Knappe und präzise Anmerkungen zu Work in progress und Kontextualismus

Der Dom, wie man sagt, aber genauer: die Basilika San Petronio in Bologna:

Begonnen um 1400, sollte die Kirche größer als der Petersdom werden, was der Papst zu unterbinden wusste. Dennoch ist es angeblich die fünftgrößte Kirche der Welt. Für deutsche Verhältnisse eine unglaubliche Liderlichkeit ist die unvollendete Fassade. Um 1600 hat man ihre teure Verkleidung eingestellt, geblieben ist der untere verkleidete Marmorteil und der obere Rohbau, Ziegel.

Für deutsche Verhältnisse unvorstellbar: Seit 1600 fühlte sich offenbar keine Generation bemüßigt, das Unvollendete zu vollenden. Man lebt seit 400 Jahren mit der Repräsentanz eines öffentlichen und auf dem wichtisten Platz der Stadt sichtbaren Versagens und hat nichts dagegen.

Es ist heute so eine Art Freilichtarchitekturmuseum: Man sieht oben den Rohbau, damals Ziegel, und unten die zeitgenössische Verkleidung. Man kann sich über die Statik, die Konstruktion Gedanken machen und sieht unten eine Möglichkeit, ihr eine zweite Haut zu verpassen. Man hat oben so eine Art romanische Basilika und unten Renaissance. Alles ist gut.

Es ist ein weiteres Geheimnis der Schönheit Italiens. Im nervösen Deutschland wäre entweder die ganze Kirche abgerissen worden, getilgt bis auf den letzten Stein und man hätte eine Stadtautobahn hingebaut, oder man hätte sie vollendet. Etwas Unfertiges anzunehmen, stehenzulassen, gar sich damit wohlzufühlen: ausgeschlossen. Siehe Dom zu Kölle.

Auf lange Sicht ist genau das Schönheit, die ja offenbar so wichtig ist: Etwas wächst, entwickelt sich und zeigt die Entwicklung, hinterlässt Spuren, macht Eindruck, ist nicht perfekt, authentisch und selbstbewusst.

Heute kommen Touristen aus aller Welt nach Bologna, um die Basilika zu bewundern. Vermutlich auch viele Deutsche, die in ihrer Heimat den Abriss moderner Gebäude fordern – wichtig: bis auf den letzten Stein, ausmerzen, wie das Deutsche einzigartig gut können – um eine Altstadt oder ähnliches zu bauen.

Auch heute regt man sich gerne über sogenannte Bauruinen auf. Ruinen könnten man stehenlassen und irgendwann später weiterbauen. Der Berliner Palast der Republik wäre eine solche Gelegenheit gewesen. Vom nervösen toitschen Volk ist eine solche Gelegenheit, die Abwarten, Differenz, Zwiespalt und Gelassenheit erforderte, naturgemäß nur als Abrissorgie zu bewältigen.

Work in progress ist verpönt, dabei ist genau das das Interessante.

Kontextualismus bei Sant´Andrea in Mantua:

Der Renaissance-Architekt Alberti baute diese Kirche um 1500. Ich vermute, dass der Kirchturm schon vorher dort stand, konnte diese Vermutung jedoch nicht objektivieren. Der seinerzeitige Stararchitekt Alberti rammte seine Fassade offenbar völlig rücksichtslos in den Turm, spaltete dessen Fenster und stach den Giebel auf Glockenhöhe ins Fleisch. Heute würde das nicht genehmigt, und wenn doch, entzündete sich heftige Empörung ob solcher Barbarei.

Links daneben hat jemand Jahrhunderte später sein Wohn- und Geschäftshaus direkt an den Turm gepappt.

Überhaupt interessant: Vorne rechts (Bild 3) sieht man die eigentliche Flucht des Platzes, dahinter protzte Alberti mit seiner Fassade und von Traufhöhen kann man schon gar nicht sprechen. Eine im positiven Sinn unregulierte Stadt, aus deren Unreguliertheit Begegnungssituationen und Plätze entstanden, die heute entzücken. Hobrecht und Hausmann waren die Umsetzer kapitalistisch-imperialistischer Pläne, so könnte man etwas einseitig vermuten.

In Berlin läuft es genau umgekehrt wie seinerzeit in Mantua: Man überreguliert überall da, wo Regulierung nur im Ansatz nötig wäre: Höhe von Häusern, Fluchten, Ausbau von Dachgeschoßen, Genormtheit in jedem Quadratzentimeter. Aber man lässt immer dort freie Hand, wo das Kapital sich entfalten kann. Es ist eine durch und durch ungeheuerliche Perversion, mit der wir uns im aktuellen Städtebau auseinanderzusetzen haben. Und klar wird das mit dem Blick in die Vergangenheit.

(Fotos: genova 2017)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Italien abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.