„Deutsche Wiedervereinigung nur in einem Massengrab“

Der Historiker und Journalist Sebastian Haffner 1987 in „Von Bismarck zu Hitler“ (S. 324) über die Möglichkeit einer deutschen Wiedervereinigung, wie man sagt:

Wie würde denn eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, wie sie sich nun in 40 Jahren entwickelt haben und wie sie heute sind, überhaupt aussehen können? Merkwürdigerweise versagt da das Vorstellungsvermögen. Eine Wiedervereinigung der Art, dass einer der beiden deutschen Staaten verschwände und in dem anderen aufginge, kann man sich gerade noch ausmalen. Freilich würde das einen Krieg voraussetzen, und eine Wiedervereinigung dieser Art könte wohl unter heutigen Bedingungen nur noch im Massengrab stattfinden. Aber eine Wiedervereinigung, in der die beiden deutschen Staaten, so wie sie nun einmal sind und geworden sind, zu einem funktionierenden Staat verschmolzen würden, ist nicht vorstellbar, nicht einmal theoretisch.“

Man hat aus der Danach-Perspektive natürlich immer gut Lachen, allerdings ist es bezeichnend, wenn jemand zwei Jahre vor dem Ereignis selbiges als nicht einmal theoretisch vorstellbar bezeichnet. Noch dazu ein kluger Kopf wie Haffner.

Interessant ist das Zitat einerseits, weil man sieht, wie bedenkenlos ein Mensch aus seiner naturgemäß begrenzten Sicht auf die Welt, die sich einzig aus Erfahrungen der Vergangenheit speist, eine begrenzte Sicht in die Zukunft vornimmt, die dieser Mensch vermutlich als state of the art und wohlsituiert und begründet betrachtet.

Interessant auch deshalb, weil meines Erachtens weite Teile der Politik und der Öffentlichkeit sich heute aus Prognosen speisen: Ob Rente, Demografie, Klimachange, Umwelt: Es geht permanent um Vorhersagen, die sich auf zehn, fünfzig oder hundert Jahre beziehen. Das meiste ist vermutlich das Papier nicht wert. Da sich aber kaum jemand die Mühe macht, alte Positionen im Nachhinein auf ihre Validität abzuklopfen, bleiben die Prognostiker unbehelligt. Typisch für diese Leute auch das Katastrophische, das gerade dem Durchschnittsdeutschen gut gefällt, weil er dann so schön fies Angst haben darf, was naturgemäß des Durchschnittsdeutschen zwanghafte Lieblingsbeschäftigung ist.

Je schneller die Entwicklung, je komplizierter die Prognose, je fahrlässiger die Aussage, desto häufiger wird mit Vorhersagen gearbeitet. Es sind vor allem und naturgemäß Männer, die in ihrer typischen Selbstüberschätzung dieses Metier betreiben.

Die zitierte Passage Haffners war übrigens kein Ausrutscher. Ein paar Jahre zuvor sagte er zum gleichen Thema:

„Ich halte eine Wiedervereinigung durchaus noch für möglich, sie ist allerdings denkbar nur noch eben als Wiedervereinigung der beiden existierenden, konsolidierten deutschen Staaten, nicht als Abschaffung eines oder beider von ihnen. Die Grundvoraussetzung scheint mir die Beseitigung eines psychologischen Blocks in der Bundesrepublik zu sein, das heißt, man muss endlich zur Kenntnis nehmen, dass die DDR existiert, dass sie ein Staat ist, nicht eine sowjetische Besatzungszone, und dass dieser Staat ein notwendiger Verhandlungspartner beim Wiedervereinigungsprozess ist.“

Es war exakt umgekehrt. Die DDR war kein notwendiger Verhandlungsparter beim Wiedervereinigungsprozess, es waren die Demonstranten und Ereignisse in der Tschechoslowakei und in Ungarn, die Realitäten schufen. Man nahm den Laden einfach nicht mehr ernst. Dass das westdeutsche Kapital dann zuschlug, ist eine andere Geschichte.

(Foto: genova 2017)

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3 Antworten zu „Deutsche Wiedervereinigung nur in einem Massengrab“

  1. Jakobiner schreibt:

    Mit den Vorhersagen ist dies immer so eine Sache. Es ist keineswegs immer nur alles Katastrophenszenario, sondern oft auch futuristischer Utopismus.und Heilsversprechen Z.B. das Buch „Die dritte Welle“von Alvin Toffler, der geradezu einen technologischen Garden Eden in den 80ern beschrieb, bei dem die Menschheitsprobleme mit Heimarbeit am Computer (keine Pendler und Berufsverkrehr mehr), Aquafarming, Unterwasserkolonien,etc. gelöst würden.Das meiste davon trat ja bekanntlich nicht ein–vielleicht aber auch erst später. Viele technischen Gimmicks bei Startrek sind inzwischen auch Waren der Gebrauchselektronik geworden wie das Handy oder der Plasmascreen. Jule Verne war da auch sehr weitsichtig mit seiner Mondresie und Flugzeugen. Aber meistens leigen die Futurologen mit ihren Vorraussagen falsch, da sie nur Trends prolongieren und in die Zukunft verlängern, disruptive Technologien und Entwicklungen nicht voraussehen und eigentlich sehr konservativ statt wie immer behauptet kreativ denken.Den arabischen Frühling hat auch kaum jemand so kommen sehen, den darauf folgenden islamistischen Winter jedoch auch nicht.

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  2. Beat Company schreibt:

    Irgendwo wurde dieses Katastrophenszenario bereits 89 mit feindlicher Übernahme tituliert.

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