Sozialdemokratische Ratlosigkeit und das Beherbergen

Vielleicht kann man das Desaster der SPD mit dem Desaster der Wohnungsbaupolitik vergleichen. Es gibt da Analogien. In beiden Bereichen gab es einmal einen sozialen Ansatz, vernünftige Grundsätze mit einem klaren Leitmotiv. In den 20er Jahren erstellten Berliner kommunale Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften unzählige Wohnungen, heute zum Teil Weltkulturerbe. Die SPD wusste auch noch, wofür sie kämpfte und was ihre Aufgabe war. Wohnen ist ein zentrales Grundbedürfnis, das war zumindest in den 20ern den Protagonisten noch bewusst. In der Nachkriegszeit wurden massenweise preiswerte und oft sehr gute Wohnungen gebaut.

Heute ist die SPD im Arsch und dem Wohnungsbau geht es genauso. Beide neoliberal filettiert.

Ein aktueller Artikel im bürgerlichen, wie man sagt, Tagesspiegel, besagt:

Ratlosigkeit macht sich breit, denn nicht einmal Marktexperten hatten das erwartet: Trotz Mietpreisbremse, weiterer Milieuschutzgebiete und der Begrenzung der Modernisierungsumlage stiegen die Mieten und die Kaufpreise für Wohnungen im vergangenen Jahr erneut und zwar noch stärker als im Vorjahr.

Sehr geil: Ratlosigkeit. Wer angesichts der letzten zehn Jahre Wohnungsmarktentwicklung ratlos ist, dem ist nicht mehr zu helfen. Wer alle Reichen dieser Welt einlädt, sich hier Wohnungen als Geldanlage zu kaufen, braucht keinen Marktexperten, um das Ergebnis zu prognostizieren. Es ist ein komplettes Versagen aller Beteiligten. Beziehungsweise ein sehr effektives Handeln der Kapitalseite. Oder will irgendwer ernsthaft behaupten, die Verantwortlichen hätten sich in diesen zehn Jahren tatsächlich bemüht, die Mieten nicht steigen zu lassen?

Der Tagesspiegel schreibt weiter:

Wie rasant die „Aufholjagd“ ist, zeigen die Wohnungspreise in Neukölln, die sich binnen fünf Jahren von 1450 Euro auf 3300 Euro je Quadratmeter mehr als verdoppelten. Schuld daran ist die Spekulation mit „Wohnungsportfolien“, wie Investoren den Mietshaus-Handel nennen.

Die „Großhandelspreise“ für Wohnblöcke stiegen auf den Quadratmeter gerechnet mit plus 15 Prozent sogar noch stärker als beim Verkauf einzelner Eigentumswohnungen (plus 12,6 Prozent; 3706 Euro). Vorneweg unter den Käufern: die Deutsche Wohnen, die für ihren Umgang mit Mietern wiederholt in der Kritik stand.

Mehr als eine Verdopplung der Kaufpreise im einkommensschwachen Neukölln. Das wird sich so oder noch massiver auf alle Mieten übertragen – über kurz oder lang. In Außenbezirken wie Spandau sieht es ähnlich aus. Da braucht es keine Ratlosigkeit, sondern Gesetze, die Asis wie Deutsche Wohnen kastrieren. Natürlich passiert das nicht. Deutsche Wohnen und andere Investoren haben ihre Wohnungen übrigens aus kommunalen Wohnungsbeständen rekrutiert. Der Staat überlässt hunderttausende Wohnungen dem Kapital, das daraus das macht, was seine Aufgabe ist: Noch mehr Kapital.

Auch nicht schlecht: Man will jetzt mehr Sozialwohnungen bauen. Gleichzeitig fallen immer mehr bisherige Sozialwohnungen aus der Förderung. Das liegt an alten Gesetzen.

„Selbst wenn wir 5000 jährlich bauen würden, reicht es nicht, um den Verlust mietpreisgebundener und günstiger Altbauten auszugleichen“, sagt Wild.

Wild ist der Vorsitzende des Berliner Mietervereins.

Wie nennt man sowas? Ein absurdes Gesetz wird beibehalten und man kämpft dennoch angeblich dagegen an. Wie heißt der Typ, der einen Felsen den Berg hochrollt?

Die beste Aussage in dem Tagesspiegel-Artikel kommt von einem Investor namens Christoph Gröner, der in Berlin fett im Geschäft ist:

„Die Bodenpreise haben sich verdreifacht und für 1500 Euro je Quadratmeter kaufen wir nicht mehr“. Daran könne auch „die beste Regierung“ nichts ändern.

Dem Investor ist der Bodenpreis zu hoch, da sinkt seine Rendite. Die beste Regierung kann an einer Verdreifachung der Bodenpreise nichts ändern? Dann brauchen wir, so mein Vorschlag, auch keine Regierung. Es ist wieder einmal das Gift des Neoliberalismus, der hier spricht. Bodenpreissteigerungen sind wie Erdbeben, dagegen kann man nichts machen.

Der Schluss des Artikels ist auch passabel:

Weil auch der Vertrag der neuen Groko im Bund kein Heilmittel bietet, macht sich Resignation breit angesichts des Unausweichlichen: auf Jahre hin weiter steigenden Wohnkosten.

Wer hätte auch gedacht, dass die GroKo der Mietenexplosion etwas entgegensetzt? Andererseits: Warum auch? Mit einem neoliberal derangierten Volk kann man alles machen, warum nicht weiter auspressen?

Das einzige Problem der SPD dabei: Ihr laufen die Wähler weg. Eine aktuelle Umfrage der ARD sieht die Partei bei 16 Prozent, einen Punkt vor der AfD.

Häme könnte man kurzsichtig als angebracht betrachten – die SPD hat ihre Wurzeln oder auch Willy Brandt schon lange verraten, sie taugt nichts mehr. Eine Auflösung wäre konsequent. Allerdings ist kein Ersatz in Sicht, und das geht dann zu Lasten vieler.

Es herrscht ein offener Widerspruch: Die SPD hat sich mit Schröder ans Kapital verkauft. Sie hat keine Meta-Erzählung für ihre mögliche Wählerschaft mehr. Diese Erzählung wäre ohne Weiteres zu formulieren. Eine ernsthaft soziale Politik, die sich komplett von der Agenda-Logik verabschieden müsste, Löhne, Wohnkosten, Ökologie, Friedenspolitik, massive Besteuerung der obersten fünf Prozent, Enteignung, Abwehr deutscher Hegemonie, Emanzipation von Nation, Hierarchie, Kleinfamilie und Blut. Die Forderungen in diesen Bereichen sind schon lange formuliert, man müsste sie PR-mäßig aufbereiten und aus der Defensive kommen, nach vorne argumentieren. Dabei müsste man sich nicht um die CDU scheren, von der sowieso nichts zu erwarten ist, sondern linke Mehrheiten suchen. Es wäre eine reelle Chance.

Das Problem dabei: Es fehlt das Personal.

Das erste, was Andrea Nahles nach ihrem Aufstieg zur Parteivorsitzenden sagte, war: Sie wolle die SPD nicht nach links verschieben. Was will sie denn sonst machen? Seit Schröder haben die fitten Sozialdemokraten die Partei verlassen und es kommen keine nach. Die Steinbrücks, Scholzens, Heils, Schwesigs und so weiter dominieren mit völlig sinnentleertem Geplapper das Geschehen. Welcher junge Mensch, der linke Ideen hat, verirrt sich noch in die SPD? Eben. Dieser junge Juso, der gerade in aller Munde ist, wettert gegen die GroKo, hat aber ansonsten keinen einzigen ernstzunehmenden Politikansatz.

Insofern ist es auch kein Rätsel, dass die SPD keine einzige inhaltlich linke Position formulieren kann. Es fehlt mittlerweile das Fundament, es fehlt jede Idee einer linken Politik. Posten ergattern ist das einzige, was diesen Leuten noch einfällt. Wahrscheinlich werden die auch bei Wahlergebnissen um die fünf Prozent noch darüber debattieren, wer Außenminister werden soll.

Es hat etwas Faszinierendes, dem Untergang einer einstmals stolzen und notwendigen Partei zuzusehen, analog zur Wohnungsbaupolitik. Die sozialdemokratische Partei als erstes Opfer des Neoliberalismus. Blödheit oder unausweichlicher Gang der Geschichte?

Die neoliberale Vergreisung der Hirne hat akzeptiert, dass es keine Gesellschaft mehr gibt, nur noch Individuen. Und die sind zu nichts mehr imstande als sich um die letzten Wohnungen wie um die letzten Regierungsposten zu reißen. Mehr ist nicht mehr drin.

(Foto: genova 2015)

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62 Antworten zu Sozialdemokratische Ratlosigkeit und das Beherbergen

  1. philgeland schreibt:

    Beide Projekte schwimmen gleichsam weg. Eine soziale Wohnungsbaupolitik (welch ein sprachliches Kompositum) genauso wie mögliche (oder nicht mehr mögliche) Projekte sozialdemokratischer Politik. Von daher ein guter Vergleich.

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  2. altautonomer schreibt:

    Ähnlich schlimm ist es auch mit anderen Vereinbarungen der GroKo:

    1.Die paritätische Beteiligung der Arbeitgeber an den Beiträgen zur gesetzlichen Krankenversicherung ist nur eine Wiederherstellung des früheren, gerechteren, von rot-grün geänderten Zustandes, den es davor seit Jahrzehnten gab.

    2. Garantie der Rentenhöhe von 48 %.
    Das ist nichts anderes als die Festschreibung von Armutsrenten bis zum Jahr 2025.

    3. 8.000 neue Stellen in der Pflege.
    Was für eine Verarsche. Bei 23.500 stationären Pflegeeinrichtungen käme auf nur jedes 3 Pflegeheim eine zusätzliche Pflegekraft.

    4. „Wir bleiben Vorreiter beim Klimaschutz“, verkünden Union und SPD vollmundig in ihrem Koalitionsvertrag. Das ist nicht weniger als eine Frechheit, wenn man sich vor Augen führt, was die potenzielle Große Koalition plant: Sie wird nach wie vor den Ausstieg aus den klimaschädlichsten Kohlekraftwerken verzögern, weiter auf Massentierhaltung und industrielle Landwirtschaft setzen, strengere Emissionsstandards für die Autoindustrie verhindern und gleichzeitig mit unveränderter Subventionierung fossiler Verbrennungsmotoren den Umstieg auf emissionsarme Mobilität erschweren.

    Für den Koalitionsvertrag hätte 1 DIN A 4-Blatt mit der Parole „weiter so“ gereicht.

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  3. genova68 schreibt:

    Solche merkwürdigen Koalitionsverhandlungen sind vielleicht ein zentrales Problem. Parteibonzen wird zuviel zugetraut, die Zivilgesellschaft spielt keine Rolle und den Parteibonzen geht es in erster Linie um Posten, nicht um Positionen. Deren Vorteil: Kaum jemand nimmt diese Deppen noch Ernst, obwohl man es tun sollte.

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  4. Leo Brux schreibt:

    Ich seh das milder.

    Zum einen haben wir es eben mit einem Kompromiss zu tun. (Ich persönlich liebe Kompromisse, finde das Kompromissemachen sexy.)

    Zum Zweiten: Nicht vergessen: Es sitzt immer noch eine dritte Partei am Verhandlungstisch, wenn sich Union und SPD unterhalten: Streeck nennt es das „Marktvolk“ – in Abgrenzung zum Staatsvolk. Die Wirtschaft entscheidet mit – und das Volk merkt es nicht, soll es auch nicht merken.

    Zum Dritten: Das Staatsvolk legitimiert per Mehrheitsentscheidung auch das, was wir – als linke Minderheit – ablehnen. Ich möchte es bitte nicht anders haben. Ich lege wert darauf, dass meine Kritik an der Regierung, an den staatstragenden Parteien und am Volk (!) nicht missverstanden wird als der Wunsch nach einer Diktatur der Gescheiten.

    Zum Vierten: Den Politikern muss es auch um sich selbst gehen. Wir brauchen ehrgeizige Persönlichkeiten, die sich das politische Geschäft antun und es vorziehen, sich – bei nicht schlechter, aber doch bescheidener Bezahlung – als Politiker der oft fiesen öffentlichen Kritik zu stellen und sich nicht bequem und lukrativ auf Posten in der Wirtschaft zurückziehen. Wir brauchen auch Machtmenschen in Deutschland. Menschen, die Lust an der Macht haben, an ihrer eigenen Macht. Es sei denn, wir wollen linke praktische Politik (in Organisationen, in Institutionen) abschaffen. Oder sie von Heuchlern organisieren lassen, die uns ihre persönliche Desinteressiertheit vorspielen und sich einfach mal nur idealistisch fürs Gemeinwohl aufopfern. (Ich selber hab keine politische Karriere gemacht und machen wollen, weil es mir an der Machtlust fehlt, bin aber froh, dass es anders geartete Charaktere auch gibt.)

    Zum Fünften: Vermeiden wir es, so zu formulieren und zu opponieren, dass man es als Beitrag zum Bürgerkrieg in Deutschland missverstehen kann. Den Bürgerkrieg bekommen wir via AfD. Da stelle ich mich dann demonstrativ an die Seite von Angela Merkel & Co. (Und denke an das Sozialfaschismus-Fiasko der KPD.)

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  5. stadtauge schreibt:

    Ich kann muss darf leider zu 100 % zustimmen.

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  6. genova68 schreibt:

    stadtauge, danke.

    Leo,
    ich halte deine Vorgehensweise hier für falsch. Du entlastet die Politik, der du auf der anderen Seite Versagen vorwirfst. Man muss klare Forderungen formulieren, die Durchsetzung ist Aufgabe der Politik. Machst du das anders, kommst du in Teufels Küche. Ich fordere oben lediglich das Selbstverständliche: Günstiges Wohnen. Du verwässerst das dann mit allgemeinen Überlegungen. Damit ist das Scheitern der selbstverständlichen Forderungen vorweggenommen, ja, das Selbstverständliche wird plötzlich problematisiert, als etwas Exklusives, fast Unverschämtes wahrgenommen. So funktonieren neoliberale Thinktanks. In die Falle sollte die Linke nicht tappen.

    Mir ist nicht klar, warum ich Typen wie diesem Scholz aus Hamburg irgendein Verständnis entgegen bringen soll. Das ist einer der Totengräber.

    Ehrgeizige Persönlichkeiten: So wie Guttenberg, Schröder, Höcke oder Hitler? Das ist doch keine Kategorie.

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  7. Leo Brux schreibt:

    genova,
    mich interessiert es eben auch, warum wir (du, ich, etc.) scheitern. Es ist kein Vorwegnehmen des Scheiterns, da wir seit den Anfängen unserer politischen Aktivitäten in Sachen „günstiges Wohnen“ scheitern.
    Ich würde gern aus unserem Scheitern lernen. Es liegt mir nicht, einfach immer so weiter zu machen, wenn ich erlebe, dass ich ständig scheitere. Mit der Feststellung des Scheiterns und der Frage nach den Gründen verstehe ich meine Situation besser. Auch dann, wenn mir (wenn uns) nichts Besseres einfällt. (Ich bin eben kein Machtmensch, sondern ein Nachdenk-Mensch, der schon tiefe Befriedigung empfindet, wenn er was kapiert. Und wenn’s das eigene Scheitern und die momentane Nichterreichbarkeit eines Ziels ist.)

    Wenn ein paar Außenseiter wie wir „klare Forderungen“ formulieren, ist das nicht viel. (Für uns selber ist es schon etwas, da bin ich ganz auf deiner Seite; aber für die Gesellschaft ist es nicht viel.) Es braucht die Macht der Vielen oder die Macht des Geldes. Beides haben wir nicht. Und kriegen wir nicht. Vielleicht, weil wir etwas falsch machen?

    Jetzt gerade ändert sich die Lage und wird noch ungünstiger für uns: Eine Bürgerkriegspartei tritt in die Arena und stellt auch noch das in Frage, was wir bisher als selbstverständliche (halbwegs rationale) Grundlage unserer politischen Aktivitäten gesehen haben. DARAUS ziehe ich auch eine Konsequenz. Ich rücke mehr in die Mitte.

    Mir ist noch nicht klar, was genau du an meinem vorigen Beitrag falsch findest. Vermutlich dieses In-die-Mitte-Rücken. Dein Einwand, soweit ich ihn verstehe, bleibt sehr allgemein, er bezieht sich nicht auf die von mir angegebenen Begründungen. Welcher der fünf Punkte ist falsch?

    Apropos politisch ehrgeizige Persönlichkeiten mit Lust zur Macht: Das sind alle, die nach politischen Ämtern streben. Die würde ich nicht unbedingt in die Kategorie der Monster versetzen.

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  8. genova68 schreibt:

    Leo,
    vielleicht liegt es daran, dass ich Politiker mittlerweile bis auf wenige Ausnahmen scheiße finde. Es gibt sicher viele gute, bemühte Kommunalpolitiker, aber auf der Bundesebene geht es meines Erachtens diesen Leuten fast ausschließlich um Macht, um Posten. Inhalte sind Nebensache, es ist ein Hauen und Stechen, es sind Egozentriker, Selbstdarsteller, Ahnungslose, Faker. Es werden alle möglichen Probleme nicht angepackt, Mieten vorneweg, auch das Problem des zunehmendens Abstands zwischen arm und reich, mehr Macht für Multinationale Konzerne, die sich aussuchen können, ob sie in Luxemburg null Steuern zahlen oder nicht und so weiter. Die Liste der Skandale ohne jede Folge ist lang. Stuttgart 21 beispielsweise. Deutsche Politiker sind in weiten Teilen korrupt, es ist eine legale, tolerierte Korruption.

    Es ist vielleicht falsch, so zu denken, weil sich dann Politiker alles erlauben können. Siehe Italien, da ist man fortgeschrittener. Aber die Politiker der letzten 20 Jahre sind Totalversager bzw. komplett korrumpiert. Anders kann ich mir die Politik nicht erklären. Es ist neoliberale Politik, die vielleicht typisch für den Kapitalismus ist.

    Das Beispiel Wohnen zeigt es ja deutlich, die völlige Unfähigkeit. Oder die Zerstörung der SPD von innen heraus, nur noch Korrupte an der Spitze, die sich selbst mit eigenen Posten versorgen wollen, ohne auch den Ansatz einer ernstzunehmenden Politik.

    Die AfD ist die Folge dieser Idioten. Dass man auf die Altparteien keinen Bock mehr hat, kann ich nachvollziehen. Allerdings kann man das Problem auch gesellschaftlicher betrachten, vielleicht erwarte ich von Parteien zuviel. Aber die sind da, um einem die Arbeit abzunehmen, sowas nennt man repräsentative Demokratie.

    Mir liegt da die Konfrontation mehr, vor allem in einem Blog, ich muss mir keine Kompromisse ausdenken. Zumal, wenn es beim Wohnen keinen Kompromiss geben sollte. Wohnen raus aus der Vewertung. Und dann kommt ein Punkt.

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  9. Jakobiner schreibt:

    Sarah Wagenknecht wird wieder einmal vorgeworfen, besser bei der AfD aufgehoben zu sein. Dies weil sie der Ansicht ist, dass man nur begrenzt Flüchtlinge aufnehmen könne, die Bundesregierung einen Integrationsplan aufstellen solle, der sich an den Kapazitäten orientiert, eine Reichensteuer zur Finanzierung von mehr Sozialstaat und Flüchtlingshilfe erheben und man mehr die Flüchtlingslager vor Ort unterstützen solle.Fordert dies die AfD? Was ist ihr neuestes Verbrechen? Dass sie die Debatte um die Tafeln als „scheinheilig“und „moralisierend“kritisiert hat und darauf hingewiesen hat, dass in Deutschland Mangelzustände trotz immensen Reichtums herrschten, dass der Abbau des Sozialstaats und die ungenügenden Renten diese verschärften und es dadurch überhaupt erst zu dem Zustand der Armut und Altersarmut käme. Sie kritisiert also die Ursachen und nicht die Symptome, fordert eine kräftige Rentenerhöhung und eine Reichensteuer damit ältere Menschen nicht in Altersarmut fallen und überhaupt auf Tafeln angewiesen sind und es erst gar nicht zu Verteilungskämpfen kommt, bei denen jeder nach der Devise agiert „Erst das Fressen, dann die Moral“(Brecht). Sind das AfD-Positionen? . Bezeichnend ist, dass in den gesamten Mainstreammedien, von seiten der etablierten Parteien und der AfD Sahra Wagenknechts soziale Forderungen kaum oder gar nicht erwähnt werden und somit beiderseits das Bild von der AfD-Nähe Wagenknechts ventiliert wird. Hier im folgenden noch einmal Sarah Wagenknecht im O-Ton statt der Pressemeldungen, die sie verkürzt wiedergeben und aus dem Kontext reissen.

    http://www.deutschlandfunk.de/linken-politikerin-wagenknecht-viele-probleme-haben-sich.694.de.html?dram:article_id=411581

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  10. Jakobiner schreibt:

    Während wir hier mehr theoretisch diskutieren, bereiten sich Elsässer, Kubitschek und die AfD inzwischen nach den Cottbuser Demos auf einen Marsch nach Berlin vor:
    https://juergenelsaesser.de/2018/02/24/heute-ueber-5-000-in-cottbus-grossdemo-der-vereinigten-opposition-in-berlin-bleibt-das-ziel/

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  11. genova68 schreibt:

    Elsässers feuchte Träume, würde ich sagen.

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  12. genova68 schreibt:

    Wagenknecht macht das ganz geschickt: Sie fordert das übliche, Reichensteuer etc., kritisiert aber nicht den Ausschluss von Ausländern von der Tafel. Sie ist beliebt, weil sie es schafft, niemals etwas zu sagen, was anecken könnte. Sie toleriert den Ausschluss der Ausländer, ohne das direkt zu sagen. Und dann geht es wieder gemeinsam auf die da oben. Es hat etwas unangenehmes. Wenn schon, dann sollte sie klar Stellung beziehen: Dass irgendwelche Syrer sich in der Schlange nicht benehmen, kann man ja thematisieren.

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  13. Jakobiner schreibt:

    „Sie fordert das übliche, Reichensteuer etc., kritisiert aber nicht den Ausschluss von Ausländern von der Tafel.“ So herum gesehen, hast du recht.Das könnte sie expliizt tun.Dennoch werden ihre eigentlichen Forderungen nach Reichensteuer, mehr Sozialstaat, Erhöhung der Renten, Stopp der Waffenexporte.etc. gar nicht von der Presse und den anderen Parteien erwähnt (mit Ausnahme von DLF) , was wohl beabsichtigt ist, um da nicht handeln zu müssen.Und diese Forderungen sind gewiss keine AfD-Forderungen, wenn man sich deren Wirtschaftsprogramm ansieht, das fast deckungsgleich mit dem der FDP ist.

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  14. genova68 schreibt:

    Bei der AfD ist ja unklar, was die wirtschaftspolitisch wollen. Höcke ist für nationalen Sozialismus, für Weidel ist schon die FDP eine sozialistische Partei. Ich bin gespannt, ob die das mal irgendwann thematisieren müssen.

    Jedenfalls ist es nervig, dass sich Wagenknecht und der Kipping-Flügel nicht zusammenraufen können. Das ist ein Streit auf Kosten des Ganzen.

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  15. Jakobiner schreibt:

    Ja, aber das liegt nicht nur an der Sahra, denn der Kippingflügel könnte sich auch mal von diesen utopischen No Border-/Offene Grenzen für alle-Forderungen verabschieden, dann wäre die drohende Spaltung schon zu einem guten Teil verhindert und könnte man auch einen Teil der zur AfD abgewanderten Linksparteiwähler zurückholen. Welche sozialpolitiuschen Forderungen hat denn der Höcke bisher gebracht, dass du ihn als nationalen Sozialisten qualifizierst? Außer Vermehrungstheorien bezüglich Afrikanern und Holocaustschandmalen hat der doch bisher noch kaum was in der Richtung abgelassen.Und das Wirtschaftsprogramm der AfD ist nun einmal noch neoliberaler als das der FDP, weswegen sich letztere darüber beschwert und Urheberrechte einklagt.

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  16. genova68 schreibt:

    Das Wirtschaftsprogramm ist vielleicht neoliberal, aber bei so einer Partei ist es egal, was im Programm steht. Da ist alles noch in der Findung. Höcke hat von einer „organischen Marktwirtschaft“ gesprochen und explizit höhere Renten gefordert und Hartz IV verurteilt, wenn ich mich recht entsinne und er meinte, man müsse „den Sozialstaat gegen eine entartete Finanzwirtschaft retten“. Natürlich billige ich Höcke nichts Soziales zu, aber er positioniert sich, wie Hitler auch, so, dass man notfalls die Massen ansprechen kann. Der Weidel-Flügel hält sich einfach zurück.

    Wie der Streit intern aussieht, wissen wir nicht. Ich gebe aber zu bedenken, dass die Beteiligten ganz oben dabei sind, die sind alle machtgeil und kämpfen mit harten Bandagen. Wagenknecht veröffentlichte ihre Idee einer linken Bewegung im Spiegel-Interview. Außerdem nimmt sie nach eigener Aussage nicht mehr an Bundestagfraktionssitzungen teil. Da ist wohl nicht mehr viel zu kitten und Wagenknecht wartet vielleicht nur noch ab, ob sie irgendwo anders unterschlüpfen kann. Mich nervte auch ihr Verhalten in Bezug auf Jebsen und Montagsdemos. Die Frau bringt immer die gleiche Leier, sehr diszipliniert, aber auch nicht ehrlich. Ihre Entwicklung von der Kommunistischen Platform bis heute ist mir auch nicht ganz geheuer.

    Man sollte bei Politikern immer aufpassen, eigentlich sind alle scheiße.

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  17. Jakobiner schreibt:

    Das mit der „organiscvhen Marktwirtschaft“ist ein interessanter Begriff, bedeutet aber faktisch, dass man die Wirtschaft als Volkskörper begreifen muss und dabei auch alle kranken Teile isolieren und amputieren muss, eben auch Kranke, Behinderte, „Sozialschmarotzer“ und „Arbeitsunwillige“, was dann wieder die Hartzler oder Arbeitslosen infolge der Digitalisierung unbd Rationalisierung sein werden. Zumal eben auch Arbeitsfront, Arbeits- und Konzentrationslager da Mittel sein können, um eine Höcksche Agenda 2030 zu verwirklichen. Noch zur angekündigten Demo folgende Einschätzung:Während SPD, CDU und CSU mit sich selbst und der Regierungsbildung beschäftigt sind, braut sich möglicherweise neues Ungemach für die Merkelianer zusammen. Jürgen Elsässer, Götz Kubitschek und Teile der AfD denken nun darüber nach nach den Cottbuser Demos nun auch einen Marsch auf Berlin zu organisieren.Aber alle Leute nach Berlin zu mobilisieren ist noch einmal eine andere Sache, auch wegen der Entfernung. Die letzte Demo von Elsässer und Kubitschek vor dem Bundeskanzleramt , die den Sturz Merkels herbeiführen sollte, brachte gerade mal 100-200 Leute zusammen–dies zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise. Die andere Demo durch Kreuzberg werden sie vorerst nicht wiederholen, nachdem die Antifa in ihrem Stammkiez mobil gemacht und die Rechten ordentlich verdroschen hatte.Das sollte wohl so wie Goebbels SA-Marsch durch den Wedding werden, ist aber fulminant gescheitert.Der Frauenmarsch war auch recht spärlich besucht. Wahrscheinlich, dass es auch diesmal ein Rohrkrepierer wird, insofern sich nicht die AfD voll mit ihrer neugewonnen Stärke im Parlament auch außerparlamentarisch mobilisierend dahinterstellt.Das bleibt abzuwarten, nachdem sich die ostdeutschen AfD- Verbände um Poggenburg und Höcke schon offen mit Pegida verbünden und zumindestens von der AfD-Spitze von Gauland, Meuthen und Weidel nicht mehr taktisch zurückgepfiffen werden.

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  18. Jakobiner schreibt:

    „Wagenknecht veröffentlichte ihre Idee einer linken Bewegung im Spiegel-Interview“
    Ja und, wo hätte sie sie denn veröffentlichen sollen? Die linken Kanäle (Neues Deutschland, Freitag, taz,etc.) scheinen ihr ja verstopft zu bleiben und boykotieren sie. Zumal sie eine Idee angekündigt hat und noch nicht die Gründung einer linken Bewegung. Hätte sie sie in der FAZ, WElt, Bayernkurier, Cicero oder gar COMPACT hre Idee veröffentlichen sollen?

    „Außerdem nimmt sie nach eigener Aussage nicht mehr an Bundestagfraktionssitzungen teil. Da ist wohl nicht mehr viel zu kitten und Wagenknecht wartet vielleicht nur noch ab, ob sie irgendwo anders unterschlüpfen kann. “

    Aber sicherlich nicht bei der AfD oder in irgendeiner anderen Partei. Sie ist eben nicht opportunistisch, sondern hat die fatale Position des No-Borders/Offene Grenzen für alle-Forderungen von SPD, Grünen und Kipping-Flügel begriffen, die zum Niedergang führen. Sie will nicht irgendwo „unterschlüpfen“, sondern eben dazu eine klare Gegenposition und Gegenbewegung wie die Liste Pilz zu den Grünen in Österreich begründen. Aber es liegt mehr am Kipping-Flügel sich mal von utopischen Forderungen zu trennen statt Sahra Torten beim Parteitag für ihre Positionen in das Gesicht zu knallen.

    „Mich nervte auch ihr Verhalten in Bezug auf Jebsen und Montagsdemos. Die Frau bringt immer die gleiche Leier, sehr diszipliniert, aber auch nicht ehrlich. Ihre Entwicklung von der Kommunistischen Platform bis heute ist mir auch nicht ganz geheuer.“

    Wie ehrlich ist denn dann der Kipping-Flügel? Jebsen und diese Querfrontler braucht man nicht, aber sie hat sich niemals schwerpunktsmäßig mit ihnen beschäftigt–das war immer nur die Hoffnung auf eine marginale Idiotenfraktion, nicht befürwortenswert,m aber nie ein Schwerrpunkt igrer politischen Ausrichtung –anders als bei Dehm und anderen Linksepigionen, die mit Jebsen klüngelten. Sahra ging es weniger um Jebsen, sondern um Dehm und sie hat sich da auch nur taktisch zu Putin und der Ukrainekrise, die nun einmal NATO- und EU- induziert war, verhalten.

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  19. genova68 schreibt:

    Wagenknecht hätte sowas zuerst intern ansprechen sollen. Eigentlich eine Selbsverständlichkeit.
    Wagenknecht sollte sich von Jebsen und ähnlichem klar abgrenzen. Auch selbstverständlich. Und Dehm ist unsäglich.

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  20. Jakobiner schreibt:

    Da hast du wohl recht und ich muss auch nicht jede Eselei von der Wagenknecht verteidigen.Aber ihre Forderung nach einer Begrenzung des Zuwanderung halte ich nun einmal für richtig. Deswegen wird sie ja vor allem von dem Kipping-Flügel und den No-Borderepigonen angegriffen, zumal mit Torte auf dem Parteitag und nicht weil sie sich nicht klar vom Jebsen abgegrenzt hat.Hat sich denn Kipping, Riexinger und Bartsch von Jebsen abgegrenzt?

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  21. genova68 schreibt:

    Die Zuwanderung ist permanent begrenzt und war noch nie unbegrenzt. Was soll diese Forderung denn? Es kamen über einen kurzen Zeitraum viele Flüchtlinge über die österreichische Grenze, die standen vor der Tür, da hat man sie aufgemacht. Das ist lange vorbei. Solche sinnlosen Forderungen sollte man den Rechten überlassen. Und dass die Linkskpartei irgendwas von no border in ihrem Programm stehen hat, ist genauso egal wie die Forderung nach demokratischem Sozialismus bei der SPD. Es ist völlig klar, dass sowas nie umgesetzt wird.

    Die Punkte, mit denen eine linke Partei in die Öffentlichkeit muss, sind ganz andere. Beim Sozialen Deutsche gegen Fremde auszuspielen, ist nicht links, sondern das Gegenteil. Keine Phantomdiskussionen, bitte. Das intendiert bei den Leuten doch nur, dass die AfD recht hat.

    Kipping hat sich selbstredend von Jebsen abgegrenzt, dazu gab es sogar einen Parteitagsbeschluss, an den sich Wagenknecht kaum und Dehm überhaupt nicht gehalten hat.

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  22. Jakobiner schreibt:

    So stimmt dies einfach nicht. Wenn Ungarn, Österreich und die Balkanstaaten die Grenzen nicht zugemacht hätten, dann wäre der Flüchtlingsstzrom weiterhin millionenfach gekommen. Da ist No Border eben schon eine keinesfalls unwichtige Forderung. Aber momentan wohl nicht mehr, da hast du schon recht, aber wie sieht es dann bei der nächsten Flüchtlingswelle aus, bzw. beim Familiennachzug? Dann eben schon wieder. Die meisten Deutschen wollen keinen neuen Flüchtlinge, da 1 Million schon genug sind, wie man jetzt bei den Verteilungskämpfen um Wohnungen und Tafelessen sieht. Dennoch ist da viel Vertrauen in der Bevölkerung zerbrochen und hat es wegen Überflutungsängsten eben massiv Stuimmgewinne der AfD gegeben. Das sollte man nicht unberücksichtigt lassen und dem versucht Wagenknecht gerecht zu werden–anders als Kipping und Konsorten.

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  23. Jakobiner schreibt:

    Die Sarah ist für mich die bessere Psychologin, denn sie vermittelt mit ihrer Forderung nach einer Begrenzung der Flüchtlingswelle und ihrer Forderung nach Hilfe für Flüchtlingslager vor Ort: Wir bringen Ordnung ins Chaos, vergessen keinen, weder Einheimischen noch Flüchtling. No Border beflügelt hingegen alle Urängste, egal wie real das gemeint ist. Es geht auch um psychologische Vermittlung und symbolische Setzung!

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  24. genova68 schreibt:

    Die Sarah, soso. Man sollte mit Politikern nie kumpelhaft umgehen. Die Frau scheint auf manche eine hohe Ausstrahlungskraft zu bieten.

    Das mit den Flüchtlingslagern vor Ort halte ich für Humbug, das habe ich hier kürzlich schon einmal geschrieben. Kein Syrer hat Interesse daran, jahrelang in einer Zeltstadt vor sich hinzuvegetieren. Die wollen leben.

    Es geht doch darum, eine falsche Politik zu kritiseren und nicht um die Behauptung, es sei nicht genug Essen für alle da. Wagenknechts Verteidigung der Essener Tafelentscheidung ist auch problematisch. Man hätte zwei Schlangen einrichten können oder älteren Leuten den Vorrang organisieren oder sonstwas. Diese Entscheidung kritisiert Wagenknecht mal wieder nicht, mit keinem Wort. Schuld haben die, die die Rente gekürzt haben. Das ist nicht falsch, aber übelst populistisch, denn selbst Höcke wird da zustimmen können. Und es geht Wagenknecht exakt darum: Um die Zustimmung von Leuten wie Höcke. Da sieht sie ihr Wählerpotenzial. Ich habe damit Probleme.

    Taktisch ist das vielleicht richtig. Viele Arbeiter und Gewerkschaftsmitglieder wählen AfD. Aber Ausländer gegen Deutsche auszuspielen ist falsch.

    P.S.: Aus linker Sicht ist es die neoliberale Politik, die Unzufriedenheit und Ohnmacht produziert. Das wird dann auf Fremde und sontswas umgelenkt. Neoliberalismus führt zu Faschismus, so das populäre Argument. Ich muss nur eine Zugfahrt über Christi Himmelfahrt buchen wollen und schon drei Monate vorher wird mir von der Bahn mitgeteilt, dass keine „Sparpreise“ mehr vorhanden seien. Eine an sich staatliche Einrichtung bekommt von der Politik den Wink, sich asozial verhalten zu dürfen und die machen das natürlich.

    Das ist nur eine von vielen Zumutungen, die völlig normal geworden sind. Die Ausbeutung der Massen läuft heute teilweise subtiler, das ist der wesentliche Unterschied zum 19. Jahrhundert. Der Staat wird immer kapitalistischer und also immer asozialer. Es ist völlig egal, wer im neuen Kabinett sitzt. Und die Linke macht mit oder kapiert nichts. Das ist kein Grund, auf Schwulen und Fremden herumzutrampeln.

    Es geht um Klassenkampf, der geführt werden müsste. Wenn ein paar Syrer da Kampferfahrungen mitbringen würden, wäre das begrüßenswert.

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  25. Jakobiner schreibt:

    „Wagenknechts Verteidigung der Essener Tafelentscheidung ist auch problematisch. Man hätte zwei Schlangen einrichten können oder älteren Leuten den Vorrang organisieren oder sonstwas. Diese Entscheidung kritisiert Wagenknecht mal wieder nicht, mit keinem Wort.“

    Da hast du recht und das verüble ich ihr auch. Das hätte sie exlizit auch noch dagen sollen. Dennoch führen Vorschläge wie man den Mangel anders verteilen oder verwalten soll dazu, dass man von den Ursachen des Mangels und dessen Beseitigung ablenkt und das tut sie gerade nicht. Sie stellt also Ursachen- statt Symptombekämpfung in den Mittelpunkt.

    „Das mit den Flüchtlingslagern vor Ort halte ich für Humbug, das habe ich hier kürzlich schon einmal geschrieben. Kein Syrer hat Interesse daran, jahrelang in einer Zeltstadt vor sich hinzuvegetieren. Die wollen leben..“
    Die Flüchtlingslager sind so deslat, eil es kaum Hilfsmittel gibt.Die Lösung wäre diese eben besser auszustatten.Anstatt EU-Quoten für die Flüchtlingsaufnahme weiter zu fordern, obwohl die osteuropäiischen, skandinavischen Staaten sowie Frankreich und Österreich klargemacht haben, dass sie keine Flüchtlinge in ihren Ländern aufnehmen werden:Ein fixer EU-Flüchtlingsfonds von 20-30 Milliarden Euro/Jahr mit Zustimmung der osteuropäischen Länder, die EU- Flüchtlingsquoten ablehnen zur Verbesserung der Situation der Flüchtlingslager vor Or. Hierbei gilt es den Multiplikatoreffekts der Kaufkraft vor Ort zu nutzen, um dort lebenswürdige soziale, ökologische und nachhaltige Zustände und neue moderne Städtestrukturen zu begründen–von der Kanalisation, Arbeitsplatzschaffung bis zu Bildungs- und Gesundheitssystemen.

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  26. genova68 schreibt:

    Wie gesagt, die Forderung nach mehr finanziellen Mitteln für Flüchtlingslager in arabischen Ländern ist nicht falsch, aber die Bedürfnisse der Leute sind andere. Die Lage in Syrien ist verfahren und in Lagern ist keine Zukunft möglich. Du kannst nicht einfach eine funktionierende Stadt mit Infrastruktur, Jobs, Kultur etc. aufbauen und die dann, nach dem Ende des Krieges, wieder abreißen. Ich finde es ok, dass deutlich weniger Flüchtlinge kommen, aber man sollte dann so ehrlich sein und sagen, dass man sie in einem Lager versorgt und sie dort rumhocken sollen oder selbst etwas reißen oder was auch immer.

    Aber, auch wie gesagt: Die Wege nach Europa sind praktisch dicht und es ist unseriös, dieses Thema immer weiter oben zu halten. Eine linke Politik muss sich gegen die Bonzen und die kapitalistische Logik richten, zumindest, wenn der Markt nicht funktioniert. Alles andere ist nicht links.

    Davon abgesehen gibt es das Thema Einwanderung sowieso und nach allem, was man hört, ist Einwanderung nötig. Ich hoffe, wir kommen nach und nach weg von diesem Haut- und Blutdenken. Alleine unter den Syrern sind so unterschiedliche Leute, es ist völlig unsinnig, die über einen Kamm zu scheren. Flüchtlinge insgesamt noch weniger.

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  27. Leo Brux schreibt:

    @genova+jakobiner

    Das war ein interessanter Dialog von euch beiden. Ich tendiere sehr zu genovas Einschätzungen, etwa bezüglich Sahra Wagenknechts.

    Zwei Punkte möchte ich speziell anmerken. Sie sind grundsätzlicher Natur und ziemlich ätzend.

    1. Es gibt Probleme ohne (befriedigende) Lösung. Im Leben wie in der Politik. Wie im Leben, so sind auch in der Politik die Menschen selten, die es wagen, bei einem heißen Problem öffentlich und handlungswirksam festzustellen, dass es da praktisch (die realen! Möglichkeiten betreffend) keine Lösung gibt. Im Nu wird fast jeder zum Mini-Diktator und stellt sich SEINE Lösung vor und schimpft auf die andern, weil sie diese Lösung nicht sehen oder nicht wollen. Mir – vielleicht weil ich ein alter Mann bin – scheint es hingegen wichtig, die REALE Unlösbarkeit mancher brennender Probleme zu erkennen und zu akzeptieren – eine Unlösbarkeit, die von den Antagonismen zwischen den Menschen herkommt und die wir hier und jetzt nicht auflösen können. Wir Menschen verstehen uns nicht besonders gut, und wir verstehen unsere (soziale) Welt nicht besonders gut. – Vor diesem Hintergrund bin ich dann bereit, auch kleine politische Brötchen zu backen.

    2. „Man sollte bei Politikern immer aufpassen, eigentlich sind alle scheiße.“

    Schreibst du, genova.
    Dem ersten Satzteil stimme ich natürlich zu, aber dem zweiten möchte ich heftig widersprechen. Ich halte ein solches Urteil sowohl für unverschämt als auch für eine defacto-Abschaffung der Demokratie, also politisch destruktiv.

    – Unverschämt: Andere Menschen sind nun mal anders als du und ich. Sie haben andere Interpretationen ihrer eigenen und der gemeinsamen Interessen. Sie sehen die Welt anders, leben ihr leben anders. Darauf so verächtlich zu reagieren wie du, genova, fordert mich heraus. Es ist unsere politische Aufgabe, Brücken zu bauen. Die Welt auch mit den Augen der anderen zu sehen, mit denen wir zusammen leben und handeln müssen. So sehr mich jemand ärgert, ich werde ihn deshalb nicht verachten. Er verdient meinen Respekt auch dann, wenn er ein Idiot ist.

    – Politisch destruktiv: Wenn eigentlich alle Politiker scheiße sind, dann heißt das auch, dass Demokratie scheiße ist. Denn es kommt dann ja hinzu, dass auch die Wähler dieser Politiker scheiße sind. Wähler scheiße, Politiker scheiße = Demokratie scheiße. (Nach dem Motto: Schöne, gute Idee, aber nicht realisierbar, Traumtänzerei, bloßes Ideal.) Ich halte diese Position für einen Beitrag zur Vorbereitung einer charismatisch geführten Diktatur. Nicht dass ich annähme, du wolltest so etwas. Aber du beteiligst dich an den Bemühungen, die Demokratie zu untergraben.

    Diese Kritik entwertet nicht dein kluges Urteil über die Linke (siehe die Debatte mit Jakobiner) und schon gar nicht deine hervorragenden Architektur- und Stadtplanungskritiken, ebenso die antikapitalistsiche Orientierung. DAS alles ist konstruktiv und ein Beitrag zur Stärkung der Demokratie.

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  28. Jakobiner schreibt:

    „Du kannst nicht einfach eine funktionierende Stadt mit Infrastruktur, Jobs, Kultur etc. aufbauen und die dann, nach dem Ende des Krieges, wieder abreißen.“

    Warum denn wieder abreißen? Die könnte man doch stehen lassen. Zudem, falls dir Städte nicht recht sind, so kann man zumindestens die Lager so umbauen, dass sie lebenswert sind.Und wo habe ich denn Flüchtlinge über einen Kamm geschert? Was hat das mit Blutdenken zu tun?

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  29. genova68 schreibt:

    Jakobiner,
    Ja, man kann die Stadt auch stehen lassen. Aber man kann sie nicht einfach so bauen? Wohin? Im Libanon? Bürokratie? Das sind Luftschlösser. Die Leute wollen etwas erreichen, nicht in einem Lager leben. Die wollen in einen funktionierenden Staat. Ein Grund, weshalb sie nach Deutschland kommen. Dass der Wohnungsbau nicht funktioniert, liegt am Kapitalismus. Denn müsste man dann bekämpfen, nicht die Flüchtlinge. Aber ja, wie gesagt, bitte keine neue Welle.

    Ich meine nicht dich direkt mit Blutdenken, aber die Klage, dass die Flüchtlinge uns so belasten, ist mir zu einseitig. Die meisten Afghanen sind zu ungebildet, als dass sie hier etwas erreichen können, glaube ich. Viele andere nicht.

    Leo,
    du hast sicher recht, meine Aussage, dass Politiker scheiße sind, ist destruktiv. Aber das kann man ja auch mal sein. Und die neoliberale Politik spült Gestalten hoch, die unmöglich sind. Und das führt zu einem miserablen Brei. Ich schreibe jetzt hier keine große Abhandlung, aber alleine das Thema Gentrifzierung ist eines, bei dem die Eliten komplett versagen bzw. dafür sorgen, dass es weitere große Umverteilungen nach oben gibt, mit jeder monatlichen Mietzahlung. Solche Politiker müssten sofort zurücktreten, aber sie machen es nicht.

    Beispiel Bahn: Ein asoziales Frühbuchungssystem, das mittlerweile so aussieht, dass du schon drei Monate vor Christi Himmelfahrt keine „Sparangebote“ mehr bekommst. Zu Beginn des Jahres hat die Bahn erklärt, die Frühbuchungsfrist von drei auf sechs Monate zu verlängern. Das heißt als Beispiel: Ein Ehepaar (auch mit relativ geringem Einkommen) zahlt also für ein verlängertes Wochenende zu Verwandten, von München nach Köln, hin und zurück über 500 Euro. Das war mal die Eisenbahn für alle. Die müsste eigentlich kaufkraftmäßig immer preiswerter werden.

    Und diese Bahn ist zu 100 Prozent in Staatsbesitz. Asoziale Politiker, damals auch die SPD, haben für dieses System gesorgt und asoziale Bahnvorstände installiert. Und hier geht es nicht um Porsche, sondern um ein soziales und ökologisches Massenfortbewegungsmittel. Ich kenne kein Land in Europa, das sich in Bezug auf die Bahn so asozial verhält. Frankreich, Italien, Belgien, Holland, Schweiz: überall macht man eine halbwegs vernünftige Verkehrspolitik, Deutschland ist wieder mal scheiße. Was auch sonst?

    MdB fahren übrigens kostenlos mit der Bahn. So geht das.

    Jedem Kind bringt man bei, was Anstand bedeutet. Wieso eigentlich, bei solchen Volksvertretern?

    Es ist vielleicht auch stärker systemisch, als ich das denke. Politiker werden scheiße, vielleicht können wir uns darauf einigen.

    Und diese Beispiele kann man sehr lange fortsetzen. Es ist eine Clique, die man, gerne auch mit Gewalt, verjagen sollte. Mich kotzen diese Politiker mittlerweile massiv an, Ausnahmen kann man gerne namentlich nennen. Die meisten sind korrupt, völlig legal, und nur an ihren Posten interessiert. Manche sind sicher einfach nur unfähig. Ich beziehe mich auf die Bundesebene, auf kommunaler Ebene gibt es sicher ehrliche und angenehme Politiker. Und bei dem miserablen Image der Parteien kommen vermutlich auch nur Arschlöcher nach.

    Unverschämt: So würde ich die Politiker bezeichnen, die von mir diese Bahnpreise abpressen. Mein Urteil ist dagegen doch läppisch.

    Also, Leo, ich gebe dir prinzipiell recht, mein Urteil ist unverschämt. Du hast einen anderen Ansatz, mich interessiert das Vernünftige gar nicht so, das ist ein Blog, ich bin kein MdB.

    Reale Unlösbarkeit: Beim Thema Bahn ist das nicht so, das ist komplettes Versagen oder was auch immer. Die Lösungen wären einfach: Faire Preise, keine Frühbuchungen. So wie in Italien oder in Belgien. Wesentlich angenehmer. Die haben allerdings auch keine deutschen Krämerseelen, die gerne sechs Monate vor Fahrtantritt günstige Tickets suchen und sich dann freuen, denen da oben ein Schnäppchen geschlagen zu haben.

    Morgen fällt mir übrigens etwas anderes auf, dann rege ich mich darüber auf.

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  30. Jakobiner schreibt:

    Wagenknecht denkt nicht als einzige über eine neue Bewegungspartei nach:Die Hoffnung, dass Palmer nun eine eigene Bewegungspartei ala Kurz gründen könnte wird durch Palmers Treffen mit Kurz nun erst recht beflügelt:In Österreich versucht die Liste Pilz ja ähnliches.Ob sich aber da eine neue bürgerliche Sammlungspartei ergeben wird, bleibt abzuwarten.Noch als Lesetip dazu:
    Boris Palmer springen sie!
    http://www.achgut.com/artikel/boris_palmer_springen_sie

    Ob die Grünen wie in Österreich vor einer Spaltung stehen?

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  31. genova68 schreibt:

    Palmer mit neurechter Partei und dann Koalition mit AfD? Skurril. Mir geht es eher um Inhalte, um die Struktur, die dafür nötig ist. Neue Parteien führen erstmal zu nichts, außer zu neuen Aufstiegsmöglichkeiten für Personen.

    Monika Maron würde gerne Sebastian Kurz wählen, lese ich auf der Achse. Meine Güte. Wahrscheinlich hat er einen großen Pimmel.

    Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die auch nur ein einziges gutes Buch geschrieben hat.

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  32. Leo Brux schreibt:

    Fast immer kann ich mich mit dir mit-ärgern, genova. Du triffst die Schmerzpunkte mit fast schlafwandlerischer Sicherheit. Lass dich also von meinen Bedenken nicht aufhalten. Wir zwei sind verschieden – und das ist gut so. ICH profitiere von deinen spitzen Beobachtungen und Urteilen.

    Trotzdem, ich bin nun mal eben vom Typus her ein braver Demokrat, auch einer, der mit Utopien nichts anfangen kann, und einer, der auch mit Idealismus (mit dem Messen des Gegebenen am Idealen) auf Kriegsfuß steht.

    – Also: Unsere Politiker hier und heute in Deutschland gehören zu den besten, zu den kompetentesten, zu den am wenigsten korrupten Politikern auf der Welt. Mag sein, dass die in Dänemark oder Finnland oder Island noch besser sind, aber wir liegen sicherlich in der Spitzengruppe, was die Qualität angeht. Ich weiß, was es für ein Land, für ein Volk heißt, schlechtere Politiker zu haben als wir. Ich unterrichte im Integrationskurs …

    Auch im Vergleich zu früher sind unsere Politiker heute nicht schlechter. Vielleicht keine so farbigen Persönlichkeiten mehr, vielleicht keine so mitreißenden Redner mehr, aber dafür im Durchschnitt wohl sachlich kompetenter und humaner.

    Mit anderen Worten: Ich finde unsere demokratischen Politiker in Deutschland hier und heute ausgesprochen gut. Lobenswert. Verteidigenswert.

    Bessere kriegst du nicht.

    – Sodann: Wenn die Politiker in einem Land, das halbweg Demokratie ist, schlecht sind, heißt das, dass ihre Wähler schlecht gewählt haben – also selber schlecht sind.

    Bitte, genova, verbinde immer deine Politikerverachtung mit einer Volksverachtung, verbinde deine Aggression gegen Politiker mit der logisch zwingend daraus folgenden Aggression gegen die Wähler.

    Das Volk ist verantwortlich für seine Politiker und für die Politik des Landes. Das Volk. Das Wählervolk. Verdammt noch mal! Ich bin Demokrat. Und ein Demokrat zu sein heißt immer auch, die politische Verantwortung zu übernehmen. Ich übernehme sie. Ich bin ein Teil des Wählervolkes, und WIR WIR WIR versagen.

    – Schließlich: Wenn du unsere Politiker scheiße findest, dann musst du eigentlich auch mich scheiße finden. Das ist nicht verboten, ich nehm dir das auch nicht übel, ich sehe auch die guten Gründe dafür. Aber wer immer die Demokratie und unsere demokratischen Politiker in Deutschland pauschal attackiert, der attackiert damit auch mich, Leo Brux. Denn ich stehe hinter ihnen – kritisch, aber eben doch als Bürger, als loyaler und engagierter demokratischer Bürger der Bundesrepublik Deutschlands und der Europäischen Union.

    – Summa summarum: Mein Merksatz lautet: Bessere kriegst du nicht! Weil mein (!) Volk keine Besseren wählt.

    Wenn du jetzt weiter sagst, unsere Politiker sind scheiße, dann sag das nur (es ist ja auch was Wahres dran), aber denk meinen Merksatz dabei mit. Und denk dabei mit, dass auch ich dann scheiße bin. Und eigentlich die ganze Welt …

    Äh ja, die ganze Welt … Was würde DAS für dich und dein Urteil bedeuten?!

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  33. Jakobiner schreibt:

    Neue Parteien sind der organisierte Ausdruck einer inhaltlichen Gärung. Das voneinander trennen zu wollen, ist sehr dualistisch und nicht dialektisch gedacht.Das ganze Parteiengefüge der Nachkriegsordnung erfährt eine Neuordnung, wobei diese neuen Parteien die neuen Kristallationspunkte von inahltlichen Forderungen und Gärungsprozesse sein können.Interessant auch was mir ein befreundeter Diplomat im AA, langjähriger CDU-Wähler zu dem AdG-Artikel schrieb:

    „Erstaunlich. Mir wäre es lieber, wenn Palmer und Kretschmer die Grünen noch stärker auf Realo-Kurs bringen könnten.Cem, Kretschmer, Palmer und das neue Führungsduo der Grünen finde ich zur Zeit als die beste Alternative zu der leider altersstarsinnig gewordenen Kanzlerin. Wenn die wenigstens einmal mit den Leuten der Essener Tafel gesprochen hätte, um sich sachkundig zu machen…..“

    Und ob Monika Maron (wer ist das eigentlich?) Kurzens langen Pimmel gut findet oder nicht, ist ja auch wieder nur solch eine polemische Nebelkerzen, die von inhaltlichen Diskussionen ablenkt.Da stimme ich mit dem Leo Brux schon überein, dass du mit deinen Polemiken die Delegitimierung der Demokratie förderst.Auffällig ist eher, dass ich von den Grünen bisher noch keine Stellungsnahme zur Essener Tafel gehört habe.Da bleibt es auffällig ruhig, wobei aber die Frage ist, ob die Realo-Grünen da wirklich so einen anderen Standpunkt als die alterssinnige Kanzlerin bei der Essener Tafeldebatte einnehmen.

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  34. Jakobiner schreibt:

    Während die Grünen da ruhig bleiben, kapriziert sich Genova darauf, dass Wagenknecht dazu malk was sagt. Da ist mir Wagenknecht und die „altersstarrsinnige“Merkel ehrlicher und inhaltlicher als die schweigenden Grünen.

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  35. genova68 schreibt:

    Tja, Leo, wir haben da wohl wirklich einen anderen Ansatz. Der Satz, wonach unsere Politiker so toll seine, käme mir nie über die Lippen. Im Kapitalismus ist es offenbar so, dass Politiker vor allem für mehr Verwertungsmöglichkeiten fürs Kapital zu sorgen haben. Und interessante Leute gehen schon lange nicht mehr in die Politik, vielleicht wegen unattraktiver Parteien, vielleicht,weil sie wissen, was sie erwartet.

    Ich kann mich natürlich darüber freuen, dass der Staat einigermaßen funktioniert, aber das ist mir zuwenig. Die neoliberale Grundhaltung der letzten 20 Jahre lehne ich ab und verachte ihre Anführer. Sie sind Totengräber. Nix tolle Politiker. Scheiß Politiker. Diese Aussage sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

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  36. Leo Brux schreibt:

    Hast du Gründe dafür, warum du den WÄHLERN dieser nix tollen Politiker, dieser Scheiß Politiker keine Vorwürfe machst?

    Totengräber sind WIR. Die Politiker eingeschlossen. Aber eben WIR.

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  37. Jakobiner schreibt:

    Wahrscheinlich macht Genova ja auch den Wählern Vorwürfe, wenngleich er da immer mehr nach Frankfurter Schule am vermeintlich autoritären Charakter der Deutschen puaschalisierend herummosert und durch die geistige Verwirrung infolge des Neoliberalismus hinweist. Aber die Wähler suchen sich ja zumeist gar nicht aus, wen sie vorgesetzt bekommen, sondern das wird in Parteigremien entschieden, die nur Mitglieder wählen können. Müsste man also Parteimitglied werden, in der Hoffnung diese verändern zu können, was aber scheinbar auch nicht sonderlich möglich ist.Man bekommt was vorgesetzt und kann dann entscheiden: „Friß Vogel oder stirb“ oder dann die berühmte Wahl des kleineren Übels oder eben Nichtwählen, wobei auch dies wieder als Zustimmung und Gewährenlassen des Bestehenden interpretiert wird. Man macht es immer falsch und ist selbst schuld! Dann erfolgt oft noch der rhetorische Vorschlag, doch selbst eine Partei zu gründen, als sei dies so einfach angesichts der bestehenden Finanzmacht- und Medienverhältnisse.Und dieses generalsisierende, pauschalisierende WIR, das Leo Brux immer bringt, heißt ja auch immer nur: Selbst schuld! Es liegt immer nur an einem selbst. Die Politiker sind fein raus!

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  38. genova68 schreibt:

    Wähler sind vor allem Menschen, die lassen sich nicht in Parteischemata pressen. Du kannst ohne weiteres die Wähler der großen Parteien als mehrheitlich linksradikal darstellen, alles eine Frage der Themen. Rente, Wohnen, Vermögensunterschiede. Neoliberale Strukturen erzeugen die Situation, dass Parteien sich einander annähern, es ist in weiten Teilen egal, wen man wählt. Leo, hör bitte auf, an dieses lächerliche Konstrukt zu glauben, das man Demokratie nennt. Wem die etwas Wert ist, lehnt das aktuelle ab.

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  39. Leo Brux schreibt:

    Da formulierst du das Problem, das ich mit einen Standpunkt wie dem deinen haben muss.

    Von einem absolutistisch-idealistischen Standpunkt aus wird das Gute, das wir haben und das uns gut leben lässt, negiert.

    Ich sehe einen fundamentalen Unterschied darin, ob wir von den „etablierten“ und demokratischen Parteien (Union, SPD, Grüne, Linke, FDP) regiert werden oder von der AfD.

    Ich sehe einen fundamentalen Unterschied zwischen der Diktatoren- und Halbdiktatorenriege Putin – Erdogan – Orban – Kaczynski und den demokratischen Regierungschefs (zB Macron, Merkel, Gentiloni, May etc.).

    Ich hab nur ein Leben, und so nehm ich die Dinge, wie ich sie kriegen kann. Das hindert mich nicht an scharfer Kritik – eine realistische Haltung ist immer auch eine Protesthaltung. Aber ich bleib damit auf dem Boden des Möglichen und lass mich nicht von utopischen bzw. idealistischen Sirenenklängen auf die Klippe steuern.

    Jedenfalls bin ich heilfroh, dass wir hierzulande eine Merkel-Politik haben und keine Putin- oder Gauland-Politik. Für mich ist das eine Frage – unter Umständen – auf Leben und Tod.

    Zumindest auf Freiheit und Gefängnis.
    Auf die berufliche Existenz.

    (Wenn ich mal spekulieren darf: Du erlebst dich nicht als Teil der Gesellschaft, die dich umgibt und in der du handelst? There is no such thing as society? – Ich sehe mich und dich als Teile der – komplexen – Gemeinschaften, in denen wir uns bewegen. Diese Gemeinschaften MACHEN uns. Meine Worte hier und jetzt sind ein Produkt dieser Gemeinschaften, deren Teil ich bin. Auch mein ausgeprägtes Ego ist ein Gemeinschaftsprodukt. So denke ich diese konstitutiven Gemeinschaften immer mit, wenn ich „ich“ sage. – Könnte da der Grund für unsere fundamentale Nichtübereinstimmung liegen?)

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  40. Leo Brux schreibt:

    @ Jakobiner
    Wenn ich mir selber die Verantwortung für die Politik zumute, dann werde ich mich auch bemühen, geeignete Politiker zu wählen. Was wiederum voraussetzt, dass ich versuchen werden, mich gut zu informieren.
    Es ist also konstruktiv, wenn man immer primär die eigene Verantwortung im Auge behält.
    Ja, ich verantworte die deutsche Politik mit, so, wie sie stattfindet.
    So, wie ich auch die deutsche Geschichte mitverantworte.
    Ich sehe mich nicht schuldig. Schuld ist individuell und etwas, das mit dem persönlichen Handeln und Nichthandeln zusammenhängt. Verantwortung trägt man über-individuell. Der Vater ist nicht schuld, aber verantwortlich, wenn sein 13jähriger Sohn einem Mitschüler die teuren Schuhe raubt.
    Verantwortung ist etwas, das man gemeinsam hat. Falls es dir schwer fällt, damit etwas anzufangen – stell dir zum Beispiel den Chef eines Krankenhauses vor. Wir beide wünschen uns, dass er sich voll und ganz verantwortlich fühlt dafür, dass in dem von ihm verantwortlich geleiteten Krankenhaus alles soweit richtig gemacht wird, wie es die Fehleranfälligkeit der einzelnen Menschen zulässt.
    Verantwortlich fürs Ganze kann und soll sich dann auch jede Arbeitskraft in diesem Krankenhaus fühlen.
    Die Bürger eines Landes sind verantwortlich für die Politik ihres Landes; jeder einzelne Bürger ist insofern MIT-verantwortlich.
    Würdest du diesem Satz zustimmen?

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  41. Leo Brux schreibt:

    Nochmal zu genova:

    Geht Politik anders als mit Parteien?
    Machen nicht die Bürger die Parteien?
    Sind nicht die Bürger verantwortlich dafür, wenn die Parteien sie täuschen und enttäuschen?

    Die Bürger können andere Parteien machen! Wenn sie wollen. Niemand und nichts hindert sie daran.

    Die Bürger! (Nicht: der Bürger) – Es ist eben eine Gemeinschaftsaufgabe. Der einzelne hat da wenig Gewicht. Wenn man als einzelner keinen starken Sinn für Gemeinschaftsprojekte hat, zieht man sich mosernd in die Isolation zurück. Aber man entgeht dadurch der Verantwortung nicht. Man ist so oder so mit-verantwortlich für die politische Stagnation.

    Die Parteien nähern sich an? – Erstens ist das nicht per se schlecht, zweitens ist es das, was die Bürger offensichtlich honorieren. Drittens sind die Unterschiede beträchtlich, zum Teil so klaffend weit, dass kein Kompromiss mehr möglich ist.

    Nicht alle mögen den Kompromiss in der Mitte – ich weiß. Zum Beispiel die AfDler. Die hätten gern den Bürgerkrieg.

    Rationale, konstruktive Politik wird in der Regel den Mittelweg suchen. Als Liebhaber von Kompromissen suche ich sie fast immer in dieser Richtung. Mein politisches Motto als Linksradikaler ist: Mach die Mitte stark! (Ein Paradox? Nicht, wenn man Praxis pragmatisch denkt.)

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  42. Jakobiner schreibt:

    „Die Bürger eines Landes sind verantwortlich für die Politik ihres Landes; jeder einzelne Bürger ist insofern MIT-verantwortlich.Würdest du diesem Satz zustimmen?“ Theoretisch ja, aber das ist sehr moralisierend. Denn es ignoriert eben praktisch , dass ein Individuum auf den unteren Ebenen der Macht sehr geringe bis keine Möglichkeiten der Einflußnahme hat. Und bis es sich in den Parteihierarchien hochgearbeitet hat, kann es Jahrzehnte dauern. Zumal eben die Parteien auch ein vorgegebenes Programm haben, das man nicht, bzw. kaum ändern kann. Man müsste also eine völlig neue Partei gründen und die meisten dieser Neugründungen sind marginale Randexistenzen. Zudem erinnere man sich mal an die zahlreichen, erfolglosen K-Gruppen und ML-Parteien, die auch (zum Glück) keiner wählte.Grüne, Af, Linkspartei als Ausnahme, aber die rekrutieren sich aus alten K-Gruppen-, SED, SPD-, DGB-, CDU/CSU-Mitgliedern, die auch wieder den Kurs angeben und in den eingefahrenen Bahnen bleiben. Wirklich Neues ist da kaum zu erwarten, eher Rückwärtsgewandtes und Nostalgisches.

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  43. genova68 schreibt:

    Danke für die Kommentare, ich schreibe die Tage etwas dazu, wenn ich Luft habe, wie man sagt.

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  44. Leo Brux schreibt:

    Jakobiner,

    ethisch, ja, aber moralisierend? – Ich seh das eher so, dass mein individuelles Handeln und Nichthandeln Folgen hat – und wenn ich mir dieser Folgen bewusst werde und sie auf mein Handeln zurückführen oder mit-zurückfühe, ergibt sich das, was wir Verantwortung nennen.

    Dasselbe gilt nun für das Handeln und Nichthandeln der Gemeinschaften oder Kollektive, von denen ich ein Teil bin. Dann sind WIR verantwortlich.

    Du redest dich raus. Natürlich wollte ich die Morde des NSU nicht und konnte sie auch nicht verhindern – trotzdem bin ich für sie mit-verantwortlich, einfach deshalb, weil ich ein Deutscher bin, also der selben Gemeinschaft angehöre wie die Mörder – die außerdem ihre Morde auch in meinem Namen – im Namen Deutschlands – verübt haben. Natürlich bin ich mit-verantwortlich für das unglaubliche Versagen und vermutliche partielle Mitmachen des Verfassungsschutzes und der Polizei. – EBEN DARUM engagiere ich mich so in diesem Fall.

    Unbequem, ich weiß, wenn man sich mit-verantwortlich fühlen muss für das, was die anderen anstellen. Das mag fast niemand so sehen. Fast jeder zieht sich da auf den radikal-individualistischen Standpunkt zurück: ICH hab nix damit zu tun, denkt er sich und empört sich über meine Zumutung. Und merkt nicht, dass er damit die Gemeinschaften zerstört, zu denen er gehört und deren Wohlergehen sein eigenes Wohlergehen bedingen.

    Der Mensch ist ein soziales Wesen. Von Grund auf. Von Natur aus. Konstitutionell. Der Mensch ist von Anfang an und in jedem Wort und jedem Gedanken und jeder Tat ein gesellschaftliches Wesen – und wenn ich mich selbst denke, ich mich als Individuum, dann immer von von den Gemeinschaften her, denen ich angehöre. (Die erste und primäre ist die Menschheit insgesamt. Darin besteht mein Humanismus und Universalismus.)

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  45. Jakobiner schreibt:

    Es ist schon moralisierend. Man kann sich auch für die Taten anderer nicht als verantwortlich fühlen und sich „trotzdem“dagegen engagieren. Für die Verbrechen der Nazis und des 3. Reichs bin ich nicht verantwortlich und fühle ich mich auch nicht verantwortlich. Selbst wenn meine Väter und Großväter dies begangen hätten oder man dies als Verbrechen der Nation sieht. Das waren ihre Taten und nicht die meinigen. Ansonsten führt man die geistige Sippenhaft ein.oder frühnt einem alternativen Nationalismus, wie man ihn bei Henfried Münkler und Joschka Fischer feststellen kann, die dann statt einen starken Nationalstaat ala AfD einem hochgerüsteten Europa als Gegeneuronationalismus zu den USA und Putin das Wort reden.Man kann gegen Extremisten und deren Verbrechen auch schon allein deswegen sein, weil die Geschichte klar zeigt, wohin deren Politik führt und allein schon aus humanistischen Gründen diese ablehnen, zumal auch aus utillitaritischen, das man nicht in einer rechtlosen Willkürsdiktatur, womöglich mit neuen Krieg leben will und die Demokratie als lebenswerter und gesundheitsfördender sieht. Gerade dieses Moralisieren stößt viele junge Leute von den moralisierenden 68ern ab.

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  46. Leo Brux schreibt:

    Ich bin nun gewiss nicht für die Morde, die der NSU begangen hat, oder für die Unterstützung, die die Nazitruppe dabei von staatlicher Seite direkt oder wenigstens indirekt bekommen hat. – Und DOCH bin ich für beides mit-verantwortlich.

    Du musst meinen Begriff von Verantwortung ja nicht eilen, Jakobiner, aber du könntest mal versuchen zu verstehen, wie ich ihn meine.

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  47. Jakobiner schreibt:

    Ich sehe das weniger als theoretische, sondern als praktische Frage. Ungewollt schwingt bei Verantwortung der Schuldbegriff rein,es wird jedenfalls oft so wahrgenommen, mag man da sophistisch noch so genau herumdefinieren..Das ist mir oft bei Diskussionen von Alt68ern mit jüngeren Leuten aufgefallen–das wird dann eben schon als Moralkeule und Überrumplungsmasche verstanden und da schalten die auf Rückzug und schotten sich ab.

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  48. genova68 schreibt:

    Es ist natürlich niemand für die Verbrechen des 3. Reichs verantwortlich, wenn er später geboren wurde. Das behauptet auch niemand. Aber jede Gesellschaft ist mit historischem Wissen aufgeladen und deshalb ist es sinnlos, so zu tun, als hätten wir mit diesen Verbrechen nichts zu tun. Und spätestens, wenn man als Deutscher einem Juden gegenübersteht, der Angehörige im Holocaust verloren hat, ist die Situation real. Es geht nicht um Schuldzuweisungen.

    Leo,
    doch, ich bin Teil der Gesellschaft. Aber das sagt erstmal nur aus, dass ich Zusammenhänge anerkenne, Sozialisation, Prägung, Verhalten. Wie ich diese Gesellschaft bewerte, ist eine andere Frage.

    Das Mögliche: Das ist ein Begriff, der nur begrenzt Sinn macht. Denn er kann schnell dazu dienen, Leute mundtot und lächerlich zu machen. Im Sommer 89 wäre damit jeder, der einen schnellen Zusammenbruch der DDR verkündet hätte, als Spinner abgetan worden. Unmöglich eben. Nichts ist unmöglich.

    Merkel ist mir lieber als Putin und die CDU lieber als die AfD, natürlich. Aber das hindert mich doch nicht an massiver Kritik. Ich habe auch gar kein Interesse, da wählen zu müssen. Warum sollte ich? Vielleicht, wenn es eine Präsidentenstichwahl wie in Frankreich gäbe, wahrscheinlich würde ich dann Merkel wählen statt Gauland. Aber auch das ist so hypothetisch, das ist nicht von Interesse. Ich möchte nicht Merkel verteidigen müssen, weil ich die AfD kritisiere.

    Stattdessen versuche ich lieber, konkrete Kritik zu üben. Und da bleibe ich nunmal dabei, dass die deutsche Politik der vergangenen 20 Jahre perspektivisch und richtungsmäßig falsch ist, eben neoliberal. Ob ich die Rentendiskussion nehme oder die Agendapolitik, ob die die Tatsache kritisiere, dass Reiche immer reicher werden, das Kapital immer mehr Möglichkeiten hat, Ökologie nur dann Beachtung findet, wenn sie die Ökonomie nicht stört, Grundbegingungen des Lebens wie Wohnen mit Wohlwollen der Politik zerstört werden, Vertreibung durchs Kapital stattfindet, ob ich die komplette Verkleisterung der Hirne kritisiere (alleine der Musssatz, wonach mir jeder ständig einen schönen Tag noch wünschen muss, reicht aus, um Fundamentalkritik zu üben): ich lehne das alles ab, es gibt Alternativen. Wir werden von Korrupten, systemisch vielleicht nur, regiert, und was Leute wählen und was sie wollen, sind zwei Paar Schuhe.

    Parteien: Natürlich kann ich nicht so einfach eine Partei gründen, das ist faktisch nicht möglich. Ich erwarte von vorhandenen Parteien, dass sie Probleme lösen. Wenn beispielsweise die Wohnungssituation von allen Parteien nicht angegangen wird, dann hilft eine weitere Partei vermutlich auch nicht, da ist dann systemisch etwas nicht in Ordnung. Konkret ist das bei uns der Neoliberalismus, der jede vernünftige politische Option von vornherein ausgeschaltet hat. Es ist ein bisschen wie bei den Nazis: Man baut absurde Dogmen auf, die nicht hinterfragt werden. Damals durften sie es nicht, heute ist es sinnlos, weil die PR-Maschine perfekt läuft. Das Kapital ist der neue Gott, gegen den wendet man sich nicht, der hat immer recht. Es gibt großangelegte Verdummungskampagnen des Kapitals, permanent, und du, Leo, sagt einfach: Dann gründe doch eine Partei.

    Das ist ein Totschlagargument.

    „Mittelweg“ ist, ehrlich gesagt, auch so ein Totschlagsargumentenwort. Als Befürworter des Mittelwegs begeht man ihn natürlich selbst und damit hat man schon schön sortiert, was geht und was nicht. Den Wohnungsmarkt aus der Kapitalverwertung rauszunehmen, ist vermutlich linksextrem, also kein Mittelweg, also böse.

    Ich kann mit solchen Formalien nichts anfangen, sondern schaue mir lieber die Logik, die Ratio des einzelnen Arguments an. Dieses Mittelwegsding ist die beste Möglichkeit, eine reaktionäre Politik zu verteidigen.

    „Von einem absolutistisch-idealistischen Standpunkt aus wird das Gute, das wir haben und das uns gut leben lässt, negiert.“

    Ja, wir haben Gutes, wobei ich glaube, dass viele Errungenschaften heute nicht mehr realisiert würden. Kommunale Schwimmbäder, kommunale Bibliotheken, steuerfinanzierter ÖPNV, kommunale Versorgungen überhaupt, all das wäre heute nicht mehr einführbar. Wir ruhen uns auf Errungenschaften sozialerer Zeiten aus. Das interessiert mich nicht.

    Dazu kommt das, was ich oben schon die Verkleisterung der Hirne genannt habe. Ohne mich wiederholen zu wollen: Alleine die Stimme im Zug, die mir dankt, dass die mich für die Deutsche Bahn entschieden habe, ist Ausdruck völliger Geisteskrankheit. Der Punkt ist schlicht, dass der Mensch sich an alles gewöhnt: An Schlafen unter Brücken, an Merkel, an Stimmen in Zügen.

    Das ist vermutlich der Mittelweg.

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  49. Jakobiner schreibt:

    Zu Genova: Natürlich ist jede Gesellschaft „historisch aufgeladen“, aber die Frage, die du wie auch Leo Brux zugunsten eines „WIR“-Kollektivismus beantwortet, sehen die meisten Jungen eben anders. Dazu sollte man anstatt solcher kollektivistischen Perspektiven den Humanismus und den Utilatarismus des Individuums betonen. Aber für euch sind das dann nur assoziale Ego-Shooter.wenn sie sich aus diesen moralisiernden Volksgemeinschaften lösen wollen:Dazu:

    Identität, Heimat und das Ich

    Gute Frage: Was bin ich und wer bin ich? Das kann ich mir nicht über vermeintliche Heimatsbezüge, Geschichte meiner Vorfahren erschliessen, weder völkisch, noch lokalpatriotisch, noch Böhmenherkunft meiner Mutter oder Frankfurter Herkunft meines Vaters und dann der ganzen anderen Herkünfte der Vorfahren.So Ahnenforschung mag zwar einigen Leuten einleuchten, die nach ihrer Idenität und ihren Wurzeln suchen, wie andere DNA-Tests machen, um zu wissen, ob sie deutsche, britische oder jüdische Gene hätten. Schon eher gehört man einer ökonomischen Klasse an, wobei auch diese nicht mehr so klar definierbar ist, weswegen sich viele Leute eher von Klassenzugehörigkeiten, die angesichts der Reichtumspolarisierung immer offenkundiger wird,angesichts mangelnden Klassenkampfs von unten und aus der immer mehr benachteiligten Arbeiter- und Angestelltenschicht, sowie der absinkenden Mittelschicht davon nichts mehr wissen will und sich andere Identitäten suchen.Für mich ist das alles davon ablenkend von der Grundfrage jeden Individuums: Was WILL ich, welche Lebens- und Gesellschaftsvorstellungen eines gemeinsamen Lebens habe ich. Die Frage nach Wurzeln und Identitäten ist für mich reaktionär,damit wollen Menschen sich selbst eine vermeintliche Fremdbestimmung aufgrund ihrer Herkunft auferlegen anstatt zu sagen; Ist mir egal: Ich bin ich und überlege meine Lebensziele und wie ich mir ein Leben als Individuum in einer Gesellscghaft vorstelle selber und unterstütze dabei Gleichgesinnte, die das auch so sehen.Nun ist man natürlich nicht ein geschichtsloses oder klassenloses Individuum, sondern eben davon auch sozialisiert. Es gilt aber die gesellsxchaftlichen Zwänge zu erkennen, die man sich nicht noch selbst durch identitäre Fremdbestimmungen von Ethnie, Heimat oder von irgendwelchen vermeintlichen Wurzeln und vermeintlichen Identitäten selbst fremdbestimmt auferlegt, sondern sich als Individuum mit gewissen gesellschaftlichen Vorstellungen zu begreifen und danach zu handeln nnd sich zu organisieren.Es ist zwar nicht falsch über seine gesellschaftklichen und historischen Bezüge zu wissen, es ist aber falsch, wenn man daraus ewiggültige Determinanten davon für sich und seine Leute davon ableitet.

    Und den Identitätswahn gibt es ja nicht nur respektrotiv, zurückschauend, sondern auch als futuristisches, utopisches Selbstfindungsprojekt in der Fiktion, genauer gesagt; Science Fiction, nämlich bei der Star Wars Identities- Veranstaltung. Man betreibt keine Ahnenforschung, sondern synthesiert sich eine eigene Identität in der Zukunft zusammen:
    „Die Komponenten von Identität

    Der Ausstellungs-Produzent X3 Productions hat für die wissenschaftliche Aufbereitung der Ausstellung ein Team aus Spezialisten vom Wissenschaftsmuseum „Montreal Science Centres“ zusammengeführt. Psychologen, Neuropsychologen, Biochemiker und Genetiker haben die Ausstellung in die drei Themengebiete Ursprung, Einflüsse und Entscheidungen aufgeteilt. Diese prägen die Identität aller denkenden Wesen. Innerhalb dieser drei Themengebiete untersucht die Ausstellung zehn Komponenten von Identität: „Spezies“, „Gene“, „Eltern“ und „Kultur“ gliedern den Bereich Ursprung; die Komponenten „Mentoren“, „Freunde“ und „einschneidende Erlebnisse“ den Bereich Einflüsse. Die Komponenten „Tätigkeit“, „Persönlichkeit“ und „Werte“ bilden schließlich das Themengebiet Entscheidungen.

    Diese zehn Komponenten und drei Themengebiete bilden das Rückgrat der Ausstellung. So untersucht STAR WARS™ Identities, was das komplexe Konzept menschlicher Identität ausmacht – in der Realität wie in der Fiktion. Originale Ausstellungsstücke beleuchten jede dieser Komponenten. Kurze „Making-of“-Filme liefern gleichzeitig Hintergrundinformationen zu den legendären Star Wars-Figuren und ihrer Entwicklung. Sie zeigen, wie sie zu jenen Ikonen wurden, die sie heute sind. Die Geschichte zieht uns auch noch nach vielen Jahrzehnten in ihren Bann, weil sie so universell ist: wir identifizieren uns mit den Charakteren in Star Wars und finden uns selbst in ihren Abenteuern wieder.“

    http://www.merkur.de/lokales/muenchen/stadt-muenchen/star-wars-identities-ausstellung-kleinen-olympiahalle-6324446.html

    Das ist dann nicht die Ebene, wo nationalkonservative und rechtsradikale Heimat-, Blut- und Bodenbewegungen wie die AfD, Götz Kubitschek und die Identitären am Start sind, sondern eher futuristisch-internetaffine Nerds und Alternative, von denen ein Teil die „Big Bang Theory“ als Lieblingsserie samt Star Wars und Science Fiction inklusive außerirdischen Zivilisationen ansieht und vielleicht auch noch die Piraten und den Chaos Computer Club sympathisch findet. Aber ohne Identität geht´s für alle nicht, da bleibt man gleichermassen fremdbestimmt und liebt das.

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  50. genova68 schreibt:

    Die historische Aufladung gibt es, also kannst du die nicht ignorieren, du musst damit umgehen, so wie du mit deiner persönlichen Geschichte umgehen musst. Den Humanismus des Individuums kannst du betonen, wie du auch gutes Wetter betonen kannst. Der Humanismus ist aber nicht automatisch da, sondern muss entwickelt werden, und da spielen wieder Gesellschaft und Geschichte die zentralen Rollen. Ich würde auch nicht von Volksgemeinschaften reden, sondern von Gesellschaft, die eine Geschichte hat. Ich weiß auch nicht, was daran moralisierend sein soll. Wie gesagt, spätestens bei der Begegnung mit dem Juden aus dem KZ wirst du sehen, dass deine Haltung nicht funktioniert.

    Mir ist es auch schleierhaft, wie einen die Bekenntnis zur deutschen Schuld persönlich belasten sollte. Es befreit doch eher, wenn man sich damit beschäftigt.

    Identität ist für mich wesentlich eine indviduelle Kategorie. Aber deinen Text dazu muss ich erstmal in Ruhe lesen.

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  51. Jakobiner schreibt:

    Ja lies den Artikel mal in Ruhe und äußere dich dann. Ich glaube, dass du und Leo Brux eine ältere Generation seid, die sich eine Holocaustkritik ohne moralisierenden Deutsch- und Wir-Kollektivismus niemals vorstellen können, schon gar nicht als Frage eines humanistischen oder ultilatiristischen Individuums, da ihr volksgemeinschaftlich mit der Gruppe 47 aufgewachsen seid und euch unter Individuum nur Ayn Rand, Thatcher („There is not such thing as society“) und Neoliberalismus vorstellen könnt. Popper ist da nicht einmal mehr andenkenswert.

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  52. Jakobiner schreibt:

    Zudem: Was passiert eigentlich, wenn man auf Geschihtsverbrechen antwortet: Interessiert mich nicht, habe ich nichts mit zu tun, es sei denn du erklärst mir, warum ich aus humanitätren und utilitaristischen Gründen dies ablehnen sollte. Was zudem, wenn man mal zur eigentlichen Frage kommen sollte: Was die Ablehnung von Verbrechen der Vergangenheit für die heutige Welt zu bedeuten haben? Desweiteren: Wurden denn nicht angebliche Verbrechen als Eingreiftitel imperialistischer Invasionen genutzt oder gefälscht-also als humanitärer orwand. Henry M. Broder sagt ja auch, dass die Lehre aus dem Holocaust ein Krieg gegen Sudan und Iran sein müsse., wenn man, also er diie deutsche Geschichte ernst nimmt. Zuletzt: Kapitalismuskritik fehlt völlig. Die Nationalisten, die diese Katastrophen regelmäßig hervorbringen werden nur als Blöde und Verwirrte dargestellt, statt auf die Systembedingheit dieser Verrücktheiten einzugehen, die eben im kapitalistischen System und deren ungleicher Entwicklung samt aller systemimmanenten Wirtschaftskrisen und deren politischen Polarisierungen nd Implikationen begründet liegen.

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  53. Leo Brux schreibt:

    @ genova

    „Es ist natürlich niemand für die Verbrechen des 3. Reichs verantwortlich, wenn er später geboren wurde. Das behauptet auch niemand. Aber jede Gesellschaft ist mit historischem Wissen aufgeladen und deshalb ist es sinnlos, so zu tun, als hätten wir mit diesen Verbrechen nichts zu tun.“

    Ich verwende für das, was du historisch aufgeladen nennst, das Wort Verantwortung. Nicht Schuld. Schuld trage ich keine, aber Verantwortung. Nicht im negativen Sinne, dass ich für die Taten meiner Vorgänger bestraft werden muss, aber insofern, als ich die Konsequenzen, die deren Verhalten hatte, nun mitzutragen habe. Akzeptieren muss. Ich kann nicht sagen: ICH habe nichts angestellt, WIR – die jüngere Generation – haben nichts angestellt, also, liebe Polen, gebt uns mal schnell Schlesien zurück!

    Was also heißt für dich „historisch aufgeladen“? – Vielleicht dasselbe wie für mich „Verantwortung“. Aber bei meinem Begriff wird auch der Grund für die „historische Aufladung“ benannt: Wir sind soziale Tiere, wir gehören Gemeinschaften an, sind über Gemeinschaften definiert – also tragen wir auch die Entscheidungen unserer Eltern- und Großelterngenerationen mit.

    Bezüglich der politischen Kritik gebe ich dir eine provokativ böse zugespitzte Antwort:

    Vor lauter Kritik bist du nicht mehr imstande, das Gute in unserer Politik zu würdigen und es (und seine Voraussetzungen) gegen die stärker werdenden Zerstörer zu verteidigen. (Du siehst es schon, aber, wie du schreibst, interessiert es dich nicht.) Die Verdummung ist in der Politik und in der Öffentlichkeit fast total. Für dich gibt es so gut wie keine Demokratie mehr.

    Nun denn, wenn das so ist, haben wir auch keine Demokratie mehr zu verteidigen.

    Freie Bahn für die AfD.

    Der grundsätzliche Fehler, der – wenn ich das recht sehe – hinter dieser Haltung steht, ist das, was man „linken Idealismus“ oder „linken Platonismus“ nennen könnte.

    Wiederum knapp und simpel erklärt:

    (1) Wer das Gegebene nicht kritisiert, kann es nicht verbessern.
    (2) Wer das Gegebene kritisiert, macht es schlecht und tut sich dadurch selber weh.

    BEIDE Sätze sind richtig. WENN man (1) folgt, darf man (2) nicht außer acht lassen. Wenn man (2) folgt, darf man (1) nicht ignorieren. Eine Wahrheit findet man in dieser Situation nur, wenn man BEIDE Sätze immer zugleich und in gleichem Maße berücksichtigt – sie dialektisch verknüpft.

    Ich erkläre mir deinen Fehler damit, dass für dich einseitig (1) gilt und (2) zu kurz kommt.

    (1) ist aktivistischer Idealismus, Platon rot-links: Miss das Gegebene am Maßstab des Ideals. Es gibt die besseren Alternativen! An die Arbeit! Ändere die Welt! Du kannst es!
    (2) ist Taoismus – Laotse grün-links. Du kannst deine Welt nicht ändern. Lerne sie so gut wie möglich kennen und akzeptiere sie so, wie sie ist. Indem du sie respektierst und akzeptierst, änderst du sie auch.

    In deinem Fall, genova, funktioniert auch (1) nicht, weil du – fast allein bist. Brecht hatte die Macht der Arbeiterklasse im Rücken seines Engagements, die Welt zu verändern. Wir beide haben diese Illusion nicht mehr. Wenn du sagst, es gebe Alternativen, dann ist das Wunschdenken. Alternativen setzen in der Politik immer die Menschen voraus, die sie erkennen und realisieren. Diese Menschen gibt es nicht. Wie du selber ja auch immer wieder frustriert feststellst. Der Kapitalismus schafft es, sie zu verblenden …

    Du hängst also in der Luft, genova. Strampelst dich im Hamsterrad der Kritik ab.

    Und ich? – Tja … was ist da mit mir?? –

    Da bin ich dir dann doch wohl auch noch eine Antwort schuldig.

    PS: Mit Jakobiner zu diskutieren hat für mich keinen Sinn. Er schafft es nicht, sich mir verständlich zu machen, und ich schaffe es nicht, mich ihm verständlich zu machen. – Mein Fehler.

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  54. Jakobiner schreibt:

    „PS: Mit Jakobiner zu diskutieren hat für mich keinen Sinn. Er schafft es nicht, sich mir verständlich zu machen, und ich schaffe es nicht, mich ihm verständlich zu machen. – Mein Fehler.“

    So schwierig ist dies nicht. Genova und du haben als Ausgangspunkt einen kollektivistischen, moralischen WIR-Gruppenkollektivbegriff. Das habe ich selbst lange Zeit versucht, aber gemerkt, dass viele Junge dies als moralisierende Schuldzuweisung auffassen und zurückweisen. Was ich dann versucht habe, ist die Kritik des Faschismus aus einer humanistischen oder utilitaristischen Liberalsismusperspektive, eher am Individum Poppers angelehnt. Aber mit Liberalismus und Individum könnn und wollen linke wie rechte Kollektivisten nichts anfangen , bzw. es überhaupt vertstehen, da sie Individuum nur als egoistisches assoziales Ego, Dekandenz und Untergang des Abendlands auffassen.

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  55. Jakobiner schreibt:

    Der Liberalismus geht vom Individuum, dessen Eigenverantwortlichkeit und freien Willen aus, das gegenüber kollektibitsichen Gruppenzwängen und herdenhaftem Mitläufertum aus humanistischen und utilitaristischen Gründen eine gewisse Distanz bewahrt, wenngleich er nicht die gesellschaftliche Existenz und Eingebundenheit des Individuums leugnet, wie dies etwa Ayn Rand und die Libertinären tun.Kritikpunkt von links könnte da sein, dass dies sehr idealtypisch gedacht ist, Sozialdarwinsismus in Form von witrschaftlichen Neoliberalismus fördert, die Atomisierung der Gemeinschaft und Gesellschaft befördert, sowie etwas von den realen ökonomischen und politischen Machtverhältnissen abstrahiert.Eigentlich leicht verständlich, was gibt es daran nicht zu verstehen? Dass Brux und Genova nicht einmal dazu eine linke Kritik einfällt, sondern sie auf Nichtverstehenwollen zurückschalten, legt den Verdacht der Ideologielastigkeit nahe.

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  56. genova68 schreibt:

    Leo,
    klingt gut, was du schreibst. Für mich ist das hier allerdings nur ein Blog, da hampele ich herum, mal böse, mal nicht, ohne jeden Anspruch auf Weltveränderung. Ich freue mich über eine gelungene Formulierung und nutze den Blog ansonsten als Ventil. Was sollte ich denn mit exportabel verändern wollen? Wenn ich den Anspruch hätte, hätte ich ein Rad ab. Ich möchte nicht enden wie die vielen youtube-Channel-Betreiber, die meinen, von der Couch aus die Welt retten zu können.

    Wollte ich gegen die Gentrifzierung vorgehen, müsste ich mich in Initiativen betätigen. Das halte ich aber für wenig aussichtsreich, insofern käme nur effizienter Terrorismus infrage. Dafür bin ich allerdings zu bequem und zu feige und auch nicht direkt davon betroffen.

    Ob das alles logisch oder stringent ist, ist nicht meine Frage. Hamsterrad der Kritik: Ja, das könnte man so nennen, allerdings nur, wenn ich strampeln müsste. Ich schreibe nur das flott auf, wozu es mich spontan drängt. Die Architektursachen interessieren mich viel mehr.

    Im übrigen unterscheide ich zwischen mir als Individuum und der Gesellschaft und anderen. Ich käme nie in die Lage, mich als unidentifizierbaren Einzelteil der Gesellschaft zu bestimmen. Wenn ich die Durchsagen der Bahn kritisiere, ist es völlig egal, wer ich bin.

    Ich denke auch wenig über eine vermeintlich neue Arbeiterklasse nach, die die Revolution trägt. Das kommt sowieso so, wie es kommt. Dazu geht es mir persönlich nicht schlecht genug, ich kann eher sagen, dass es für mich keine ökonomische Veränderung braucht. Mir käme es allerdings auch nie in den Sinn, in einem Blog meine persönliche Situation zu bejammern. Was sollte das sollen?

    Du hast einen anderen Ansatz, Leo, der ist pragmatischer und realistischer. Allerdings nutzt dir der Realismus nichts, weil du in keinem Parlament sitzt. Deine Kompromissvorschläge werden nicht zur Kenntnis genommen, und das ist das Problem des Ortes: Ein Blog ist ein radikales Nichts, eben kein Parlament, er ist virtuell, du schreibst alleine, du kannst machen, was du willst, also mach das doch.

    Ein Adorno oder ein Bernhard haben sich auch einen Teufel um Pragmatismus oder Realitätsnähe oder ähnlich abstruses Zeug gekümmert. Gott sei Dank. Vermutlich bin ich Künstler.

    Jakobiner,
    Identität: Ich weiß nicht, wie ihr jetzt darauf kommt. Nur soviel: Meine Identität könnte mit der Schlesienvertreibung meiner Mutter zu tun haben. Aber die war und ist diesbezüglich radikalpragmatisch. Die hatte schon immer nur Verachtung für alle Vertriebenenverbände. Ihr ging es im Westen schnell gut, ihre vermeintliche frühere Heimat war ihr völlig egal. Insofern ist mir Schlesien natürlich auch egal, es wurde mir via Sozialisation nicht beigebracht, Schlesien einen Wert zuzumessen. Meine im Krieg gefallener Opa hat mich auch nie interessiert. Allerdings hat die Position meiner Mutter durchaus Einfluss auf mich ausgeübt: Ihre radikale Geschichtsvergessenheit macht andere Probleme. Insofern ist meine Identität natürlich auch politisch geprägt, aber es gibt da dann wieder ganz verschiedene Möglichkeiten: Die Schlesienvertreibung und die Schlesienignoranz meiner Mutter hat bei mir zu völliger Ignoranz dieses ganzen blöden Deutschtumdings geführt, sie hätte aber zu einer gottgleichen Anbetung Schlesiens führen können. Ich bin da elterlich geprägt, wie alle.

    Heimat hatte ich auch noch nie, was Region oder Boden angeht. Ich glaube, sowas ist immer antrainiert und künstlich. Heimat geht als visuelle Perspektive, Berge im Hintergrund und sowas. Ansonsten nicht territorial, sondern nur in Bezügen auf Atmosphären, Sprachen, Dialekte, Architektur, Klima, landschaftliche Marken etc. Dieser rechte Heimatbegriff ist doch nur eine große Lüge auf die gute alte Zeit, die in Wahrheit nur die Idiotie des Dorflebens meint.

    Vielleicht allgemein: Kritik und Identität sind historisch bedingt, das sollte man wissen und das sollte man beachten. Ich sehe es aber als menschliche Freiheit, und zwar als Freiheit ausschließlich des Menschen, dass er sich aus solchen Bezügen zumindest gedanklich befreien kann. Der moderne Mensch ist in der Lage, soziale Kontexte zu einem guten Stück zu verlassen. Das bringt Nachteile mit sich, aber man ist gottlob nicht mehr auf zwangsgesellschaftliche Bezüge angewiesen, weder im Verein, noch bei der Zwangsheirat, noch beim Bloggen.

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  57. Jakobiner schreibt:

    Interesante Paralelle zu Genova: Meine Oma stammt aus Böhmen/Mähren und wurde wie viele andere Deutsche von der Roten Armee vertrieben. Sie war kein politischer Mensch, aber hat nie der alten „Heimat“nachgejammert, sondern wie deine Oma einfach einen Schlußstrich gezogen und sich in Westdeutschland eingerichtet und dies als neuen Lebensraum angenommen. Dementsprechend ist sie auch nie zu Heimatvertriebenen- und Revanchistentreffebn gegangen, hat sich von diesen Leuten bewußt ferngehalten, da ihr das Gejammer über den Verlust der Heimat auf die Nerven ging und sie auch der Ansicht war, dass diese Revanchistentreffen in letzter Konsequenz nur erneute Gebiets- und Reperationsforderungen bedeuten würden, die auf einen neuerlichen Krieg hinauslaufen würden. Nein danke, einmal reicht.Abner sie hat nie eine besonder Verantwortung als Deutsche oder als Böhmin als Legitimation zitiert oder irgendeinen Heimatbezug, um zu dieser Konsequenz zu kommen.

    Noch einmal zurück zu einer liberal-utilitaristischen Faschismuskritik. Praktisch muss man sich das so vorstellen, dass man nicht argumentiert „Weil ich Deutscher bin bin ich wegen der deutschen Geschichte gegen den Faschismus“, sondern eher als Art utilitaristische Warnung wie die Warnschriften auf den Zigarettenpackungen: Faschismus/die AfD ist lebensfeindlich und schadtet deiner und anderer Leute Gesundheit und Freiheit. Willst du in einer Willkürdikatur , womöglich mit Krieg darben? Mit ertser Metholde erreicht man mehr traditionelle moralisierende Kollektivisten, die gruppenbezogen denken, mit zweiter mehr individulaisierte, hedonistische, jüngere Leute.

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  58. Leo Brux schreibt:

    „Ein Adorno oder ein Bernhard haben sich auch einen Teufel um Pragmatismus oder Realitätsnähe oder ähnlich abstruses Zeug gekümmert. Gott sei Dank. Vermutlich bin ich Künstler.“

    Künstler leben davon, dass sich sehr sehr viele Menschen pragmatisch und realitätsnah um das Leben kümmern.

    Ich schätze Künstler, die genau das zu würdigen wissen und mit ihrem eigenen künstlerischen Beitrag nützlich zu sein versuchen.

    (Ich kann mit denjenigen Künstlern nicht viel anfangen, die sich einfach nur mal so entäußern wollen und das Produkt dann für „authentisch“ und Kunst halten. = Selbstreferenzialität ohne Verankerung in einer objektiven Außenwelt)

    Ich finde deine Beschreibungen und Kritiken nützlich, genova. Darum lese ich sie.

    Ich finde Goethes Faust, Mozarts Klavierkonzerte, Rembrandts Bilder nützlich.

    Wenn ich mir überlege, warum mir das eine sinnvoll und das andere nicht sinnvoll erscheint, merke ich: Mein Kriterium ist die Nützlichkeit. Die für mich selbst und die für die Gesellschaft.

    In dieser Hinsicht bin ich ein Kind von Bertolt Brecht.

    „Allerdings nutzt dir der Realismus nichts, weil du in keinem Parlament sitzt. Deine Kompromissvorschläge werden nicht zur Kenntnis genommen“

    Daran ist viel Richtiges. Aber ganz so ist es dann doch nicht. Mein Realismus nützt mir selber. Ich kann eins mit mir selber sein. In Bezug auf die Gesellschaft bin ich wohl einigen Menschen nützlich. Großen Einfluss habe ich nicht. Erwarte ich mir auch nicht. Ich tut, was ich kann – so klug pragmatisch, wie ich es drauf habe.

    Ich lebe mit der Grenze. Ich kann meinen Aktivismus und meinen Taoismus miteinander verweben.

    Traurig, dass gesellschaftlich global alles den Bach runtergeht. Das macht mich etwas melancholisch. Ich weiß, dass ich daran nichts ändern kann – und akzeptiere es.

    Und lass mich nicht daran hindern, das Leben zu genießen – in Dankbarkeit für die Voraussetzungen, die dafür gegeben sind, und in Dankbarkeit für die vielen Menschen, die diese Voraussetzungen geschaffen haben und weiter schaffen.

    Ich statte meinen Dank ab, indem ich die Gesellschaft gegen die Revolutionäre von rechts verteidige und selber so viel Nützliches leiste, wie es mir gelingt.

    Dass du diese in so vielem gute Gesellschaft nicht zu verteidigen gewillt bist, finde ich schade.

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  59. Jakobiner schreibt:

    Wie gesagt; Genova und Brux verstehen sich im bestenfall noch als Künstler. Eine Auseuinandersetzung mit meinen Thesen und Argumenten verweigern sie wegen Nichtverstehenwollens, wahrscheinlich aber eben aus der puren Angst sich mal tiefer mit einem Lineralismus ala Popper auseinanderzustezen, sich auf andere Gedanken überhaupt wegen ihrer ideologischen Präferenz einzulassen. Brux weil er dies nicht gedanklich will, noch kann, sondern ein ideologischer Kleingeist ist, der sich mittels der Masse seiner gelesenen, aber unverstandenen Bücher das Image des Intellektuellen vorspielt., Genova weil er ein unmotivierter Hedonist ist, der zu allem, aber vor allem nur Architektur den autoritären Charakter des Deutschen und den Ungeist des Neoliberalismus sowie selbstgerechter Ästhetikwahrnehmungen was schreibt, mit dem Eingeständniss, dass er damit nichts erreichen wolle, sondern sich nur abkotzen wolle. Und solche Leute nehmen noch Wörter wie Revolution und Rebvellion in den Mund. Wahrscheinlich, weil sie hoffen, dass dies die Menschheit von solch Typen wie ihnen erlösen würde.

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  60. Jakobiner schreibt:

    Gut möglich, dass Trump und die EU einen Handelskrieg beginnen. Trump möchte ja, dass das Außenhandelsdefizit nachhaltig beseitigt wird.Bei dieser Größenordnung kann dies lange dauern und muss die Spirale weitergedreht werden. Senkung der Unternehmenssteuer, dann Schutzzölle, Öffnung anderer Märkte, dann Deregulierung der Finanzmärkte sind die 4 wesentlichen makropolitischen Entscheidungen Trumps mit großer Auswirkung weltwirtschaftlich. Die Diskussion um die Reaktion Deutschlands und der EU konzentriert sich auf die Optionen Gegenschutzzölle und/oder Öffnung des EU-Marktes für die USA, nebst Nachziehen bei den Unternehmenssteuersenkungen und der Deregulierung der Finanzmärkte. Andere Optionen werden da gar nicht mehr angedacht im Eifer des Gefechts.Hier stellt sich auch einmal die Frage, ob es so klug seitens Deutschlands und der EU ist so dominant auf den Freihandel und eine hohe Exportquote zu setzen.

    Die neueren Entwicklungen drängen meiner Ansicht nach dahin, dass die EU ein keynesianistisches Infrastruktur- und Digitaliserungsprogramm auflegt, eben jene europäische Neue Seidenstrasse Marco Polo 2 und ein eigenes EU-Los-Alamos-Forschungsprojekt, um den Rückstand der EU bei disruptiven Hochtechnologien gegenüber den USA und China aufzuholen und die Digitaliserung und Industrie 4.o sozial verträglich und nachhaltig zu gestalten.

    Ein Rieseninfrastrukturprogramm, das nicht eine Bahnlinie von Wladiwostok bis Lissabon legt, auf der man dann wie der Modelleisenbahnzüge hin- und herfahren lässt, sondern ein Netzwerk von Infrastrukturprogrammen, das Südeuropa und strukturschwache europäische Regionen mit Resteuropa verbindet, etwa den Investitionsstau und das Gefälle zwischen Nord- und Süditalien auflöst, wie auch etwa Belgrad mit Budapest miteinander verbindet. Nicht nur durch öffentlichen Verkehr der die Strassen entlastet sondern auch durch die Schaffung von Wirtschaftskorridoren, der vollständigen Digitalisierung Europas und effizienten Smart Cities des 21. Jahrhunderts. Ein völliges Modernisierungskonzept. Das müsste man noch mal klarstellen, denn bei Marco Polo denkt man eher an eine Kamelkarawane von Italien über Zentralasien nach Peking.

    Zum einen würde man sich nicht so abhängig machen von den Schwankungen der Weltkonjunktur und den Exporten in die Trump-USA, sondern eigene heimische Wachtstumskräfte mobilisieren, die mehr im Binnenmarkt dann angesiiedelt sind. Zum anderen hätte man zwei konkrete Projekte, die der EU weider eine konkrete Mission und ein Zukunftsprojekt geben, die Arbeitslosigkeit senken, Wachstumsimpulse setzt, die Wettbewerbsfähigkeit herstellt sowie den Investitionsstau bei der Infrastruktur auflöst.Vorraussetzung dazu wäre aber eben ein höheres EU-Budget. Ob dies in der gegenwärtigen Situation den EU-Bürgern vermittelbar ist, bleibt fraglich. Zudem kann man nach chinesischem Vorbild der Asiatischen Infrastruktur Investitionsbank (AIIB) zur Finanzierung einer europäischen Neuen Seidenstrasse eine Europäische Infrastruktur Investitionsbank (EIIB) gründen. Aber es wäre eher vermittelbar als eine Transferunion, die Erweiterung der Eurozone und des Schengenraums um Rumänien und Bulgariens und die weitere EU-Erweiterung um die Balkanstaaten.

    Das zweite wesentliche EU-Projekt wäre ein EU-Los Alamos- Hitech- Forschungsprojekt für die Entwicklung für Quantentechnologie, Blockchaintechnologie, Digitalisierung und deren sozialverträglichen Förderung und Implementierung samt verbindlicher europäischer Sozialstandards. Zum einen um den technologischen Vorsprung der USA und Chinas gegenüber Europa in diesen Hitechbereichen aufzuholen. Zum anderen, um die Chancen der neuen Technologien sozial und ökologisch und nachhaltig zu nutzen–die Produktivitätssprünge müssen das Leben der europäischen Bevölkerung verbessern,um der Alters- und Kinderarmut entgegenzuwirken und ein lebenswürdiges Dasein für jedermann in Europa zu schaffen.

    Da aber diese Option von keinem der regierenden Politiker noch der Opposition angedacht und propagiert wird, dürfte es bei den handelsüblichen Reaktionen kommen, die eben bis zum Handelskrieg eskkalieren können.

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  61. genova68 schreibt:

    Leo,
    Kunst und Nützlichkeit: Der Nutzenbegriff in der Kunst ist problematisch, das siehst du sicher genauso. Gute Kunst könnte in einem erweiterten Sinn nützlich sein, indem sie der Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Aber eben nur indirekt. Duchamps Pissoir könnte man als unnütz betrachten, lediglich die veränderte Sichtweise auf Kunst wäre dann nützlich, zumindest im Nachhinein. Wast ist mit abstrakter Malerei? Sicher ist es möglich, das als nützlich zu bezeichnen. Aber was, wenn man übereinkommt, das als unnütz zu betrachten?

    Man sollte eher von guter und schlechter Kunst reden zu zuvor Kriterien aufstellen. Ohne einen linken Kunstbegriff ist Kunst meines Erachtens eh keine. Und heute ist Kunst kein Aufreger mehr, jeder Konzernchef schmückt sich bei Bedarf mit zeitengenössischen Sachen. Vielleicht stecken wir in einer großen Sackgasse und Kunst müsste eigentlich im öffentlichen Raum stören, hindern.

    Was Brecht zur Nützlichkeit von Kunst gesagt hat, weiß ich nicht. Was ist eigentlich mit Free Jazz? Nützlich? Dazu möchte ich keinen Volksentscheid.

    Die Gesellschaft ist sicher in vielem gut, aber, wie schon irgendwo hier erwähnt, es geht den Bach runter und wir leben vom Fundament. Ich halte es da lieber mit linker Kritik, und dann sieht es eben überhaupt nicht gut aus. Selbst Selbstverständlichkeiten wie Antirassismus und Antihomophobie sind alles andere als selbstverständlich. Aber letztlich ist es doch so: Jeder, der sich politisch artikuliert, hält das Gemeinwesen für wichtig, sonst täte er es nicht.

    Es ist bei mir wohl die Art des Mediums: Ein kleiner Blog, ich spüre keinerlei Verantwortung. Ich argumentiere im real life übrigens öfter anders als hier, weniger radikal.

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  62. Leo Brux schreibt:

    Wenn du denkst: Das ist ein Kunstwerk, und es erreicht mir. Es bewegt mich. Ich kann was damit anfangen. – meinen wir damit nicht „Nützlichkeit“?

    Falls ja, wär die Frage: Was ist das, was mich als Kunstwerk erreicht und mir – in einem sehr weiten Sinne verstanden – nützt?

    Konkreter gefragt, weil du einen starken Sinn für Architektur hast – sowohl, was die Form als auch die Funktion als auch die soziale Einbettung anbelangt: Könntest du sagen: Gebäude oder eine Gruppe von Gebäuden sind „gut“ bzw. „gelungen“, weil sie – in einem sehr weiten Sinne verstanden – nützlich sind?

    Natürlich denke ich das Wort „Nutzen“ nicht egoförmig und nicht kapitalistisch und nicht platt-materialistisch. Ich tendiere zu sagen: Mozarts Musik nützt mir – und sage damit nur mit anderen Worten: Mozart gefällt mir. Aber warum gefällt mir Mozart? Was bewirkt Mozarts Musik in mir? Das kann ich meditierend verfolgen – und daraufhin stelle ich fest: Da hat der empfangende Organismus (= ich) einen Nutzen: Ich komme der Wirklichkeit näher; ich bin mehr bei mir selbst; die Kälte der Wahrheit haucht mich an … das Erleben „sub specie aeternitatis“ (Spinoza) wird wach … (Es ist schwer in gemeinverständliche Worte zu fassen.)

    Ich bin mir nicht sicher, ob diese Rede von der Nützlichkeit wirklich angemessen ist, wenn wir Musikgenuss analysieren. Bei Architektur könnte der Begriff der Nützlichkeit näher liegen.

    Abstrakte Malerei oder schrill-moderne Musik oder grotesk geformte Gegenstände oder etwa Duchamps-Provokationen machen mich nicht an. Sagen mir nichts. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass andere darüber zu einer innigeren oder klareren oder ehrlicheren Beziehung zur Wirklichkeit kommen. Worin ich mich täuschen könnte …

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