Selbst dafür zu doof

Eine nette Karrikatur vor zwei Wochen im stern:

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Es trifft ganz gut die totale Lähmung, der die Gesellschaft via neoliberaler Impfung anheimgefallen ist. Eine Karrikatur, die den Leuten ihre Doofheit vorhält, in einer bürgerlichen Illustrierten, natürlich ohne jede Reaktion. Der totale Kapitalismus ist auf einem guten Weg.

Und es ist ein praktisches Beispiel dessen, was die konkret vor ein paar Monaten (6/17, Michael Scharang) schrieb:

Die Funktion der Meinung ist, den wunden Punkt einer Sache gesundzubeten, anstatt die Wunde zu heilen. Das folgenlose Reden wird als Meinungsfreiheit gefeiert. Die erschöpft sich darin, dass man allen alles sagen darf, weil es ohnedies niemanden interessiert. Wirft man eine Überfülle an Nachrichten, von denen niemand sich angesprochen fühlt, in die Welt, führt der Umstand, dass niemand reagiert, zu einer geistigen, politischen und sozialen Starre der Gesellschaft. Starre ist schlimmer als Stillstand. Sie entsteht, wenn die Machthaber verhindern, dass die geschichtliche Entwicklung sich auch nur einen Fußbreit vorwärtstastet.

Und:

Kritik am Kapitalismus ist die stabilste Säule, auf die das im Niedergang befindliche System sich stützt. Sie ist die Verkehrung von Kritik, denn Kritik, die konstruktiv ist, ist keine.

Ich würde das dahingehend erweitern, dass Kritik am Kapitalismus folgenlos bleibt, weil der als Naturverhältnis gesehen wird. Ob es regnet oder die Paradise Papers veröffentlicht werden: Nicht in Ordnung, aber nichts zu machen.

In Deutschland fällt mir zunehmend auf, dass man gerne die Anderen kritisiert, man selbst klopft sich auf die Schulter. Deutschland ist seit längerem super, die Grünen und Linken sind versöhnt, weil Merkel die Flüchtlinge aufgenommen hat, außerdem läuft die Wirtschaft und wir verkaufen unsere Autos. Was will man mehr? Da versöhnt sich der härteste Hund mit dem Windhund von damals. Es herrscht eine Amnäsie, denn nur so lässt sich beispielsweise eine Szenerie wie die gegen den G20-Aktivisten Fabio V. aus Italien erklären. Der 18-Jährige saß vier Monate in Untersuchungshaft, er kam jetzt gegen Zahlung einer Kaution von 10.000 Euro frei. Sein Vergehen? Es gibt keins.

Die Zeit schreibt unter der Überschrift „Exempel am Milchbubi“:

Fabio V. ist 18 Jahre alt, Italiener, und hat ein jugendlich-zartes Gesicht. Er lebt noch bei seinen Eltern, hat einen festen Job. Anfang Juli war er nach Hamburg gekommen, um gegen das G20-Treffen zu protestieren. Sein Zelt hatte er im Protestcamp im Volkspark aufgestellt. Am Morgen des 7. Juli startete er von dort aus mit einer Gruppe schwarz gekleideter Personen Richtung Innenstadt. Am Rondenbarg wurde die Gruppe von der Polizei aufgehalten. Es flogen Flaschen und Steine. Fabio V. soll nichts geworfen haben. Davon geht auch die Staatsanwaltschaft aus. Dennoch wurde er verhaftet und wegen schweren Landfriedensbruchs sowie versuchter gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Gut vier Monate saß er in Untersuchungshaft. Erst Anfang der Woche kam er frei, gegen eine Kaution von 10.000 Euro.

In Haft geriet Fabio V. als militanter G20-Gegner. Aus der Haft wird er entlassen als Symbol einer Strafjustiz, die im unbedingten Wunsch, jemanden für das G20-Debakel zur Verantwortung zu ziehen, mitunter jedes Maß verliert.

Der Richter bewertet die Tat von Fabio V. nicht nur als einfachen, sondern als schweren Landfriedensbruch. Darauf stehen bis zu zehn Jahre Haft. Für das Delikt wäre zwar Voraussetzung, dass der Italiener persönlich eine Waffe bei sich geführt oder einen anderen lebensgefährlich verletzt hat – was nicht der Fall war. Der Richter entwickelt das Delikt aber fort: Ein schwerer Landfriedensbruch dränge sich auch auf, wenn der Täter „die öffentliche Sicherheit in besonders schwerwiegender Weise gestört“ hat, schreibt er.

Vier Wochen U-Haft für nichts. Denis Yücel ist in aller Munde, völlig zurecht. Ist ja auch einfach, weil er bei den miesen Türken in Haft ist. Fabio V. sitzt in deutscher U-Haft, und deutsche Richter sind die guten. Ihm drohen nach wie vor zehn Jahre Haft.

Weil die tollen Deutschen ja gerne Erdogan oder Putin kritisieren: In einer Fotoausstellung junger türkischer Fotografen in Berlin kürzlich fielen mir Bilder der Gezi-Proteste auf: Massive Gewalt seitens der Demoteilnehmer, massive Gewalt seitens der Polizei. Damals war der deutschen bürgerlichen Presse klar: Unbedingte Unterstützung der Gewalttäter, denn die sind doch für Demokratie, oder für Marktwirtschaft, oder für die künftige Erhöhung des deutschen Außenhandelsüberschusses. In Hamburg dagegen gibt es milde Kritik der Zeit an nichtrechtsstaatlichen Zuständen. Selbst die überbordende Polizeigewalt in Hamburg, von unzähligen Kameras festgehalten, wird von den Verantwortlichen, wie man sagt, bis heute schlicht geleugnet.

Polizeilich verursachte Knochenbrüche sind nur ein Problem, wenn der Polizist Türke ist.

Merke: Deutschland ist toll, Punkt. Die Bösen sind im Ausland, immer und überall.

Und schließlich: In einer internationalen Presseschau im Deutschlandfunk hörte ich kürzlich einen deutlichst Erdogan-kritischen Kommentar. In welcher Zeitung? Einer türkischen.

Kritisches Denken ist naturgemäß in jedem kaptitalistischen Land in Gefahr. Und erst recht, wenn das Land nur noch aus Selbstschulterklopfern besteht.

P5270039.JPG(Foto: genova 2017)

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2 Antworten zu Selbst dafür zu doof

  1. Pingback: reblog: Exportabel: selbst dafür zu doof | antizipation

  2. Adolf Rinne schreibt:

    Rechtsstaat ist eine alberne Behauptung der Juristen. Das weiss auch schon jeder, der falsche Veranstaltungen meidet.

    Gefällt mir

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