Es folgt eine umfassende und ausgewogene Medienkritik des Jahres 2017

Die Bild kurz vor Jahresende:

Eine Meldung, die in sogenannten seriösen Zeitungen keinen Platz hat, aber zu gut ist, um nicht gebracht zu werden. Und vermutlich ist es sinnvoller, seine schwüle Phantasie mit dem Porno-Elektriker zu beschäftigen als in sogenannten seriösen Zeitungen sich Herrschafts- und also Ausbeutungsstrategien, vermittelt von sogenannten seriösen Journalisten, abzuholen.

Die Welt aus demselben Verlag machte am selben Tag mit diesem Aufmacher auf:

Zwei Mandatsträger, die Verantwortung suggerieren, unterstützt vom Fotografen, der den Eindruck von Vertrautheit und Exklusivität erweckt. Die beiden sind alleine, nur der Fotograf darf zuschauen. Die Einrichtung im Schloss Bellevue erinnert an die 1960er Jahre, vermutlich gewollt nüchtern und auf jedenfall geradezu stillos, bemerkenswert. Sehr protestantisch, passend zu den Glaubensbekenntnissen der Abgebildeten.

Steinmeier ist übrigens der, der – damals noch als Kanzleramtschef von Schröder – maßgeblich zur Demontage der SPD beitrug. Jemand,

der sich unter dem rotgefärbten Mantel der Sozialdemokratie um wenig so verdient gemacht hat, wie um das Zementieren von Armut. Steinmeier gilt als Zögling Schröders und als Schlüsselfigur und Architekt der Agenda 2010, die die Prekarisierung weiter Teile des Arbeitsmarktes zur Folge hatte, half, die Tafeln ins Leben zu rufen, nachdem er erst geholfen hatte, sie nötig zu machen, und so ein Bürgerrecht in eine Privatleistung umzuwandeln.  Auch zeichnet er sich mitverantwortlich für „Hartz IV“, die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, was dazu führte dass Menschen, die jahrelang in Arbeit standen, schon nach kürzester Zeit auf Sozialhilfeniveau abfielen, in ein System aus Drangsalierung gerieten, nicht selten ab einem bestimmten Alter frühverrentet wurden und damit Altersarmut zu erwarten hatten.  Inhaltlich alles, nur kein Sozialdemokrat und möglicherweise gerade deshalb CDU wie auch der SPD lieb und teuer.

So beschreibt das treffend die Bloggerin Susannah Winter. Man muss heute einen kleinen Blog oder eine linksradikale Publikation bemühen, um die Gestalt Steinmeier einigermaßen ausgewogen beschrieben zu bekommen. In der Welt, aber auch in allen anderen Maintream-Blättern, ist Steinmeier ein verdienter, netter, sozialer, ausgewogener Politiker und Glücksfall für die Republik. Geschichte wird gemacht.

Insofern ist es besser, sich mit dem Porno-Elektriker zu beschäftigen:

Der 35-jährige Bastler wollte seine Lust offenbar mit einem selbstgebauten Würgeroboter steigern, entkam diesem aber nicht mehr. Die Folge: Tod durch Ersticken.

Das ist tragisch, wobei ich mich frage, was das Würgen mit Sex zu tun hat. Und wie ein Würgeroboter aussieht. Gewürgtwerden als Todeserfahrung, die stimuliert. Vielleicht hatte der Mann in seinen letzten Sekunden einen Höhepunkt, wer weiß. Dass er seinem Roboter „nicht mehr entkam“, spricht für diesen. Vielleicht KI – dann müsste man die Frage diskutieren, ob er in U-Haft muss. Der Mann jedenfalls wollte gewürgt werden, aber nicht so doll. Vielleicht aber doch. Ein in der Tat bizarrer Sex-Unfall.

Jedenfalls scheint mir der Elektriker wesentlich interessanter gewesen zu sein als die beiden Protagonisten des Welt-Artikels zusammen. Gäbe es mehr Porno-Elektriker und weniger Steinmerkels: Die Welt wäre eine bessere. Wobei: Wer weiß, was Steinmeier und Merkel getrieben haben, nachdem der Fotograf gegangen war. Man kann nichts ausschließen.

Die Nachricht über ihn erinnert mich ans Sangria-aus-Eimern-Trinken auf Mallorca: In Zeiten allumfassender neoliberaler Gehirnwäsche sind solche Tätigkeiten an mallorquinischen Stränden und in Pornraumschiffen (abgesehen vom Erwürgen) vermutlich die einzigen würdevollen Selbsbehauptungsaktionen.

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8 Antworten zu Es folgt eine umfassende und ausgewogene Medienkritik des Jahres 2017

  1. Jakobiner schreibt:

    Naja, der Pornoelektriker könnte es doch in eine seriöse Zeitung schaffen und zwar über das Feuliton. Dort wird ja jeder Scheiß zum „popkulturellen Phänomen“gehypt und stilisiert, dessen tiefere Bedeutung für die Gesellschaft man analysieren müsse.

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  2. genova68 schreibt:

    Den Feuilletonbericht über den Elektriker würde ich sofort lesen. Das ist kein Scheiß.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Finde ich schon. Der letzte belanglose Mist wird zum popkulturellen Phänomen verklärt und hat dann, wenn es exotisch genug ist irgendwann „Kult“-Charakter.

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  4. Jakobiner schreibt:

    Naja, man kann deinen Pornoelktrikerartikel ja auch als Feulitonbeitrag sehen, wobei der ganz amüsant ist, aber seine eigentliche Bedeutung und Aussagekraft erst durch die Gegenüberstellung zu den Steinmerkels und den seriösen Zeitungen erlangt, nicht aber durch den Pornoelektriker per se.

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  5. genova68 schreibt:

    Jemanden, der sich im Hobbykeller ein Pornoraumschiff baut, dort einen Würgeroboter konstruiert und das Ding benutzt: Den finde ich hochinteressant.

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  6. Jakobiner schreibt:

    Vielleicht malst du dir das Ganze auch in der Phantasie viel kreativer aus als es war: Vielleicht war das Pornotraumschiif auch nur ein kleines Modellschiif mit einem Playboy-Sascha-Hehn als Kapitän oder ein billiger Nachbau von einem Star Trek-Legobausatz. Zudem kann der Würgeroboter auch ein einfaches Fischer-Modell gewesen sein oder ein Schraubstock oder eine dieser Dampfholzwerke.. Aber ich will dich nicht deiner Phanatsien berauben. Vielleicht träumst du ja von so was.Jedenfalls ist den Notauifnahmestationen von Krankenhäusern nichts unbekannt an sexuellen Perversionen, seien es verstopfte Penise im Staunbsauger oder vaginale Verstopfungen mit Gartenzwergen.Alles natürlich hochinteressant….

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  7. Jakobiner schreibt:

    Und wie gesagt. Der Artikel entfaltet seine Wirkung nicht durch das Hinweisen auf die Hochinteressiertheit der sexuellen Perversion, sondern in seiner Kontrastisierung zu den seriösen Medien und den Steinmerkels. Da wird es hochinteressant und eigentlich pervers!

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  8. Anarchrist schreibt:

    Liesse sich das nicht toll verbinden: Steinmeier, Merkel und das Traumschiff ‚Surprise‘ mit persoenlichem Wuergeautomat? Koennte man iHeissmangel nennen, oder so.

    Lt. Aussagen, die ich aus der SM-Szene habe, soll der Orgasmus bei Atemnot intensiver sein. Ich vermute, dass eine Art Selbstreinigungseffekt wie bei der Selbstgeisselung Geistlicher auch eine Rolle spielt. Manche schnitzen sich aus ner Ingwerknolle nen Buttplug, weil das so schoen brennt. Au weia. Wir haben hier eindeutig viel zu viel Luxus in der westlichen Welt, u.a. auch zuviel Zeit fuer perverses.

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