Flanieren in Tiflis

Flanieren ist in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, schwierig. Es gibt zwar Bürgersteige, wie man sagt, aber die werden von Anwohnern gerne zugebaut – oder sie sind löchrig:

Ich würde vermuten, dass in Städten mit einer bürgerlichen Vergangenheit, also einer Zeit, in der das Bürgertum Motor des gesellschaftlichen Fortschritts war, sich bis heute eine Tradition erhalten hat, die ein solches Verstellen des Bürgersteigs unterbindet. Wo man also eine Grundstücksgrenze des Bürgers definiert, innnerhalb derer er seine Eingangssituation definieren muss, nicht außerhalb jener.

Die Definition von Flanieren beinhaltet gewiss, dass zwei Personen sich bequem nebeneinander bewegen können und sie noch genügend Raum für maßvolle Bewegungen der Gliedmaßen haben. So gesehen ist Flanieren in Tiflis in weiten Teilen unmöglich. Aus dem Flanieren wird – auch wegen der Topographie – an vielen Stellen die Benutzung eines Klettersteigs mit permanentem Ausweichen bei entgegenkommenden verhinderten Flaneuren. In einem Entwicklungsland wie Georgien kommt das Phänomen fehlender Kanaldeckel hinzu, ähnlich wie in Bukarest. Man stellt einfach irgendeinen Gegenstand oder ein keines Bäumchen neben das Loch und hofft, dass niemand reinfällt.

Vielsagen sind auch solche Situationen:

Die Grenze zwischen öffentlich und privat ist nicht klar definiert. Der Anwohner legte eine Entwässerungsrinne weg vom Gründstück auf die Straße. Er setzte sie in eine funktionierende kleine Infrastruktur, wobei ein passender Anschluss ans Nachbargrundstück nicht von Interesse war. Ein Bürgersteig wird hier offenbar nicht als solcher betrachtet, sondern als von der Kommune eingerichete Fläche, die beliebig für private Zwecke gebraucht werden kann.

Diese Betrachtungsweise und Funktionierung von Bürgersteigen hat natürlich auch seinen Reiz: Es ignoriert die Trennung von Verkehrsbereichen – hier der Fußgänger, dort der Autofahrer – sondern es existiert nur die Trennung von ruhendem und fließendem Verkehr. So benutzen Autofahrer und Fußgänger gleichermaßen die Straße, was für Mitteleuropäer ungewohnt ist. Aber wieso eigentlich nicht? Autofahrer haben keine freie Fahrt, sondern müssen ständig auf Fußgänger Rücksicht nehmen und plötzlich gibt es jede Menge Parkplätze auf den Bürgersteigen. Ob Lissabon, Kairo oder Tiflis: Bürgersteige sind nicht zum gehen da, sondern zum zustellen und zuparken. Der Bürgersteig ist ein Ab- und Zustellplatz und eine Fläche, die der Erweiterung privater Bauwünsche dient. Die Bewegung aller findet auf der Straße statt.

In vielen westlichen Städten – meines Erachtens vor allem in westdeutschen – haben Aufsteller die Funktion der Treppen und Bäume in Tiflis übernommen. Man stellt Schilder mit Vekaufshinweisen (Coffee to go nur 99 Cent!) bewusst den Flaneuren in den Weg, auf dass sie darüber stolpern und ihren Weg ändern, nämlich rein in den Laden und kaufen. Während man also in Tiflis über die Treppe oder den Kellereingang eines Anwohners stolpert, tut man in westlichen Städten das gleiche in den Dienstleistungssektor hinein.

Andererseits kann man über künstliche Engstellen auch froh sein: Es kommt hier noch zu realen Kontakten, man muss sich spontan mit unbekannten Menschen auseinandersetzen, man muss sich schnell entscheiden und einigen.

(Fotos: genova 2017)

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Alltagskultur, Architektur, Aufmerksamkeitsökonomie, Städte abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Antworten zu Flanieren in Tiflis

  1. neumondschein schreibt:

    Buergerliche Vergangenheit in Tiflis? Wann soll denn das gewesen sein? Erst 1500 Jahre lang Sitz der georgischen Koenige. Dann Verwaltungszentrum des russischen Gouvernement Georgiens, ein pittoreskes Kaff mit ungefehr 10000 Einwohnern, das hauptsaechlich von Armeniern bewohnt wurde, und dem alle nur denkbaren ethnischen und religieusen Gruppen ihr
    unverwechselbares Erscheinungsbild verliehen. Nach einer kurzen Zeit der Unabhaengigkeit, dann gewaltsam in die Sowjetunion eingegliedert. Jetzt wurde Tiflis Hauptstadt der Grusinischen Sowjetrepublik und Millionenstadt. Erst danach koennte man vielleicht von einer buergerlichen Gesellschaft sprechen, im marxistischen Sinne. Aber bestimmt nicht im kulturellem Sinne.

    Gefällt mir

  2. genova68 schreibt:

    Zuerst lesen, dann schreiben, neumondschein:

    „Ich würde vermuten, dass in Städten mit einer bürgerlichen Vergangenheit, also einer Zeit, in der das Bürgertum Motor des gesellschaftlichen Fortschritts war, sich bis heute eine Tradition erhalten hat, die ein solches Verstellen des Bürgersteigs unterbindet.“

    Ergo: Tiflis ist keine Stadt mit einer bürgerlichen Vergangenheit.

    Gefällt mir

  3. dame.von.welt schreibt:

    Ob nicht bereits das Flanieren die Grenze zwischen öffentlich und privat verwischt?
    In westlichen Städten kam das Flanieren nicht erst mit den Werbeaufsteller aus der Mode. Wer macht denn noch den früher üblichen Abendspaziergang? Flanieren ist weit eher eine Kultur der Mittelmeeranrainer – bei denen wir uns sehr bedanken sollten. Erst, als die „Gastarbeiter“ kamen und es die ersten italienischen Eisdielen und Restaurants im wirtschaftswunderlichen Deutschland gab, sitzt man wieder auf der Straße. Vorher herrschte hier die Ödnis eingezäunter ‚Draußen nur Kännchen‘, während sich der Bundesbürger längst nicht mehr an den Brunnen vor dem Tore unter den Lindenbaum verfügte, sondern ins Private von Wohnung, Balkon, Garten zurückzog. Ist diese Massenvereinzelung jetzt ein Zeichen bürgerlicher Vergangenheit und gesellschaftlichen Fortschritts?

    Zeugt die Nutzung des öffentlichen Raums für ausdrücklich private Zwecke wie das Sitzen im Park nicht von wesentlich mehr Bürgerstolz? Was ist mit dem für überflüssig gehaltenen Obst- und Gemüsehändler, der öffentliche Aufgaben übernimmt, indem er das Trottoir vor seinem Laden jeden Tag mindestens einmal fegt, im Winter von Eis und Schnee freihält und im Sommer gegen Staub und für Kühle wässert? Wem gehört er denn, der öffentliche Raum?

    In Tiflis sind Straßen und Trottoirs extrem löchrig und niemand, der nicht unbedingt muß, geht zu Fuß – wer kein eigenes Auto hat, fährt Schwarztaxi oder Marschrutka. Georgien aber deswegen gleich zum Entwicklungsland zu erklären, finde ich ein bißchen schräg.
    Hat’s Ihnen denn gefallen?

    Gefällt 1 Person

  4. genova68 schreibt:

    Danke für die Anmerkungen. Sitzen im Park, Obsthändler, ja, das ist wohl alles so.

    Ist diese Massenvereinzelung jetzt ein Zeichen bürgerlicher Vergangenheit und gesellschaftlichen Fortschritts?

    Massenvereinzelung kann viele Gründe haben, Weiterentwicklung des bürgerlichen Gedankens sicher auch, natürlich kein Fortschritt. Mein Aufhänger war nur, dass ich in Tiflis den Eindruck hatte, dass Gehen im öffentlichen Raum in Berlin wesentlich müheloser möglich ist. Es nervt auf Dauer, wenn man ständig Warten muss, weil einem eine Treppe o.ä. den Weg versperrt. Und in Tiflis gibt es wesentlich mehr Fußgänger, als das auf den Bildern den Anschein hat. Ich warte immer, wenn möglich, bis niemand mehr im Bild ist, weil es mir unangenehm ist, die Leute dann hier zu veröffentlichen.

    Entwicklungsland: Ich finde den Begriff nicht negativ, aber wenn auf Ihrer Liste selbst die Türkei eines ist, dann Georgien erst recht. Die Altstadt ist in weiten Teilen zusammengebrochen, zwei, drei Straßen sind für Touristen aufpoliert. Reiche, vor allem vermutlich Kriminelle, stellen ihren Reichtum unverhohlen zur Schau, die Zollbeamten am Flughafen machen einen herrischen Eindruck und halten einen bei einem Pass mit einer kaputten Ecke lange fest, ohne weiteren Grund oder Erklärung, die Bürokratie scheint massiv und korrupt, Taxifahrer brettern nachts mit 120 km/h durch die Stadt, keinen interessiert es, und ich wurde von drei privaten Sicherheitsleuten am hellichten Tag auf einer belebten Straße gewzungen, eine Menge Fotos auf meinem Smartphone zu löschen, weil ich offenbar ein Haus fotografiert habe, das ich ihrer Meinung nach nicht hätte fotografieren dürfen, so eine Art Hotel. Hinweise auf Recht oder Polizei fruchteten nicht. Dafür fotografierten sie demonstrativ meinen Personalausweis.

    Eine Deutschlehrerin des Tiflisser Goetheinstitutes erzählte uns, dass Lehrer 100 Euro im Monat verdienen und kaum jemand mehr als 200 Euro. Dabei sitzen wir in einem Café und essen ein Stück Kuchen für umgerechnet 2,50 Euro und haben vorher bei einem Bäcker für fünf Euro gefrühstückt. Haufenweise arme Leute am Straßenrand, viele Alte, die Plunder anbieten. Dafür viele teure SUV, die durch die Stadt brettern, ihren Reichtum demonstrativ zur Schau stellen, so ähnlich wie ich das in Bukarest erlebt habe.

    Die Lehrerin erzählte auch, dass ihre Schüler alle aus reichen Familien kommen, 100 Euro pro Monat Schulgeld bezahlen und alle deutsch lernen, weil sie später das Land verlassen wollen. Es gibt einen massiven intellektuellen Braindrain. Ich habe das Gefühl man setzt nur auf Tourismus.

    Tiflis wird im Moment im Westen gehypt, weil es dort eine kreative, eine Clubszene gibt, die auch von Westlern bevölkert wird. Es kommen DJs etc., aber das ist eine dünne Schicht. Es gibt sehr geile Clubs in Katakomben, alten Häusern, unter einem Fußballstadion (https://bassiani.com/), das ist schon alles sehr cool und man wird auch mit 49 Jahren im Club nicht schräg angeguckt. Aber das ist nachts. Tagsüber sieht Tiflis anders aus.

    Entwicklungsland also in Sinne eines meines Erachtens nur rudimentär funktionierenden Staatswesens und großer Armut.

    Bemerkenswert war auch, dass wir keinen einzigen Taxifahrer trafen, der sich in der Stadt ausgekannt hätte, aber offensichtlich keine Navigationssysteme existieren. Jede zweite Taxisfahrt is eine lustige Stadtrundfahrt, bei der der Fahrer ständig mit Freunden telefoniert, die ihm den Weg erklären sollen.

    Gefallen hat es mir natürlich, so wie es mir in jeder Stadt gefällt, die ich für fünf Tage besuche. Es ist an jeder Ecke interessant. Aber ich muss nicht nochmal hin.

    Gefällt 1 Person

  5. neumondschein schreibt:

    …und deswegen gibt es wohl keine Kritik zeitgenoessischer grusinischer Architektur bei exportabel.

    Gefällt mir

  6. genova68 schreibt:

    Du bist mir ein skurriler Typ, neumondschein. Bitte erkenne einfach an, dass du dich hier auf einem der besten deutschsprachigen Blogs bewegst und huldige ihm. Auf huldigen folgt übrigens Dativ, nicht Akkusativ.

    Gefällt mir

  7. dame.von.welt schreibt:

    Weil’s mir gerade in die Hände fällt: Alem Grabovac über eine Reise nach Tiflis und Batumi.

    Gefällt mir

  8. genova68 schreibt:

    Danke. Wobei solche Formulierungen:
    Mit halbstündiger Verspätung erreichen wir Tiflis. Ich fahre, nachdem wir die hässlichen sozialistischen Betonorgien der Vorstädte passiert haben, wieder in dasselbe Hostel.

    mir das Blut in den Adern gefrieren lassen. Es gibt keine sozialistischen Betonorgien. Man könnte von Realsozialismus sprechen und man könnte auch feststellen, dass man dort besser wohnt als anderswo. Man könnte halbwegs differenziert an die Sache rangehen, gerade von der taz sollte man das erwarten. Es ist aber wie immer: Bei Architektur ist man im Allgmeinen stolz auf die eigene Ignoranz, die man sich bei anderen Themen nicht mehr leisten könnte.

    Aber insgesamt ein angenehmer, wissensreicher Artikel.

    Gefällt mir

  9. neumondschein schreibt:

    Differenzieren? Ausgerechnet bei der taz? Wenn es um Kommunismus geht?

    Aber es stimmt schon. Eine Reise in den Kaukasus lohnt sich nicht. Fuer so wildromantisch, wie man hierzulande dieses Land haelt, ist es nur in der europaeischen Phantasie. Und was die Verkehrssituation betrifft: Omnibus fahren oder Mietwagen fahren ist gefaehrlich. Man benoetigt Allradantrieb und Geistesgegenwart, wie hier:

    Wenn man nach einem solchen Malheur zu Fuss weiterlaufen muss, dann aufpassen, dass man keinen Gelaendewagen auf den Kopf kriegt. Also: Immer schoen nach oben schauen, und nicht nach unten, wenn Du nicht schwindelfrei bist!

    Gefällt mir

  10. genova68 schreibt:

    Danke für das Video: Es zeigt die Fahrt vom Flughafen Tiflis in die Innenstadt. Wir sind auf unserer Reise auch in den Fluss gerutscht, aber damit muss man halt rechnen im gefährlichen Kaukasus.

    Gefällt 1 Person

  11. neumondschein schreibt:

    Schoenere Dinge kann man zwar erleben, muss aber zu Hochzeiten eingeladen werden: Oder man bleibt zu Hause und schaut sich das auf youtube an:

    Gefällt mir

  12. genova68 schreibt:

    Ein interessanter Tanz: Zwei Männer bewerben sich um eine Frau, mit einer komischen Fußtechnik, verhindertes Füßeln mit einer sehr weiblichen Komponente. Überhaupt sehen die kleinen Schritte der Männer komisch aus.

    Scheint ein interessantes Land zu sein, dieses Kaukasus.

    Gefällt mir

  13. neumondschein schreibt:

    Ach noe! Geht auch ohne Einladung:

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.