Warum es in Italien schön ist

Italien, so lässt sich nach der 20. Reise dorthin so schlicht wie präzise sagen, ist schön. Es gibt nicht eine italienische Stadt und nicht ein italienisches Dorf, in die und das zu reisen nicht lohnte, um diesen problematischen Begriff zu verwenden. Es gibt neue, alte, reiche, arme, flache, hügelige, industrialisierte, gepflegte, bäuerliche, vernachlässigte, politische und pittoreske Dörfer und Städte: überall schön. Man hat in keiner einzigen Stadt ein negatives Gefühl – außer vielleicht in einer, auf die ich noch zu sprechen komme.

Warum ist das so? Ich möchte in den folgenden Tagen, Wochen, Monaten, Jahren und Jahrzehnten versuchen, diese Frage ein für alle Mal zu klären.

Ein bei der Klärung dieser Frage der wichtigste Begriff der der Authentizität.

Kurz weg von Berlin: Vielleicht kam die deutsche Gründlichkeit, mit der beispielsweise Warschau dem Erdboden gleichgemacht, wie man sagt, wurde, schon beim Schleifen der Berliner Stadttore zum Tragen. Von den mehr als 20 Toren ist nur noch das Brandenburger Tor übriggeblieben und als banales Kitsch- und Plastik- und Kommerz und Nationalobjekt verlächerlicht. Von den anderen Stadttoren ist nicht einmal mehr ein Ziegelstein stehengeblieben. Im Schweiße vieler Angesichter wurde da sicher gerackert zum Zwecke der Elimination. Deutsche Gründlichkeit ist eben durch nichts zu ersetzen. Mit dem gleichen Fanatismus wurde jüngst der Palast der Republik abgeräumt wie auch das Ahornblatt und manches mehr. Beim Schlossabbruch in Ostberlin 1950 kann man immerhin argumentieren, dass die Renovierung eine Menge Energie benötigt hätte, die die DDR damals wohl schlicht nicht hatte. Den kaputten Kasten einfach stehenzulassen und abzuwarten: In einem nervösen Land wie Deutschland unvorstellbar.

Ich erinnere mich an einen Romaufenthalt vor 20 Jahren in einem Hotel direkt an der Porta Maggiore. Dieser Bogen steht da seit 2.000 Jahren, die allermeiste Zeit ohne Funktion. Dennoch kam noch niemand auf die Idee, dass man ihn abreißen müsse. Oder vielleicht kamen schon viele auf die Idee, setzten sie aber nicht um. Durch einen oder zwei Bögen fahren heute Autos, jene in Gegenrichtung fahren außenherum. Es geht, es gibt kein Problem. Der deutsche Ordnungswahn hätte diesem Tor schon längst den Garaus gemacht.

So funktionieren italienische Städte bis heute. Das nennt man Urbanität. Altes stehenlassen, vielleicht einen Teil abreißen, etwas Neues hinzufügen, aber im Bewusstsein für Stadt keinerlei Tabularasagedanken hegen.

Bemerkenswerterweise trifft diese Beobachtung auf auch im Krieg zerstörte italienische Städte zu. Was hierzulande kaum im öffentlichen Bewusstsein verankert ist: Eine Stadt wie Bologna mit ihrer angeblich intakten Altstadt wurde 1944/45 insgesamt 94 mal bombardiert, ein Viertel der Altstadt dadurch komplett zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte schnell und ohne Gefühlsduselei: Die Dichte wurde beibehalten, die Straßen nur in begründeten Fällen breiter, Arkaden erneut eingebaut. Aber: Nicht nostalgisch, nicht rekonstruktiv, sondern, wie immer in Italien, mit dem Bewusstsein der aktuellen, zeitgenössischen Epoche. Beim Umherschlendern fällt das Neue kaum auf, da Dichte und Funktion gleichgeblieben sind. Auf den zweiten Blick sieht man die Moderne, die Fünfziger, und es ist gut so.

Nicht zu unterschätzen: In italienischen Städten stehen Bäume nur an wenigen Orten und fast nie auf Plätzen. Ein klares Plus an urbaner Atmosphäre.

Selbst in Kleinstädten mit kaum mehr als 20.000 Einwohnern herrscht schnell das Gefühl dichter, kompakter Bauweise und städtischer Enge vor. Eine Stadt wie Legnago in der Po-Ebene macht da keine Ausnahme. Im Krieg weitestgehend zerstört, wurde es so dicht wie Bologna wieder aufgebaut, die alten Blockrandstrukturen funktionieren, was der Krieg stehen ließ, wurde stehengelassen und das Ergebnis ist eine Stadt mit vier- bis fünfstöckigen Häusern im erweiterten Zentrum, mit ein paar großzügigen Plätzen, mit engen Gassen, mit dem Willen zum Städtischen. Damit hat es wohl auch zu tun, dass man sich in Italien – wie überhaupt in Ländern mit Kultur – eher gut anzieht: Man bewegt sich im städtischen Raum nicht in einem, den man als notwendiges Übel betrachtet, wie dasin Deutschland der Fall ist, sondern in etwas Respektiertem.

Der Kirche Sant´Andrea von Alberti in Mantua, Ende 15. Jahrhundert:

Ohne über die Baugeschichte im Einzelnen informiert zu sein, ist offensichtlich, dass Alberti sich einen Kehricht um den Kontext gekümmert hat. Der Turm stand da vielleicht schon vorher, die neue Renaissancefassade wurde drangeklatscht. Generationen später hat man weitergebaut, einige der architektonischen Ideen Albertis sind auf der Strecke geblieben: halb so wild. In Deutschland lässt sich eine Stadt wie Köln von der Unesco ein Hochhaus Kilometer vom Dom entfernt verbieten, weil das eine Sichtachse versperrt. Man müsste einmal die Frage nachgehen, wie solche Diskussionen in einem Kulturland wie Italien geführt werden.

In Berlin herrscht in der Stadtplanung vor allem Angst. Angst, man könne gegen eine von tausend Partikularinteressen verstoßen. Das neue Haus könnte zu hoch werden, eine Sichtachse versperren, den Autos im Weg stehen, irgendwelche Stilfragen könnten moniert werden, eine neue Zaghaftigkeit. Hätten sich die Stadtbauer in früheren Zeiten so angestellt, nichts wäre gebaut worden. Vielleicht ist es vor allem die Angst vor Stadt.

Ein quasi zufällig entstandener Platz in Mantua:

Man ließ einfach zwei Häuserreihen sich verjüngen und fertig ist eine öffentliche Struktur. Einzig die Arkaden scheinen Pflicht gewesen zu sein, sozusagen die erste Shopping Mall der Geschichte. Heutige Stadtplaner sind zu sowas nicht mal mehr im Ansatz in der Lage, wozu nur sehr bedingt das stadtplanerische Denken der Moderne beitrug. Vielmehr ist man heute nicht mehr gewillt, unterschiedliche Traufhöhen zuzulassen und überhaupt so zu planen, dass es kein einheitlicher Guss ist. Dazu kommt nach wie vor die gewünschte Autokompatibilität.

So sieht das neue Europaviertel in Frankfurt aus:

Das Auto dominiert, wobei das Fahren auf dieser Straße ja nicht einmal Fahrgenuss bringt, es ist monoton und langweilig überreguliert und lediglich dem deutschen Spießer gemäß. Dazu die künstlichen Baumbestände, die katastrophale Straßenmöblierung, üble Architektur, der unsägliche Mittelstreifen. Das Europaviertel in Berlin sieht übrigens noch schlimmer aus. Es hängt vermutlich mit erstarrten bürokratischen Strukturen zusammen. So wie man Anis Amri nicht abschieben konnte, kann man keine angenehme Stadt mehr bauen. Der bürokratische Apparat hat schon lange die Macht übernommen.

Dicht bauen, Altes respektieren, Neues ohne Scham und vordergründige Anpassung ans Alte einbauen, kontextuelles Bauen vernachlässigen und vor allem: Stadt wollen.

So geht das.

(Fotos: genova 2017 und wikipedia)

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10 Antworten zu Warum es in Italien schön ist

  1. neumondschein schreibt:

    genova muss endlich erst mal eine richtig breite haessliche laute Ausfallstrasse ueberqueren, bevor er den Sinn von Mittelstreifen einsieht.

    Ausserdem haben meine Schuhe Loecher, und ich weiss echt nicht, wie das geht: gut angezogen sein. Da fuehlt man sich in einem haesslichen Europa-Viertel eben nicht ganz so fehl am Platz.

    Ausserdem hat genova das Charlottenburger Tor vergessen. Ebenso vergessen hat er, dass Berlin noch vor 250 Jahren ein erbaermliches Kaff gewesen ist. Das was heute Berlin ist, war groesstenteils Kartoffelacker, der einem Industriemoloch weichen musste, mit beruechtigten Mietskasernen und luftverpestender Industrie. Spaeter war Berlin geteilt. Da wurden gleich zwei Stadtzentren benoetigt. So etwas wie 2000 Jahre Geschichte gibt es da halt nicht.

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  2. schlingsite schreibt:

    Bäume sind angenehme Mitbewohner in der steinernen Wüste und geben den langweiligsten Straßenzügen die Verspieltheit italienischer Architektur.

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  3. neumondschein schreibt:

    Verspielt ist italienische Architektur nicht. Verspielt und kindisch sind allein die Deutschen mit ihren Gartenzwergen, reetgedeckten Fachwerkhaeusern, ihren Fraktur-Inschriften, ihrem E.T.A. Hoffmann. Und leblose Steinwuesten sind italienische Siedlungen auch nicht. Deswegen brauchen sie keine Strassenbaeume, um das Elend zuzudecken. Allenfalls stehen an irgendwelchen Straenden, in Kreisverkehrsinseln, in Innenhoefen Zypressen, Pinien oder anderes Gehoelz herum.

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  4. Jakobiner schreibt:

    Ich war mal in Perugia. Die obere Stadt ist die Altsatdt, nett verwinkelte, alte Gassen mit Bögen, an den Treppen der Kirche, die alsSitztribüne genutzt werden die Fußgängerzone, die eher einem Laufsteg ähnelt– eitel gejkleidete Italiener und Italiennerinnen, die sehen und gesehen werden wollen. Darum herum Rathaus, nette kleine Geschäfte und Kneipen und Reasturants. Grauzsam aber die untere Stadt, die Neustadt. Vollbetoniert, ohne grün,eine reine Wohnstadt, in der sich kaum richtiges Leben entfaklten kann.Also so toll ist die moderne italienische Architektur auch nicht. Und wie Neumondschein richtig anmerkte: Berlin hat keine 2000 jährige Geschichte wie die meisten alten italienischen Stäfte. Und der Römer in Frankfurt und Sachsenhausen ist doch ganz in Ordnung, jedenfalls fühle ich mich da wohl.

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  5. genova68 schreibt:

    neumondschein,
    Mittelstreifen in der Stadt sind Zeichen totaler automobiler Zurichtung. Fußgänger können eine Straße nicht mehr queren. Außerdem steht der Mittelstreifen für Langeweile und Kontrollierbarkeit. Die angebliche Natürlichkeit der autogerechten Stadt ist nach wie vor in vielen Köpfen verankert. Komisch, irgendwie.

    Das mit deinen hässlichen Schuhen kann ich nachvollziehen: Man fühlt sich da in einem abgeranzten Viertel besser. Das Europaviertel in Frankfurt ist allerdings in gewisser Weise chic, also teuer, besondere Materialien, sauteure Wohnungspreise etc. Die Leute dort haben keine Schuhe mit Löchern, sondern sie wachsen in einer grauenhaften Ästhetik auf, die vermutlich ihr ganzes Denken bestimmen wird. Ich hoffe, deine kaputten Schuhe machen dich nicht zum politischen Problembär.

    Das Charlottenburger Tor ist erst 100 Jahre alt, die Kommune Charlottenburg baute es aus Repräsentationsgründen, das zähle ich nicht mit.

    Berlin hat nicht die Geschichte von Rom, klar, aber die Stadttore zeigen, wie man selbst mit dieser dünnen Geschichte umgeht, wo man noch viel eher Grund hätte, nicht alles wegzureißen. Aktuelle Beispiele sind übrigens das DDR-Außenministerium (abgerissen, heute steht dort die hochkitschige Bundesvertretung von Bertelsmann), Palast der Republik (heute Schloss), Ahornblatt (heute eine Kleinbürgerkatastrophe, als Hotel verkleidet). Wolf Jobst Siedler hat dieses Berliner Phänomen schon in den 1960er Jahren in „Die gemordete Stadt“ beschrieben, und zwar aus einer sehr ernstzunehmenden konservativen Perspektive. These: Die Nachkriegszerstörung war umfassender als die Vorkriegszerstörung. Siedler ist überhaupt einer der wenigen ernstzunehmenden Konservativen, großes Lob.

    Ich bin hier also konservativ im besten Sinne: Stadt wächst und braucht Respekt, vor allem den Gebäuden gegenüber, die im aktuellen Zeitgeist minderwertig erscheinen. Aber das Minderwertige konswquent auszumerzen ist bekanntlich eine spezifisch deutsche Qualität.

    Schlingsite,
    wie auch immer man zu Bäumen in der Stadt steht, aber die These, dass sie italienische Verspieltheit in die Architektur bringen, ist eine gewagte. Bäume sind keine Architektur. Und was italienische Verspieltheit angeht, stimme ich dem zweiten Kommentar von neumondschein zu, den ich einfach mal als nicht ironisch gemeint interpretiere.

    Jakobiner,
    über moderne italienische Architketur kann man vieles schreiben, klar gibt es da Trabantenstädte etc. Der Unterschied ist aber, dass alle Stadtteile besser funktionieren als hier, weil man eher bereit ist, im Einzelhandel einzukaufen, einen Kaffee trinken zu gehen, kurz: die Stadt als öffentlichen Raum begreift, in dem man sich präsentiert. Der passegiata jeden Tag um 17 Uhr gehört in vielen italienischen Gemeinden zur festen Tagesplanung. Du findest auch in ganz Italien keinen coffee to go oder überhaupt Menschen, die im Gehen essen. Es gibt dort mehr Respekt vor der Stadt wie auch dahingehend, dass man auf sein Äußeres mehr achtet.

    Interessant in dem Zusammenhang ist auch, dass italienische Städte viel weniger von Amis und Engländern zerstört wurden als deutsche. Und die italienischen Städte, die zerstört wurden, wurden das nur aufgrund fanatischer Deutscher, die meinten, Italien nach deren Kapitulation bestrafen zu müssen. Die deutsche Idiotie machte sich in diesem Punkt besonders deutlich bemerkbar, was in Italien ein festes Thema ist, hierzulande keine Erwähnung findet. Stichwort Partisanen. Vielleicht schreibe ich mal was dazu.

    Der Römer ist ein Produkt der 1980er Jahre. Klar kann man sich da wohlfühlen, ich tue es allerdings nicht, ich weiß zuviel.

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  6. stadtauge schreibt:

    Sehr sehr interessant! Und horizonterweiternd! Lg Daniel

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  7. neumondschein schreibt:

    Warum es in Italien so schoen ist?

    https://www.currentaffairs.org/2017/10/why-you-hate-contemporary-architecture

    Kurz: Weil moderne Architekten sich dort nicht einmischen.

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  8. genova68 schreibt:

    Danke für den Artikel. Wenn ich dazu komme, schreibe ich was dazu.

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  9. Rony schreibt:

    Italien (wie auch Frankreich und viele andere Länder) ist deshalb so schön weil noch viel alte Bausubstanz vorhanden ist, die allerdings auch nach und nach zusammenbröselt weil kein Geld in den Erhalt investiert wird, weil eben kein Geld da ist. Italien ist pleite.
    Berlin ist so hässlich, weil es seit Jahrzehnten von linken Dumpfbacken regiert und zerstört wurde und wird. Zudem wurde alles alte schöne geschichtsträchtige in Berlin im 2. Weltkrieg zerbombt.
    Der Intelligenzbolzen der zu Berlin behauptet “ So etwas wie 2000 Jahre Geschichte gibt es da halt nicht“ der muß einen saudummen Geschichtslehrer gehabt haben – bzw. vielmehr vermute ich, daß es diesem Menschen selbst an Gehirnschmalz und Intelligenz mangelt. Deutschland, das deutsche Reich etc.etc. hat eine uralte Geschichte nur die meisten Dummschäfchen heutzutage haben das nie gelernt bzw wollen es gar nicht wahrhaben weil sie von links-marxistischer Lügenpropaganda verblendet sind,
    Mainz z.B. war bis in die Neuzeit ein sehr wichtiger Ort, existiert bereits seit Urzeiten, wurde als römisches Legionslager Mogontiacum gegründet, war später Hauptstadt der Provinz Germania superior und von 780/82 bis 1803 Erzbischofssitz. Ihre Blüte erlebte die Stadt in der Zeit von 1244 bis 1462, als sie Freie Stadt war. Nur ein Beispiel von vielen.
    Was hier in diesem Blog an Schwachsinn geschrieben wird ist unglaublich von wegen „deutscher Gründlichkeit“ und das dadurch alles alte abgerissen wurde etc.
    Nochmal für alle Lernbehinderten und Dummschwätzer: Dresden,Berlin, Mainz usw. — viele deutsche Städte wurden im 2.WK dem Erdboden gleich gemacht und zwar mit äusserster Gründlichkeit von Deutschlands Feinden die auch darauf geachtet haben, daß möglichst viel Zivilbevölkerung getötet wird. Deshalb gibt es nichts altes mehr in vielen deutschen Städten ihr Dumpfbratzen.

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  10. genova68 schreibt:

    Bist du der Rony aus der Popshow?

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