Von der deutschen Unmöglichkeit der Aufstockung

Mein Respekt gilt Leuten, die solche Häuser bauen:

Keine ausgebildeten Architekten, keine Statiker,  keine Bürokraten. Man braucht Wohnraum und schafft ihn sich, indem man aufstockt. Viele Flüchtlinge in Deutschland verstehen das deutsche Wohnungsproblem nicht: Jahrelang wird ihnen erzählt, dass Wohnungen knapp seien und jahrelang wird nichts unternommen. „Warum bauen wir nicht einfach?“, wird man gefragt. Antwort: Weil Deutschland ein kleingeistiger, bürokratischer, stadt- und menschenfeindlicher und vor allem komplett verwalteter Ort mit kleingeistigen, bürokratischen, stadt- und menschenfeindlichen und vor allem sich selbst verwalten lassenden Menschen ist.

Spontane Aufstockungen stehen all dem im Weg.

Die Städte würden interessanter werden, voller, lebendiger, unkontrollierter, reflektionsreicher.

Um kleinlicher Kritik vorzubeugen: Natürlich sollte man hier einen Statiker zu Rate ziehen, aber das spontane Machen ist im Bausektor einer Überfülle an Vorschriften gewichen. Kein Bedenkenträger, der nicht mehrere Jahre Gerichte mit seinen Bedenken beschäftigen dürfte. Keine Aufstockung ohne jahrelange Diskussionen über eine weitere Feuerwehrzufahrt. Aufstockungen sind bei Häusern in Deutschland fast überall möglich. Gemacht wird es fast nirgendwo.

Damit verwandt: Die Zahl der fertiggestellten Wohnungen lag in den 1950er Jahren bei rund 500.000 jährlich. Heute bräuchte man ebensoviel, aber die aktuelle Zahl liegt halb so hoch. Das, was dieser Staat vor sechzig Jahren schaffte, ist heute, bei einer massiv gestiegenen Produktivität, angeblich nicht mehr möglich. Man kann natürlich auf unfähige und korrupte Politiker schimpfen, was selten falsch ist. Aber das Problem liegt tiefer.

Vor 100 Jahren wurde wesentlich schneller gebaut als heute. Die totale Bürokratie hat schon lange die Macht übernommen. Im Unterschied zu früher fehlt heute der Bauer mit der Mistgabel in der Hand.

Die Logik des Bauens hierzulande ist eine deutsche Katastrophe. Naturgemäß nur eine mehr.

(Foto: genova 2010)

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7 Antworten zu Von der deutschen Unmöglichkeit der Aufstockung

  1. neumondschein schreibt:

    Vermutlich wuerde der Mann da im Laden ein Leben mit deutscher Bauordnung diesem Slum da vorziehen, wenn man es ihm ermoeglichen wuerde. Sieht ja aus, als ob irgendwo Bauschutt angefallen waere, dieser dann mitgenommen und dann zum Anbauen und Darueberbauen verwendet worden waere.

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  2. genova68 schreibt:

    „Sieht ja aus, als ob irgendwo Bauschutt angefallen waere, dieser dann mitgenommen und dann zum Anbauen und Darueberbauen verwendet worden waere.“

    Und wo ist dein Problem damit?

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  3. neumondschein schreibt:

    Das alles sieht sehr improvisiert aus. Sicher sind die Bewohner arm. Sie mussten bestimmt das alles nach Feierabend erschaffen. Da wuenscht man sich doch ein Job in Deutschland und eine nach deutscher Bauordnung zugelassene Huette. Das Leben in Deutschland ist einfach bequemer, wenn auch weniger individuell.

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  4. genova68 schreibt:

    Ja, sicher sind die Bewohner arm, das ist Kairo, die Stadt wächst seit Jahrzehnten mit enormer Geschwindigkeit, weitestgehend ohne staatliche oder kommunale Bauprogramme. Da gibt es Hilfe zur Selbsthilfe. Von diesem unbürokratischen Improvisationstalent könnte man sich hier eine Scheibe abschneiden.

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  5. Jakobiner schreibt:

    Da schrammst du wohl an der Romantisierung von Armut und Hilfe durch Selbsthilfe (beliebter Slogan der Entwicklungshilfekritiker) ziemlich knapp vorbei. Derartiges“unbürokratisches Improvisationstalent“ konnte ich auch schon in den Slums Indiens und den Shantytowns Südafrikas und anderer afrikanischer Großstädte „bewundern“. Aus der Armut geborene Notösungen, die du dann als Kontrapunkt zum verwalteten Staat ala Frankfurter Schule verklärst. Wohl eher ein Sponti, der Genova und da trifft er sich wieder mit der Entbürokratisierungsschelte Neoliberaler und der FDP.

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  6. genova68 schreibt:

    Solange ich am Bösen vorbeischramme, ist alles gut.

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  7. Jakobiner schreibt:

    Vorbeischrammen beinhaltet aber eben auch jede Menge Berührungspunkte.Entbürokratisierung, Deregulierung und Neoliberalismus liegen eng beinander–das konnte man schon unter rot-grün sehen.Dazu hjaben solche Bauvorschriften viel Sinnvolles–Leute, die das kritisieren sollten sich nicht über die Brände in Bangladeschen Textilfirmen aufgrund mangelnden Brandschutzes und fehlender Notausgänge ereifern–alles wunderschön entbürokratisiert und voller Improvisation.

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