstimmung zusammen, um sich Einfluss zu verschaffen. In Deutschland sieht man daher viele haessliche Leute, die haessliche Dinge tun. Aehnliches passiert in Laendern wie dem Libanon. Auch dort treffen viele Fluechtlinge ein. Es gibt einerseits warme Suppe, andererseits auch dort arme Schweine, deren soziale und wirtschaftliche Probleme sich vergroessern. Aber es gibt auch ein Land, das wirklich ausschliesslich nur Empathie uebt: Israel! Dafuer nimmt Israel aber auch keine Fluechtlinge auf. Und es gibt keine Suppe. Und auch keine Probleme. Nur erhobene Zeigefinger, moralische Abrechnungen fuer haessliche Deutsche und antisemitische Libanesen und Waffen, Luftunterstuetzung und Ausbildung fuer Terroristen – aehh – gemaessigte Rebellen.

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  5. Leo Brux schreibt:

    Zur Empathie-Erwartung der Engländerin und dem deutschen Hinweis auf den Pullover:

    Wieso soll hier die Antwort in (billiger) Empathie und nicht in einem (ebenso billigen, aber immerhin) praktischen Hinweis bestehen? Wenn es tatsächlich ums körperliche Frieren geht?

    Natürlich, wenn die Bedeutung mitschwingt, dass der andere seelisch friert angesichts der Kälte in seiner sozialen Umwelt, dann hilft der Pullover nicht; dann wäre das Übermitteln seelischer Wärme via empathischer Äußerung die passende Antwort.

    Es kommt also drauf an.

    Die Sache kann auch eine neoliberale Schlagseite haben. Der fehlende Pullover ist ein materielles Defizit, vielleicht verursacht durch relative Armut; die marktkonforme Antwort ist dann entweder: „Kauf dir einen Pullover!“ Oder Ablenkung aufs Psychologische. „Ach du Armer!“ Die sozialistische Antwort wäre: „Hier, nimm meinen Mantel! Und morgen gehen wir zum Sozialamt …“

    Ob allerdings die Engländer im psychologischen Fall mehr Empathie zeigen als Deutschen?

    Es würde mich interessieren, ob man den Grad und die Verbreitung von Empathie in Gesellschaften messen kann. Vermutlich nicht. Ich wage trotzdem, über den Daumen peilend, zu vermuten: Die Deutschen gehören zur Zeit zu den Besten in der Empathie.

    Letzters schreibe ich als Beitrag zum Thema „Spätfolgen von Wilhelmismus, Protestantismus, Hitler“.

    Ich selber lege großen Wert auf Pünktlichkeit. Die Uhr ist ein „natürliches“ Organ an mir, so wie Ohren und Augen.

    Mein bester Freund, ein Türke, kommt zu Treffen immer zu spät, gelegentlich um Stunden.
    Was mach ich da? – Ich bin selbstverständlich pünktlich – hab aber meinen tolino dabei und lese derweil. So verliere ich keine Zeit. Und vermeide zugleich eine ethnozentrischerweise stressbedingte Reaktion meinerseits, die die Freundschaft gefährden könnte.
    Wie nennen wir so ein Verhalten, genova? – Deutsche Effizienz!

    (Hat auch was Dialektisches, oder, diese Art der Effizienz? Sie ist irgendwie eher hegelianisch, nicht kantisch. Es ist ein kräftiger Schuss italienischer Flexibilität drin.)

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  6. ebversum schreibt:

    Ich bin mir nicht sicher, ob man getriebenen Funktionalismus an einem Deutschtum fest machen kann. Sicher, mit und seit der Agenda, ist das Ideologie und Modell geworden, womit man auch Europa überschwemmen wollte/will. „human ressources“ und auch dieser Systemfetisch, sind aber älter und auch aus anderer Ecke.

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  7. besucher schreibt:

    Man sagt nicht: „Zieh Dir einen Pulli an.“ sondern „Zieh Dir was Anständiges an!“ ANSTAND ANSTAND ANSTAND!!!

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  8. genova68 schreibt:

    Zieh dir was Anständiges an, ja, danke für den Hinweis. Wobei ich den Begriff des Anstandes durchaus aus der Mülltonne holen würde. Immer eine Frage der Definition.

    Neumondschein,
    „Jemanden warten zu lassen, kann ja als Beleidigung aufgefasst werden. Sich jemandem aufzudraengen, wenn er beschaeftigt ist, oder allein sein moechte, ist unhoeflich. Das wollen die Germanen vermeiden. Deswegen sind sie puenktlich.“

    Nun ja, ich glaube, die Deutschen sind pünklich, weil sie selbst es unangenehm fänden, unpünktlich zu sein, nicht aus Höflichkeit. Aber es geht eigentlich gar nicht um Pünktlichkeit, sondern um die totale Organisation des Alltags. Effizienz, Pünktlichkeit, Leistungsbereitschaft, Ordnungsliebe, Untertanengeist: Alles typisch deutsche Eigenschaften, die zeigen, dass dieses Volk eingehegt werden muss. Sonst passiert ein Unglück. Die deutsche ökonomische Dominanz in Europa, das Wirtschaften zu Lasten anderer und irgendwann zu eigenen Lasten, ist der aktuelle Ausdruck für das Problem. Das Problem Europas heißt nach wie vor Deutschland, das sollte man nicht vergessen.

    Was dein Antisemitismus hier soll, ist mir unklar.

    Effizienz ist natürlich grundsätzlich ok. Wenn ich Milch in ein Glas schütte und nicht auf den Boden, dann ist das effizient, denn aus dem Glas kann ich besser trinken und danach muss ich nicht putzen. Wir haben aber heute in den entwickelten Staaten kein Effizienzproblem, sondern eines der fehlenden Gelassenheit, der Achtsamkeit, des Konkurrenzdenkens. Deutsche Effizienz wird die Welt zugrunde richten.

    Vielleicht kann man das am schwäbischen nicht zielgerichteten Sparen beschreiben. Man spart ohne zu wissen, wofür. Die Deutschen sind Exportweltmeister, nur, damit sie es sind. Kein Mensch kann konkret sagen, was der Quatsch soll. Man verzichtet auf vieles, nur damit andere den eigenen Krempel kaufen. Die Politiker der Mitte übrigens finden das ganz toll. Also wird es schon so sein.

    Ich bin übrigens auch pünktlich, aber das ist nicht der Punkt. Wie oben geschrieben: Es geht um die Organisation. Man kann sich nicht spontan verabreden, das ist das, was die Syrer sagten. Der Deutsche lebt in einem Plan, sorgt sich im September und den nächsten Sommerurlaub und kann den Moment nur genießen, wenn ein PR-Fuzzi ihm sagt, dass er das jetzt tun soll.

    ebversum,
    das mit dem Deutschen schreibe ich immer, weil ich hier wohne und selbst einer bin. Es ist schwieriger, über andere zu urteilen. Würde ich plötzlich woanders leben, fiele mir dort vieles auf.

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  9. neumondschein schreibt:

    Ich komme aus Dresden. Saemtliche meiner Vorfahren, die irgendwo in Kirchenbuechern verzeichnet sind, kommen aus Deutschland. Mir geht es gut. Deutschland und dessen Volk, zu dem auch alle Buerger gehoeren, deren Ahnenpaesse ungermanische Eintraege enthalten wuerden, bieten keinen Anlass fuer einen besonderen Hass. Eher fuer Satire, wenn man mag, oder Kritik, die man fuer notwendig haelt. Wenn deutsche Buerger vor roten Ampeln stehenbleiben, obwohl kein Auto zu sehen ist, dann kann man vielleicht darueber lachen. Ich mag Nachbarn aber lieber, wenn sie sich an Regeln, seien es auch unverstaendliche, halten, als wenn sie sich an bestimmte Regeln nicht halten, und das Zusammenleben stoeren, und damit autoritaere Fuehrung notwendig machen.

    Aber es geht eigentlich gar nicht um Pünktlichkeit, sondern um die totale Organisation des Alltags. Effizienz, Pünktlichkeit, Leistungsbereitschaft, Ordnungsliebe, Untertanengeist: Alles typisch deutsche Eigenschaften, die zeigen, dass dieses Volk eingehegt werden muss. Sonst passiert ein Unglück.

    Untertanengeist war frueher einmal. Als noch Despoten das Volk knechteten. Liberalismus und Individualismus haben sich laengst in Deutschland durchgesetzt. Im uebrigen sind ja gerade Liberalismus und Individualismus Folgeerscheinungen der protestantischen Revolution im 15. und 16. Jhdt. Protestantische Menschen haben autoritaere Fuehrungen gar nicht noetig. Der Protestantismus sorgt ja ganz von selbst dafuer, dass Herrschaft internalisiert wird, d.h. die Buerger von sich aus ihre eigene Herrschaft organisieren. Deshalb sind ja gerade die protestantischen Laender Musterbeispiele fuer gelingenden Liberalismus, eben wegen ihrer angeblich typisch deutschen Eigenschaften wie der totalen Organisation des Alltags, der Effizienz, Puenktlichkeit, Leistungsbereitschaft und Ordnungsliebe. Man betrachte Skandinavien, die Schweiz, Amerika,… Luther erachtete es ja auch nur deshalb fuer notwendig, darauf hinzuweisen, dass Obrigkeit respektiert werden muss, weil zu seiner Zeit, als der Protestantismus die Gestalt einer sozialen Revolution angenommen hatte, ebenderselbe die Tendenz hatte, Obrigkeit ganz prinzipiell in Frage zu stellen.

    Ich komme zwar aus Dresden. Mache aber nicht bei Pegida mit. Auch nicht bei AfD. Auch nicht bei Gedenkfeiern gegen den Bombenholocaust. Auch nicht bei den Gegendemos. Ich und meine Verwandten kommen zum groesseren Teil aus protestantischen Gegenden, ohne selbst Protestant zu sein, dafuer sich aber wie solche benehmen. Lebe ziemlich frugal-asketisch (also preussisch-reaktionaer-protestantisch), bin auch puenktlich. Darueber hinaus besitze ich viele der oben genannten Eigenschaften definitiv nicht!!! Als da waeren: Ordnungsliebe, Effizienz, Leistungsbereitschaft. Benutze aber zum Beispiel Linux. Das wiederum ist ein originaer protestantischer Zug: Einfach etwas fuer die Gemeinschaft tun! Visionen fuer die Welt entwickeln! Zum Beispiel Open-Source-Software programmieren… Einfach so! Ohne dass ein Diktatur begabte Leute erst zu Zwangsarbeit verpflichten muesste.

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  10. Leo Brux schreibt:

    „Wenn deutsche Buerger vor roten Ampeln stehenbleiben, obwohl kein Auto zu sehen ist, dann kann man vielleicht darueber lachen. Ich mag Nachbarn aber lieber, wenn sie sich an Regeln, seien es auch unverstaendliche, halten, als wenn sie sich an bestimmte Regeln nicht halten, und das Zusammenleben stoeren, und damit autoritaere Fuehrung notwendig machen.“

    Ich bin katholischer Bayer, und ich geh selbstverständlich bei Rot über die Kreuzung, wenn die Situation mich dazu einlädt. Mit dem Fahrrad dito.

    Genau dieses Verhalten scheint mir geboten zu sein. Wer Regeln in Situationen folgt, in denen sie keinen Sinn machen, beeinträchtigt auch die Regel.

    Der Katholik, anders als der Protestant, weiß, dass der Mensch nicht anders kann als zu sündigen. Dass Gott das versteht und verzeiht.

    Ich bin zwar ein Ungläubiger, religiös gesehen kein Katholik, aber eben doch katholisch sozialisiert. Und so schüttle ich über dich, neumondschein, meinen katholischen Kopf und sag: Ja mei, de Preißn san schon komische Leid. Soins do obn macha wos woin, aber bei uns herunten da bleim ma Menschen.

    Woraufhin neumondschein natürlich ein gutes Argument dafür hat, dass der Balkan an der Donau beginnt.

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  11. Jakobiner schreibt:

    Bezeichnend, dass eine Zeitung ZEIT heißt. Soll wohl zweierlei assoziieren: Zeitgeschichte/Aktualität und dass man sich Zeit nimmt, die dicke Wochenzeitung gemütlich zu durchschmökern.Ob Time und New York Time dasselbe suggerieren soll, wohl nur ertseres.

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