Betrachtung eines Hauses am Bach

Ein Haus an einem Bach in der Innenstadt von Mantua in Italien:

Was macht das Haus interessant? Das Heterogene. Wir haben ein Kellergeschoß ohne Ornament und dann eine Schauseite auf der Bachseite, die sich wiederum nur über drei Etagen erstreckt und mit einem fulminanten Fries abschließt. Später kam jemand auf die Idee, ein weiteres Geschoß aufzusatteln, das völlig schmucklos und geradezu bauhaus-kubisch-modern sich zeigt. Das Dach scheint völlig flach zu sein, es fehlt das Gesims, es ist geradezu kompromisslos. Der vielleicht in den 1960er oder 1970er Jahren angefügte Anbau links ist vielleicht ein Fahrstuhlschacht, vielleicht aber auch nur ein neuer Raum für das Treppenhaus.

Die zwei bis drei Etagen Schauseite sind skurril ornamentiert, jeweils ein helles Putzband mit drei ausgeschnittenen Vierecken muss reichen. Die Ornamentik des Mezzaningeschoßes wirkt aufgesetzt, der Fries überbordend, und dann sehen wir auch noch, dass der dahinterliegende Kubus schmaler als die Fassade ist.

Alles recht merkwürdig, aus fachlicher Sicht sicher zu kritisieren, was die stilistische Sicherheit, grundlegende ästhetische Regeln zur Symmetrie und was die Ornamentik angeht. Der Fries ist plötzlich kein Fassadenabschluss mehr, sondern markiert nur die Grenze zum Kubismus, dem Neuen Bauen.

So steht es nicht in den Stilfibeln. Und es ist gut so. Das Haus braucht keine explizite Stilfibel, an der es sich natürlich ohnehin im Stillen orientiert. Kein Geschmack kommt von ungefähr, sondern ist immer soziologisch motiviert, vermutlich ausschließlich soziologisch. Das Haus ist also das Ergebnis von Leben, das, da nicht auf hoher gesellschaftlicher Ebene angesiedelt, sich halbwegs ungehemmt entfalten kann. Die Ritzen, das Detail, werden hier zu unkontrollierten Kleinigkeiten, die den Dissenz zur Norm so schamlos wie selbstbewusst präsentieren.

Deshalb kann man das Haus so angenehm lesen.

(Foto: genova 2017)

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