Kurze Betrachtung eines interessanten Hauses

Ein Gebäude in der Emilia-Romagna, beim flotten Vorbeifahren entdeckt:

Was sehen wir? Ein Erdgeschoß mit scheinbarer Ladenzeile, darüber eine außergewöhnliche Kubenlandschaft. Es handelt sich auf den ersten Blick um ein gewöhnliches Wohnhaus mit vier bis fünf Stockwerken, mit individuellen Balkonen, die mit Längsstreben als Sonnenschutz verkleidet sind. Daneben gibt es noch einen Versorgungsturm. Die Kuben sind teilweise strukturalistisch (oder schon poststrukturalistisch?) verschoben, es klaffen Lücken, man steht zur Lücke, zur Desorientierung, man steht offen zum nicht-genutzten Raum, eine alles in allem sehr angenehm erscheinende Wohnraumarchitektur der 1970er Jahre.

Es handelt sich in Wahrheit um ein Möbelhaus (oder sagt man Einrichtungshaus?) einer Firma namens Il Prisma.

Es hat etwas von M. C. Escher. Warum tarnt man ein großes Verkaufsgebäude als Wohnhaus?

Wie auch immer. Das Gebäude erlaubt einen Blick durchs Schüsselloch auf eine angenehme Epoche, in der man noch nach vorne dachte, nicht nur formal Neues probierte, indem man es von innen heraus entwickelte, Form als Ergebnis eines inhaltlichen Denkens, eines Prozesses der Bedürfnisherausarbeitung. Das letzte Aufbäumen modern-emanzipativer Architektur, nachdem man den Bauwirtschaftsfunktionalismus zumindest formal abgeschüttelt hatte.

Der Sozialstaat der 50er und 60er Jahre konnte das Öffnen der sozialen Schere kurzzeitig verhindern, Innovation nach vorne treiben. Das war dem Kapital naturgemäß zuviel. Es kam mit Kohl und Reagan und anderen die Regression, in der Architektur die Postmoderne. Letztere hätte eine Chance auf eine linke Entwicklung gehabt, wäre sie nicht immer stärker rein formal ausgerichtet worden.

Architektonisch sind wir heute an einem Punkt angelangt, wo einerseits banalster Neoklassizismus realisiert wird, wie man sagt, andererseits sowas hier:

Vermeintliche Innovation, die allerdings komplett auf die Fassade, aufs Banal-Optische beschränkt bleibt. Die Balkone sind praktisch nicht nutzbar, jeder Sozialwohnungsbau der 1950er hatte mehr zu bieten. Die Preise für eine solche Eigentumswohnung (hier in Berlin-Kreuzberg) beginnen bei 4.500 Euro pro Quadratmeter. Es sind vermutlich größtenteils Zweit- oder Drittwohnungen. Im Haus nebenan sitzen vierköpfige Familien in zwei Zimmern, weil sie nichts größeres finden, was bezahlbar wäre.

Der Versuch, die Fassade interessant zu machen, ist vordergründig gelungen, aber nur um den Preis der totalen Defunktionalität. Es soll ein bisschen blubbern, deshalb mühte man sich um extrem flache Winkel. Davon abgesehen besetzen solche Gebäude immens wichtigen Platz mitten in einer Stadt. In vernünftigen Zeiten würden verantwortungsbewusste Bürger so einen Kasten anzünden.

Beim Anblick solcher Häuser wünscht man sich den Anschluss an Gebäude wie die von Prisma, weil dort die Möglichkeit zur emanzipatorischen Weiterentwicklung noch gegeben war. Auch wenn Prisma selbst das Prinzip, wonach die Form den Inhalt abzubilden hat, ignorierte. Vielleicht aber auch nur ironisierte oder persiflierte.

Es reizt jedenfalls zu Hingucken, selbst beim flotten Vorbeifahren.

(Fotos: genova 2017 + 2016)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Aufmerksamkeitsökonomie, Gesellschaft, Italien, Wirtschaft abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.