Die Berliner Mauer und die westdeutsche Geschichtsklitterung

Zurzeit steht in einem Bundestagsnebengebäude in Berlin diese für die Öffentlichkeit kostenlos zu besichtigende Installation:

Es geht um die Mauertoten. Ben Wagin heißt der Künstler, und laut der Pressestelle des Bundestages folgen

„die Mauersegmente dem ursprünglichen Verlauf der Mauer, die wie ein schmerzhafter Fremdkörper in die Architektur einschneiden.“

Es würde mich zwar wundern, wenn die Mauer wirklich da stand, wo jetzt die Installation aufgebaut ist, aber egal: Mich nervt das Thema schon seit längerem, weil ich das Gefühl habe, dass es hier ausschließlich um eine Instrumentalisierung handelt. Rund 300 Tote an der Mauer und an der innerdeutschen Grenze sind natürlich 300 Tote zu viel, aber hier geht es um Politik.

Was hätte die DDR 1961 anderes tun sollen als eine Mauer bauen?

Nach 1945 hatten wir die einzigartige Situation, dass der eher reiche Staat sich den Bürgern des eher ärmeren Staates öffnete, sie einlud, ihnen noch vor der Flucht eine dauerhafte Bleibeperspektive zusicherte, die sofortige Verleihung der Staatszugehörigkeit garantierte, keine Integrationskurse (wäre ja denkbar gewesen: Sozialisten, die Kapitalisten werden sollten) verlangte, nichts. Millionen Menschen des ärmeren Staates nahmen diese Einladung an.

Normalerweise ist es umgekehrt: Der reiche Staat schottet sich gegenüber dem armen ab.

Die DDR hätte auf die Mauer verzichten können, allerdings um den Preis ihrer Existenz. Sie wäre ausgeblutet. Das kann man natürlich moralisch fordern, und es wäre in Ordnung gewesen, wäre die DDR 1961 verschwunden; noch besser: wäre sie gar nicht erst gegründet worden.

Aber das war nun mal die Situation seinerzeit: Begründet durch die totale Beklopptheit der Deutschen gab es zwei Staaten, in denen zuerst andere das Sagen hatten. Natürlich wollte die Sowjetunion nicht auf die DDR verzichten, zumal die Bundesrepublik den Neutralitätsvorschlägen des Ostens bis 61 eine Absage erteilt hatte.

Also blieb die Mauer als Ausweg. Welcher Staat der Welt würde sich freiwillig aufgeben, wenn er das mit dem Bau einer Mauer verhindern könnte?

Natürlich kann man persönlich um Tote trauern, aber die Propaganda der Bundesrepublik zielte ja immer auf die Diskreditierung sozialistischer Positionen ab, ob die in der DDR erfüllt wurde oder nicht, spielte für die Propaganda keine Rolle.

Im Gegenteil: Die herrschende Klasse Westdeutschlands konnte froh sein, dass der Sozialismus in der DDR sich als Stalinismus präsentierte. Hätte ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz drüben funktioniert, ja, was dann? Wäre der Westen in die DDR einmarschiert? Gut möglich.

Und was die Geschichtsschreibung angeht: Die DDR behauptete, sie brauche diesen antifaschistischen Schutzwall. Jeder wusste, dass das nicht stimmt. Umgekehrt behaupten heute alle bürgerlichen Medien und Politiker, Deutschland habe die Agenda 2010 gebraucht, um ökonomisch vor dem Ausland bestehen zu können. Das ist zwar genauso falsch wie die Schutzwall-Geschichte, wird aber von vielen geglaubt. Das soll keine Gleichsetzung sein, aber Geschichtsschreibung ist immer eine interessensgeleitete.

Halten wir also den Ball flach: Dass es die Mauer gab, lag an den Deutschen, an den bis 45. Realpolitisch war sie nach der Westbindung der Bundesrepublik unvermeidbar. Alles andere ist Geschichtsklitterung. Und eine weiteres Märchen der Repräsentanten aus Bonn.

(Foto: genova 2017)

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