Thesen für eine unsoziale Stadt

Berlin spiegelt sich ein ein paar Jahren selbst. Man findet die Stadt – und eigentlich sich – ganz toll, vor allem, weil die Stadt wächst. Die Berliner Zeitung, in der Regel seriös und lesenswert, versteigt sich einer Rezension einer Ausstellung über Berlin im Jahr 2050 zu folgender Behauptung:

Ein warmer Morgen in 36 Jahren. Sie öffnen zum Lüften das Fenster und schauen hinaus. Was sehen Sie? Was für eine Straße, was für Nachbarn? Kurz gesagt: Was für ein Ort wird Berlin im Jahr 2050 sein? Wer werden die Berliner sein und wo werden sie alle leben?

Die Frage mag töricht erscheinen, schließlich hat sich keine Großstadt in Europa – oder vielleicht sogar in der ganzen Welt – so sehr und so dramatisch verändert wie Berlin. Dennoch erleben wir jetzt einen faszinierenden Augenblick in Berlins Wachstum.

Keine Stadt weltweit hat sich so sehr und dramatisch verändert wie Berlin, aha. Leider vergisst der Autor den zeitlichen Bezugsrahmen seines drastischen Vergleichs, aber egal. Ich würde als Gegenthese behaupten, dass sich so ziemlich jede größere Stadt in Osteuropa, in China, in Südostasien, in Afrika und in Südamerika in den letzten zehn, zwanzig oder einhundert Jahren wesentlich dramatischer verändert hat als Berlin. Man ist in Berlin nur vor allem mit Nabelschau beschäftigt.

Diese Nabelschau führt seit Jahren zu dem Resultat, dass die mäßig steigende Einwohnerzahl zum Show down hochgepusht wird. Dabei ist der reale Anstieg läppisch.

Diverse Prognosen rechnen bis 2035 mit einer um rund 500.000 Menschen höheren Einwohnerzahl. Das klingt erst einmal mächtig, ist es aber nicht. Es sind keine 15 Prozent in 18 Jahren.

Zum Vergleich: Zwischen 1850 und 1900 stieg die Einwohnerzahl von 400.000 auf 1,8 Millionen. Ohne die heute mögliche Produktivität im Wohnungsbau.

15 Prozent in 18 Jahren sind runde 30.000 Menschen mehr pro Jahr das ist gerade mal ein Bevölkerungswachstum von weniger als einem Prozent pro Jahr. Läppisch, wie gesagt. Weltweit betrachtet ist dieses Wachstum äußerst bescheiden.

Eine Wirtschaft, die so toll ist wie die deutsche, würde das locker wegstecken und die benötigte Zahl an Wohnungen – an preisgünstigen, wohlgemerkt – einfach bauen. In Berlin, in Deutschland läuft das nicht so einfach. Man diskutiert erst ein paar Jahre oder Dekaden ohne jedes sinnvolle Ergebnis und klopft sich dann zufrieden auf die eigene Schulter. Weil man ja darüber geredet hat.

Wie diese Art der Kommunikation konkret aussieht, kann man derzeit in der eingangs erwähnten Ausstellung der Architekturgalerie Berlin begutachten. Es gibt dort jede Menge nette Gadgets, auf Tablets kann der Besucher  sich Zahlen zusammensuchen, wenn er die richtigen Knöpfe drückt.

Die wesentlichen Aussagen haben die Kuratoren – namhafte Architekten und Stadtplaner, allesamt im Professorenstand – auf einer Tafel mit dem Titel „Thesen für eine sozial gerechte und nachhaltige Stadt“ zusammengefasst:

Die Forderungen sehen auf den ersten Blick gut aus: mehr Partizipation, möglichst viel Bausubstanz erhalten, gesellschaftliche Mischung und Nutzungserweiterungen, also Stichwort gemischte Stadt; dazu kommen eine Öffnung der Häuser zum öffentlichen Raum hin und eine vernünftige Einbettung in die öffentliche Infrastruktur, also Bildungseinrichtungen und Mobilität.

Das Problem findet sich in Punkt 3 („Mische gesellschaftliche Schichten“): „Stelle sicher, dass jeder Neubau mindestens 30 Prozent Wohnungen aufweist“ und „Stelle sicher, dass jeder Wohnbereich mindestens 30 Prozent bezahlbaren/sozialen Wohnraum hat.“

Eine einfache Rechnung macht klar: 30 Prozent Wohnungen und davon 30 Prozent bezahlbare Wohnungen bedeuten exakt zehn Prozent bezahlbare Wohnungen pro Neubau. Da sich die Ausstellung explizit auf das Bevölkerungswachstum konzentriert und man zugleich die Mischung gesellschaftlicher Schichten fordert, fragt man sich, was die Kuratoren geraucht haben.

Damit hängt zusammen: Gerade mal jede dritte Wohnung soll bezahlbar sein. Also sollen zwei Drittel unbezahlbar sein. 90 Prozent der gebauten und nutzbaren Fläche sollen mehr oder weniger bezahlbare Büros und Handelsflächen und unbezahlbare Wohnungen sein. Profitorientierte Häuser für das Kapital aus aller Welt. Dem Renditebedürfnis des neoliberal zusammengegaunerten Geldes sollen bitte keine Hindernisse in den Weg gelegt werden.

Angesichts der Entwicklung der Gentrifizierung, der steigenden Mieten und Wohnungspreise der vergangenen zehn Jahre müsste eine Forderung selbstverständlich lauten, dass 100 Prozent aller zu bauenden Wohnungen bezahlbar sein müssen. Und bezahlbar sollte heißen: Auf keinen Fall mehr als acht oder neun Euro kalt pro Quadratmeter für einen Neubau. Oder 1.200 bis 1.400 Euro für den Kauf. Das bedeutete, dass alle privaten Investoren aus der Stadt rausfliegen und die öffentliche Hand den Wohnungsbau in selbige nimmt. Dann begönne eine ernstzunehmende Diskussion über das Wie. Vorher nicht.

Preisgünstiges Wohnen ist den Experten egal. Sie glauben vielleicht wirklich ernsthaft, dass ihre Zehn-Prozent-Forderung für eine „sozial gerechte und nachhaltige Stadt“ steht. Auch wenn es kaum zu glauben ist.

Diese Forderungstafel zeigt das Ausmaß der mittlerweile erreichten gesellschaftlichen Debilität. Man fordert alles Mögliche, was gut klingt, aber die Renditelogik des Kapitals darf nicht angerührt werden. Daraus resultiert, dass man sich vermutlich alle andere Punkte in die Haare schmieren kann.

Skurril an sich schon die Kopplung der beiden Begriffe „bezahlbarer Wohnraum“ und „sozialer Wohnraum“. Was ist sozialer Wohnraum? Sind Sozialwohnungen gemeint? Mit Steuergeld geförderte? Falls es die Architekturprofessoren noch nicht erforscht haben: Man kann heute günstig und gut bauen, ohne jede öffentliche Förderung. Man muss dazu nur anerkennen, dass der sogenannte Wohnungsmarkt so real existiert wie eine Fata Morgana und das der Boden allen gehört.

Vor diesem Hintergrund ist auch Punkt eins nett, nämlich die Forderung, die Öffentlichkeit in die Planungen stärker mit einzubeziehen. Auf Grundlage der Zehn-Prozent-Regel braucht es eine ganz spezielle Öffentlichkeit, die sich auf diesen Humbug einlässt: eine neoliberal vollständig deformierte.

Die ist in Berlin allerdings in weiten Teilen anzutreffen, insofern ist die Partizipationsforderung eine konsequente: Ein bisschen Geplapper bewusstloser Menschen, die später über die korrekten Pflanzen im Gemeinschaftsgarten wachen, das war es dann wohl. Damit fühlt sich der Zeitgenosse schon gut bedient. Eine ernstzunehmende Öffentlichkeit mit der Forderung nach sozialer Stadt müsste den dritten Punkt des Forderungskatalogs im oben erwähnten Sinn umschreiben und das wäre das Ende der feuchten Kuratorentäume.

Mit einer neoliberal deformierten Öffentlichkeit lässt sich also eine Öffentlichkeitsbeteiligung verwirklichen, deren Fassade das Soziale betont, deren Ziel aber die totale Vewertung der Stadt ist. Man macht bei der eigene Deklassizifierung freudig erregt mit.

Kein Wunder, bei den Zeitungen: Der Tagesspiegel beispielsweise berichtet über die Schau ohne ein kritisches Wort zu den geforderten Wohnanteilen. Der Journalist Ralf Schönball hat zwar gemerkt, dass es irgendwie voller wird:

In Pankow sind Busse und Bahnen überfüllt. Und auf der Avus wachsen mit den Pendlern, die sich keine Wohnung im Zentrum leisten konnten, Staus, Lärm und Feinstaubbelastung.

Warum sich die Pendler keine Wohnungen dort leisten können, wo sie arbeiten, fragt sich Herr Schönball nicht. Vermutlich hat es etwas mit einem Naturzustand zu tun. Und wie man künftig eine Wohnung in Häusern finden soll, die nur zu zehn Prozent aus Wohnungen bestehen, hat er sich auch nicht gefragt, der Herr Schönball. Man müsste raus aus seinem neoliberalen, sozialdwarinistischen Kokon.

Jens Bisky bekrittelt in der Printausgabe der Süddeutschen Zeitung, dass die Kuratoren sich zu wenig „prägnanter Geschichten, klarer Gegensätze und falscher Behauptungen“ bedienten. Das hätten die Verfechter des Neuen Bauens auch so gemacht. Nun ja, Bisky hielt sich schon immer für eine coole Sau. Klare Gegensätze wären ja ok, aber dann bräuchte man erstmal eine Standortbestimmung. Von Baukosten und Verwertungsdruck hat Herr Bisky jedenfalls nocht nie gehört. Aber in gewissem Sinn ist die ganze Ausstellung eine falsche Behauptung.

Es ist ein Elend mit der bürgerlichen Presse.

Aber genau die ist zur Weiterführung neoliberaler Logik nötig. Bitte keine grundsätzlichen Diskussionen und bitte keine Versuche, die Berliner aus ihrem Traum („Wir sind dufte und die Besten“) aufzuwecken. Wir sind da, wo alle hinwollen, und deshalb sind wir toll.

Das muss als Erkenntnis reichen.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Berlin, Kapitalismus, Neoliberalismus, Politik, Städte abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.