Ein Sneaker und die Leidenschaft der Menschen in Berlin

Die BVG, Betreiberin der öffentlichen Verkehrsmittel in Berlin, hat jetzt einen Sneaker (neumodischer Turnschuh) herausgebracht, der gleichzeitig als Jahresticket dient. Man zeigt bei einer Kontrolle einfach den Schuh her. Damit die Aufmerksamkeit gesteigert wird, ist die Auflage auf 500 Schuhpaare begrenzt.

Der Effekt ist der gewünschte: Vor den zwei Berliner Adidas-Läden bildeten sich schon drei Tage vor Verkaufsbeginn Schlangen. Junge Menschen campieren bei Minusgraden, um einen Schuh abzubekommen.

Bezeichnend ist die Berichterstattung in einem Artikel der Berliner Morgenpost über das Phänomen:

Nicht so sehr das BVG-Ticket reizt allerdings die Ersten, die warm eingepackt auf Campingstühlen gegenüber dem Geschäft am Schlesischen Tor ausharren. Der Schuh hat Sammlerwert, er ist etwas Besonderes. Schon weil die Stückzahl limitiert ist. Die Fans gehören zur Sneaker-Community, und die fliegt auch mal nach Barcelona, um ein Angebot zu ergattern, berichten die Wartenden.

Dann erzählt die Morgenpost von Luka:

Der 30 Jahre alte Weddinger hat sich extra Urlaub genommen. Er ist von Beruf Softwareentwickler. Ihm geht es nicht um das BVG-Jahresticket, er hat eine Jahreskarte.

„Darum geht es den wenigsten, das ist mehr ein Nebeneffekt“, sagt er. Ihm geht es nur um die Schuhe. Sneaker sind seine große Leidenschaft. Er hat 40 Paar. „Und jeder Schuh ist etwas Besonderes“, sagt er. Nicht etwa, dass er sie nicht trägt, das Gegenteil ist der Fall. „Rock them, don’t stock them“, was etwa so viel heißt wie „trag sie, lager sie nicht“ ist sein Motto, das werde in der Sneaker-Community meistens so gehalten.

Faszinierend. Man steht und liegt also, im Schlafsack eingemümmelt, tagelang an, um einen Turnschuh – zu dessen Design ich mich nicht zu äußern traue – zu ergattern. Objektfetisch im Kapitalismus.

In den paar Zeilen steckt alles Relevante drin. Es geht um Leidenschaft, im entwickelten hiesigen System ganz wichtig: Man muss in neoliberalen Zeiten alles spannend finden und eine ordentliche Leidenschaft gehört dazu. In Wahrheit ist einem alles egal, also interessiert man sich halt leidenschaftlich für einen Turnschuh. Natürlich muss jeder Schuh etwas Besonderes sein, etwas Individuelles. Schön auch, dass es eine Sneaker-Community gibt, wohl ein Ersatz für religiöse Gemeinschaften früher. Die Religiösen pilgerten, die Sneaker-Community nimmt easyjet und ergattert.

Man könnte ja der Sinnentleerung der modernen Welt, weil es keinen Gott mehr gibt, andersweitig begegnen: Sexgemeinschaften oder Diskussionsgemeinschaften oder Angelgemeinschaften oder Prügelgemeinschaften oder Verantwortungsgemeinschaften. Stattdessen: Sneaker-Communities.

Toll auch der Kommentar der Adidas-Unternehmensführung zum BVG-Sneaker:

„Wir sind dankbar für die Markentreue und die Leidenschaft der Menschen in Berlin. Die Begeisterung rund um den Sneaker und dessen Entstehungsgeschichte zeigt, welchen hohen Stellenwert wir in der Hauptstadt haben“

Auch hier ist Leidenschaft wichtig. In einer Zeit, die Leidenschaft um jeden Preis vermeiden will, weil sie allzuschnell zur Forderung systemischer Veränderungen führen könnte, zieht man Ersatzprodukte zu Rate. Leidenschaft für einen Schuh ist gut, und leidenschaftliche Markentreue noch besser. Es ist skurril, wie aus einer Sportmarke ein Lebensgefühl wurde.

fade out

(Fotos: adidas und genova 2017)

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7 Antworten zu Ein Sneaker und die Leidenschaft der Menschen in Berlin

  1. Annika schreibt:

    Ich las erst gestern darüber. Und dachte mir, welchen Mehrwert es für die BVG hat, an dieser Aktion teilzunehmen. Denn im Gegensatz zu Adidas, für deren Produkte man sich entscheiden kann oder auch nicht, bleibt einem bei den öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin nur die BVG. Außer, dass ich wirklich sauer werde, dass so ein paar „ sneaker community“- Hirntote aus Barcelona anreisen, um ein um 2/3 verbilligtes Jahres Ticket unbenutzt wieder mit nach Spanien zu nehmen, wo ist doch viel schöner gewesen wäre, wenn die BVG so eine Aktion für nicht ganz so finanzstarke Berliner gemacht hätte und zwar ohne diesen unfassbar hässlichen Schuh.

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  2. Jakobiner schreibt:

    Objektfetisichismus, der wirklich religiöse Reliquienzüge annimmt.Erinnert mich an die Schlangen für das neue I-Phone vor den Appleläden oder den handgreiflich ausgetragenen Rabattschlachten in Mediamärkten wenn der neue Computer herauskommt.Bei letzterem könnte man ja noch sagen: Geiz ist geil! Jedenfalls hatte Marx bei seinem Kapital diese Art Fetischismus noch gar nicht analysiert und angedacht–sein Fetischismus bezog sich eher auf das falsche Bewußtsein gegenüber dem Geld und seiner Funktion–hat also die quasireligisöen Warenfetischbedürfnisse entfremdeter und atomisierter Bewußtseinsnomaden noch gar nicht erfasst, da er ja noch in einer Zeit das Kapital schrieb, als noch eine regelrechte materilee Not nach Konsumwaren herrschte.Wohl kein Wunder, dass die RAF ihre Karriere mit einem Kaufhausbrand begann–man wollte scheinbar die Konsumtempel angreifen, um die Konsumtrottel aufzuklären.Hat auch nichts genutzt.

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  3. genova68 schreibt:

    Apple zahlt jetzt 38 Milliarden Dollar Steuern nach. Unglaubliche Summen. Danke für den Fetisch-Hinweis in Bezug auf Marx. So ist es.

    Annika, der Mehrwert ist wohl einfach die PR. Man verbindet sich mit Adidas, die sind cool, und die BVG wil cool sein, nicht ohne Grund, denn U-Bahnfahren könnte auch als spießig gelten. Bei jungen Leuten ist die BVG aber einigermaßen angesagt, glaube ich. Und es gab es so viel Berichterstattung darüber, da müssten die viel Werbung schalten, um so ins Gespräch zu kommen.

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  4. Jakobiner schreibt:

    Die SZ hat darüber auch einen kurzen Artikel geschrieben. Bei der Beantwortung der Frage, „warum Hunderte Leute tagelang in der Kälte vor zwei Läden anstanden“, fällt der Autorin aber auch keine schlüssige Antwort ein–es bleibt ein Rätsel:

    „Die Berliner Verkehrgesellschaft (BVG) ist bekannt für ihr Marketing. Das Video etwa, in dem ein Fahrkartenkontrolleur auf Leute trifft, die Zwiebeln schneiden, in Lack und Leder gekleidet aufeinandersitzen oder an einer Haltestange Go-go tanzen. Und alles, was ihm einfällt, ist: „Is mir egal.“

    Was die einen als gelungenes Abbild des Berliner Lebensgefühls feiern, nervt die anderen. Vor allem diejenigen, die sich täglich in eine verspätete U-Bahn quetschen müssen, in der Bierflaschen herumkollern, sich die Leute anschreien oder Spontanpartys feiern, und der U-Bahn-Fahrer brüllt an jeder Station: „Mit dem Fahrrad nicht in den ersten Wagen!“

    Die Sneakers für 180 Euro, die das BVG-Marketing am Dienstag herausbrachte, liegen irgendwo dazwischen. Die Dinger lassen sich durch eine in die Lasche eingenähte Jahreskarte als Fahrschein verwenden, sind aber ähnlich gewöhnungsbedürftig wie eine Fahrt in der Berliner U-Bahn.

    Bleibt die Frage, warum Hunderte Leute tagelang in der Kälte vor zwei Läden anstanden, um ein Paar zu ergattern. Andererseits: Solange man zu Fuß in Turnschuhen unterwegs ist, muss man wenigstens nicht BVG fahren.“

    http://www.sueddeutsche.de/panorama/stilkritik-u-bahn-sneakers-1.3827924

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  5. Jakobiner schreibt:

    Man verkauft also nicht einfach eine Ware, sondern auch ein Lebensgefühl, zumal auch umrahmt von einem Event, bei dem sich der Käufer als Zeuge eines historischen und medialen Ereignisses wähnt und unbedingt „dabei“gewesen will. Ein Seifenhersteller meinte ja auch, er verkaufe seinen Kunden nicht Seife und Sauberkeit, sondern Schönheit und Jugendlichkeit, also auch Lebensgefühle- und ideale.Mit Marx kommt man da nicht weiter, nicht einmal mit der Entfremdung des Arbeiters von seiner Arbeit. Zur Erklärung braucht es da schon eher ein Studium der Werbe- und Marketingpsychologie kombiniert mit Kommunikationswissenschaften. Vielleicht auch noch etwas Frankfurter Schule, die da ergiebiger ist, vielleicht Marcuses „Eindimensionaler Mensch“.

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  6. Jakobiner schreibt:

    Letztens hatte ich ein Gespräch mit einer Freundion über Euthanasie und ob dies heute noch möglich wäre. Sie meinte da etwas polemisch: „Starte eine Kampagne und rufe den Jungen zu: „Die Alten wollen euch eure Handys wegnehmen“und du hast die richtige Pogromstimmung dazu.“ Ob sie wohl recht hat. Und wenn man statt Handys den Leuten ihre Sneaker wegnehmen will?

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