Mehr Mut

Der Tagesspiegel denkt über die Frage nach, ob Wohnhochhäuser die Wohnungsnot lindern können. Hochhäuser bedeuten einen erhöhten Bauaufwand, weil gesonderte Fluchtwege und nicht entflammbare Materialien eingesetzt werden müssen. Das ist aber letztlich egal, denn die Gewinnspannen sehen derzeit wie folgt aus:

Die Zeitschrift „Bauwelt“ beziffert in ihrem Themenheft „Zukunft Wohnhochhaus?“ den durchschnittlichen Mehraufwand mit zehn bis fünfzehn Prozent. Zu berücksichtigen ist, dass Wohntürme zumeist besonders aufwendig ausgestattet werden, wie der mit 172 Metern derzeit höchste deutsche Wohnturm. Er ist derzeit in Frankfurt am Main im Bau. Seine zukünftigen Bewohner müssen unter anderem Dachgarten, Sonnendeck und Concierge-Service mitbezahlen.

Es ist wie beim Autokauf: Die Extras treiben den Preis – und den Profit. Die Spanne zwischen den Investitionskosten – die mehr sind als die reinen Baukosten – und dem Verkaufspreis bewegt sich bei solchen Prestigeobjekten pro Quadratmeter schätzungsweise zwischen 4000 und 8000 Euro: Das macht die Dimension deutlich, in der sich die Immobilienbranche mittlerweile bewegt.

Durchschnittlich 10 bis 15 Prozent Mehrkosten und durchschnittlich 6.000 Euro Gewinn pro Quadratmeter. Das bedeutet also beispielsweise reale Kosten von 2.000 Euro, wenn das Endprodukt 8.000 Euro kostet. Der Investor macht also ein gutes Geschäft und die Tatsache, dass Anleger solche Wohnungen dennoch kaufen zeigt, dass man allgemein nicht davon ausgeht, dass die Politik sich ändern könnte. Man hat die entsprechenden Damen und Herren in der Tasche, ob individuell oder systemisch.

Trotz der Gewinnspannen fordert der Tagesspiegel „mehr Mut“ bei Hochhausbau. Der Mut müsste darin bestehen, dass man nichts gegen Hochhäuser hat, aber erstens die Baukosten niedrig hält und zweitens die Gewinnspanne auf exakt null setzt. Das wär möglich mit Genossenschaft und Baugesellschaften, alles in der Wohnungsbaugeschichte schon tausendfach praktiziert und bewährt.

Dazu wird es in Berlin nicht kommen, denn ohne das Investordenken – also ohne die Meinung, dass nur sogenannte Investoren Wohnungen bauen können – geht hier nichts. In Berlin regiert seit gut einem Jahr eine linke Stadtentwicklungssenatorin. Man muss daran erinnern, denn in der Praxis merkt man es nicht.

Vermutlich könnte man in einem Wohnhochhaus den Kaufpreis auf 1.000 Euro pro Quadratmeter senken – wenn es überhaupt ein Interesse daran gäbe. Stattdessen werden in Deutschland derzeit ausschließlich sogenannte Luxuswohnungen im Hochhausformat erstellt. Die wiederum werden nach allem, was man weiß, kaum ernsthaft bewohnt, sondern als Geldanlage genutzt.

Der Tagesspiegel zeigt das Problem zwar klar auf, stellt aber keine einzige sinnvollle Frage. Wohnhochhäuser für Berlin sind ok, weil London, Rotterdam und New York das auch machen. Man will ja Metropole sein. Es gibt in Deutschland nicht einmal mehr eine ernstzunehmende Bauforschung in diese Richtung. Eine IBA, die sich mit Kosten beschäftigt. Ein Bundesbauministerium, das sich dieser Frage widmet. Bauen könnte heute relativ günstiger sein als vor 100 Jahren. Dank der Kapitallogik ist es teurer.

Die Stadt nicht als Stadt in der landläufigen Bedeutung, sondern als Ort der Renditebildung. Die Frage, ob neoliberale Politik gescheitert sei oder nicht, wird zwar im Feuilleton gerne diskutiert, von der taz bis zur FAZ. Solange das Band zwischen Theorie und Praxis durchschnitten ist, bleibt für´s Kapital aber alles im grünen Bereich. Lasst uns reden, wir sind liberal. Hauptsache: Alles bleibt im Lot.

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